Das kybernetisierte Selbst

Simon Schaupp über digitale Selbstüberwachung

Simon Schaupps kleines Buch über die soziale Bedeutung digitaler Selbstüberwachungstechnologien beginnt als Selbstexperiment. Schaupp kauft sich ein neues Smartphone, nimmt an einer politischen Demonstration teil, läuft auf der Straße, schreit Parolen, flüchtet schließlich vor der Polizei. Abends erreicht ihn eine Nachricht seines neuen technischen Begleiters: „Glückwunsch, Simon, Sie haben heute 10.000 Schritte gemacht! Versuchen Sie doch morgen 15.000.“ (S. 7) Eine auf dem Apparat vorinstallierte Self-Tracking-App hat sich zu Wort gemeldet.

Man hätte diese winzige Episode in ihrer soziologischen Bedeutung leicht übersehen können, doch liefert sie Schaupp den Anlass, intensiv über die Bedeutung der digitalen Wortmeldung und über die immer populärer werdende Praxis des Self-Trackings, also der Vermessung des eigenen Lebens durch verschiedene technische Hilfsmittel, nachzudenken. Schaupp zufolge lässt sich die wachsende Popularität der digitalen Selbstüberwachungstechnologien aus dem Umstand erklären, dass sie ihren Nutzer_innen das Gefühl vermitteln, fit zu werden für einen gleichermaßen permanenten wie alternativlosen Wettbewerb. Die entsprechenden Apps, verstanden als geradezu paradigmatische Exempel gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklungen, zielten auf die profunde Nervosität und Statuspanik von Beschäftigten, die ihre materielle Existenz im Postfordismus immer häufiger in radikal subjektivierten Arbeitsverhältnissen sichern müssen. Verantwortlich für die Panik- und Angstattacken sei ein System, das den Typus des „unternehmerischen Selbst“[1] zu seiner Gallionsfigur erhoben habe. Indem es bei Strafe der Exklusion jeden jederzeit zu Höchstleistungen antreibe, halte es zu einer methodisch disziplinierten Lebensführung an, die sich an der Norm der employability orientiert. Den Marktwert der eigenen Ich-AG zu erhöhen, das ist das Versprechen, mit dem die neuen Apps die Subjekte der Aktivgesellschaft ködern. Hielt der persönliche Coach in den 1990er-Jahren dazu an, das eigene Spiegelbild morgens eine Minute lang anzulächeln, um das Gemüt autosuggestiv zu stärken, so setzt die Selbstvermessung an die Stelle solcher Psychotricks die quantifizierte Objektivität der Zahlen: Lauf morgen 5.000 Schritte mehr als heute, dann wirst du deinen Konkurrenten enteilen, sei es auf dem Weltmarkt, in der Firma oder auf dem Arbeitsmarkt.

Der in einer Rezension angebrachte Hinweis, dass es sich bei Schaupps Buch um eine akademische Abschlussarbeit handelt, sollte nicht missverstanden werden. Zwar ist Schaupps Darstellung anzumerken, dass sie universitären Regeln und formalen Zwängen gehorcht, doch stellt sich der Autor tatsächlich der anspruchsvollen Aufgabe, richtige Soziologie zu betreiben, statt nur zu demonstrieren, welche umfangreichen soziologischen Kenntnisse er bisher erworben hat. Schaupps Analyse des Self-Tracking tritt mit dem Anspruch auf, ein Stück Gegenwartsanalyse zu bieten. Wer so einen zeitdiagnostischen Anspruch in einer Abschlussarbeit formuliert, ist in aller Regel entweder größenwahnsinnig oder kühn. Zu Schaupps Kühnheit gehört, sich auf ein strikt durchargumentiertes Interpretationsangebot festzulegen. Zwar bietet er keine vollständige Kartierung der Deutungsmöglichkeiten, die sich angesichts digitaler Selbstüberwachung womöglich ausfindig machen ließen. Dennoch trägt sein Buch eindeutig zur Bereicherung der Debatten um die Digitalisierung des Sozialen bei, schon allein weil sein Interpretationsvorschlag geeignet ist, Widerspruch hervorzurufen.

Das erste Kapitel führt kursorisch in die Geschichte des Internets ein. Auf wenigen Seiten wird zunächst dessen Ursprung im Militärkeynesianismus des Kalten Krieges verortet. Bereits die Entstehung digitaler Technologie lokalisiert Schaupp mithin in einem Kontext von Herrschaft – und fomuliert damit eine Lesart, die hinsichtlich der übergeordneten Narration durchaus plausibel erscheint, im Text allerdings nicht weiter ausbuchstabiert wird. Sodann stellt Schaupp sein methodisches Instrumentarium vor. Im Anschluss an die auf diesem Gebiet nach wie vor einschlägigen Theorien von Foucault und Deleuze entscheidet er sich für eine Mikrodispositivanalyse, die Diskursfragmente zum Thema digitales Self-Tracking untersucht. Anders und weniger anspruchsvoll ausgedrückt: Er schaut sich die Werbung für Self-Tracking-Produkte an. Was Schaupp dabei interessiert, sind die Versprechen, die Self-Tracking Devices für ihre Nutzer_innen attraktiv machen. Für welche Probleme geben sie vor, die Lösung zu sein? Welchen vor allem auf dem Arbeitsmarkt existierenden Herausforderungen soll sich mit ihrer Hilfe begegnen lassen?

Im zweiten Kapitel werden dann Sport, Gesundheit, Zeitmanagement, Selbstdisziplinierung und andere konkrete Anwendungsfelder digitaler Selbststeuerungstechnologien beschrieben. In jedem der genannten Bereiche, so Schaupp, unterstütze und verstärke deren Einsatz ein „stark instrumentelles Selbstverhältnis“ (S. 74), in dessen Rahmen psychische und physische Mechanismen „gezielt benutzt“ würden, „um Leistungssteigerungen zu erreichen“ (ebd.).

Im dritten Kapitel wird das ermittelte Anwendungsspektrum unter dem Schlagwort des „kybernetischen Kapitalismus“ diagnostisch ausgewertet. Schaupp identifiziert zunächst vier dem zeitgenössischen Kapitalismus eigene Problemlagen (in seinen Worten: „Notstände“), auf die Self-Tracking-Technologien reagierten: Erstens setze die Notwendigkeit fortschreitender Rationalisierung alle Besitzer_innen von Arbeitskraft unter einen steten Anpassungs- und Leistungsdruck. Die genaue Selbstvermessung der eigenen körperlichen Ressourcen und – darauf aufbauend – ihre gezielte Optimierung seien letztlich dazu angetan, die Arbeitskraft der Marktsubjekte in eine hochkompetitive Arbeitswelt einzupassen. Zweitens ziehe die Notwendigkeit unausgesetzt voranschreitender Landnahme als Reproduktionsvoraussetzung kapitalistischen Wirtschaftens immer neue Lebensbereiche in den Strudel der Profitgenerierung hinein. Self-Tracking-Technologien versprächen in diesem Zusammenhang die Aneignung „unbezahlter Arbeit in Form von Daten“ (S. 81), mit deren Hilfe sich wiederum neue Geschäftsmodelle anstoßen ließen, die ihrerseits keineswegs zwingend die Form von Apps und Gadgets annehmen müssten. Drittens sei gerade die postfordistische Ökonomie mit ihren wissens- und empathieintensiven Hightech- und Hightouch-Berufen, ihrer Aktivierung weiblicher Erwerbsarbeit und der generellen Abwertung physischer Normalarbeit durch eine tiefgreifende Krise der Männlichkeit geprägt. Self-Tracking-Technologien, zumal wenn sie mit der Vermessung körperlicher Leistungsfähigkeit operieren, böten hier ein Substitut für den Verlust männlicher Selbstwirksamkeitserfahrungen. Sie stünden mithin für die „Durchsetzung neuer Männlichkeitsnormen“ (S. 82). Die in ihnen zum Ausdruck kommende „kybernetische Männlichkeit“ (S. 142) versöhne „vormals weiblich konnotierte Fähigkeiten“ (S. 141) – Selbstaufmerksamkeit, Körperneurotik, Konsumorientierung – mit einer klassisch männlichen, weil „militärischen“ Ästhetik wettkampforientierter Selbstverhärtung. Das Militärische wird gewissermaßen narzisstisch. Eingebunden in rekursive Selbststeuerungstechnologien, die mit allerlei kostenpflichtigen Zusatzprodukten kombiniert werden, wird die harte Arbeit am eigenen Wirksamkeitspotenzial genieß- und folglich auch konsumierbar. Viertens enthält der Anforderungskatalog, mit dem sich das unternehmerische Selbst des Postfordismus konfrontiert sieht, Schaupp zufolge ein spezifisches Disziplinarproblem: Gerade im Kontext moderner Wissensarbeit würden elaborierte und zuverlässige Fähigkeiten der Selbstkontrolle unabdingbar. Self-Tracking-Anwendungen nähmen in diesem Zusammenhang den Charakter von Eigenverwaltungs- respektive Eigensteuerungsinstrumenten an, die das Subjekt auf Trab halten, indem sie es kontinuierlich mit Informationen über den erreichten oder unterbotenen Stand an Selbstdisziplinierung versorgen. Indem sie ihre Träger auf diese Weise zu immer neuen (Höchst-)Leistungen antrieben, ohne dass Überanstrengung oder Überforderung als Optionen überhaupt vorgesehen wären, so Schaupp, fungierten die Self-Tracking Devices letztlich als „Waffen der Streikunterdrückung“ (S. 141).

Als kybernetische und kapitalistische Technologie begreift Schaupp das Self-Tracking, weil in ihm „die kybernetischen Prinzipien der Selbstregulierung und Rückkopplung als gemeinsames Charakteristikum neoliberaler Kapitalakkumulation und Kontrolle“ (S. 89) zusammengeführt würden. Dass Schaupp insbesondere die kybernetischen Aspekte an den von ihm analysierten Phänomenen hervorhebt, ist vor allem seiner Absicht geschuldet, die in der Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus seiner Meinung nach bislang nur unzureichend berücksichtigte Kontrollproblematik stärker zu beleuchten (ebd.). Mit der Betonung automatisierter, direkt auf Profitgenerierung zielender Feedbackprozesse möchte Schaupp in diesem Zusammenhang einen spezifischen Modus von Prozesskontrolle herausstellen, der sich in Self-Tracking-Technologien zwar exemplarisch beobachten lasse, der seiner Ansicht nach aber – anders kann man die nicht eben bescheidene Ausrufung einer kybernetischen Spielart des Kapitalismus nicht verstehen – auch in anderen gesellschaftlichen Arenen wirksam ist.

Sowohl die große Stärke als auch die Schwäche des Buches liegen gerade in dieser generalisierenden Zuspitzung: Die These, dass es sich beim Self-Tracking um eine besondere, nämlich um eine kybernetische Form von Kontrolle handeln soll, ist durchaus plausibel. Tatsächlich haben wir es ja mit halbwegs autonom operierenden Systemen zu tun, die auf ihre Komponenten in spezifischer, nämlich auf Optimierung zielender Weise einwirken. Indem das Regulationsmodul der App deren Nutzer_innen, wie eingangs beschrieben, unablässig dazu anspornt, jede einmal erreichte Tagesleistung künftig neuerlich zu überbieten, generiert es mit seinem automatisch erstellten Leistungsfeedback permanent Botschaften, die sich gar nicht anders verstehen lassen, denn als Aufforderungen zur fortgesetzten Selbstoptimierung. Gleichwohl reicht keine noch so überzeugende Interpretation von Selbstoptimierungsversprechen in der Werbung und deren Einarbeitung in gängige Kapitalismusanalysen hin, um in generalisierender Absicht von einem „kybernetischen Kapitalismus“ zu sprechen. Zudem stellt sich die Frage, ob die von Schaupp analysierten Prozesse mit dem Begriff der „Kontrolle“ überhaupt richtig beschrieben sind, oder ob es in der Mehrzahl der beschriebenen Fälle nicht doch in erster Linie um die Setzung von Anreizen geht, also um Verfahren, die angemessener als nudging zu beschreiben wären? Schaupp selbst liefert ja das beste Bespiel dafür, wie leicht es tatsächlich sein kann, sich der Kontrolle durch eine Selbstvermessungs-App zu entziehen. Eine Ansammlung kybernetischer Schaltkreise macht noch kein stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit.

Zudem versäumt es Schaupp zu fragen, ob bei den Nutzer_innen der Selbstvermessungstechnologien womöglich andere Motive als das Streben nach marktkonformer Optimierung im Spiel sein könnten. Schließlich bieten die beschriebenen Technologien statusunsicheren Subjekten im Postfordismus doch ebenfalls leicht zugängliche Gratifikationssysteme und damit womöglich Chancen zur Steigerung des Selbstwertgefühls: Wenn Beruf und Familie als Arenen der Statusgewinnung unsicher werden, bieten Selbst-Tuning-Apps eventuell geeignete technische Substitute für ausbleibende Formen sozialer Wertschätzung. Entsprechende Nutzungsformen deuteten dann freilich eher auf eine selbstbestimmte Erweiterung eigener Erlebensmöglichkeiten als auf ein sklavisches Verhältnis zum Markt hin.

Dass Schaupp eine für die Gegenwartsdiagnostik attraktive Begriffsprägung an der Angel hat, steht ebenso außer Frage wie seine Fähigkeit zur genauen soziologischen Beobachtung und Beschreibung. Damit aus der klugen und erhellenden Einzelstudie eine tiefenscharfe Gesellschaftsanalyse wird, die zudem noch eine neue Form des Kapitalismus auf den Begriff bringt, bräuchte es freilich noch sehr viel mehr an empirischer und theoretischer Arbeit. Spezifische Güter im ungeheuer reichen Warenangebot der jüngeren Technologien auf die sie charakterisierenden Besonderheiten hin zu beschreiben, reicht dazu nicht aus. Einstweilen ist „kybernetischer Kapitalismus“ nur eine suggestive Metapher – und der Titel eines lesenswerten Buches. Es bleibt zu hoffen, dass Schaupp zur Erhärtung seiner weitergefassten Kybernetisierungsthese nachlegt.

Fußnoten

[1] Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt am Main 2007.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.