Das gehasste Geschlecht

Rezension zu "Down Girl. Die Logik der Misogynie" von Kate Manne

In seiner mittlerweile zum Klassiker der Männerforschung avancierten Studie „Männerphantasien“ beschreibt Klaus Theweleit die Figur der „weißen Krankenschwester“: es handelt sich um eine Frau, die mit allen Attributen einer guten Mutter ausgestattet ist –  geschlechtslos zwar, aber hingebungsvoll, sorgend und rein. Ihr Antinom ist das „Flintenweib“, die bewaffnete (also mit einem Phallus ausgestattete), kämpfende, verdorbene und potenziell kastrierende Frau.[1] Unnötig zu erwähnen, dass den Freikorps-Soldaten, die Theweleit zum Gegenstand seiner Untersuchung macht, Mütter heilig sind, während eigensinnige „Flintenweiber“ mit einem Hass belegt werden, der bis zum Vernichtungswunsch reicht.

Diese Unterscheidung zwischen der guten und bösen, der gebenden und nehmenden, der passiven und der aktiven Frau ist es, die Kate Mannes Argument in „Down Girl. Die Logik der Misogynie“ zugrunde liegt. Misogynie, so Manne, ist eine Eigenschaft gesellschaftlicher Verhältnisse, „in denen Frauen aufgrund der Durchsetzung und Überwachung patriarchalischer Normen auf Feindseligkeit stoßen – häufig, aber keineswegs ausschließlich, insoweit sie gegen die patriarchalische Ordnung verstoßen.“ (S. 57) Das Patriarchat fußt auf der „ungleichen, gendergeprägten Ökonomie des Gebens und Nehmens moralischer Güter und Dienstleistungen.“ (S. 184) Während die Frau als „gebend“ charakterisiert wird, kann der Mann „nehmen“. Ihm stehen ihre Fürsorge ebenso wie weitere gesellschaftliche Güter zu, die weiblich kodiert sind. Zu solchen Gütern gehören Zuneigung, Bewunderung und Nachsicht, jedoch auch „schlichter Respekt, Liebe, Akzeptanz, Hege und Pflege, Geborgenheit, Sicherheit und Zuflucht.“ (S. 189ff) Die Parallele zu Theweleits Figur der weißen Krankenschwester ist augenfällig. Das gilt auch für das Flintenweib, denn Hass schlägt der Frau entgegen, wenn sie die Gabe verweigert oder ihrerseits gar beginnt, zu nehmen und zu fordern – zumal wenn es dabei um männlich konnotierte Vergünstigungen oder Privilegien geht. Zu denen zählt Manne etwa „gesellschaftliche Führungspositionen, Autorität, Einfluss, Geld und andere Machtformen sowie gesellschaftlicher Status, Prestige, Rang und deren Marker“ (S. 193).

Manne arbeitet sich durch das Buch hinweg an einigen wenigen „großen“ Beispielen von Misogynie ab. Darunter etwa der Amoklauf von Isla Vista, bei dem der 22jährige Elliot Rodger aus vorgeblicher Frustration darüber, dass Frauen ihm nicht geben wollten, was ihm seines Erachtens zustand, sechs Menschen ermordete. Ein wichtiges Exempel ist auch die Präsidentschaftskandidatur Hillary Clintons. Sie war von Misstrauensbekundungen, Anfeindungen und Diffamierungen in einem Ausmaß begleitet, das Politikern (mit der bezeichnenden Ausnahme der ehemaligen australischen Premierministerin Julia Gillard) in aller Regel erspart bleibt.

Selbstredend handelt es sich um extreme Beispiele, die ihren explanativen Mehrwert allerdings daraus gewinnen, dass Manne reichliches Material mit Aussagen darüber liefert, wie die Medien oder die breite Bevölkerung reagierten. Neben Versuchen, das offenkundig misogyne Tatmotiv von Rodger zu leugnen, die im Anschluss an dessen Morde in den Medien kursierten, führt sie auch Studien an, die das „Gender-Bias“ (S. 391ff.), das heißt die Disposition, einen Mann auch bei gleicher Qualifikation einer (Präsidentschafts-)Bewerberin vorzuziehen, eindeutig belegen.

Während das Buch in den USA gut aufgenommen und breit rezipiert wurde, fielen hierzulande die Reaktionen auf die Veröffentlichung seiner deutschen Übersetzung eher verhalten aus. Freilich müsste man Svenja Flaßpöhlers Rezension in der Zeit[2] wohl als vernichtend bezeichnen. Dieser Verriss stützt sich jedoch auf Prämissen, die einem soziologisch geschulten Blick kaum standhalten können. So kritisiert Flaßpöhler unter anderem, dass Mannes Darstellung die Gegenwart insofern nicht richtig erfasse, als dass patriarchale Herrschaft, gegen deren Regeln Frauen nur auf die Gefahr hin verstoßen könnten, dafür bestraft zu werden, juristisch der Vergangenheit angehöre. Sie setzt die rechtliche Gleichstellung von Frauen also mit deren faktischer Gleichstellung gleich, unterscheidet nicht zwischen Semantik und Lebenswelt, womit ihr erstaunlicherweise entgeht, was doch eine Trivialität sein sollte, dass nämlich gesellschaftliche Strukturen nur in wenigen Fällen evident und ausgesprochen selten überhaupt in offiziell gepflegten Vokabularien kodifiziert und gewissermaßen aktenkundig sind.

Doch ist Flaßpöhlers Einwänden in dem Punkt Recht zu geben, wo ihre Besprechung eine Historisierung des Phänomens Misogynie anmahnt. Sie wäre Mannes Argument zweifelsohne zugutegekommen. Neben dem unbestreitbaren Erkenntnisgewinn, den ein Abriss der Geschichte der Misogynie versprochen hätte, wäre es hochinteressant gewesen, zu erfahren, wie Manne ihr moralphilosophisches Argument, es existierten jeweils weiblich oder männlich kodierte Güter, die von Frauen entweder angeboten würden oder auf die sie verzichten, mit andere Merkmalen der westlich-demokratischen Gesellschaften, mit denen sie sich beschäftigt, kontextualisiert.

Das Buch ist alles andere als sauber ediert und ordentlich lektoriert. Rechtschreibfehler häufen sich, die Übersetzung ist stellenweise allzu holprig und steif. Auch inhaltlich hätte – was primär für das 2017 in einem so renommierten Verlag wie der Oxford University Press erschienene, US-amerikanische Original gilt – dem Band eine gründliche Straffung gut getan. Zwar ist das Buch klar und anschaulich formuliert, doch mangelt es schlicht an Stringenz und so stören immer wieder gewisse Redundanzen und Wiederholungen.

Solche Bedenken schmälern die gesellschafstheoretische Bedeutung von Mannes Argument nicht. Misogynie ist in den drastischen Beispielen ebenso unübersehbar wie in den Reaktionen auf die frauenfeindlichen Exzesse, die Manne thematisiert. Sie trifft besonders die Frauen, die sich herausnehmen, eben die Rolle, die ihnen ein patriarchal strukturiertes System zuweist, abzulehnen, um sich bis dato männlich konnotierte Güter zu eigen zu machen. Was Kate Manne in schärfster Kontur herausarbeitet, ist ein grundsätzliches Moment in der Konstitution sozialer Realität. Die männliche Logik ist, so schon Simone de Beauvoir, die Norm, ihr gegenüber ist die Frau „das Andere, in dem das Subjekt sich selber übersteigt, ohne begrenzt zu sein, und das sich ihm entgegenstellt, ohne es zu verneinen; die Frau ist das Andere, das sich annektieren läßt und doch das Andere bleibt.“[3]

Nicht umsonst hatte eine französische Traditionslinie innerhalb der feministischen Theorie, deren Rezeption im Zuge des Aufstiegs der strikt anti-essenzialistischen queer theory weitestgehend abgebrochen ist, diese Beobachtung aufgegriffen. Anders als die Idee einer grundsätzlichen Dekonstruktion von Geschlecht – und zwar von sex wie von gender –, hat sich dieser Zweig feministischer Theoriebildung zum Ziel gesetzt, eine Weiblichkeit zu denken, die sich eben nicht auf eine Ableitung aus Männlichkeit zurückführen lässt – einmal ganz unangesehen der Frage, ob diese abgeleitete Weiblichkeit nun als defizitär bewertet wird oder nicht.

So hat beispielsweise Luce Irigaray in ihrer „Ethik der sexuellen Differenz“[4] versucht, das Verständnis des Weiblichen als ein „anderes“, also etwas, das seinen Ursprung in männlicher Identität findet, durch eine positive Bestimmung von Weiblichkeit zu ersetzen. Das emanzipative Moment besteht für Irigaray in der Möglichkeit einer weiblichen Subjektposition, die sich nicht erst relational zur männlichen Norm bestimmt.

Auch Hélène Cixous hat die Existenz einer symbolischen Ordnung der Männer attestiert und die Notwendigkeit einer Ausbildung weiblicher Subjektivität – für sie bekanntlich eng verbunden mit der Idee einer genuin weiblichen Schrift – hervorgehoben. Sie stellt die subjektivierte, potente Frau, die – wie Manne vollkommen richtig analysiert – den (oft aber nicht ausschließlich) männlichen Hass auf sich zieht, im Bild der Medusa vor: Durch ihre Schlangenhaare mit diversen Phalli ausgestattet und so alles andere als impotent verweigert sie den männlichen Sirenen jegliches Gehör, und vermag kraft der Geste einer solchen Abwendung den Lauf der Geschichte zu ändern. „Es reicht Medusa ins Gesicht zu schauen, um sie zu sehen: und sie ist nicht tödlich. Sie ist schön und sie lacht.“[5]

Fußnoten

[1] Klaus Theweleit, Männerphantasien. Frauen, Fluten, Körper, Geschichte, Frankfurt am Main 1977, S. 96ff.

[2] Svenja Flaßpöhler, Opfer sind kein Theoriespielzeug, https://www.zeit.de/2019/11/down-girl-kate-manne-buch-frauenfeindlichkeit (30.04.2019)

[3] Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Reinbek bei Hamburg 1982, S. 194.

[4] Luce Irigaray, Ethik der sexuellen Differenz, Berlin 1991.

[5] Hélène Cixous, Das Lachen der Medusa, in: Esther Hutfless / Gertrude Postl / Elisabeth Schäfer (Hg.), Hélène Cixous. Das Lachen der Medusa zusammen mit aktuellen Beiträgen,  Wien 2013, S. 39 – 61, hier S. 50.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.