Das Spiel (mit) der Regenerierung

Rezension zu "The Game of Urban Regeneration. Culture & Community in London 2012 and Berlin’s MediaSpree" von Francesca Weber-Newth

Die Beschäftigung mit dem Thema städtischer Regenerierung ist ein voraussetzungsvolles Unterfangen. Allein schon der Begriff „Regenerierung“ suggeriert, dass „Städte“ als gesamtheitliches Konglomerat existieren und vor allem auch in dieser Weise funktionieren. Doch der Begriff impliziert noch mehr; Er unterstellt, dass es möglich ist, durch gezielte Handlungen etwas zur Wiederherstellung, verstanden als eine Art Heilung, der Städte beizutragen. Im Gegensatz zur englischsprachigen Literatur – in der sich regeneration als Synonym für investorengetriebene Stadterneuerung etabliert hat – findet man ihn in der deutschsprachigen kaum. Zu Unrecht, wie ich finde. Denn es schwingt darin mit, dass die Stadtentwicklungspraxis immer mehr als die Summe ihrer Teile ist und dass sie sich analytisch nur bedingt in einzelne Schritte unterteilen lässt. Das wicked problem[1] jeglicher Stadtplanung besteht genau in dieser Multiperspektivität, die sich unter anderem daraus ergibt, dass die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Interessen und Handlungsoptionen haben. Stadtentwicklung – für wen und wozu? In den letzten Jahren wurde diese Frage zum Kampfbegriff gesellschaftlicher Veränderungsprozesse schlechthin – man denke an die Aktionen zum „Recht auf Stadt“. Von den Aktivisten wird eine „Stadt von unten“ wird gefordert, Enteignung der DW (Deutsche Wohnen) als probates Mittel proklamiert (siehe Foto 1).

 

Foto 1: Der Kampfbegriff „Recht auf Stadt“ beziehungsweise „Stadt von unten“ an der Häuserwand (hier: Messedamm, Berlin, 28.06.2020)

Seitdem Stadtplanung als institutionalisierter Vorgang verfolgt wird, folgt sie cum granis salis zwei Grundaxiomen: erstens wird versucht, etwas gegen die schädlichen Folgen lokaler Entwicklungen für die Gesamtstadt zu tun und zweitens etwas für deren Wettbewerbsfähigkeit und Repräsentation. Anfangs ging es darum, die krankmachenden Lebensbedingungen in den dicht bewohnten und schnell hochgezogenen Arbeitersiedlungen in den Städten durch eine Verbesserung der Infrastruktur in den Griff zu bekommen. Man darf bezweifeln, dass damals irgendjemand eine genaue Vorstellung davon hatte, wie für diese Massen an Menschen ein besseres Leben aussehen könnte – Coketown Manchester ging als krasses Beispiel in die Geschichte der Stadtforschung ein.[2] Doch die Planer wussten, welche Nebenwirkungen die Mietskasernen und die bauliche Struktur der Armutsviertel auf die gesamte Stadtgesellschaft haben würden: eine Ausweitung von Seuchen sowie Armut und ihnen auf dem Fuße folgend, Aufruhr. Man tat etwas gegen die Gefährdung des status quo, unter anderem indem man Teile des Gesamtstadtraumes, etwa Parks und andere öffentliche Räume, für die Allgemeinheit öffnete. Regenerierung setzte so immer wieder entweder an besonderen Orten in der Stadt an oder diese wurden eigens geschaffen. In den wichtigen europäischen Großstädten entwarfen Architekten und Planer im späten 19. Jahrhundert exklusive Ausstellungsareale für Repräsentations- und Wettbewerbszwecke. Später wurden diese Areale der Allgemeinheit zugänglich gemacht und zur Ankurbelung des aufkommenden Tourismus in Szene gesetzt. Die strategische Nutzung von Events und baulicher Struktur, am besten beides in einem, ist daher keine neue Erscheinung. Die Weltausstellungen in London, Paris und Barcelona seit 1855 sind gute Beispiele für eine solche Event/Location-Kultur. Olympia ist seit 1900 eine Variante derartiger ortsgebundener Regenerierungspraxen. Großereignisse waren in dieser Zeit der Inbegriff der Moderne.[3] So wurden Sportereignisse als eine Privatangelegenheit angesehen, die Aufrüstung der Stadien war eine Unternehmensstrategie. Die Unternehmer baten allenfalls um Spenden. Im Vorfeld der olympischen Spiele von 1908 kam noch niemand auf die Idee, öffentliche Gelder zur Finanzierung des Vorhabens anzufragen. Auf Dauer angelegte Infrastrukturen wurden erstmals in den 1920er-Jahren in London geschaffen. Nach dem zweiten Weltkrieg dienten die Festivals und Veranstaltungen vorwiegend zur Rekonstruktion der Nachkriegsstädte – ein Trend, der etwa um 1970 mit der Krise der Industriegesellschaft abebbte. In ihre Fußstapfen traten, zumindest in Deutschland, die Bundesgartenschauen in den 1980er-Jahren. In Berlin Kreuzberg gelang es zu dieser Zeit mit der innovativen Idee einer behutsamen Stadterneuerung und der damit verbundenen Utopie einer gerechteren Stadt sowie durch eine ordentliche Portion Experimentierfreude ganze Straßenzüge vor dem Abriss zu bewahren[4]. Angespornt von den Erfolgen einer Jane Jacobs in New York City und deren Engagement zum Erhalt von seinerzeit als Subkultur klassifizierten Soziotopen, achtete man im Planungsprozess nun mehr auf die ansässige Bevölkerung. In den großen Städten entstanden auf Brachen, den Restflächen der gesellschaftlichen Verwertung, immer wieder Freiräume, die stets umkämpft waren. Denn nun war die öffentliche Hand in Stadtentwicklungsprozesse involviert und suchte in den 1990er-Jahren aktiv den Schulterschluss mit privaten Anbietern. Seit den 2000er-Jahren lässt sich in der Planung dann eine stärkere Hinwendung zu benachteiligten Stadtgebieten mit hoher Diversität beobachten. Denn diese liefen häufig Gefahr, zu einer internen, verarmten Peripherie der Städte zu werden. Der Anspruch an die Regenerierung wandelte sich entsprechend und mit ihm die Planung urbaner Großprojekte. Bis heute erfährt man im Vorfeld eines Events weiterhin viel über die Architektur und Verkehrsanbindung sowie über die beabsichtigte Gewerbestruktur, doch wenig darüber, was eigentlich die Folgen dieser Projekte für die Stadtbevölkerung sein könnten und welche Rolle die EinwohnerInnen in der Regenerierung spielen könnten.

Mit großem Interesse nehme ich also Francesca Weber-Newths “The Game of Urban Regeneration” in die Hand, zumal die Autorin in Rückgriff auf Bourdieu von einem „Spiel der Regenerierung“ spricht. Dadurch signalisiert sie, dass sie, aufbauend auf Lefebvre[5] die Stadt als „produziert“, das heißt, durch Prowachstumskoalitionen von Investoren und Developern, Geschäftsleuten und Politikern wie auch Aktivisten, Akademikern und lokalen Bewohnern geprägt[6], auffasst. Die Autorin bedient sich des Besteckkastens der kritischen Stadtforschung, weil sie sich genau für diese Fragen nach den (schwer greifbaren) Machtstrukturen und ungleichen Bedingungen der verschiedenen Stakeholder interessiert. Durch den Vergleich von zwei Großprojekten, die starke Anleihen an einem Do-it-Yourself-Urbanism nehmen und sich in alternativ geprägten Stadtvierteln befinden, will sie die Aushandlungsprozesse in urbanen Regenerierungspolitiken verstehen. Dabei ist es nicht unerheblich, dass es sich um einen internationalen Vergleich handelt. Derartige Vergleiche sind wichtig, weil man nur so verstehen kann, was Stadtentwicklung im 21. Jahrhundert ausmacht. Doch wie genau funktionieren also derartige Prozesse in demokratisch organisierten Gesellschaften? Wie entsteht ein Machtfeld aus den diversen Akteuren und wie verhandeln sie ihre Interessen? Weber-Newths Buch bearbeitet diese großen Fragen in sechs (kleinen) Kapiteln. Nach einer Einführung in die wissenschaftlichen Sichtweisen auf Regenerierung und nach der Vorstellung der von ihr gewählten Fallbeispiele (London und Berlin) folgt im zweiten Kapitel eine Darstellung der britischen und deutschen Planungspolitiken im Kontext politischer und ökonomischer Restrukturierung. Im dritten Kapitel überträgt die Autorin den Spielbegriff von Bourdieu auf die Planungspraxis arbeitet sowohl den Kultur- als auch den Gemeinschaftsbegriff theoretisch auf. Mit diesem Begriffsapparat werden anschließend die beiden ausgesuchten Fallbeispiele (Kapitel 4 und 5) empirisch durchleuchtet. Den Abschluss macht eine konzise Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse. Insgesamt handelt es sich bei dem Buch um die Ergebnisse ihres Dissertationsprojektes, eines ambitionierten Vorhabens im Wissensgebiet der Regenerierung von Städten.

Im globalisierten Wettbewerb, davon geht die Autorin aus, haben bis heute überhaupt nur drei Planungsparadigmen überlebt: die tourist city, die creative city und die mega-projects – allesamt in beiden Städten vertreten. Weber-Newth, selbst über viele Jahre als Community-Aktivistin aktiv, versteht, dass sich diese Ansätze sehr wohl aufeinander beziehen oder zumindest nicht ohne einander können. In ihrer Empirie befasst sie sich intensiv mit zwei Beispielen alternativer Lebenswelten, die sich zunächst im Windschatten der Neoliberalisierung vollzogen: Hackney Fish Island in London und der Rudolfkiez in Berlin. Beide Fallbeispiele liegen inselartig zwischen Verkehrsinfrastruktur, waren über Jahrzehnte hinweg sozio-ökonomisch benachteiligt und sind seit Beginn der Jahrtausendwende durch bottom-up-Initiativen, Widerstand gegen institutionelle Stadtentwicklungsakteure und hinzuziehende Kreative gekennzeichnet. Beide lagen – und dies bildet das Tertium comparationis – im Einzugsbereich von Großprojekten, in London Olympia und in Berlin MediaSpree. Weber-Newth treibt vor diesem Hintergrund die Frage um, wer die Gewinner und wer die Verlierer der Regenerierungspolitiken sind, die beide Stadtteile getroffen haben. Welche Spieler können sich mit ihren Vorstellungen schneller durchsetzen und wessen Habitus und Kapital dominieren in den verschiedenen Arenen des Spiels (S. 76f)? Was für eine Bedeutung wird in diesem Spiel den Begrifflichkeiten „Kultur“ und „Gemeinschaft“ (community) beigemessen, die sowohl unter Sympathisant*innen eines top-down als auch eines bottom-up Ansatzes der Regenerierung Teil der machtgeladenen Rhetorik sind? Wem gelingt es, in diesem war of words welche Interessen durchzusetzen? München 1972, Barcelona 1992 und auch Sydney nutzten die Olympischen Spiele seinerzeit schon zur gezielten Aufwertung von sozio-ökonomisch benachteiligten und von der De-Industrialisierung besonders stark betroffenen Stadtteile – aus dieser Verknüpfung entsprang in den 2000er-Jahren der Begriff der „Regeneration Games“[7], den Weber-Newth nun mit dem Spielbegriff von Bourdieu zusammenbringt.

Weber-Newth nimmt an, dass es vor allem die Interessen der Gesamtstadt sind, die sich in der Rhetorik widerspiegeln und nicht die Bedürfnisse einzelner Nachbarschaften (S. 65). Hier begibt sie sich – vor allem für London – auf schwieriges Terrain. Denn insbesondere in London wechselten die politischen Großwetterlagen darüber, was Planung bei Großprojekten ausrichten kann, stets und setzten dabei in unterschiedlichem Maß auf eine Steuerung von Planung (statt auf den Markt allein).

Als idealtypische Spieler sieht Weber-Newth die Behörden (in London die London Legacy Development Cooperation (LLDC), in Berlin die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, SenStadt), die Wirtschaft (in London Private-Public-Partnerships aus multinationalen Unternehmen und der Stadt sowie in Berlin MediaSpree, MTV, Coca Cola und andere; später Holzmarkt e.V. und Spreefeld Kooperative als Developer) und die Zivilgesellschaft (Anwohner, Aktivisten, Community-Manager und Künstler – in London konkretisiert an den Aktivisten des White building, Stour Space und in Berlin des Rudolfplatz, Spreeufer). Sie alle schreiben sich „Kultur“ und „Gemeinschaft“ auf ihre Fahnen, prägen die, um diese Begriffe gerankten Narrative und versuchen sie zu ihrem Vorteil zu nutzen. Weber-Newth arbeitet in ihrer Studie die verschiedenen Erzählungen heraus und greift dafür auf Dokumente, Nachbarschaftspublikationen und Interviews zurück. Die Erzählungen versteht sie nicht einfach als simple Exerzierfelder neoliberaler Stadtentwicklungspolitiken, sondern – im Rückgriff auf die Bourdieu – als reproduziert durch vielfach unbewusste und un-koordinierte Praktiken unterschiedlicher sozialer Akteure. Damit die verschiedenen Akteursgruppen Erfolge im politischen und ökonomischen Feld erzielen können, müssen sie Begriffe für sich (um-)definieren und sich dabei zuerst ihrer Ambivalenz bewusst werden. Geübte Spieler haben im Laufe des meist mehrjährigen Prozesses ein Gefühl für das Spiel entwickelt und positionieren sich umso geschickter, je stärker sie in das Feld involviert sind. Dadurch werden wiederum andere Spieler am Erfolg gehindert. Städtische Gruppen, die sich in bestimmte Definitionen nicht einpassen (können), laufen Gefahr außen vor zu bleiben.

 

Foto: Das Holzmarktareal im April 2020, Aufnahme: Martin Düspohl.

Im Falle des Londoner Boroughs Hackney lautete die Erzählung in etwa: ‚das arme Hackney braucht Investitionen in die Nachbarschaft, damit es sich aus Armut und Benachteiligung herausentwickeln kann‘ und  wurde für die Durchsetzung der olympischen Spiele dienstbar gemacht. Dabei handelte es sich um den geschickten Einsatz des bereits oben skizzierten seit den 2000er-Jahren typischen Argumentationsmusters. Weber-Newth rekonstruiert wie Unternehmer hofften, Vorteile aus Olympia zu ziehen, und wie Kreative sich die Nachbarschaft aneigneten. Darüber hinaus schildert sie eindrücklich, wie die Trowbridge Estate Senior Citizens sich schon in den 1990er-Jahren gegen den Abriss ihrer Bungalows einsetzten und ihren Stadtteil als Ort vielfältiger sozial dichter Verbindungen mitbrachten – was später jedoch nur ansatzweise in die Erzählungen zur Regenerierung einging. Im Kontrast dazu dominierte und überlebte in Berlin die Deutung des Geschehens durch die Kreativkultur. Eine ähnliche Diskrepanz findet sich bei der Dienstbarmachung des Begriffs „Gemeinschaft“: am Beispiel von Ausstellungen legt die Autorin dar, wie kollektive Geschichte erzeugt und die Rolle einzelner sozialer Gruppen heruntergespielt wurde. Die Eigendarstellung als florierende, kohäsive und außenorientierte Gemeinschaft wurde in London von den Planern aufgegriffen, weil sie nützlich für die neoliberale Verwertung war. Anders waren die Dinge in Berlin gelagert: dort müssen viele Freiräume aufgrund des seit Mitte der 2000er gestiegenen Verwertungsdrucks umziehen oder sich anderweitig anpassen. Das illustriert etwa der Wandel der Initiative zum Schutz des Rudolfkiezes über Mediaspree zum Holzmarkt Ein Großteil seiner Initiator*innen hatte zuvor den legendären Techno-Club “Bar25” auf dem Gelände des heutigen Projekts betrieben, dessen Pachtvertrag 2010 auslief. Die Bar musste schließen und ihre Macher*innen eröffneten den Club Kater Holzig in einer ehemaligen Seifenfabrik. Als 2012 das ursprüngliche Grundstück auf der Nordseite von den Berliner Verkehrsbetrieben an den Meistbietenden verkauft werden sollte, beteiligten sie sich und gewannen mithilfe der Schweizer Pensionskasse Stiftung Abendrot. Für rund 10 Millionen Euro wechselte das Gelände in die Hände der Stiftung Abendrot. Von ihr pachtet die neu gegründete Genossenschaft Holzmarkt plus das Areal für 75 Jahre und entwickelt es im Verbund mit weiteren Beteiligten. Erklärtes Ziel des Projekts ist war es anfangs, ein sich permanent veränderndes Quartier zu schaffen, in dem Kunst und Kultur partizipativ erlebt werden können. Die Geschäfte vor Ort sollten so profitabel sein, dass sie mindestens die jährlich anfallende Pacht als auch Gehälter und weitere anfallende Kosten decken können[8]. Auch wenn das Holzmarktgelände wegen andauernder Rechtsstreitigkeiten und fehlender Mittel der Stiftung heute Eigentum einer Projektgemeinschaft ist, blieb die Idee des Künstlerquartiers bestehen. Das Areal in der Nähe des Rudolfkiezes gilt als Beispiel dafür, wie Kunst- und Kulturschaffende im wiedervereinigten Berlin versuchten, ihren „Platz“ inklusive seiner Finanzierung zu sichern. Es stellt einen der wenigen Fälle dar, in denen sie unter neoliberalen Marktbedingungen in die formale Planung aufgenommen wurden. Das Lobbying mit den „richtigen Begriffen von Gemeinschaft“ führte bei dieser wie auch bei anderen Initiativen zu einer Art Zähmung der kritischen Zivilgesellschaft. Weber-Newth zeigt diesen Prozess anschaulich auf, nicht zuletzt am Aufwertungsnarrativ. In dieser Stadt wurde es von den Behörden mitentworfen und durch die lokalen Unternehmensführer mit vorangetrieben. Immer dann, wenn die unkonventionellen Formen von bottom-up Initiativen, der Do-it-yourself-Urbanism, in das Raster der der creative-city Regenerierungspolitiken fielen, erhielten sie sowohl politische Unterstützung als auch finanzielle Förderung und verschärften so die Insider-Outsider-Konstellation zwischen kooperierenden und nicht-kooperierenden Teilen der Zivilgesellschaft. Die Autorin schließt, dass es sich bei den Initiativen im besten Falle um Andeutungen potentiellen Wandels zu einem bestimmten Zeitpunkt handelt, im Sinne einer Abkehr von einer reinen Verwertungslogik. Die Irritationen, die von diesen alternativen bottom-up-Initiativen ausgehen und die stark an einzelne Akteure gebunden bleiben, sind für die Regenerierungspraxis dennoch wichtig, weil sie Anknüpfungspunkte für eine veränderte Sichtweise bieten können.

Das Buch ist flüssig geschrieben, wobei die Vielzahl der Erzählstränge den Lesefluss manches Mal irritiert. Sehr positiv hervorzuheben ist, dass die international gewählten Fallbeispiele zueinander in Beziehung gesetzt werden, dass die Autorin angesichts der heterogenen Akteurskonstellationen aber erst gar nicht so tut, als sei eine direkte Vergleichbarkeit gegeben. Die Übertragung von Bourdieu auf die Planungspraxis erweist sich als gelungener Schachzug, will man der Verkürzung einer vermeintlichen Alleinherrschaft der ökonomistischen Logik des Neoliberalismus analytisch entkommen. Insgesamt handelt es sich um ein lesenswertes Buch, das die Veränderungen der Regenerierungspraxen in den letzten drei Dekaden exemplarisch aufzeigt und klar macht, dass das, was heute in der Stadt als attraktiv gilt, eine lange Vorgeschichte hat. Die eingangs aufgezeigten Grundaxiome haben demnach weiter Bestand. Weber-Newths Verdienst ist es, herauszuarbeiten, dass sich besonders gut solche Definitionen durchsetzen, die die durchlebten Widerständigkeiten im Sozialgefüge ausblenden (können).

Fußnoten

[1] Siehe zu dem von Rittel (Horst Rittel, "On the Planning Crisis. Systems Analysis of the 'First and Second Generations", in:  Bedriftskonomen, 8 (1972), S. 390–396) geprägten Begriff der „Bösartigkeit von Planungsproblemen“ (Wolf Reuter, Rittel revisited: oder von der Notwendigkeit des Diskurses, 2006, S. 210–247, hier 212ff). In Kürze: es gibt aufgrund der Komplexität keine definitive Formulierung für ein bösartiges Problem, weil sich immer wieder neue Informationen auftauchen und den Problemlösungsprozess beeinflussen; es gibt keine „Stopp-Regel“ (irgendwann muss man aufhören, unendliche Kausalketten tun sich auf); Lösungen sind nicht richtig-oder-falsch, sondern gut-oder-schlecht; es gibt keine unmittelbaren Überprüfungsmöglichkeiten für die Lösung eines bösartigen Problems; jede Lösung ist eine „one-shot-operation“ (ein Plan ist folgenreich, hat langfristige Konsequenzen); bösartige Probleme haben weder eine zählbare oder beschreibbare Menge potentieller Lösungen und es gibt keine Menge erlaubter Maßnahmen, die zur Problemlösung eingesetzt werden können; jedes bösartige Problem ist einzigartig; jedes bösartige Problem kann als Symptom eines anderen Problems betrachtet werden; die Wahl der Erklärung bestimmt die Art der Problemlösung und der Planer hat kein Recht, unrecht zu haben. Planer sind nicht auf der Suche nach Wahrheit, sondern auf eine Verbesserung der Welt aus. Der Text von Reuter findet sich in dem Sammelband von Klaus Selle (Hg.) unter Mitwirkung von Lucyna Zalas, Planung Neu Denken. Bd. 1, Lemgo 2006.

[2] Lewis Mumford, The City in History. Its Origins, its Transformations, and its Prospects, Harcourt 1961.

[3] Andrew Smith, Events and Urban Regeneration. The Strategic Use of Events to Revitalise Cities. London 2012, S. 45f.

[4] Siehe zur Bedeutung von bottom-linked Ansätzen der Stadtentwicklung auch die Dokumentation des Vortrages der Autorin auf der Tagung: Getting the measure of Baukultur – pour un espace de vie de qualité am  4. und 5. November 2019 in Genf (Schweiz). Titel: Baukultur’s challenges: encouraging fragile connections future. Zu sehen unter:  davosdeclaration2018.ch/conference-2019-geneva/. 

[5] Henri Lefebvre, The Production of Space. Oxford 1991.

[6] John Mollenkopf, Neighborhood Political Development and the Politics of Urban Growth, in: International journal of urban and regional research, 5 (1981), 1, S. 15–39.

[7] Valerie Viehoff, „The Regeneration Games“? Das Erbe der Spiele: East-London post 2012. Das Beispiel Stratford, in: Veronika Selbach und Klaus Zehner (Hg.) London – Geographien einer Global City, Bielefeld 2016, S. 153–184, hier: 154.

[8] Ergebnisse des Master-Projektseminars „Spielwiesen der Urbanität – Freiräume in Berlin“ im Wintersemester 2017-2018 an der TU-Berlin, Institut für Stadt- und Regionalplanung, unter Leitung der Autorin

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Philipp Tolios.