Daten! Daten! Daten!

Rezension zu "Der arbeitende Nutzer. Über den Rohstoff des Überwachungskapitalismus" von G. Günter Voß

In seiner Studie zum arbeitenden Nutzer führt Gerd-Günter Voß aus, dass und wie das alltägliche Handeln von Nutzer/innen digitaler Technologien in ein neues Modell kapitalistischer Wertschöpfung eingebunden wird. Dieses beruhe auf der Akkumulation von Daten und der Überwachung von Verhalten. Voß bezieht sich dabei auf die immer umfassendere Nutzung von digitalen Shoppingmalls wie Amazon, von Sozialen Netzwerken wie Facebook oder TikTok, von Mapsfunktionen, Menstruations- und Schlaf-Apps oder von sogenannten smart homes und smart cars. Qua Gebrauch dieser digitalen Angebote würden die Nutzer/innen als Ko-Produzent/innen von Daten in betriebliche Produktionsprozesse integriert.

Voß erweitert damit das Ensemble der von ihm mitentwickelten Sozialfiguren, die sich allesamt aus den Entgrenzungen des postfordistischen Kapitalismus ergeben: Mit dem Arbeitskraftunternehmer beschrieb er einen Wandel in der Arbeitsorganisation, die immer stärker von der Selbststeuerung der Arbeitenden und ihrem Selbstverständnis als Manager/in ihres eigenen Erwerbslebens geprägt ist. Die Figur des arbeitenden Kunden antwortete vor dem Hintergrund der aufkommenden Internetökonomie zu Beginn des neuen Jahrtausends auf die Auslagerung von betrieblichen Arbeitsfunktionen auf die Käufer/innen von Produkten und Dienstleistungen. Der/die Kund/in wurde, statt nur zu konsumieren, zum eigenen Broker im Internet-Banking, zum eigenen Reisebüro beim Onlinevergleich von Flugpreisen, zum/zur Fertigungsarbeiter/in bei der Endmontage von Möbelstücken.

Diese Subjektivierungstendenzen treffen, so Voß nun in seinem aktuellen Buch, gleichermaßen auf die Nutzer/innen digitaler Plattformen und Apps zu. Für ein besseres Verständnis des ihnen zugrundeliegenden Geschäftsmodells referiert er Shoshana Zuboffs Studie zum Überwachungskapitalismus,[1] in der die Geschäftspraktiken der großen Tech-Unternehmen als Merkmale einer neuen Gesellschaftsepoche konzeptualisiert werden. Laut Zuboff entsteht mit dem Aufkommen der Big Four – Google, Amazon, Facebook und Apple – eine grundlegend neue Form des Kapitalismus, dessen Wertschöpfungsmodell in der Sammlung und dem Verkauf von Daten beruht, mit denen zukünftiges Verhalten vorausgesagt und manipuliert werden kann. Die so entstehenden „Vorhersageprodukte“ (Zuboff) werden in verschiedenen Bereichen nachgefragt: in der personalisierten Werbung auf Google und Facebook; für individualisierte Dienstleistungs- und Preisangebote auf Smart-City-Plattformen; bei Versicherungspolicen, die aus dem Fahrverhalten von vernetzen Autos berechnet werden; für die biometrische Vermessung von Körpertemperatur, Herzschlag und Mimik, wie sie zur Evaluation von Konsumerlebnissen bereits bei Zahnbürsten, Wodkaflaschen und an vernetzter Kleidung praktiziert wird.

Voß beschäftigt sich zwar eingehend mit Zuboffs Thesen und stimmt mit ihrer Einschätzung überein, dass es sich hier um eine grundlegend neue Weise kapitalistischer Wertschöpfung handelt, gegenüber ihrer Zeitdiagnose zeigt er sich jedoch skeptisch, argumentiere diese durch ihren Fokus auf die Geschäftspraktiken der digitalen Leitunternehmen doch tendenziell strukturdeterministisch. Damit gerate aus dem Blick, dass die Datenextraktion „sich […] im Rahmen des alltäglichen Lebens der Betroffenen und dort notwendig unter deren tätiger Beteiligung [vollzieht]“ (S. 52). Die digitalen Spuren, die den Rohstoff für die Vorhersageprodukte des Überwachungskapitalismus darstellen, würden schließlich von den Nutzer/innen im Rahmen ihrer alltäglichen Lebensführung selbst produziert. Darunter fallen bewusste und unbewusste körperliche Äußerungen, die mithilfe von Sensoren beim Scrollen durch Newsfeed-Ergebnisse oder beim Bedienen von Spracherkennungssoftware erfasst werden, politische Orientierungen, die ihre Artikulation in Sozialen Medien finden, aber auch Geschmacksurteile in digitalen Communities. Das Konzept der „alltäglichen Lebensführung“ soll dabei die von den Einzelnen geleistete aktive Produktion eines persönlichen Lebenszusammenhangs greifbar machen, der verschiedene gesellschaftliche Anforderungen auf sachlicher, zeitlicher, örtlicher, sozialer und emotionaler Ebene integriert. In der Tradition der subjektorientierten Soziologie bringen die Subjekte selbst ihre gesellschaftlich strukturierten Rollen – beispielsweise als Arbeitskrafteigentümer/in, Konsument/in, Teilhaber/in des politischen Gemeinwesens, Träger/in von kulturellen Geschmacksurteilen, geschlechtlich bestimmten Begehren oder familiärer Verantwortung – in einen halbwegs konsistenten Zusammenhang, indem sie sich ebendiese kulturellen Skripte eigensinnig aneignen. Genau darauf bauen und damit rechnen die überwachungskapitalistischen Akteure, wenn sie zuverlässige Prognosen über individuelles Verhalten produzieren und verkaufen wollen: Die Kaufempfehlungen Amazons, so ließe sich Voß plausibilisieren, setzen voraus, dass Nutzer/innen den Gebrauch von Bambusbechern bedeutsam finden, weil sie ihre Rollen als Marktsubjekte und politische Akteure im Rahmen eines ethischen Konsums miteinander vereinbaren wollen, während sie mit der To-Go-Konsumtion gleichzeitig auf die Anforderungen flexibler Arbeitsverhältnisse antworten. Die Lebensführung werde damit im Überwachungskapitalismus zu einem „persönlichen Produktionsverhältnis“ (S. 86), das konstitutiv für die zeitgenössischen digitalen Geschäftsmodelle sei: Vorlieben, Freundschaften, Leistungsansprüche an den eigenen Körper und vieles mehr, hervorgebracht von den Subjekten selbst im Rahmen eines Lebenszusammenhangs, würden als Daten abgeschöpft und verkauft.

Mit verschiedenen Landnahmetheorien möchte Voß die Erschließung der Lebensführung als ökonomische Ressource systematisch an kapitalistische Wachstumsdynamiken rückbinden. Demnach brauchen kapitalistische Produktionsweisen, weil sie auf Wachstum angewiesen sind, stets ein nichtkapitalistisches Außen, auf das sie im Rahmen neuer Verwertungszyklen zugreifen können. Voß entwickelt damit das Phasenmodell eines immer tiefer gehenden Zugriffs kapitalistischer Wertschöpfung: Auf die buchstäbliche Landnahme bei der Enteignung des europäisch-bäuerlichen Grundbesitzes und der Aneignung der Kolonien (Marx, Luxemburg) sei der Zugriff auf nicht ausgeschöpfte Arbeitskräftereservoirs und unbezahlte Frauenarbeit im fordistisch-regulierten Kapitalismus gefolgt (Mies et al., Lutz). Seit den 1970er-Jahren ließen sich Prozesse der Privatisierung, Flexibilisierung und Deregulierung beobachten (Dörre, Harvey) und mittlerweile sei die Landnahme zur Kapitalisierung des Glaubens, der Wünsche und Hoffnungen der Subjekte vorgedrungen. Die genuine Qualität der überwachungskapitalistischen Landnahme, wie sie mittlerweile stattfinde, sei nämlich, dass diese auf das „Innere [...] der menschlichen Subjekte“ (S. 108) abziele, das heißt auf Begehren, ethische Vorstellungen, persönliche Bindungen und physische Körperfunktionen. Voß äußert daraufhin eine drastische Vermutung: Möglich sei, dass der Kapitalismus durch diese innerste Landnahme erst jetzt wirklich „zu sich kommt“ (S. 112), weil nun das gesamte Leben und der ganze Mensch zu Funktionen der Wachstumsimperative werden.

Aufgrund seiner subjektorientierten Fokussierung auf eigensinnige Praktiken versucht Voß trotz dieser pessimistischen Diagnose, Kontingenzen gegen strukturell-ökonomische Zwänge offen zu halten. Denn die subjektorientierte Soziologie verwehrt sich der Annahme, dass gesellschaftliche Zwänge schlicht bis ins Subjekt durchregieren, und untersucht demgegenüber Praktiken des Widerstands und der eigensinnigen Aneignung im Kontext sozialer Herrschaft. Der Arbeitskraftunternehmer, G. Günter Voß’ erste Sozialfigur, handelt zwar auch nach den betrieblich-ökonomischen Interessen seines Arbeitsgebers, gestaltet aber seine Arbeitsvollzüge zugleich nach eigenen Maßstäben. In normativer Hinsicht verschreibt sich eine solche analytische Perspektive dem Humanismus, indem sie die relative autonome Urteilskraft des Subjekts zu bewahren sucht. Auch politisch verteidigt Voß die „persönliche Lebensführungshoheit“ (S. 136) gegen den überwachungskapitalistischen Zugriff: Gegen die Lenkung durch werbestrukturierte städtische Räume setzt er die Souveränität örtlicher Freizügigkeit; gegen den Imperativ der ständigen Erreichbarkeit des/der Nutzer/in macht er die zeitliche Selbstbestimmung stark; gegen die Aufmerksamkeitsökonomie auf digitalen Plattformen versucht er, bereichernde soziale Beziehungen zu behaupten.

Der theoretische Ansatz, den Überwachungskapitalismus nicht anhand struktureller Dynamiken, sondern aus der Perspektive der Subjekte zu begreifen, ist vielversprechend für das normative Programm des Autors. Denn nur durch die Erschließung von digitalen Nutzungspraktiken, die von persönlichen Maßstäben statt von den Kalkülen der Überwachungskapitalisten geprägt sind, können auch potenzielle Gegenbewegungen entdeckt werden. Allerdings wird der selbst formulierte Anspruch, eine „nichtdeterministische Vergesellschaftung“ (S. 132) aufzuzeigen, nicht vollständig eingelöst. Denn in einer solchen Gesellschaft könnten die Einzelnen ihre Spielräume gegen strukturelle Dynamiken dauerhaft verteidigen. Doch die von Voß rekonstruierten „ursprünglich subjektive[n] Leistungen“ (S. 52) gehen oftmals nahtlos in den ökonomischen Interessen der Überwachungskapitalisten auf, beispielsweise wenn er die Übereignung von Daten an die Überwachungskapitalisten aufgrund der notwendigen aktiven Zustimmung zu den Datennutzungsrichtlinien als subjektiv-eigensinnige Leistung beschreibt. Ebenso fragwürdig ist, ob es wirklich als selbstermächtigtes Handeln der Nutzer/innen verstanden werden kann, wenn diese den Upload ihrer Daten nicht dezidiert blockieren oder vorgeschlagene Updates regelmäßig ausführen. Inwiefern diese Praktiken gerade durch die Ziele alltäglicher Lebensführung, beispielsweise durch Bequemlichkeit und Gewohnheit, und nicht durch ökonomische Verlaufsbahnen geprägt sind, hätte systematischer ausgeführt werden können und müssen. Dabei gibt es durchaus Versuche, die Eigenlogik digitaler Lebensweisen zu verstehen und mit neuen Produktionsweisen in Beziehung zu setzen – zum Beispiel die kulturelle Norm der Vernetzung, die Dynamiken von Distinktion und Zugehörigkeit zu digitalen Communities oder den kommunikativen Geltungsdrang in Sozialen Medien.[2] Ebenso referiert Voß auch nicht auf schon existierende empirische Studien über subjektive Bewältigungsstrategien bei der Verwendung digitaler Technologien.[3] Auch das Landnahme-Theorem rekonstruiert er aus der konventionellen Perspektive struktureller Wachstumsdynamiken, also gerade nicht mit Fokus auf die Bewältigung durch die Einzelnen, wie es eine „subjektorientierte Interpretation“ (S. 107) vermuten ließe und erforderlich machte. Damit verbleibt das Buch im einmal gezeichneten Bild des zu sich selbst kommenden totalisierenden Kapitalismus, statt den Eigensinn der nutzenden Subjekte herauszuarbeiten, die in jenem nicht vollständig aufgehen.

Lohnenswert wären außerdem weitere theoretische Überlegungen zu den Fragen, inwiefern der Überwachungskapitalismus als grundlegend neues Stadium kapitalistischer Wertschöpfung zu betrachten ist und wo er Kontinuitäten zu vergangenen Phasen aufweist. Voß’ Zustimmung zur Zuboff’schen These vom grundlegenden Bruch mit bisherigen Verfahrensweise kapitalistischer Ökonomien lässt vermuten, dass sich seiner Meinung nach auch die bisher gängigen Subjektivierungsweisen wesentlich verändern. Die Ökonomisierung von Affekten, persönlichen Beziehungen und Überzeugungen, wie er sie neuerdings am arbeitenden Nutzer verdeutlicht, ist jedoch eine bereits oft erzählte Pointe postfordistischer Subjektivierung – das zeigten bereits die Figuren des Arbeitskraftunternehmers und des arbeitenden Kunden. Dass die Landnahme des tiefsten Innern der Subjekte etwas grundsätzlich Neues sei und sich damit auch die neuartige Qualität digitaler Geschäftsmodelle erklären ließe, ist so gesehen fragwürdig. Stattdessen könnten die Kontinuitäten der Voß’schen Sozialfiguren stärker in Beziehung zu politökonomischen Analysen gesetzt werden, die – anstatt in der Datenakkumulation den Kern völlig neuartiger Geschäftsmodelle auszumachen (wie Zuboff) – vielmehr digitale Plattformen, datengesteuerte Industrieanlagen und werbebasierte Zielgruppenerschließung als Ausdruck einer krisenbedingten Rationalisierung der Distribution betrachten.[4] Letzteres verwiese deutlicher auf die postfordistische Pfadabhängigkeit der digitalen Ökonomie. Denn bereits mit dem Aufkommen sogenannter Pull-Produktionsmethoden[5] und der Ausdifferenzierung der Produktpaletten seit den 1980er-Jahren richteten sich betriebliche Prozesse zunehmend an jenen Marktinformationen aus, die die großen Plattformunternehmen heute in riesigen Mengen organisieren und verkaufen.[6] Der arbeitende Nutzer, der die Daten über seine Konsumgewohnheiten selbstständig liefert, könnte daher auch als Steigerung einer solchen marktorientierten Produktion und Dienstleistung verstanden werden.

Die Untersuchung zum arbeitenden Nutzer bietet insofern viele Ansatzpunkte, um das Programm der subjektorientierten Soziologie vor dem Hintergrund neuer digitaler Produktionsweisen zu aktualisieren. Weil der selbst formulierte Anspruch einer dezidiert subjektorientierten Analyse teils nicht eingelöst wird, ist sie jedoch nicht als letzter Satz zum Status des Subjekts im digitalen Kapitalismus zu lesen. Stattdessen stellt sie eine gewinnbringende Intervention und einen Aufruf zu weiteren Forschungsvorhaben dar, um die Eigenlogik digitaler Lebensweisen zu erschließen.

Fußnoten

[1] Shoshana Zuboff, Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, übers. von Bernhard Schmidt, Frankfurt am Main/ New York 2018.

[2] Siehe bspw. Felix Stalder, Kultur der Digitalität, Berlin 2016.

[3] Siehe bspw. Min Kyung Lee / Daniel Kusbit / Evan Metsky / Laura Dabbish, Working with Machines. The Impact of Algorithmic and Data-Driven Management on Human Workers, in: Proceedings of the 33rd Annual ACM Conference on Human Factors in Computing Systems (2015), S. 1603–1612.

[4] Vgl. Philipp Staab, Falsche Versprechen. Wachstum im digitalen Kapitalismus, Hamburg 2016; Sabine Pfeiffer, Digitale Transformation: Great, greater, tilt …? Von der Produktivkraft- zur Distributivkraftentwicklung, in: Klaus Dörre / Hartmut Rosa / Karina Becker / Sophie Bosse / Benjamin Sey (Hg.), Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften (= Sonderband des Berliner Journals für Soziologie), Wiesbaden 2019, S. 383–399.

[5] Anders als die Push-Produktion besitzt eine Pull-Produktion keine zentrale Planungseinheit, die das Produktionsaufkommen vorab festlegt, sondern fertigt nach Bedarf.

[6] Vgl. Philipp Staab, Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit, Berlin 2019.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.