Das KL-System

Nikolaus Wachsmanns „integrierte Geschichte“ der nationalsozialistischen Konzentrationslager aus soziologischer Sicht

Nikolaus Wachsmanns 2015 auf Englisch und im vergangenen Jahr auch auf Deutsch erschienene Studie über die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager ist international breit rezipiert und begeistert aufgenommen worden.1 Hervorgehoben hat die Kritik neben der so umfangreichen wie sorgfältigen empirischen Detailarbeit insbesondere die systematische Verschränkung von Nahaufnahme und Weitwinkelperspektive, von „Lagermikrokosmos“ und „äußeren Kräften“ (S. 26 f.). In dieser Herangehensweise, so die einhellige Meinung der Rezensenten, liegen die größte Stärke und die besondere Wirkung des Buchs. Diese Einschätzung ist fraglos zutreffend. Wachsmann hat eine phänomenale ‚erzählende‘ Gesamtdarstellung des Konzentrationslagersystems vorgelegt. Da dies zu wiederholen jedoch müßig wäre, fragt diese Rezension nach der Bedeutung für eine Soziologie der Konzentrationslager.

Auf eine detaillierte Rekonstruktion von Aufbau und Struktur des Werks wird daher im Folgenden verzichtet. Stattdessen möchte ich aufzeigen, dass sich mithilfe von Wachsmanns Studie bestimmte analytische Fragen zukünftig anders stellen lassen, als es in der soziologischen Forschung über die nationalsozialistischen Konzentrationslager bislang üblich war. Die Argumentation läuft auf die These zu, dass sich die Trennung in Makro-, Meso- und Mikroebene – oder systemtheoretisch gesprochen: in Gesellschaft, Organisation, Interaktion – analytisch nicht durchhalten lässt, wenn die nationalsozialistischen Konzentrationslager adressiert werden.

 

Zur Verschränkung von Mikro- und Makroperspektive

Bereits Titel und Untertitel des Buchs sind bemerkenswert. Zum einen irritiert die Verwendung des Akronyms KL für Konzentrationslager, die Wachsmann anstelle der im Deutschen heute üblichen Abkürzung KZ verwendet. Zum anderen ist der im Untertitel formulierte Anspruch, die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager zu präsentieren, letztlich nicht einlösbar – wie der Autor selbst bereitwillig konzediert (S. 26). Zu sehr veränderten sich die verschiedenen ‚Lagerwirklichkeiten‘ im Zeitverlauf, zu sehr unterschieden sich die Konzentrationslager hinsichtlich ihrer Intention, Funktion und Dimension.2 Beides – die Verwendung der Bezeichnung KL wie der Versuch einer Gesamtdarstellung – ist jedoch programmatisch zu verstehen: Erstens, so Wachsmann, seien noch lange nicht alle Aspekte des nationalsozialistischen Lagersystems gebührend aufgearbeitet; eine systematische Erschließung des Quellenmaterials steht in manchen Bereichen nach wie vor aus. Zweitens mag es zwar stimmen, dass eine erschöpfende Gesamtdarstellung nie gelingen kann, aber erst der Versuch eröffne Perspektiven auf zentrale Forschungsfragen. Wer etwa nachvollziehen möchte, warum Konkurrenzverhältnisse und Kämpfe zwischen Organisationen des NS-Staats und/oder Abteilungen der Konzentrationslager für das KL-System und die Ausprägung der ‚Lagerwirklichkeiten‘ bedeutsam waren, ohne darüber das Planvolle und Zielgerichtete der Macht- und Gewaltphänomene aus den Augen zu verlieren, muss die KL in ihrer Bedingt- und Gewordenheit rekonstruieren. Um das zu leisten, verschränkt Wachsmann konsequent historische Daten mit weiterem Quellenmaterial, mit dessen Hilfe sich die Lager in einer Mikroperspektive beschreiben und begreifen lassen.

Die Studie gliedert sich streng in elf Hauptkapitel mit jeweils drei Unterkapiteln. Während die Hauptkapitel der historischen Entwicklung folgen und somit einen Zeitraum umfassen, der von den ‚wilden‘ Lagern der frühen 1930er-Jahre über die systematische massenhafte Vernichtung der europäischen Juden in den ‚Todesfabriken‘3 bis hin zu den letzten Wochen des KL-Systems im Frühjahr 1945 reicht, integriert Wachsmann durch die Unterkapitel immer wieder zentrale systematische Fragen der neueren Konzentrationslagerforschung in die chronologische Darstellung. Exemplarisch sei hierfür das siebte Hauptkapitel „Anus Mundi“4 mit seinen Unterkapiteln „Jüdische Häftlinge im Osten“, „SS-Alltag" sowie „Raub und Korruption“ genannt, in dem sich der Autor mit dem KL Auschwitz auseinandersetzt. Chronologisch fügt sich das Kapitel nach Abschnitten zum Beginn der planvollen Massenvernichtung und des Holocausts während der ersten Kriegsjahre insofern in den Gesamtzusammenhang, als Auschwitz spätestens ab 1942 den „Mittelpunkt des KL-Systems“ (S. 395) darstellte. Nicht, weil es sich grundsätzlich von anderen Lagern wie Dachau und Sachsenhausen unterschied, die während der Etablierung der NS-Herrschaft beziehungsweise während der ersten Kriegsjahre zentrale Bedeutung für das KL-System besaßen, sondern weil sich in Auschwitz all das, was für das KL-System kennzeichnend geworden war, radikalisierte: Hunger und Gewalt, Arbeit und Vernichtung, aber auch die Grauzonen5 des Lageralltags – in Auschwitz, so Wachsmann, „war alles noch extremer“ (S. 395). Im Unterkapitel zum „SS-Alltag“, um ein Beispiel für die Bezugnahme auf ein aktuelles Forschungsproblem zu nennen, zeichnet Wachsmann ein differenziertes Bild des SS-Personals und seiner Tätigkeit. Neben der Rolle von Nichtdeutschen in der Lager-SS schildert er, wie weibliches Wachpersonal in die Lager-Struktur eingebunden wurde. Im Anschluss thematisiert er die Verwicklung des SS-Personals in extreme Gewalttaten ebenso wie das ‚private‘ Leben der SS-Angehörigen in Auschwitz (die Zwischenüberschriften der entsprechenden Abschnitte lauten „Gewalt“ und „Glückliche Tage in Auschwitz“).

Neben der erwähnten Verschränkung von Nahaufnahme und Weitwinkelperspektive ist es die hier aufscheinende, den gesamten Text durchziehende Haltung, die die Lektüre so ergiebig macht: Wachsmann weicht den Widersprüchlichkeiten der ‚Lagerwirklichkeiten‘ nicht aus, sondern arbeitet sie systematisch heraus und macht sie explizit, so etwa, wenn er an anderer Stelle in Bezug auf die Häftlingszwangsgesellschaft fragt: „Wie führt man ein soziales Leben im unsozialen Umfeld der KL“ (S. 576)? Selbstredend – das sei deutlich gesagt – negiert Wachsmann mitnichten die Antisymmetrie der Machtverhältnisse. Er vermeidet es jedoch konsequent, das vorherrschende Bild der nationalsozialistischen Konzentrationslager als das einer unpersönlichen Maschinerie nachzuzeichnen und dadurch Täter wie Opfer6 zu objektivieren7 – was allzu vielen soziologischen Studien nicht durchgängig gelingt.

 

Bedeutung der Studie für eine Soziologie der Konzentrationslager

In einem überzeugenden Beitrag für den Sammelband Soziologie und Nationalsozialismus8 fragt die Historikerin Elissa Mailänder Koslov im Hinblick auf die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager „was die Soziologie aus der Sicht der Geschichtswissenschaften [leistet]“. Komplementär möchte ich hier die Frage stellen: Was leistet Wachsmanns historische Studie für eine Soziologie der Konzentrationslager? Drei Aspekte stehen dabei im Vordergrund: erstens die Auswahl und Bearbeitung des Quellenmaterials sowie damit zusammenhängend die Rekonstruktion der KL im historischen Kontext; zweitens der Begriff der Sozialität und damit zusammenhängend die problematische Tendenz zur Objektivierung von Personal und Insassen; drittens die Verschränkung von Ordnung und Willkür und damit zusammenhängend die Schwierigkeit, Phänomene der Macht und extremer Gewalt im Nationalsozialismus geschichtswissenschaftlich und/oder soziologisch zu erfassen.

Inwiefern Wachsmanns Handhabung der genannten Probleme auch für Soziologinnen instruktiv ist, soll anhand einer knappen Gegenüberstellung seiner Herangehensweise mit derjenigen Wolfgang Sofskys konkretisiert werden, dessen Untersuchung der Ordnung des Terrors nach wie vor den prominentesten Versuch darstellt, die nationalsozialistischen Konzentrationslager soziologisch zu analysieren. Als Sofskys Buch 1993 erschien, stieß es auf ein geteiltes Echo. Während etwa Jan Philipp Reemtsma der Studie eine Zukunft als eines der „unverzichtbaren Standartwerke“9 voraussagte, fielen die Reaktionen aus der Geschichtswissenschaft deutlich zurückhaltender aus. Obwohl Sofsky selbst nicht in Abrede stellte, einen Idealtypus des Konzentrationslagers vor Augen gehabt zu haben, um phänomenologisch freizulegen, wie der Terror in den KL organisiert war, wurden (und werden) ihm eine Vereinfachung des empirischen Befunds und eine selektive Quellenlektüre vorgeworfen.10 Ziehe man die Berichte von Überlebenden umfassend als Material heran, so die Kritik, ergebe sich ein sehr viel widersprüchlicheres Bild der ‚Lagerwirklichkeit(en)‘ als das von Sofsky gezeichnete. Für Wachsmann liegt das Hauptproblem der von Sofsky gewählten Herangehensweise indes weniger in der Ausblendung bestimmter Details als in dem statischen Bild, das sie produziert: „Auf der Suche nach universellen Antworten verwandelt sie [die Untersuchung Sofskys, Anm. d. V.] die Lager in abstrakte, zeitlose Gebilde. Sofskys archetypisches Lager ist ein ahistorisches Konstrukt, das ein Hauptmerkmal des KL-Systems verunklart: seine dynamische Struktur“ (S. 24).

Es sind die Widersprüchlichkeit der ‚Lagerwirklichkeiten‘ und die dynamische Struktur der KL, die soziologische Studien immer wieder vor Probleme stellen. Der Versuch, Muster herauszuarbeiten, endet nicht selten in der Übergeneralisierung der Phänomene und der Überdehnung des eigenen Arguments. Das liegt zuallererst in der Auswahl und Bearbeitung des Quellenmaterials begründet. Überspitzt formuliert: Während Geschichtswissenschaftlerinnen die Spezifizität ihres konkreten Forschungsgegenstands im Blick haben und den historischen Einzelfall minutiös rekonstruieren, um erst im Anschluss daran abstrahierende Interpretationen anzustellen, ordnen Soziologen, die sich mit den Konzentrationslagern auseinandersetzen, die konkrete Arbeit am empirischen Material bislang in der Regel ihrer theoretisch angeleiteten Frage unter.11 Im Falle Sofskys etwa bedeutet das, dass er das empirische Material auf seine These der absoluten Macht hin durchforstet, mit dem Ergebnis, dass letztlich alles Handeln, das im Konzentrationslager stattfindet, in der absoluten Macht zu gründen und zu enden scheint. Absolute Macht ist darum keine wirklich soziologisch zu erfassende Machtform, sie wird gleichsam zu einer Art metaphysischen Macht, die sich teleologisch „in der vollkommenen Vernichtung des Menschen [verwirklicht]“.12 Was Sofsky dabei entgeht und worauf Wachsmanns Studie unbedingt aufmerksam macht: Machtverhältnisse, selbst jene in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, sind stets relational zu denken. Wenn hier von Relationalität der Macht gesprochen wird, ist damit zuallererst ein Beziehungsgeflecht gemeint, innerhalb dessen die Machtbeziehungen zwischen Mitgliedern der Lager-SS, zwischen Abteilungen im KL und zwischen Organisationen des NS-Regimes situiert waren und mithin zu untersuchen sind. Aber auch zwischen Funktionshäftlingen und ‚normalen‘ Häftlingen und sogar zwischen SS-Personal und Insassen waren die Machtverhältnisse nicht zu jedem Zeitpunkt so ‚absolut‘ ungleich, wie von Sofsky (idealtypisch) entwickelt. Ein Beispiel soll das verdeutlichen: Eugen Kogon berichtet in seiner Studie Der SS-Staat13 davon, dass die Ermöglichung von Eigeninitiative willkürliche Gewalt entfesselte. Das trifft zu, allerdings vor allem für die Phase, in der sich der Kriegsverlauf für die Nationalsozialisten günstig entwickelte. Als sich das Blatt gewendet hatte und die Rote Armee schließlich immer näher an Buchenwald heranrückte, konnte das Ausbleiben klarer Vorgaben auch zu einer Form der „Verantwortungsscheu“ führen, was den Insassen wiederum (wenn auch sehr eingeschränkte) Handlungsspielräume eröffnete.14

Am Begriff der Sozialität kann Vorangegangenes weiter präzisiert werden. Was die soziologische Erforschung der nationalsozialistischen Konzentrationslager angeht, lassen sich grob zwei Fraktionen ausmachen. Die eine, zu der Sofsky zu rechnen ist, argumentiert, dass die ‚Lagerwirklichkeit‘ mit traditionellen soziologischen Begriffen nicht zu erfassen sei. Der Bruch zwischen Drinnen und Draußen sei fundamental, die ‚Lagerwirklichkeit‘ könne – wenn überhaupt – nur mithilfe einer Terminologie beschrieben werden, die das radikal Verschiedene zum Ausdruck bringt. Die andere Fraktion, zu der etwa Maja Suderland oder auch Jörg Balcke (im Anschluss an Zygmunt Bauman) gehören, argumentiert, dass es spezifische Kontinuitäten zwischen Drinnen und Draußen gebe. Die ‚Lagerwirklichkeit‘ sei zwar eine extreme Form von Vergesellschaftung, aber eben keine grundverschiedene.

Wachsmann würde wohl eher der zweitgenannten Fraktion zustimmen. Oder, anders gesagt, er beschreibt beides: Bruch und Kontinuität – und Handlungsmacht wie Ohnmacht der Akteure. In seiner Erzählung ist Raum für das ‚Menschlich-Böse‘ (theologisch/metaphysisch) und das ‚Nationalsozialistisch-Böse‘ (ideologisch) ebenso wie für die Beschreibung einer unpersönlichen Organisierung von Grausamkeit, aber eben auch für Freiräume und Sozialität.15 Es finden sich Schilderungen von Solidarität und Verrat, von Unterwerfung und Ungehorsam, von reibungsloser Vernichtung und stockender Apparatur. Unterzieht man die soziologischen Texte zu den nationalsozialistischen Konzentrationslagern unter dem unmittelbaren Eindruck von Wachsmanns Studie einer Re-Lektüre, so ist auffallend, wie viel anschaulicher es Wachsmann gelingt, das Widersprüchliche und Nichtlineare der Entwicklung der KL zu ‚erzählen‘, ohne dabei die intentionale Dimension von Gewalt und Vernichtung zu relativieren. Dass und wie in den KL (und natürlich in den Todeslagern) Menschen von Menschen zugrunde gerichtet und vernichtet wurden, beschreibt sein Text auf bedrückende Weise. Wachsmanns akribischer Quellenarbeit ist aber auch zu verdanken, dass das, was Sozialität im Konzentrationslager sein könnte, anhand seiner Untersuchung besser greifbar wird als in den soziologischen Studien zum Thema – insbesondere das Kapitel Unmögliche Alternativen leistet in dieser Hinsicht wirklich Beeindruckendes.

Trotz der Brillanz der Studie zumal in der Art der Darstellung kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, vieles zumindest so ähnlich schon einmal gelesen zu haben, wenn auch nicht in dieser Dichte und Systematik. Was in Wachsmanns Buch letztlich fehlt – vielleicht sogar fehlen muss, da sonst seine Stärken kaum in der beschriebenen Weise zum Tragen kommen könnten – ist der Schritt hin zu generalisierenden Überlegungen. Das wird deutlich, wenn wir den letzten der drei oben angeführten Problemkreise in den Blick nehmen. Wie ließen sich Phänomene der Macht und extremer Gewalt in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern präziser auf den Begriff bringen? Der Wunsch nach solchen Präzisierungen stellt sich sowohl bei der Lektüre von Wachsmann und anderen geschichtswissenschaftlichen Studien ein, die oftmals bei der Beschreibung stehenbleiben oder auf recht konventionelle Erklärungen aus anderen Fachdisziplinen zurückgreifen, als auch in der Auseinandersetzung mit soziologischen Arbeiten wie der von Sofsky, in denen das theoretisch angeleitete Argument viel stärker empirisch kontrolliert werden müsste. Und schließlich stellt sich die Frage: Welche übergeordnete Fragestellung könnte historische und soziologische Erkenntnisinteressen verbinden?

 

Zur Verwischung von Unterscheidungen

Für die Soziologie ist das Denken in Unterscheidungen zentral. Was aber, wenn ein wesentliches Charakteristikum der nationalsozialistischen Konzentrationslager gerade darin bestünde, dass Unterscheidungen – wie etwa die zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und organisationalen Prozessen – verwischt werden? Gerade in dieser Hinsicht vermag auch einer der jüngsten und zugleich gelungensten Versuche, extreme Gewaltausübung im Nationalsozialismus soziologisch zu erfassen, nämlich Stefan Kühls Monographie Ganz normale Organisationen,16 nicht vollends zu überzeugen. Das Problem der organisationssoziologischen Betrachtung Kühls ist, dass sie den Zusammenhang von nationalsozialistischer Ideologie und formaler Organisation nicht konsistent herausarbeitet. So zeigt Kühl in seiner empirisch gesättigten Untersuchung überzeugend, inwieweit formale Organisation massenhafte Gewaltausübung erst ermöglichte. Er integriert dabei über soziologische Konzepte wie das der Konsensfiktion auch die Bedeutung der Weltanschauung in seine Argumentation. Und natürlich hat Kühl Recht, wenn er darauf insistiert, dass die Übereinstimmung mit den Zielen und der Ideologie des NS-Systems keine notwendige Bedingung für die Teilnahmemotivation der Organisationsmitglieder war. Trotz alledem – gerade weil Kühl als Organisationssoziologe argumentiert – unterschätzt er, wie systematisch die antisemitische und rassistische NS-Ideologie ganz konkret in organisationale Strukturen implementiert wurde und inwieweit diese Implementierung eine ‚erfolgreiche‘ Ausübung der Gewalt zumindest miterklären kann. Die Besetzung von höheren und mittleren Vorgesetztenpositionen mit Organisationsmitgliedern, die über eine Doppelmitgliedschaft verfügten, also etwa SS-Mitglieder und Offiziere der Reservepolizei waren, ist nur ein Beispiel für die Verschränkung von Weltanschauung und Organisation. Ähnlich wie bei Kühls eher auf die gesellschaftliche Ebene zielendem Argument der Konsensfiktion ist auch hier nicht entscheidend, ob die ideologische Haltung dieser Doppelmitglieder ‚authentisch‘ war, sie entfaltete ganz konkrete Wirkungen. Pointiert formuliert: Ganz so normal waren die Organisationen im NS-Regime dann doch nicht. Um die Funktionsweise staatlicher Gewaltorganisationen im NS-System zu rekonstruieren, ist etwa die Unterscheidung zwischen Werten und Programmen nicht in der gleichen Weise und Klarheit zu treffen wie in der Analyse staatlicher Gewaltorganisationen in demokratisch verfassten Gesellschaftssystemen. Soziologisch interessant scheint freilich gerade die Verwischung – nicht die Aufhebung! – dieser Unterscheidung durch die NS-Gewaltorganisationen und die spezifische Form ihrer staatlichen Einbettung selbst. Mit Verwischung ist hier das Ineinandergreifen von Gesetzen und Verordnungen, von Normen und Maßnahmen, von formaler Organisation und Improvisation, von ‚klassischem‘ Befehl und Führerwille, von Eigeninitiative und Kadavergehorsam, von Ordnung und Willkür gemeint. Bei der Untersuchung dieses Zusammenspiels nach flexiblen Regeln muss es nicht zuletzt um die Frage gehen, wie radikale Exklusion (von ‚Untermenschen‘) und radikale Überhöhung (der ‚Herrenrasse‘) in organisatorisch gerahmten Situationen aufeinandertrafen.

Und so bleiben sowohl in Wachsmanns geschichtswissenschaftlicher Studie, die ein bemerkenswert differenziertes Bild des KL-Systems in seiner dynamischen Entwicklung entwirft, als auch in Stefan Kühls soziologischer Studie, der wir eine ebenso eindrückliche wie theoretisch ambitionierte Rekonstruktion der Massenerschießungen von Juden an der ‚Ostfront‘ verdanken, zahlreiche analytische Fragen unbeantwortet. Die Rezension endet deshalb mit einigen Fragen, die sich für die weitere soziologische Erforschung der nationalsozialistischen Konzentrationslager geradezu aufdrängen: Wie trugen Interessenkämpfe zwischen Organisationen des NS-Regimes und Abteilungen im Konzentrationslager zur Radikalisierung der ‚Lagerwirklichkeiten‘ bei? Wenn davon auszugehen ist, dass die SS zwar zu Beginn des KL-Systems gezielt gewaltbereite volksdeutsche Häftlinge für Funktionsstellen rekrutierte, später von dieser Praxis aber abgewichen wurde, wie ist dann die relativ gleichbleibende Intensität der Gewalttätigkeit von Funktionshäftlingen zu erklären? Weitere Fragen ergeben sich auf übergeordneter analytischer Ebene: Mit welchem begrifflichen Instrumentarium lässt sich etwa die Übersetzung des Antisemitismus in organisationale Prozesse fassen? Was heißt Nazifizierung von Organisationen konkret? Inwieweit kulminierten im Konzentrationslager radikale Exklusion und radikale Überhöhung? Darüber hinaus bieten sich komparatistische Ansätze an: Welche der Gewalt in den Konzentrationslagern vergleichbaren Phänomene finden sich etwa im Gulag-System17, in den bosnischen Vergewaltigungslagern, im kambodschanischen S21 oder im Camp 14 in Nordkorea? Und dann doch immer wieder: Wie unterscheiden sich die genannten Lager und die in ihnen ausgeübte und erlittene Gewalt?

Um diese und ähnliche Fragen anzugehen, bedarf es Studien wie der von Wachsmann. Sein Buch über das KL-System leistet keineswegs nur notwendige Vorarbeiten für eine soziologische Reformulierung geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern hat noch sehr viel mehr zu bieten: Um die nationalsozialistischen Konzentrationslager zu verstehen, müssen gesellschaftliche Verhältnisse und Entwicklungen, organisationale Bedingungen und Veränderungen sowie deren Hineinwirken in konkrete Interaktionssituationen als sich gegenseitig bedingend konzeptualisiert werden. Dafür sensibilisiert Wachsmanns Ansatz einer „integrierte[n] Geschichte“ (S. 25 f). Deswegen ist KL auch für eine Soziologie der Konzentrationslager richtungsweisend.

Fußnoten

1 Vgl. vor allem Paul Ingendaays ausgesprochen konsistent gebaute Rezension vom 22.04.2016 für die Frankfurter Allgemeine Zeitung: Und denkt daran, was sie litten. Vgl. zudem die Rezensionen von Bertrand Perz für H/Soz/Kult und von Ian Kershaw für The Telegraph.

2 Vgl. zu den Begriffen Intention, Funktion und Dimension Wolfgang Benz, Nationalsozialistische Zwangslager. Ein Überblick, in: Ders./Barbara Distel (Hg.), Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band I: Die Organisation des Terrors, München 2005, S. 11–29.

3 Die Metapher der „Todesfabrik“ steht auch bei Wachsmann vor allem für Lager, deren einziger Zweck die Vernichtung war. Auschwitz und Majdanek nehmen eine Zwischenstellung ein, da beide sowohl als KL als auch als Holocaust-Vernichtungslager operierten (vgl. S. 345 ff.). Sobibór, Bełżec und Treblinka waren reine Vernichtungsstätten.

4 Der Titel des Kapitels bezieht sich auf das gleichnamige Buch von Wiesław Kielar (Anus Mundi. Fünf Jahre Auschwitz, Frankfurt am Main 1982).

5 Vgl. Primo Levi, Die Untergegangenen und die Geretteten. München 1990, darin vor allem das Kapitel „Die Grauzone“ (S. 33–68).

6 Die Verwendung der Begriffe Täter und Opfer ist unpräzise. Ich greife hier dennoch auf sie zurück, ohne sie weiter zu problematisieren, da eine umfassende Auseinandersetzung mit den Begriffen, die juristische, philosophische, sprachwissenschaftliche und moralisch-ethische Fragen einschließen müsste, hier nicht geleistet werden kann.

7 Allein die Darstellung der Herausbildung des KL-Systems (Kapitel 1–3) ist unter diesem Gesichtspunkt lesenswert, da Wachsmann detailreich die Kämpfe zwischen Organisationen und Persönlichkeiten des sich etablierenden NS-Systems schildert. Zugleich wird deutlich, wie ungewiss die Zukunft des KL-Systems während der Einrichtung und Etablierung des NS-Regimes lange Zeit war.

8 Elissa Mailänder, Ein Blick von außen: Was leistet die Soziologie aus der Sicht der Geschichtswissenschaften? in: Michaela Christ/Maja Suderland (Hg.), Soziologie und Nationalsozialismus. Positionen, Debatten, Perspektiven, Berlin 2014.

9 Jan Philipp Reemtsma, Laboratorien der absoluten Macht, in: Die Zeit, 4.6.1993.

10 Vgl. für eine neuere Kritik an Sofsky Mailänder, Ein Blick von außen, S. 517.

11 Die Beobachtung gilt für nahezu alle soziologischen Versuche, die nationalsozialistischen Konzentrationslager zu analysieren. Maja Suderland etwa liest die Quellen hinsichtlich der Frage nach kulturellem Habitus und Überlebensressourcen im KL, Jörg Balcke hinsichtlich durch die organisationale Einbettung bereitgestellter Entlastungsmechanismen, und ich selbst habe Überlebendenmemoiren auf Berichte über Willkürakte hin gelesen. Vgl. beispielhaft Maja Suderland, Ein Extremfall des Sozialen: Die Häftlingsgesellschaft in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, Frankfurt am Main/New York 2009; Jörg Balcke, Verantwortungsentlastung durch Organisation. Die ›Inspektion der Konzentrationslager‹ und der KZ-Terror, Tübingen 2001; Tobias Hauffe, Hier ist kein Warum. Willkür in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern – eine soziologische Analyse, unveröffentlichte Diplomarbeit, Bielefeld 2013.

12 Sofsky, Ordnung des Terrors, S. 321.

13 Vgl. Eugen Kogon, Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager [1946], München 1997.

14 Vgl. ebd., SS-Staat, S. 360.

15 Ich danke Georg Kamphausen für den Hinweis, dass geschichtswissenschaftliche Studien gegenüber soziologischen Studien nicht selten den Vorteil besitzen, die Grenzen der Beschreibbarkeit und damit der Interpretation von Gewalt besser einschätzen zu können.

16 Stefan Kühl, Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust, Berlin 2014.

17 Die eindrucksvollsten Beobachtungen zum Gulag wurden von einem ‚Erzähler‘ vorgelegt. Vgl. Varlam Šalamov, Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma, 4 Bände, Berlin 2007–2011.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Tabea Koepp.