Das Andere der Ordnung

Theorien des Exzeptionellen auf dem Prüfstand

Wer heute noch Ordnung sagt, macht sich nicht einmal mehr in der Soziologie beliebt, jener paradigmatischen „Ordnungswissenschaft“, wie Oskar Negt1 den Entwurf ihres Namensgebers Auguste Comte in Abgrenzung zu Hegels Dialektik einst nannte. Der Angriff auf den Ordnungsbegriff, der mit unterschiedlichen Methoden und unterschiedlichen Absichten die Soziologie seit ihren Anfängen begleitet hat, scheint sich in letzter Zeit noch einmal zu intensivieren. Dazu haben sowohl Entwicklungen außerhalb (Erzähltheorie, Science and Technology Studies, Metapherntheorien) als auch innerhalb der Disziplin (Handlungs- und Praxistheorie, poststrukturalistische Soziologien) beigetragen. Einige Bände2 und Forschungsprojekte sind in den letzten Jahren zu diesem Thema bereits entstanden, unter anderem das ERC-Starting Grant „The Principle of Disruption“ an der TU Dresden.

Der vorliegende Band ist aus einer gleichnamigen Ausgabe der Onlinezeitschrift Behemoth hervorgegangen.3 Aus dieser wurden einige Texte übernommen, andere nicht, wieder andere sind neu hinzugekommen. Zur letztgenannten Kategorie zählt u.a. die Einleitung der Herausgeber Ulrich Bröckling, Christian Dries, Matthias Leanza und Tobias Schlechtriemen. Deren Titel, „Das Andere der Ordnung denken“, deutet schon das grundlegende Risiko des Unternehmens an: Der Theorie, ja dem Denken überhaupt, sei von Anfang an ein „Ordnungsbias“ (9) mitgegeben: „schon immer und bis heute bedeutet Theoriebildung: Ordnung schaffen“ (9). Diese Paradoxie eines un-ordnenden Denkens gelte es mithin zuallererst aufzuarbeiten.

Sowohl Ordnung als auch ihr Anderes sind affektiv besetzte Begriffe: „Unter Verdacht steht Ordnung“, so bemerken die Herausgeber, unter anderem „als Zwangsroutine oder Angstabwehr“; Chaos sei hingegen Gegenstand eines „horror vacui“ (10). Mit dieser Affektdynamik muss sich jedes Nachdenken über das in Frage stehende Thema auseinandersetzen, womit die zweite aufzuarbeitende Problematik genannt wäre. Drittens, so die Herausgeber, existiere ein damit zusammenhängender normativer Bias, der Ordnung mit dem Guten und Chaos mit dem Schlechten gleichsetze (12). Diese Vorurteile sind in der Tat tief in die Disziplin Soziologie eingelassen; das vorläufige Ziel kann demnach kaum sein, sie in einem coup d’ètat einfach zu überwinden, da zunächst einmal zu bestimmen ist, wie tief sie sitzen. Stattdessen schlagen die Autoren eine andere Herangehensweise vor: „Das Andere der Ordnung bleibt […] auf diese bezogen, aber Vorrang erhält, was sonst lediglich als Problemanzeige und Kontrastfolie fungiert.“ (14) Es geht also keineswegs um eine Umkehrung aller (affektiven, normativen, epistemologischen) Vorzeichen, sondern um eine Änderung der „Blickrichtung“ (13). Dazu suchen die Autoren, mit einem Begriff von Ludwik Fleck, zunächst nach einem neuen „Denkstil“ (14), der es ermöglichen soll, „die Relation von Ordnung und ihrem Anderen symmetrisch zu denken, das heißt nicht in derselben Weise, aber doch mit ebenso großer Aufmerksamkeit.“ (15)

Dass es seine Zeit braucht, bis ein solcher neuer Denkstil eingeübt ist, ist selbstverständlich, der Text selbst gibt es performativ zu erkennen: „Symmetrie“ ist ja eine Metapher, die selbst einen deutlich sichtbaren Ordnungsbezug in sich trägt. Sie will gerade Ordnung in das Verhältnis von Ordnung und Unordnung bringen. Das Perfide an Metaphern ist bekanntlich, dass sie einen an Stellen einholen, an denen man es nie erwartet hätte. Insofern ist es schade, dass der Band keinen Beitrag zur Thematik einer Meta-Metaphorik der Ordnung enthält, auch wenn, zugegeben, ein solcher Beitrag vielleicht nicht viel mehr als ein Literaturbericht zu Hans Blumenberg hätte sein können. Ohne eine Reflexion jener mächtigen Sprachstrukturen wird die geforderte Blickumkehr ein schwieriges Unterfangen bleiben.4

All diese Probleme bei der Thematisierung von Unordnung führen fast zwangsläufig zu einer zentralen Frage: „Liegen die Figuren des Anderen der Ordnung […] außerhalb des Zuständigkeitsbereichs von Wissenschaft?“ (21) Hier verweisen die Herausgeber auf eine Reihe von Autor*innen, deren Ansätze diesen Verdacht zerstreuen sollen. Unter diesen finden sich Martin Heidegger, Jean-Jacques Rousseau, Jacques Derrida, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Niklas Luhmann, Georg Simmel, Erving Goffman, Michel Foucault, Gilles Deleuze, Harold Garfinkel, Juri Lotman, Victor Turner, Bernhard Waldenfels, Immanuel Kant, Walter Benjamin, Alain Badiou, Hannah Arendt, Gabriel Tarde und Simone de Beauvoir, also zweifelsfrei eine illustre Reihe soziologischer und philosophischer Denker*innen. Mithilfe dieser Ahnenreihe, die in neun „Problematisierungsweisen des Anderen der Ordnung“ (21) unterteilt wird, meinen die Herausgeber nun, die Frage nach der Möglichkeit sozialer Ordnung umdrehen zu können, sodass Letztere nun lautet: „Wie ist soziale Nicht-Ordnung möglich?“ (36) Tatsächlich hat sich damit aber nur die Blickrichtung geändert und ansonsten nicht viel; die Umkehrung der Frage garantiert noch nicht die geforderte Symmetrie. Aber auch das beweist vielleicht nur, dass es sich hier tatsächlich um ein ehrgeiziges Anliegen handelt.

Gerade weil die Einleitung des Bandes sich jeglichen Pathos' enthält, sei in dieser Rezension darauf hingewiesen, dass Das Andere der Ordnung offensichtlich Berührungspunkte mit dem hat, was man einmal die großen Fragen des abendländischen Denkens nennen konnte. Ordnung und Nicht-Ordnung, das erinnert an Sein und Nichts, Gottfried Wilhelm Leibniz, Jean-Paul Sartre und Heidegger, und scheint eine Frage epochalen Ausmaßes zu sein. Oder, was weniger pathetisch klingt, aber disziplinär genauso folgenreich ist: Zumindest eine Leitdifferenz der Disziplin „Soziologie“ steht hier in Frage.

Ich möchte nun auf zwei Aufsätze genauer eingehen, die exemplarisch die Bandbreite der Zusammenstellung illustrieren, die von grundlagentheoretischen Aufsätzen bis zu detaillierten soziologiehistorischen Abhandlungen reicht und eine große Spanne theoretischer Ansätze vom Pragmatismus über die Systemtheorie bis zum Poststrukturalismus und der Akteur-Netzwerk-Theorie umfasst.

Oliver Marchart treibt, um die Kritik in einem Satz zu fassen, in seinem Beitrag zum Konzept der Korruption die Ontologisierung politischer Begriffe weiter voran. Korruption sei ein Grundphänomen jeder Ordnung. Ähnlich wie bei Marcharts Auseinandersetzung mit den Begriffen des Konflikts und der Kontingenz verschwindet aber auch im Fall der Korruption jedes konkrete Phänomen hinter seiner Abstraktion: „Korruption ist, abseits aller empirischen (›ontischen‹) Fälle von Amtsmissbrauch und Vorteilsnahme, eine ontologische Kategorie.“ (99) Solche Begriffsentgrenzungen mögen (wissenschafts-)politisch opportun sein, ihr Forschungsertrag bleibt derweil fraglich. Die ontisch-ontologische Differenz verspricht nicht einmal mehr, mit einem Wort Herbert Marcuses, eine Scheinkonkretion,5 sondern hat sich vom Konkreten immer schon nachdrücklich distanziert. Schon rhetorisch fällt die Herabwürdigung des bloß Ontischen ins Auge – aber eben vor allem als Textstrategie. Das logische Fundament der ontisch-ontologischen Differenz bleibt indessen zweifelhaft: Dass es eine „Erfahrung der unausweichlichen Korrumpierbarkeit von Ordnung“ (99) gebe, lässt sich nicht plausibel machen, weil man immer nur von der ‚ontischen’ Erfahrung tatsächlicher Korruption auf Korrumpierbarkeit schließen kann. Ontologie kommt hier nur als sachlich ganz unmotivierter Überschuss einer modallogischen Operation ins Spiel. Der Versuch, ein Anderes der Ordnung als konstitutiv für jede Ordnung auszuweisen, wird hier auf einer doch sehr abstrakten Ebene abgehandelt.

Die Differenz zwischen einer Epistemologie der Ordnung und einer solchen der Störung stellt Erhard Schüttpelz hingegen am Beispiel von Harold Garfinkels breaching experiments deutlich und gegenstandsnah heraus. Zwar hat Garfinkel methodisch Ordnung von der Störung her gedacht (Garfinkels Absicht war es, „to start with a system that shows stable features and ask what can be done to make for trouble“, zit. n. 286), doch sind seine sozialtheoretischen Ergebnisse gerade eine Bestätigung jener vergeblich suspendierten Epistemologie der Ordnung. Denn Garfinkels Erfahrung zeigte gerade, dass künstlich induzierte Störungen nur äußerst schwer auf Dauer zu stellen waren. So haben nach Schüttpelz die breaching experiments (die, wie Schüttpelz herausstellt, weder echte Experimente waren noch von Garfinkel als solche intendiert, 282, 286) unbeabsichtigt gerade in das Herz der Ordnungsfragen der Soziologie geführt, nämlich zu „dem Anspruch, besser als alle (anderen) soziologischen Theorien die ‚Objektivität’ der ‚sozialen Tatsachen’ technisch begreiflich gemacht zu haben.“ (277)

Wenn die Herausgeber des Bandes beabsichtigen, „die Zuversicht zu erschüttern, dass sich jedes Problem auf einen Mangel an oder eine mangelhafte Ordnung zurückführen und folglich durch mehr und eine bessere Ordnung lösen lässt“ (52), wird man das sicherlich gutheißen können. Dass mehr Unordnung geradezu notwendig sein kann, um Probleme zu lösen, wäre ausgerechnet von der als ordnungsfetischistisch verschrienen Systemtheorie zu lernen, worauf Matthias Leanza und Günther Ortmann dankenswerterweise in ihren Einzelbeiträgen hinweisen.

Dass aber das Andere der Ordnung vielleicht in den Konstitutionsbedingungen der ausdifferenzierten, rationalisierten Wissenschaft immer schon ausgeschlossen ist – „Wer aber weiterhin Wissenschaft betreiben will, wird nicht darauf verzichten können, das Ungeordnete einzuordnen und im Sinnlosen Sinn zu suchen“, bemerkt Gregor Dobler in seinem Beitrag (221) –, verweist zurück auf jene „großen“ Fragen, von denen bereits die Rede war. Eine weitere Untersuchung und vielleicht gar Institutionalisierung der Frage nach dem Anderen der Ordnung in der Ordnungswissenschaft Soziologie scheint dennoch ein lohnendes Unterfangen – denn selbst wenn diese Frage die Ordnungsfixierung der Soziologie vielleicht nicht aufheben kann, so tut doch Reflexion definitiv not. Letzteres gilt auch dann, wenn man einer generalisierten moralischen Anmahnung von 'Verantwortung' gegenüber dem Anderen der Ordnung skeptisch gegenübersteht. Reflexion soll hier vielmehr der Begriff sein, unter dem sich diese mit einer anderen Verantwortlichkeit der Soziologie treffen kann – die da lautet: gute Theorien zu produzieren.

Fußnoten

1 Oskar Negt, Die Konstituierung der Soziologie zur Ordnungswissenschaft. Strukturbeziehungen zwischen den Gesellschaftslehren Comtes und Hegels, 2., neu eingel. Aufl., Frankfurt am Main/Köln 1974.

2 Albert Kümmel / Erhard Schüttpelz, Signale der Störung, München 2003; Markus Rautzenberg, Die Gegenwendigkeit der Störung. Aspekte einer postmetaphysischen Präsenztheorie, Zürich 2009; Lars Koch / Christer Petersen / Joseph Vogl (Hrsg.), Störfälle, Bielefeld 2011; Julia Fleischhack / Kathrin Rottmann (Hrsg.), Störungen. Medien, Prozesse, Körper, Berlin 2011; Carsten Gansel / Norman Ächtler (Hrsg.), Das „Prinzip Störung“ in den Geistes- und Sozialwissenschaften, Berlin / Boston 2013; Stephan Habscheid / Lars Koch (Hrsg.), Katastrophen, Krisen, Störungen, Zeitschrift für Linguistik und Literaturwissenschaft 173, 2014; Nicole Falkenhayner, u. a. (Hrsg.), Rethinking Order. Idioms of Stability and Destabilization, Bielefeld 2015.

3 Ulrich Bröckling / Christian Dries / Matthias Leanza / Tobias Schlechtriemen (Hrsg.), Das Andere der Ordnung, Behemoth. A Journal on Civilisation 7 (2014), 1.

4 Ein zweiter vernachlässigter Aspekt, der zwar alle Anstrengungen um eine Theoretisierung des Anderen der Ordnung noch einmal verkomplizieren würde, aber auch den Blick für die durchaus sympathische Monstrosität des Unternehmens weiter geschärft hätte, besteht meines Erachtens in einer Reflexion der Mathematisierung von Ordnungsbegriffen in der Kybernetik. Denn der Umstand, dass Ordnung nicht einfach ein kontingent mitgeführtes Produkt kultureller Sedimentierungen ist, sondern mathematisch beschrieben und also auch gemessen werden kann, kann den Begriff der Ordnung nicht unangetastet lassen. Ordnung und Chaos sind dann keine austauschbaren, wenn auch asymmetrischen Gegenbegriffe mehr, wie ein kultureller Konstruktivismus das sehen könnte, was die Blickumkehr noch einmal schwieriger macht. Eine Umkehr würde dann nicht mehr ausreichen; der Blick selbst müsste sich ändern. Aber dies sind vielleicht nur spitzfindige Desiderata, die jedenfalls die insgesamt hohe Qualität des Bandes nicht berühren.

5 Herbert Marcuse, Enttäuschung, in: Günther Neske (Hrsg.), Erinnerung an Martin Heidegger, Pfullingen 1977, S. 162–163.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.