Verspätete Freundschaft

Rezension zu "Pragmatismus und Theorien sozialer Praktiken. Vom Nutzen einer Theoriedifferenz" von Hella Dietz, Frithjof Nungesser und Andreas Pettenkofer (Hg.)

In der Geschichte des Verhältnisses von Pragmatismus und Theorien sozialer Praktiken wiederholt sich die Figur der Verspätung: So hat Pierre Bourdieu die Arbeiten des US-amerikanischen Pragmatismus (insbesondere von John Dewey) erst lange nach seiner Begründung der Praxistheorie[1] zur Kenntnis genommen. Das gibt er in dem 1992 auf Englisch erschienenen und gemeinsam mit Loïc Wacquant verfassten Buch Reflexive Anthropologie unumwunden zu.[2] Luc Boltanski wiederum hat als Vertreter des französischen Neopragmatismus zunächst seine Abgrenzung zu Bourdieu betont, die in jüngster Zeit nicht mehr ganz so scharf ausfällt und auch positive Verweise zulässt. Und in der Konstitution der Praxistheorie als einer Theoriebewegung[3] sind die Bezüge zum Pragmatismus lange unreflektiert geblieben. So „steht der Dialog zwischen Pragmatismus und Theorien sozialer Praktiken“ auch heute „noch ganz am Anfang“ (S. 9), wie die Herausgeber*innen des Bandes einleitend bilanzieren.

Ein Grund für dieses komplizierte Verhältnis mag sein, dass es sich bei beiden Strömungen um Theoriefamilien mit einer hohen Binnendiversität handelt. Umso positiver ist hervorzuheben, dass es den Herausgeber*innen gelungen ist, einen sehr konsistenten Band zusammenzustellen, bei dem die einzelnen Beiträge stimmig zueinander passen.

Pragmatismus und Praxistheorie treffen sich in ihrem theoretischen Anspruch, etablierte sozialtheoretische Dichotomien – etwa zwischen Denken und Handeln, Individuum und Gesellschaft oder Subjekt und Objekt – zu überwinden. Dabei vollziehen sie eine doppelte Bewegung: Sie distanzieren sich einerseits von einem Subjektverständnis, das dieses als kontrollierendes Souverän und Quelle von Handlungsfähigkeit in den Mittelpunkt des sozialen Geschehens stellt. Andererseits verwahren sie sich aber auch dagegen, soziale Strukturen zu reifizieren und zu unterstellen, dass Akteure diese Strukturen mechanisch reproduzieren würden. Entsprechend sind die beiden Ansätze durch eine Reihe von Gemeinsamkeiten gekennzeichnet, die von den Herausgeber*innen in der äußerst fundierten Einleitung benannt werden: die geteilte Überwindung des cartesianischen Dualismus, die Anerkennung der sozialen Konstituiertheit des Subjekts sowie die Berücksichtigung der Körperlichkeit des Handelns und der Beteiligung materieller Artefakte. Beide Richtungen stehen somit in klarer Abgrenzung zum sozialtheoretischen Rationalismus und methodologischen Individualismus.

Als zentrale Differenz zwischen den beiden Theoriefamilien wird dabei auf ihre unterschiedliche Haltung bezüglich der Reflexivität des Handelns verwiesen. Während Theorien sozialer Praxis die Präreflexivität betonen, geht der Pragmatismus von einem Wechselspiel zwischen reflexiven und nichtreflexiven Phasen des Handelns aus. Das Verhältnis der beiden Ansätze ist in der Tat komplex: Die pragmatistischen Positionen, insbesondere in ihrer Weiterentwicklung zum Symbolischen Interaktionismus durch Blumer, der sich auf Meads Sozialtheorie bezieht, betonen mit der Situiertheit des Handelns vorwiegend die Interaktion ko-präsenter Akteure. Im Anschluss an Dewey können jedoch auch Gewohnheiten, im Zeitverlauf körperlich angeeignete habits, und damit übersituative Zusammenhänge beleuchtet werden. Hier bestehen Überschneidungen mit der Praxistheorie, in der die Nicht-Bewusstheit inkorporierter Schemata als Grundlage sozialer Ordnung begriffen und die Trägheit gegenüber sozialen Veränderungen hervorgehoben wird. Bourdieus Praxeologie ist entsprechend für ihre Neigung zur Betonung der Statik des Sozialen kritisiert worden, wohingegen der Pragmatismus die Kreativität des Handelns fokussiert.[4]

Angesichts dieser Komplexität theoretischer Verbindungslinien ist der Band vom Geist einer abwägenden und ausgewogenen Theoriediskussion geprägt, der die Ansätze nicht gegeneinander ausspielt, sondern von ihren Gemeinsamkeiten ausgeht und dazu aufruft, das Irritationspotenzial der Divergenzen auszuschöpfen. Das Ergebnis dieser Haltung, die in der Einleitung vorgegeben und von den Beiträgen durchweg auch eingelöst wird, ist eine wohltuend differenzierte Betrachtung, die sich als außerordentlich produktiv erweist. Dabei werden zentrale Theorieelemente genutzt, um Desiderata der jeweils anderen Ansätze zu identifizieren, blinde Flecken zu lokalisieren, Lücken zu schließen oder auch Ergänzungen vorzuschlagen. Diese fruchtbare Theoriearbeit entwickelt sich entlang mehrerer Fluchtlinien, von denen ich die wichtigsten im Folgenden kurz skizzieren möchte.

Im Zentrum steht die als längst überfällig markierte Auseinandersetzung der Praxistheorie mit George Herbert Mead.[5] Jörg Strübing begreift den Pragmatismus ausgehend von Mead in erster Linie als Philosophie der Interaktion und fokussiert folglich Aushandlungsprozesse und die Situativität des Sozialen. Dabei steht der prozesshafte Wechsel zwischen Gewissheit (Routine) und Zweifel (Experiment, problemlösendes Handeln) als Kernelement des Pragmatismus im Zentrum des Interesses. Strübing zufolge ließe sich mit dieser Theoriefigur die bereits angesprochene Tendenz der Praxistheorie zur Akzentuierung der Statik des Sozialen überwinden. Ebenfalls von Mead ausgehend identifiziert Frithjof Nungesser Desiderata der Bourdieu‘schen Sozialisationstheorie, die deutliche Lücken bei der Konzeption körperlicher Einverleibung aufweist. Nungesser argumentiert, dass zum Verständnis der Ausbildung habitueller Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata die pragmatistische Rekonstruktion der Perspektivübernahme im Sozialisationsprozess notwendig ist. Wird dazu anerkannt, dass diese hierarchisch geprägt ist und sich asymmetrisch vollzieht, so lässt sich die Brücke zu Bourdieus Perspektive auf soziale Ungleichheit schlagen und dessen Konzept der symbolischen Herrschaft pragmatistisch untermauern.

Eine zweite Fluchtlinie der Diskussion in dem Band ist, ausgehend vom Pragmatismus den Situationsbegriff gegenüber der Praxistheorie zu stärken. So schlägt Andreas Pettenkofer vor, soziale Ordnung als Produkt der Verkettung von Situationen zu begreifen. Ungewöhnlich ist hier, dass die Praxistheorie über die Durkheim’sche Soziologie entwickelt wird und Bourdieus Theorie der Praxis als selektive Aneignung von Durkheims Ritualtheorie begriffen wird. Bourdieus Habitusbegriff wird dann ausgehend von der verbreiteten Stabilitätskritik (zu Recht) als problematisch markiert, soll jedoch durch einen starken Situationsbegriff ersetzt werden, ohne zu reflektieren, dass der Habitus (trotz der vorhandenen Probleme) ein zentrales Theorieelement darstellt, um die subjektivistische und objektivistische Perspektive zu verbinden und den die Durkheim’sche Soziologie prägenden Dualismus von Individuum und Gesellschaft zu überwinden. Pettenkofer will im Anschluss an den französischen Neopragmatismus gegen Bourdieu Stabilität als Produkt einer Verkettung von Prüfungen und Beweissituationen fassen, womit offenbar auch die Reflexivität des Handelns wieder eingeholt werden soll. Reflexive Akteure erscheinen dann ebenso wie Reflexivitätsgrenzen als Produkte von Situationen und ihren sequenziellen Verkettungen. Was jedoch die Interpretationen und Improvisationen der Akteure in den jeweiligen Situationen transsituativ anleitet und organisiert, scheint mir bislang noch unzureichend adressiert. In eine ähnliche Richtung geht Strübings origineller Bezug auf die Situationsanalyse Adele Clarkes, deren starker Situationsbegriff jedoch in meinen Augen ebenfalls mit der praxeologischen Perspektive auf übersituative Relationen in Konflikt zu geraten droht.

Weitere theoretische Impulse des Pragmatismus, die von den Beiträgen aufgegriffen und reflektiert werden, sind die Körperlichkeit bzw. Leiblichkeit des Sozialen (Antony, Nungesser, Strübing) – auch noch einmal ausgehend von Deweys habit-Begriff im Vergleich zum Habitus (Laux) –, die Prozesshaftigkeit des Sozialen verbunden mit Fragen nach dem Wechsel von Stabilität/Instabilität und Routine/Improvisation (Schubert, Strübing) – auf die Hella Dietz mit einer narratologischen Betrachtung eine genuine und gewinnbringende Perspektive eröffnet – sowie die pragmatistische Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie (Bogusz, Holzinger, Ogien).

Während sich ein Großteil des Bandes mit pragmatistischen Impulsen für die Praxistheorie beschäftigt, wird die umgekehrte Frage, was Theorien sozialer Praktiken zum Pragmatismus beitragen können, weniger beleuchtet. Bei Jörg Strübing finden sich dazu zwei Vorschläge: Der Pragmatismus könnte mithilfe der Praxistheorie seine Position zur zunächst eher impliziten Dezentrierung des Subjekts emphatischer entwickeln und so stärker an aktuelle Probleme und Diskurse Anschluss finden; damit ließe sich seine immer noch deutliche Orientierung am Individuum korrigieren, die auf seinen Entstehungskontext zurückzuführen sei. Ausgehend von der expliziten Berücksichtigung der Körperlichkeit und Materialität des Sozialen in der Praxistheorie ließe sich außerdem die „stark von Blumer geprägte symbolistische Engführung des Interaktionsbegriffs […] überwinden“ (S. 44). Markus Holzinger nimmt ebenfalls diese Blickrichtung ein, wenn er Latours Akteur-Netzwerk-Theorie als konsequente Soziologisierung Deweys begreift.

Überhaupt erweist sich die Auseinandersetzung mit der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) und weiteren Beiträgen der Science and Technology Studies (STS), die in dem Band ausdrücklich als Teil der praxeologischen Theoriefamilie verstanden werden, als äußerst gewinnbringend. Holzinger verdeutlicht die Wurzeln von Latours Denken in Deweys pragmatistischer Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie und zeigt, wie beide die moderne Dichotomie zwischen Natur und Gesellschaft hinterfragen. Er argumentiert jedoch, dass Latour in methodologischer wie methodischer Hinsicht, als empirischer Wissenschaftssoziologe und mit der Entwicklung der ANT, über Dewey hinausgeht. Dabei sind besonders Latours Studien zur historischen Genese soziotechnischer Systeme sowie seine Beschreibungen der Ausdehnung von Netzwerken sowie ihrer prekären Verkettungen und Übergänge entscheidend. Tanja Bogusz identifiziert zunächst die Verbindungslinien zwischen dem pragmatistischen Experimentalismus John Deweys und dem Neopragmatismus von Luc Boltanski und Laurent Thévenot. Die Autorin plädiert auf dieser Grundlage für die Entwicklung einer kritischen und engagierten Gesellschaftstheorie unter dem Begriff des „soziologischen Experimentalismus“ in Kooperation mit den STS, die sie in Bezug auf ihre Reflexivität und Revisionsoffenheit in Kontinuität mit dem Pragmatismus sieht.

Gewünscht hätte man sich in der Gesamtkonzeption des Bandes neben der Theoriediskussion mehr empirisch ausgerichtete Beiträge. Entsprechend nimmt auch die Behandlung methodologischer und methodischer Desiderata in dem Band nur einen sehr geringen Raum ein. Zwei Beiträge beziehen ihre Theoriearbeit immerhin auf selbst beforschte empirische Fälle. Cornelius Schubert entwickelt seine sozio-technischen Reflexionen zum Verhältnis von Stabilität und Instabilität sowie zur materiellen Dimension des Sozialen am Fall der Intensivmedizin. Hier fokussiert er insbesondere situative Zusammenbrüche – nicht ordnungsgemäß funktionierende, kranke Körper und versagende Technik – und daraus resultierende Ungewissheiten, denen das medizinische Personal mit routiniert-kompetenter Improvisation begegnet. Alexander Antony, der den pragmatistischen Erfahrungsbegriff stark macht und die sinnlich-affektive Dimension der Praxis betont, entwickelt am Beispiel der Atemtherapie eine theoretische Perspektive, die es erlaubt, den Innen-Außen-Dualismus zu überwinden, indem er die Grenzziehung als kommunikative Herstellung betrachtet und als eine Frage des Beobachtungsstandpunkts reformuliert.

Insgesamt handelt es sich um einen sorgfältig edierten Band mit fundierten Beiträgen, der den Austausch zwischen Pragmatismus und Praxistheorie intensiviert und die Debatte durch seine differenzierte Theoriediskussion bereichert. Die vielen identifizierten Verbindungslinien und Diskursstränge gilt es nun aufzugreifen und weiterzuentwickeln, was – nicht zuletzt im Sinne der diskutierten Ansätze – kaum ohne Bezug zur empirischen Forschung gelingen kann.

Fußnoten

[1] Pierre Bourdieu, Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, Frankfurt am Main 1976.

[2] Pierre Bourdieu / Loïc J. D. Wacquant, Reflexive Anthropologie, Frankfurt am Main 1996, S. 155.

[3] Theodore R. Schatzki / Karin Knorr Cetina / Eike v. Savigny (Hg.), The Practice Turn in Contemporary Theory, London / New York 2001; Andreas Reckwitz, Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive, in: Zeitschrift für Soziologie 32 (2003), 4, S. 282–301.

[4] Für einen differenzierten Vergleich siehe Hilmar Schäfer, Kreativität und Gewohnheit. Ein Vergleich zwischen Praxistheorie und Pragmatismus, in: Udo Göttlich / Ronald Kurt (Hg.), Kreativität und Improvisation. Soziologische Positionen, Wiesbaden 2012, S. 17–43.

[5] Zu den wenigen Beiträgen, die diese Perspektive frühzeitig eröffnet haben, zählen Mitchell Aboulafia, A (neo) American in Paris. Bourdieu, Mead, and Pragmatism, in: Richard Shusterman (Hg.), Bourdieu. A Critical Reader, Oxford, MA 1999, S. 153–174; James M. Ostrow, Social Sensitivity. A Study of Habit and Experience, Albany 1990; Richard Shusterman, Bourdieu and Anglo-American Philosophy, in: ders. (Hg.), Bourdieu. A Criticial Reader, S. 14–28.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.