Das Ⓐ und O der Herrschaftsfreiheit

Daniel Loick über Theorie und Praxis des Anarchismus

Was verbindet man gemeinhin mit dem Stichwort „Anarchie“? Wie der Autor dieses Einführungsbuches zu Recht bemerkt, wird das Symbol – das notorische A in einem Kreis – zumeist mit Vandalismus, Gegenkultur und Guerillakrieg assoziiert, während die Bezeichnung „Anarchist_in“ hauptsächlich den Gedanken an Terroristinnen und Bombenleger evoziert. Dabei liegt dem Anarchismus ein ernstzunehmendes – gleichwohl inhaltlich höchst divergierendes – politisches Konzept mit langer theoretischer (und hervorzuheben wäre explizit: aufklärerischer) Tradition zugrunde.

Angesichts dieses Missstands erweist es sich als ein großer Gewinn, dass nach vielen Dezennien endlich eine Problemeinführung aus dem akademischen Milieu präsentiert wird. Denn Einführungen und Überblicksdarstellungen zum Thema stammten – zumindest im deutschsprachigen Raum – seit rund fünf Jahrzehnten ausschließlich von Anarchisten und Anarchistinnen selbst, und es liegt in der Natur von Selbstbeschreibungen, dass sie analytisch nur wenig belastbar sind. Mit seinem Einführungsband im „akademischen“ Publikationsformat leistet Daniel Loick also durchaus Pionierarbeit. Und auch inhaltlich kann man von einer gewissen Pionierleistung sprechen, oder vielleicht vorsichtiger: von einer sehr konstruktiven Vorlage - gleichwohl der Autor, ein Philosoph, kein Anarchist ist. Natürlich wird sich dieses oder jenes Detail als diskussionswürdig erweisen. Alles andere wäre von einer Veröffentlichung dieses Formats nicht zu erwarten. Aber im Ganzen wird sie die akademische und öffentliche Kenntnisnahme anarchistischer Problemhorizonte befördern und gegebenenfalls sogar diese oder jene binnenanarchistische Debatte anregen können.

Das Buch gliedert sich in vier Teile. Eine generelle Einführung („Einleitung: Was heißt ‚Anarchismus‘?“) stellt methodisch die Weichen. Hier dürfte, um es vorab zu sagen, neben den abschließenden Überlegungen des „Ausblicks“, der wohl größte theoretische Gewinn liegen. Inwieweit? Im anarchistischen Selbstverständnis ist klar, und das wurde und wird immer wieder betont, dass es sich bei „Anarchismus“ um einen Theoriekomplex und um eine politische Praxis beziehungsweise eine politische Bewegung gleichermaßen handelt. Daran knüpft der Autor an. Er erweitert diesen Horizont aber um einen dritten Aspekt: Er bezieht gezielt „Lebensformen“ mit ein, und zwar in zweifacher Hinsicht: individualanarchistisch und gemeinschaftsanarchistisch. Natürlich werden auch diese Lebensformen oder Lebenspraktiken in anarchistischen Debatten ausdrücklich thematisiert, diskutiert, problematisiert, kritisiert und so weiter. Sie herauszustellen, bedeutet letztlich noch keine Innovation. Aber so weit zu sehen ist, ist diese Dreigliederung – politische beziehungsweise antipolitische Theorie; politische beziehungsweise antipolitische Bewegung; Lebensform – in dieser Deutlichkeit und Ausführlichkeit so noch nicht vorgenommen worden. Zwar liegt diese Dreidimensionalität geradezu auf der Hand. Aber die mitunter heftigen anarchistischen Binnenkämpfe um Deutungshoheiten und darum, was „wahrer“ Anarchismus sei, konzentrierten sich bislang auf jeweils eine oder zwei dieser Dimensionen. Hier setzt das Buch klare Zeichen. Natürlich könnte man einwenden, dass, was ein „mus“ als Suffix trägt, immer eine Art von Lehre oder Theorie sei. Insofern wäre tatsächlich strikt zwischen konzipiertem „Anarchismus“ und gelebter „Anarchie“ zu unterscheiden. Aber politische Theorien sind – um es verallgemeinernd zu sagen – ohnehin keine reinen Theorien. Konservatismen, Liberalismen, Sozialismen, Kommunismen, Anarchismen usw. sind Theorie- oder Ideologieentwürfe, die sich direkt aus Praktiken nähren und direkt auf Praktiken zielen. Für Anarchismen gilt das umso mehr, denn sie haben grundsätzlich einen schwachen theoretischen Anspruch. Und der resultiert nicht aus Verlegenheit: Anarchismen haben ein eigenes Theorieverständnis, nämlich das, nicht zu spekulieren, nicht zu konstruieren, nicht zu doktrinieren. Theorie ist eine flexible und fungible Orientierungshilfe für Praktiken. Anarchismus und Anarchie sind nicht scharf voneinander zu trennen, sie gehören zusammen, und insofern ist der erwähnte Dreischritt der Analyse im Buch ebenso folgerichtig wie überzeugend.

Zum ersten Aspekt, dem der Theorien. Hier wird eine Entwicklungslinie von Vorstellungen antiker Lebenskunst bis hin zu Giorgio Agamben gezeichnet. Agambens Staatskritik dient dabei als Beispiel für eine politische Aktualisierung des Anarchismus, was kritisch hinterfragt werden kann und sollte. Ungeachtet dieses Nebeneinwands: Wichtig in diesem Abschnitt ist der Verweis auf die zwei wohl wichtigsten Hauptströmungen anarchistischen Denkens, die im „klassischen Anarchismus“ des 19. Jahrhunderts erstmals dezidiert auseinandertraten: der kollektivistische beziehungsweise kommunistische Anarchismus mit Bakunin, Kropotkin und anderen, sowie der individualistisch-libertäre Anarchismus von beispielsweise Stirner, Thoreau und Tucker (Proudhons genossenschaftlich orientierter „Mutualismus“ nimmt eine Zwischenstellung ein). Zum zweiten Aspekt, dem der politischen bzw. antipolitischen Bewegung. Hier wird ein Bogen von der „Pariser Kommune“ bis zu „Occupy Wall Street“ gespannt. Berechtigterweise liegt ein Schwerpunkt auf den seit dem 19. Jahrhundert wachsenden Konflikten zwischen Marxisten und Anarchisten. Diese zeigten sich im organisatorischen Bereich, in der Spaltung der „Ersten Internationale“, aber auch in direkten politischen Aktionen bis hin zu bewaffneten Kämpfen gegeneinander: Kronstadt 1921, ukrainische Machno-Bewegung 1918/22, Spanischer Bürgerkrieg 1936/39. Mit der Niederlage in Spanien erlitt die anarchistische Bewegung einen schweren Schlag. Erst im Zuge der sogenannten Studentenbewegungen 1968 erhielt sie neuen Aufwind – nun aber entkoppelt von der Arbeiterbewegung und ausdifferenziert in ganz verschiedene antiautoritäre „Szenen“. Eine neue Phase anarchistischer Bewegung ist seit 1999 zu beobachten: Antiglobalisierungsproteste (Seattle und andere). Zum dritten Aspekt, dem der Lebensform: Hier zeigt der Autor erneut zwei Formen der Ausgestaltung, eine individualanarchistische von demonstrativen Aussteigern und eine gemeinschaftsanarchistische von Genossenschaften, Siedlungsprojekten und Kommunen, die nicht-autoritär, solidarisch und gemeinschaftlich organisiert sind. In diesen konkreten Alternativen zu einem Leben unter Herrschaft zeigt sich der anarchistische Anspruch, nicht nur gegen etwas, sondern damit verbunden auch immer für etwas zu sein.

Das zweite große Kapitel („Hauptströmungen und wichtige Vertreter_innen“) gibt einen geschichtlichen Abriss des Anarchismus seit Ende des 18. Jahrhunderts, wobei bekannte Anarchist_innen als exemplarische Verkörperung bestimmter Positionen herangezogen werden. So entsteht ein Panorama des „klassischen Anarchismus“ und seiner Ausfächerung in der Moderne. Bemerkenswert ist, wie der Autor am Beispiel William Godwins die aufklärerischen Ursprünge des Anarchismus herausstellt. So hing Godwin – ebenso wie einer der Wegbereiter der Französischen Revolution Rousseau – der aufklärerischen Idee der Perfektibilität an, also der Vorstellung, dass das menschliche Wesen das Potential zur Vervollkommnung habe. Konträr zu Rousseaus Idee eines Gesellschaftsvertrages wirkte der Staat für Godwin dabei jedoch nicht ermöglichend, sondern beschränkend. Denn die freie Entwicklung und Entfaltung der menschlichen Natur werde durch jede Form von Herrschaft – auch einer demokratischen – beschnitten. Stattdessen sollten Vernunft und das private Urteil des Einzelnen die staatliche Zwangsgewalt ersetzen und dem Individuum die Möglichkeit zur freien Entfaltung und damit zu einem glücklichen Leben eröffnen. Daran schließt auch Godwins Kapitalismuskritik an: die kapitalistische Gesellschaft sei insofern glücksfeindlich eingerichtet, als dass die in ihr produzierte Armut einen Gutteil der Bevölkerung von den Mitteln zur ungestörten Selbstverwirklichung ausschließe. Die Idee vom individuellen Glück, das in der möglichst freien Entfaltung der Persönlichkeit wurzelt, steht in aufklärerischer Tradition und ist insofern und auf ihre Weise bürgerlich – und so auch heute noch anschlussfähig.

Mit ihrer Befürwortung basisdemokratischer Verfahren mögen sich heutige Bürgerbewegungen vielleicht nur partikularen Zielen der anarchistischen Idee verschreiben, sie stehen aber nichtsdestotrotz direkt oder indirekt in anarchistischen Traditionslinien. Dieser Gedanke liegt umso näher, wenn man das Buch darauf hin liest, was nicht in ihm steht. Denn Nichtgesagtes und Nichtbehauptetes ist grundsätzlich ebenso signifikant wie Gesagtes oder Behauptetes. Und betrachtet man das Werk aus diesem Blickwinkel, fällt auf, dass es stillschweigend, aber insofern dennoch demonstrativ, gänzlich auf Links-Rechts-Rhetoriken verzichtet. Zwar verorten sich nicht wenige anarchistische Strömungen nach wie vor innerhalb des üblichen politischen Spektrums und suchen unter dem vermeintlichen Kampfbegriff „Links“ politisch-ideologische Konfrontationen, die einer anarchistischen Anti-Politik eigentlich fremd sein müssten. Statt schulmeistern zu wollen, wird das vom Buch jedoch mit Nichtbeachtung quittiert. Sein stillschweigendes Fazit: Anarchismus wäre, wenn man schon naiver räumlicher Zuordnungskategorien bedürfte, nicht in einer horizontalen, sondern einer vertikalen Matrix zu verorten: „unten“ gegen „oben“. Und insofern erweisen sich die selbsternannten „Anarchokapitalisten“, die für eine uneingeschränkte Freifahrt von Kleineigentümern jenseits von staatlichen Reglementierungen, Steuer- und Sozialpflichten eintreten (und dezidiert Eigeninteresse vor Gemeinschaftsinteresse stellen), eben auch als Anarchisten, ob man ihre Programmatik nun befürwortet oder nicht.

Der dritte Teil des Buchs („Motive und Diskurse“) vertieft in acht systematisch angelegten Unterkapiteln, was in der historischen Analyse gelegentlich schon angesprochen wurde. Insbesondere der Abschnitt „Transformationstheorie“, der anarchistische Zukunftsperspektiven behandelt, dürfte weiterführende theoretische Anstöße geben. Er erklärt, unter anderem mit Rückgriff auf anarchistische „Klassiker“, die Vorzüge einer anarchistischen „politischen Anti-Politik“. Politische Revolutionen als solche seien antiquiert, mit dem Wechsel von Herrschaftsformen sei nichts gewonnen. Soziale Revolutionen hingegen würden gesellschaftliche Verhältnisse viel tiefgreifender verändern. Sie vollzögen sich erstens nicht ruckartig, sondern prozessual. Und zweitens bestünde ihr ausschließliches Ziel nicht in Verneinung und Negativität, sondern in konstruktiven Alternativen (gegebenenfalls auch im Rahmen des Bestehenden, aber immer gegen das Bestehende). Soziale Revolutionen machen politische Umstürze also im Grunde überflüssig - und damit selbstredend auch Gewalt. Die gelingenden Alternativen absorbieren Schritt um Schritt überlebte und repressive Strukturen.

Der letzte und vierte Teil des Buchs („Ordnung und Unordnung des Anarchismus“) ist überraschenderweise, und gerade das ist seine Stärke, normativ angelegt. Er entwirft – und hier zeigt sich der zweite große Gewinn der Publikation – aus der Position eines Nichtanarchisten ernstzunehmende Perspektiven für anarchistische Praxis-Theorien und Theorie-Praktiken. Hier verlässt Loick die Ebene der reinen Darstellung. Er mischt sich ein und befragt auf kritische Weise bestimmte sozialromantisch-anarchistische Vorstellungen einer erstrebten „Ordnung ohne Herrschaft“ (S. 212ff.). Seine Antwort und seine bedenkenswerte Hypothese, die antiquierte anarchistische Selbstverständnisse entstauben kann: „die anarchistische Praxis“ ist „sich bewusst, dass auch jede kommende Ordnung noch Elemente der Gewalt und der Exklusion beinhalten wird und dass die Fantasie einer bruchlosen Harmonie sowohl illusorisch als auch normalisierend ist“ (S. 220). Anarchistische Fundamentalisten, so lässt sich diese ausführlich entwickelte Argumentation pointiert zusammenfassen, mögen von einem Reich vollendeter Freiheit träumen, mögen ihre rein gehaltenen Nischendiskurse hegen, mögen doktrinär ihre überkommenen Freund-Feind-Schemata pflegen und sich nicht mit Realitäten befassen. Dann aber bleiben Anarchismus und Anarchie eine soteriologische Randerscheinung. Oder Anarchismen erweisen sich als der Realität zugewandt und dann gewinnt der Komplex „Praxis-Theorie“ bzw. „Theorie-Praxis“ eine andere Dimension. Die Aussage, dass man über die Zukunft nichts oder nur wenig sagen könne, ist dann nicht der leerformelartige Platzhalter von Heils- und Erlösungsversprechen, sondern impliziert die Erkenntnis, dass auch jede gelingende und potentiell herrschaftsfreie Zukunft immer wieder von konfliktträchtigen und rivalisierenden Auseinandersetzungen um Alternativen geprägt sein wird. Auch in diesem einmischenden Gestus des Buchs, das ist zu wiederholen, liegen seine Stärke und sein produktiver Mehrwert – über den Status einer Einführung hinaus. Es ist aber nicht zu übersehen, dass das, was als Vorschlag gemeint sein könnte, unter der Hand deutlich präskriptive Züge trägt („die anarchistische Praxis ist sich bewusst“, siehe oben). Vorschläge gehen hier ins Normative über und ihr Erwägungs- bzw. Abwägungscharakter an dieser Stelle sichtlich verloren. Trotz dieses Detailvorbehalts: Ein höchst bemerkenswertes und gewinnbringendes Buch, das nicht nur Überblicke und Einblicke gibt, sondern ebenso provokative wie produktive Ausblicke.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.