Der Getriebene

Rezension zu "Werner Sombart. Briefe eines Intellektuellen 1886-1937" von Thomas Kroll, Friedrich Lenger und Michael Schellenberger (Hg.)

Friedrich Lenger hat in seiner überzeugenden Biografie über Werner Sombart ein Panorama des Lebensweges dieses bedeutenden aber auch schillernden Nationalökonomen und öffentlichen Intellektuellen von der Kaiserzeit über die Weimarer Republik bis in die Zeit des Nationalsozialismus aufgefächert. Das so gezeichnete Bild ist facettenreich, kommt dem Protagonisten sehr nah und vermag seine Getriebenheit, Zerrissenheit und Wankelmütigkeit, die zuweilen an Opportunismus grenzt – oder diese Grenze überschreitet –, doch nicht wirklich auf einen Nenner zu bringen.[1]

Das wirkt in etwa so, als habe Werner Sombart beim Malen eines Porträts nicht geduldig genug stillgehalten. Oder den langen Belichtungszeiten damaliger Fotoapparate nicht hinreichend stoisch getrotzt.

 

Die von Thomas Kroll, Friedrich Lenger und Michael Schellenberger sorgfältig ausgewählte und kommentierte Edition von 395 Briefen und Postkarten Werner Sombarts aus den Jahren 1886 bis 1940 (nicht 1937, wie es im Titel heißt) stützt Friedrich Lengers Argument, dass das, was an der Person Werner Sombart widersprüchlich und wandelbar erscheint, nicht auf einen unangemessen invasiven Zugriff seines Biografen, sondern auf den „eckigen Charakter“ und die auf ewig „unfertige Persönlichkeit“ des Protagonisten zurückzuführen ist.

Wenn man eine entsprechende Flughöhe wählt und von dort über eine gewisse Zeitspanne hinweg herabspäht, ergibt sich das Bild eines geltungsbedürftigen Suchenden: Ausgehend von einer klassischen, im 19. Jahrhundert geprägten Vorstellung bildungsbürgerlicher Gelehrsamkeit, der er auch über seinen Lebensstil Ausdruck zu verleihen suchte, wendet sich Sombart nach einer in bürgerlichem Sinne „sozialistischen“ Phase schließlich der modernen Gelehrtenkultur zu. Diese umfasst streitbare professionelle Positionierung ebenso wie eine genau kalkulierende Selbstvermarktung im akademischen Feld und die (letztlich unverwirklicht bleibende) Ambition, als einflussreicher öffentlicher Intellektueller aufzutreten. Auch wenn er selbst diesen Begriff sicher weit von sich gewiesen hätte, denn er befand „die Intellektuellen“ eher für Spinner, die ihre Zeit schwadronierend in Kaffeehäusern verschwendeten. Doch die mäandernde Suche nach einem klaren Karriereweg verursachte auch intellektuelle „Kollateralschäden“. So hatte die Wirkung seiner polarisierenden Publikationen sowohl in der breiten Öffentlichkeit, als auch im kritischen Fachpublikum relativ kurze Halbwertszeiten. Dazu verfiel Sombart immer wieder in einen Kulturpessimismus, der ihm selbst offenbar nicht recht einleuchtete und der wohl auf das Zusammentreffen von persönlichen Enttäuschungen, seiner Abkehr von der antiliberalen Kapitalismus- hin zur Sozialismuskritik und einer Deutung der Gegenwart, die diese zunehmend als Verfallsgeschichte bürgerlicher Kultur begriff, zurückzuführen war.

Ein Merkmal des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, das einem das Buch vor Augen führt, ist, dass die Kommunikation zwischen Abwesenden unter deutschen Akademikern hauptsächlich via Brief von statten ging – auf den Inhalt etwaiger Telefonate haben wir natürlich keinen Zugriff. Aber auch Postkarten erfüllten, jedenfalls in den Korrespondenzen Werners Sombarts, Funktionen, die über die üblichen Urlaubsgrüße weit hinausgingen. Es waren, zumindest zum Teil, geschäftliche Kurzmitteilungen nach dem Muster: „G.H. auf Ihre Anfrage vom 22. d. Monats [28.09.1934] teile ich Ihnen mit, daß Honorar + Sonderdrucke zu senden sind an: [Adresse]. Heil Hitler! W. Sombart“ (S. 526f.). Vielleicht eine Art SMS avant le lettre?

Die kontextualisierende Einleitung der Brief- und Postkartenauswahl, verfasst von Friedrich Lenger, legt nahe, dass Werner Sombarts frühe Annäherung und baldige Loslösung von der deutschen Sozialdemokratie eine Art rebellische Geste darstellte. Sie war sicherlich eine Folge der Zurücksetzungen durch eine zwar angestrebte, aber blockierte professorale Karriere und die damit verbundenen schroffen Zurückweisungen, die Sombart zu der Einsicht zwangen, dass er nicht zum allseits bewunderten Parteiideologen der Bewegung aufzusteigen vermochte. Für dieses Scheitern machte er die aus seiner Sicht letztlich antiintellektuelle Struktur der Sozialdemokratischen Partei verantwortlich, wie er in einem Brief vom 21./25.Juni 1889 seinem langjährigen Freund Otto Lang mitteilte: „Ich unterscheide, um zu resümieren dreierlei:

I. Die nach 100.000 zahlende Proletarierschaft, die faute de mieux soz. dem. ist, weil sie mit nichts anderem ihre Unzufriedenheit ausdrücken kann.

II. die ‚Partei‘, eine Clique von halbgebildeten Jünglingen, Schustern + Drechslermeistern, die teils aus Beschränktheit, teils aus Verlegenheit, teils weil sie kompromittiert sind, als Beruf die Parteiwühlerei betreiben.

III. die große kulturelle + ideelle Macht, die moderne Weltanschauung, welche man vielleicht ‚Sozialismus‘ nennen kann: deren Träger sind aber weder unter I. noch unter II. zu suchen – wie seltsam wäre das auch: der Hutfabrikant oder Zigarrenarbeiter so + so sollte wirklich aufgeklärter sein, als ich, der ich mir die Beschäftigung mit menschlicher Kultur zur Lebensaufgabe gemacht habe?!“ (S. 81). Aus empirischer Sicht war die Diagnose nicht falsch, dennoch entbehrt die Analyse nicht einer gewissen Borniertheit und zeugt von tendenziell narzisstischen Persönlichkeitsanteilen ihres Urhebers.[2]

Dasselbe Argument formulierte Sombart Jahrzehnte später in Bezug auf die Machtübergabe an die Nationalsozialisten und auch hier beklagte er vor allem die antiintellektuelle Stoßrichtung von Bewegung und Regime. In einem Brief an Kurt Breysig vom 9. Mai 1934 mokierte er sich: „Die Hochschulen, auch die Universität, sind leer. Ich habe gestern eine Vorlesung, in der ich vor ein Paar Semestern noch 500 Anwesende + über 1000 Beleger hatte, vor 74 (!) Männchens + Weibchens eröffnet“ (S. 524). Die Unzufriedenheit mit der Anerkennung seines intellektuellen Schaffens bringt Sombart bereits am 25. September 1933 einem Brief an den konservativen Rechtssozialisten Johann Plenge zum Ausdruck: „Was nun Ihren Anspruch auf die Vaterschaft des Nationalsozialismus anbetrifft, so geht es Ihnen nicht anders wie andern auch. So bin ich mir bewußt, ebenfalls zahlreiche Ideen seit langem vertreten zu haben, die die heutige Politik bewegen. […] Auch ich bin ‚versunken und vergessen‘. Man will keine geistigen Väter haben. Alle Gedanken fangen mit dem Jahre I der ‚nationalen Revolution‘ an. Ich finde mich mit diesem Geschick in Gelassenheit ab.“ (S. 520 f)

Doch Werner Sombart war geschickt, wenn es darum ging, seine Publikationen zu vermarkten. Er agierte als sein eigener Literaturagent, erteilte auch Kollegen und sogar nach wie vor befreundeten sozialdemokratischen Autoren Ratschläge für Verhandlungen mit Verlegern und trat dabei durchaus selbstbewusst auf. So schrieb er etwa am 30. Juni 1923 an Gustav Fischer: „Ihre neuliche Abrechnung, für deren Übersendung ich verbindlichst danke, hat mich etwas enttäuscht: ich hatte auf Hunderttausend Vorschuß gerechnet [die Inflation war gerade im Begriff, ihren Galopp anzutreten] + sehe, daß ich nun gar noch in Ihrer Schuld bin“ (S. 466). Über seinen Band Deutscher Sozialismus[3], der 1934 erschien, notierte er larmoyant: „Ich hoffe, daß es mir soviel einbringen wird, um meine Schulden zu bezahlen: dann hat es den einzigen Zweck, den ich mit dem Buch verbinde, erfüllt. Daß man heute in dem Lärm von Pauken und Trompeten das Wort einer gefallenen Größe hören wird, das freilich glaube ich nicht…“ (S. 525).

Seit jeher, und somit auch in der betrachteten Zeitperiode, war die schroffe und nicht selten polemische Kritik an den Kollegen ein beliebtes Stilmittel in der Gelehrtenkultur. Bei Werner Sombart waren solche, zumeist beiläufig geäußerten aber nichtsdestotrotz spitzzüngigen, Verrisse vor allem in der Anfangsphase seiner Karriere beliebtes Beiwerk seiner Korrespondenzen. So bemerkte er zum Ende eines langen Briefes an seinen Freund Otto Lang am 5. September 1886: „Haben Sie an Adolph Wagn.[er] geschrieben – wegen Aufnahme im Seminar? Thun Sie’s – Ich lese jetzt seinen 1. Band System – anfangs fesselnd – mit der Zeit ermüdend, wie sein Vortrag – er gehört zur Species der Wiederkäuer […]“ (S. 59). Der jüngere Rivale Max Weber, bereits als Ordinarius nach Freiburg berufen, galt ihm gehässig als „1 Modegelehrter“ (S. 135). Aber auch die finale Absage an die einstmalige Inspirationsquelle Karl Marx geriet im November 1919 gegenüber seinem Briefpartner Ferdinand Tönnies überbordend emotional und persönlich: „[M]eine Stimmung ihm gegenüber ist doch immer mehr ein seltsames Gemisch von grenzenloser Bewunderung + grimmigem Haß: ich staune jedesmal wieder über die ungeheure Genialität der Einfälle und ärgere mich jedesmal über die – so muß man es nennen – geistige Unsauberkeit, mit der M.[arx] gearbeitet hat.“ (S. 437) Was folgte, war der sicherlich auch durch seinen Kulturpessimismus begründete Rückzug Sombarts in eine so elitäre wie exklusive Gelehrtengemeinschaft. Gerade einmal 40 Jahre alt schrieb er an den befreundeten Dramatiker Carl Hauptmann: „Denn in unserem Alter vermeidet man doch gern, auch nur eine Stunde für den Umgang mit minderwertigen Menschen zu opfern“ (S. 306).

Diese hervorragend zusammengestellte Edition lässt erkennen, warum vom Werk Werner Sombarts zwar der prominente Name, kaum aber eine nachhaltig wirkende theoretische Position geblieben ist. Sein Weg von der Nationalökonomie zu einer (anthropologisch unterfütterten) Soziologie wird in seiner Korrespondenz zwar nicht klar genug nachgezeichnet, seine Orientierung vom sozialdemokratischen zum „nationalen“ Sozialismus kann über die Briefwechsel jedoch anschaulich nachvollzogen werden. Während er den Kapitalismus als System der Marktallokation aufgrund seiner Effizienz immer verteidigte, stand er liberalen Unternehmern aber kritisch gegenüber und wünschte den Staat in die Gesamtverantwortung. Das begründet die Annäherung an den „nationalen“ Sozialismus der deutschen Rechten. Will man den Irrungen und Wirrungen dieses rastlosen, mäandernden, narzisstischen Geistes allerdings im Rahmen einer umfassenden Kultur- und Sozialgeschichte der wilhelminischen und Weimarer Gelehrtenkultur nachspüren, bleibt noch viel zu tun. Der Band liefert jedoch überaus anregendes Material für ein solches Unterfangen.

Fußnoten

[1] Friedrich Lenger, Werner Sombart 1863-1941. Eine Biografie, München 2012.

[2] Thomas Welskopp, Das Banner der Brüderlichkiet. Die deutsche Sozialdemokratie vom Vormärz bis zum Sozialistengesetz, Bonn 2000.

[3] Werner Sombart, Deutscher Sozialismus, Berlin 1934.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.