Das Wissen der Netzwerk-Gesellschaft

Noortje Marres erörtert Aufgaben und Probleme einer Digitalen Soziologie

Es ist noch gar nicht so lange her, da konnten Soziolog_innen das Thema der Sozialität digitaler Vernetzung noch in Frageform behandeln. Spätestens seitdem die sozialen Medien und ihre Plattformen als Infrastruktur von Praktiken verschiedenster Art fungieren, geht es allerdings immer weniger um die Frage, ob digitale Vernetzungsprozesse mit neuen Sozialitäts- und Vergesellschaftungsformen einhergehen, sondern vielmehr darum, welche dieser Formen wie umgewandelt, verformt, kolonisiert, zerstört, erneuert oder ermöglicht werden. In dieser Situation kommt das neue Buch der an der University of Warwick lehrenden Soziologin Noortje Marres gerade recht, hilft es uns doch, angesichts des hohen Innovationstempos in diesem Bereich den Überblick zu behalten.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass Digital Sociology die Digitalisierungsthematik von einer dezidiert methodologischen Warte aus behandelt – freilich ohne sich auf diese zu beschränken. Tatsächlich zielt das Buch auf nicht weniger als eine „integrated analysis of the practical, methodological, and political problems and opportunities that today’s digital infrastructures, devices and practices open up for the analysis of social life“ (S. 1). Marres, die sich als pragmatistisch inspirierte Post-ANT-Erforscherin öffentlicher Kontroversen um Wissenschaft und Technik einen weithin bekannten Namen gemacht hat,[1] geht damit offensiv die methodischen, epistemologischen, ethischen und politischen Fragen an, die sich seit gut fünfzehn Jahren im Bereich des digital basierten Wissens um das Soziale und Gesellschaftliche entwickelt haben. Ihre Grundannahmen basieren auf einer Reihe von Beobachtungen, die auch von vielen anderen Protagonist_innen im Forschungsfeld zum Ausgangspunkt der weiteren wissenschaftlichen Arbeit gemacht werden: dass nämlich mit dem Aufkommen digitaler Vernetzung Infrastrukturen der Sozialität entstanden sind, die sowohl den Aufbau als auch die Beobachtung des Sozialen ermöglichen (S. 14ff.), und dass es im gleichen Zuge zu einer Vervielfältigung von Instanzen gekommen ist, die Wissen über das Soziale generieren – und Letzteres gleichzeitig tiefgreifend prägen (S. 21ff.). Hierbei kann man zunächst an Plattformen wie Facebook oder Twitter denken, aber es geht um mehr: Auch die nicht zuletzt durch vollmundige Machbarkeitsbehauptungen aufgefallene Computational Social Science – eine mit großen Datensätzen und reichlich Rechenpower ausgestattete Form der positivistischen Makroanalyse, von der Marres sich im Buch deutlich abgrenzt – spielt eine Rolle. Und schließlich auch die, aus dem Umfeld der Science Studies beziehungsweise der Akteur-Netzwerk-Theorie hervorgegangene Mapping of Controversies-Methodologie, wie sie, neben Marres selbst, beispielsweise von Tommaso Venturini und Richard Rogers (in zumindest ähnlicher Form) betrieben wird.[2] All diesen Ansätzen ist gemein, dass sie die auf den großen Plattformen generierten und über Schnittstellen (APIs: Application Programming Interfaces) zum Teil zugänglich gemachten Datensätze analysieren, um daraus Erkenntnisse über Sozialitäts- und Vergesellschaftungsprozesse zu gewinnen.

Damit fangen die vielfältigen Probleme aber auch schon an. Nach einer kurzen Einleitung arbeitet sich Marres an sechs Fragestellungen ab, mit denen sich eine nicht-kommerzialisierte, nicht-positivistische, ethisch akzeptable und epistemisch wie methodologisch gleichermaßen robuste Digitale Soziologie ihrer Ansicht nach gegenwärtig konfrontiert sieht. Doch der fragende Gestus sollte die Leser_innen nicht täuschen: Marres lässt keinen Zweifel daran, dass die Soziologie die Analyse von Twitter Hash-Tags oder des Facebook Social Graph weder den Internet-Giganten noch den positivistischen Datenanalysten überlassen darf (S. 43ff.) – und zwar gerade weil die neuartige Form der Sozialforschung so viele Probleme aufwirft (ebd.). Ihre stets um Differenzierung bemühte Argumentationsweise folgt dabei zumeist dem Schema Frage formulieren – Diskurs ordnen – Positionen identifizieren – eigene Position bestimmen. In diesem Sinne wird auf die Frage, was Digital Sociology denn eigentlich sei (Kap. 1) zunächst ein kursorischer Überblick über die Herkunft der Digitalisierungsfrage in der Soziologie sowie auf die aktuelle Kontroverse um die Digitale Soziologie gegeben, um anschließend Ansätze danach zu unterscheiden, ob sie Digitale Soziologie 1) am Phänomen des Digitalen, 2) an digitaler Analysemethodik oder 3) an den neuartigen Möglichkeiten der Interaktivität zwischen Forschenden und Beforschten festmachen. Marres‘ eigene Position läuft dann auf eine Art Mischform hinaus, der zufolge „all digital sociology projects must somehow address each of the three ‚digitals‘“ (S. 32). Dementsprechend sei hinsichtlich der Erforschung des Digitalen, verstanden als neuer „total social fact“ (S. 13), ein Bewusstsein für die komplexen Verstrickungen zu entwickeln, die sich aus Doppelter Hermeneutik und aus der Interaktivität zwischen Wissen, Technologie, Sozialität, Forschenden und Beforschten ergäben: „Digital sociology is ultimately a form of awarenss, nothing more, nothing less.“ (S. 44)

Auch hinsichtlich der Frage nach der spezifischen Sozialität digitaler Infrastrukturen (Kap. 2), die im Diskurs an technischen Interaktivitätsfeatures, spezifischen Datenmaterialien oder hybriden Praktiken festgemacht wird, nimmt Marres eine „complementary“ (S. 58) Perspektive ein: Da digitale Infrastrukturen gleichzeitig Wissen über und Formung von Sozialität ermöglichten (S. 61 ff.), müsse ein „holistic view“ die (Technizität der) Plattformen, die (Spezifik der) Daten, die (Hybridität der) Praktiken, sowie die (Bedingungssetzungen der) Kontexte auf einmal in den Blick nehmen (S. 69): Gefordert seien „interactions between knowledge, technology and practice in digital society" (S. 76). Neue Methoden (Kap. 3) im Sinne einer durch einen harten epistemischen Bruch notwendig gemachten Neuerfindung brauche es dafür nicht, wohl aber einen neuartigen Umgang mit den bereits vorhandenen (S. 114). Um zu diesem Schluss zu kommen, arbeitet Marres zunächst die Debatte über Digital Methods knapp auf, und entwickelt auf dieser Basis eine eigene Herangehensweise, die sie im Plural als „Interface Methods“ benennt (S. 106). Dabei handelt es sich um eine vorsichtige Form der Datenanalyse, welche die in digitale Plattformen eingeschriebenen Methoden (‚natively digital‘ methods“, S. 82) mit hergebrachten soziologischen Methoden verknüpft („,digitization‘ of methods“, ebd.) und dabei etwaige, in die digitalen Plattformdaten eingebauten biases ebenso offensiv wie reflexiv in die eigene Herangehensweise integriert: Über APIs abgerufene Datensätze wiesen von den Plattformbetreibern (zum Teil unter Anwendung soziologischer Methoden wie der sozialen Netzwerkanalyse) vorgenommene Vorstrukturierungen auf, die man nicht unhinterfragt übernehmen dürfe: „These may require sociologists to ‚work against‘ digital devices“ (S. 112; Hervorhebung im Orig., C.O.). Digitale Soziologie sei aufgerufen, eine vorsichtig-experimentelle, reflektierend-komplementäre und gewissermaßen ,tricksende‘ Herangehensweise zu entwickeln, und dies erfordere keine Delegation methodologischer Entscheidungen an Plattformen, sondern, ganz im Gegenteil: eigenen methodologischen Mehraufwand (S. 114).

Werde dieser nicht betrieben, so Marres, drohe der Digitalen Soziologie Verwirrung bei der Bestimmung ihrer jeweiligen Gegenstände: Bekommen die jeweiligen Forschungsbemühungen überhaupt Gesellschaft oder nicht doch eher ,nur‘ Technologien in den Blick (Kap. 4)? Digitaler bias lauert Marres zufolge überall (S. 118) und sie identifiziert dessen mögliche Formen: So dürften eine auf einer bestimmten Plattform sich entfaltende Kontroverse und deren Untersuchung nicht vorschnell als repräsentativ für die gesellschaftliche Kontroverse schlechthin angesehen werden („biased data“); von den Plattformbetreibern stammende Datensätze seien in der Regel intransparent produziert, instabil, nur partiell zugänglich und zudem lediglich in vorstrukturierter Form abrufbar („bias built into research instruments“); und schließlich würden bestimmte Plattformen in der Praxis immer nur mit bestimmten Methoden untersucht („methodological bias“) (S. 123). Welche Taktik man auch wähle – ob man die biases aus der Analyse auszuschließen suche oder sie offensiv als Bestandteil des untersuchten Phänomens einbeziehe (wie zum Beispiel den Beitrag von bots zum Verlauf von Kontroversen, S. 141), ob man Datensätze von Verzerrungen säubere („critical extraction“), die Beiträge nichtmenschlicher Einflussgrößen mitanalysiere („performative deployment“) oder es gänzlich der Empirie überlasse, ob die eigene Forschung nun die Logik von Technologie oder Gesellschaft sichtbar macht („radical empiricism“) – immer habe man als Sozialwissenschaftler_in mit einer grundlegenden Ambiguität des Digitalen zu rechnen: „the qualification of the empirical object must become part of the objective of research.“ (S. 142) Eine ähnliche Mehrdeutigkeit prägt denn auch Marres‘ Diskussion der Frage nach den Öffentlichkeiten der Digitalen Soziologie (Kap. 5): Partizipation sei in diesen, ähnlich wie in anderen Öffentlichkeitsformen, generell mehr oder weniger stark möglich und empirisch feststellbar, werde nun aber durch Verwertbar-Machung („made valuable“; S. 151), Techno-logisierung (S. 153) und Metrisierung (S. 155) stärker beobachtet und sichtbar. Öffentlichkeiten könnten sich vor diesem Hintergrund als passives Publikum, als bloße Ressource oder eben, demokratischer, als Teilnehmerin an forschenden Experimenten formieren (S. 169). Letzteres setze aber eine Transformation der soziologischen „knowledge culture“ (S. 172) selbst voraus: „the collective task of reconfiguring the relations between social research and participation is likely to involve a fair amount of experimentation on sociology itself.“ (S. 173)

Sind damit Charakter, Gegenstände und Methoden der Digital Sociology aus unterschiedlichen Fragerichtungen analysiert, so führt spätestens die abschließende Behandlung der Frage, wie sich die Probleme der Digitalen Soziologie bestimmen lassen könnten (Kap. 6), die Autorin von der Methodologie zur Politik. Marres‘ Antwort nimmt ihren Ausgang von einer Charakterisierung des Digitalisierungsprozesses als pragmatistisch zu verstehendes „public problem“, als disruptives Makro-Problem also, das ungekannte Problemlagen erzeuge, von denen man a priori kaum wissen könne, wie sie formulierbar oder darstellbar – geschweige denn: lösbar – sein sollten (S. 178). Sie argumentiert weiter, dass das „public problem“, welches den vielfältigen Kontroversen um das Digitale (Datenschutz, Urheberrechte, Fake News etc.) zugrunde liege, letztlich epistemologischen Charakter habe: „Forms of knowledge have become the focal point of controversy in digital societies.“ (S. 184; Hervorhebung im Orig., C.O.) Aus diesem Grunde sei eine kritische Auseinandersetzung mit den empirischen Epistemologien der Digitalisierung dringend erforderlich. Entsprechend deutlich kritisiert Marres die „laissez-faire methodologies“ und „‚can do‘ attitudes in digital social research“ (S. 187), die sich in den großangelegten Computational Social Science-Experimenten äußerten, wie zum Beispiel in jenen, in denen Facebook durch Modifizierung des Newsfeed die Gemütslagen seiner Nutzer_innen manipulierte, ohne selbige auch nur davon in Kenntnis zu setzen, dass sie zu Objekten einer Versuchsanordnung gemacht worden waren. Für Marres materialisiert sich darin sowie in der nachträglichen Rechtfertigung solch fragwürdiger Manipulationen durch prominente Big Data Scientists[3] nicht weniger als eine neue Krise der Repräsentation: In dem Maße, in dem Digitale Soziologie nicht nur „a way of knowing society, as if from the outside“ darstelle, sondern notwendigerweise als Teilnehmerin des gesellschaftlichen Geschehens operiere (S. 188), müssten alle Unternehmungen, die die „Interaktivität“ zwischen Wissensproduktion und Gesellschaft analytisch nicht in Rechnung stellten, als defizitär erachtet werden: „computational scientists may not care very much about the methodological trouble they’re in, but social researchers at least have the methodological resources to take on the problem of interactivity, and to render it amenable to empirical enquiry“ (S. 190). Demgegenüber schlägt Marres schließlich eine experimentalistische Neu-Orientierung Digitaler Soziologie im Sinne von „more responsive forms of social enquiry“ vor (S. 191). Dadurch sollen sowohl ethisch unproblematischere als auch methodologisch besser fundierte Formen der Sozialforschung entstehen, die sich von vornherein selbst als Teil von Vergesellschaftung begreifen und dementsprechend gesellschaftliche Kontroversen für die gesellschaftliche Problembehandlung („collective enquiry“, S. 192) aufbereiten. Nur indem die digital Involvierten wie Exkludierten in ergebnissoffene Auseinandersetzungen herein geholt würden, könne der digital induzierten Krise der Repräsentation sowohl methodologisch als auch politisch begegnet werden.

Spätestens an diesem Punkt schlägt Marres‘ pragmatistische Grundhaltung durch, deutlich sichtbar wird die Deweysche Idee einer issue-getriebenen Öffentlichkeit, die sich um Probleme versammelt, deren Komplexität die Soziologie angemessen reduziert, um sie so öffentlich bearbeitbar zu machen. Doch auch wenn man für eine solche (Wissens-)Demokratie Sympathien hegen mag – über eine programmatische Skizze kommen Marres‘ Ausführungen an dieser Stelle kaum hinaus. Dieser Befund kann auch für das Buch insgesamt geltend gemacht werden: Das wissenschaftlich redliche und stete Bemühen um Differenzierung sowie der Versuch, den verschiedenen Standpunkten innerhalb der Forschungslandschaft der Digitalen Soziologie gerecht zu werden, führt bisweilen dazu, dass konkrete Antworten, präskriptive Rezepte oder deutliche Positionierungen verschwimmen oder mitunter sogar ganz untergehen. Wer von dem Buch also klar artikulierte Leitfäden, Gebrauchsanweisungen oder Methodenkataloge erwarten sollte, wird deshalb höchstwahrscheinlich enttäuscht werden. Aber vielleicht muss das auch so sein, denn the issue is not settled (yet). Nicht nur mit Blick auf das jugendliche Alter und die entsprechende Dynamik des Forschungsfeldes der Digitalen Soziologie wäre ein Band mit Lehrbuchcharakter schlicht unangebracht gewesen. An die Stelle von How To Do Digital Sociology tritt die Markierung der vielen methodologischen Anschlussstellen und möglichen Kontinuitäten zwischen „digitaler“ und „hergebrachter“ Soziologie. Man kann es folglich auch als Stärke des Buches ansehen, dass es sich in diesem Sinne auf die klare Artikulation der Aufgaben und Problemlagen einer im Entstehen begriffenen Digitalen Soziologie konzentriert. Damit wird nicht zuletzt deshalb eine Lücke geschlossen, weil sich die praktische Anwendung der Methoden Digitaler Soziologie bislang als wesentlich fortgeschrittener erwiesen hat, als ihre theoretische, methodologische oder politische Reflektion innerhalb der Soziologie (und darüber hinaus). Da die fraglichen Verfahren heute ebenso zur Absatzsteigerung von Sportartikeln wie zur Beeinflussung von weitreichenden Wahlentscheidungen eingesetzt werden können, ist es höchste Zeit, dass die Digitale Soziologie ihre Expertise zur Behandlung dabei entstehender Demokratieprobleme einbringt. Äußerst nützlich, dass Digital Sociology die Entwicklung solcher Expertise einen entscheidenden Schritt voran bringt.

Fußnoten

[1] Herausragende Bedeutung haben in dieser Hinsicht sicherlich Marres‘ Einspeisung der pragmatistischen Öffentlichkeitskonzeption insbesondere John Deweys in die Science and Technology Studies sowie ihre Beiträge zur Frage der Demokratisierung wissenschaftlicher Wissensproduktion. Vgl. dazu Noortje Marres, The Issues Deserve More Credit: Pragmatist Contributions to the Study of Public Involvement in Controversy, in: Social Studies of Science 37 (2007), 5, S. 759–780; dies., Material Participation: Technology, the Environment and Everyday Publics, Basingstoke 2012.

[2] Siehe hierzu Tommaso Venturini, Diving in Magma: How to Explore Controversies with Actor-Network Theory, in: Public Understanding of Science 19 (2010), 3, S. 258–273; ders., Building on Faults: How to Represent Controversies with Digital Methods, in: Public Understanding of Science 21 (2012), 7, S. 796–812; Richard Rogers, Digital Methods, Cambridge 2013. Eine eingehende methodologische Auseinandersetzung mit dem Mapping of Controversies-Ansatz erfolgt in Stefan Laser/Carsten Ochs, Kontroversen bewertbar machen. Über die Methode des „Mapping of Controversies“, in: Jonathan Kropf/Stefan Laser (Hg.), Digitale Bewertungspraktiken: Labore der Grenzziehung in vernetzten Welten, Wiesbaden 2018, S. 95-123 (im Erscheinen).

[3] Die Kontroverse um das fragwürdige Experiment wurde u.a. im Guardian ausgetragen. Vgl. etwa Robert Booth, Facebook Reveals News Feed Experiment to Control Emotions, in: The Guardian, 30.6.2014. Duncan J. Watts, Social-Network-Forscher bei Microsoft, befahl den Gegner_innen der Studie kategorisch: „Stop complaining about the Facebook study. It's a golden age for research.“ Vgl. Duncan J. Warrs, Stop Complaining About the Facebook Study. It's a Golden Age for Research, in: The Guardian, 7.7.2014.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Kira Meyer.