Der Kritiker als Nationalökonom

Rezension zu "Neue Perspektiven auf die Politische Ökonomie von Karl Marx und Friedrich Engels" von Hans-Michael Trautwein (Hg.)

Das große Interesse an Karl Marx anlässlich des Doppeljubiläums von 2017/18 hat eine Reihe von Publikationen zu seiner Theorie hervorgebracht, die außerhalb der üblichen marxistischen und marxologischen Diskurse verortet sind. Zu diesen Veröffentlichungen gehört auch der vorliegende Sammelband, der aus einer Tagung des Ausschusses für die Geschichte der Wissenschaften im Mai 2013 hervorgegangen und nun mit einiger Verzögerung erschienen ist. Er versammelt Beiträge von sechs verschiedenen Autoren, die ein relativ breites thematisches Spektrum abdecken. Das reicht von einem sehr detailreichen Aufsatz über die Geschichte der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) und deren politische Instrumentalisierung im 20. Jahrhundert über eher fachökonomische Beiträge (zum Verhältnis von Werten und Preisen beziehungsweise Mehrwert und Profit, zur Krisentheorie und zum Konzept der unproduktiven Arbeit) bis hin zu Texten, die sich einerseits mit der Diskussion über Armut vor Marx und andererseits mit dessen Konzeption des Kommunismus auseinandersetzen.

Bei allen Unterschieden in der Thematik und der Akzentsetzung fällt zunächst einmal auf, dass alle Autoren eine gemeinsame, grundsätzliche Perspektive teilen: Marx wird durchgängig als Wissenschaftler rezipiert, der in der Tradition der ökonomischen Klassik steht und so auch daraufhin befragt, welchen Beitrag er zur Entwicklung der ökonomischen Theorie geleistet hat. Deutlich wird das schon am Titel des Buches, der von der „Politische(n) Ökonomie von Karl Marx und Friedrich Engels“ spricht und damit darüber hinweg geht, dass Marx selbst immer großen Wert darauf legte, eine Kritik der Politischen Ökonomie zu formulieren. Dieses Detail ist nicht nebensächlich, denn zum einen verweist es auf den Impetus der Marx‘schen Theorie, die auf nichts weniger als auf die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise zielt; zum anderen ist die Kritik aber auch wesentlicher Teil der „Methode“, die Marx‘ Selbstverständnis zufolge als „Kritik durch Darstellung“ der „bürgerlichen Ökonomie“ zu verstehen ist[1].

Dass die Autoren des Tagungsbandes dem entgegen Marx durchgängig als positiven Wissenschaftler lesen, macht, trotz der interessanten Erkenntnisse in ihren Beiträgen, eine fundamentale Schwäche aller hier versammelten Aufsätze aus. Nicht nur bleibt das kritische Potenzial der Marx‘schen Theorie weitgehend unausgeschöpft, vor allem gehen auch grundlegende Einsichten verloren, die auf diese radikal kritische Perspektive zurückzuführen sind. So werden insbesondere die inneren Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise, die für Marx zu deren Wesenskern gehören, entweder nicht gesehen oder als Widersprüche oder Ungereimtheiten in seiner Theorie verhandelt. Für Marx sind diese Widersprüche jedoch keine theoretischen Inkonsistenzen, sondern analytisch insofern zentral, als sie auf die grundlegende Irrationalität jener Produktions-und Lebensweise verweisen. So ist etwa der Widerspruch in der Ware, zwischen Gebrauchswert und Tauschwert, nicht nur eine Präzisierung der bereits von Aristoteles getroffenen Unterscheidung, wie Bertram Schefold unterstellt (S. 46), sondern verweist bereits auf einer ganz grundsätzlichen Ebene auf zwei zentrale Aspekte der Marx’schen Analyse. Erstens stellt die Ware für Marx die „Elementarform“ des produzierten Reichtums der kapitalistischen Gesellschaft dar, wie er gleich im berühmten ersten Absatz des Kapitals feststellt, weshalb er sie auch zum Ausgangspunkt seiner „Kritik der politischen Ökonomie“ macht. Das Wesentliche ist für ihn dabei der historisch-spezifische Charakter dieser Form des Reichtums, der in eine konkrete Seite (Gebrauchswert) und eine abstrakte Seite (Tauschwert beziehungsweise Wert) auseinanderfällt. Zweitens ist im Widerspruch zwischen Gebrauchswert und Tauschwert zugleich schon die Verselbständigung der abstrakten gegenüber der konkreten Seite der Reichtumsproduktion angelegt, die die Ursache für die ungeheure und in ihrer Grundrichtung unkontrollierbare Expansionsdynamik der kapitalistischen Gesellschaft darstellt. Denn der Antrieb dieser Dynamik ist nicht die Produktion nützlicher Dinge für die Befriedigung gesellschaftlicher Bedürfnisse, sondern die selbstzweckhafte Bewegung der rastlosen Vermehrung des Wert, die sich darin ausdrückt, dass aus Geld immer mehr Geld werden muss. Im Kern ist es das, was Marx den Fetischcharakter der Warenproduktion nennt: die Beziehungen der Menschen verwandeln sich in Beziehungen von Sachen (Waren), die ein Eigenleben entwickeln und der Gesellschaft als „zweite Natur“ gegenübertreten.[2] Daraus resultiert nicht nur der grundsätzlich krisenhafte Charakter des Kapitalismus, sondern auch der sogenannte Wachstumszwang, der zu einer fortschreitenden Untergrabung der natürlichen Lebensgrundlagen führt.[3]

Diese Betrachtungsweise des Kapitalismus als eines irrationalen Systems, das sich einer bewussten Steuerung entzieht und an seinen eigenen Widersprüchen zerbrechen muss, sperrt sich aber einer positiven Darstellung, wie die ökonomische Theorie sie anstrebt. Besonders deutlich wird das beim Versuch einer Mathematisierung Marx‘scher Theoreme, wie ihn Schefold in Anlehnung an Piero Sraffa in seinem Aufsatz zum sogenannten „Wert-Preis-Transformations-Problem“ unternimmt. Wenn er unterstellt, es sei Marxens Intention gewesen, durch mathematische Berechnungen „den transzendentalen Unglücken ihren Schrecken zu nehmen“ (S. 77), dann verfehlt er genau den Kernpunkt der Marx‘schen Kritik. Zwar mühte sich Marx in seinen Skizzen zum Kapital tatsächlich mit dem Problem ab, seine analytisch gewonnenen Einsichten über den Wert als „Elementarform“ des kapitalistischen Reichtums mit den Bewegungen auf den Märkten in Beziehung zu bringen und stellte dazu eine ganze Reihe von Rechenexempeln an. Doch wenn er dabei an seine Grenzen stieß, lag das nicht daran, dass ihm die „moderne Preistheorie … nicht zur Verfügung“ stand (S. 47). Vielmehr verweist es darauf, dass eine verdinglichte gesellschaftliche Beziehung, die hinter dem Rücken der Menschen ihre eigene unkontrollierbare Dynamik entfaltet, nicht nachgerechnet werden kann – auch wenn sie sich analytisch durchaus nachvollziehen lässt. So gesehen geht Schefold in seinem Versuch, die Beziehung zwischen Preisen und Werten beziehungsweise Profit und Mehrwert mathematisch nachzuweisen, von einer theoretischen Annahme aus, die nicht mit der Marx‘schen Kritik der Politischen Ökonomie übereinstimmt. Im Grunde sagt Schefold das auch selbst, wenn er darauf hinweist, dass bei seinen Berechnungen „die Preise … freilich nicht aus den Werten abgeleitet“ werden (S. 57) und zugleich von „der formalen Redundanz der Mehrwerttheorie“ spricht (S. 57). Was bleibt dann aber – so fragt man sich – noch von der Fragestellung übrig, mit der sich Marx herumgeschlagen hat?

Auch in Hagen Krämers sehr lesenswertem, fachkundigem Aufsatz über das „klassische Konzept der unproduktiven Arbeit“ in der ökonomischen Theorie, in dem er die Diskussion von den Physiokraten bis in die moderne „Dienstleistungsgesellschaft“ nachzeichnet, geht leider die grundsätzliche kritische Dimension der Marx‘schen Theorie verloren. Marx wird als positiver Wissenschaftler verhandelt, der sich ziemlich ungebrochen in die ökonomische Theorietradition einreiht. Zwar stellt Krämer richtig fest, dass „Marx das Konzept der produktiven Arbeit in einem anderen Sinn benutzt hat als die übrige ökonomische Klassik“ (S. 154), doch nur um diese Perspektive sodann als wenig fruchtbar und in sich widersprüchlich zu verwerfen. Nun soll nicht behauptet werden, Marx habe die Frage danach, warum bestimmte Arbeiten „unproduktiv“ im Sinne der kapitalistischen Logik sein sollen, befriedigend beantwortet. Doch auch Krämer trägt wenig zur Klärung dieser Frage bei, weil er die Marx‘schen Kategorien von vorneherein im Lichte der modernen ökonomischen Theorie interpretiert. Aus diesem Grund sieht er Widersprüche im theoretischen Denkgebäude, wo Marx tatsächlich die Widersprüche in der kapitalistischen Wirklichkeit analytisch zu fassen versucht. So fragt Krämer beispielsweise, warum für Marx die Arbeit eines Schauspielers dann produktiv sein soll, wenn sie im Auftrag eines privaten Unternehmers verrichtet wird, jedoch unproduktiv, wenn der Schauspieler seine Leistung direkt an das Publikum verkauft. Für Krämer ist das ein „offensichtlicher Widerspruch“ (S. 148), weil die Tätigkeit ja immer die gleiche sei.

Als theoretischer Widerspruch kann das aber nur erscheinen, wenn man den unproduktiven oder produktiven Charakter einer Tätigkeit an deren Inhalt (also in der Marx‘schen Terminologie: am Gebrauchswert) festzumachen versucht, ihn also so bestimmen will, wie es in der ökonomischen Theorie üblich ist, die nur „Güter“ statt „Waren“ sieht und damit den warenförmigen Charakter der kapitalistischen Produktionsweise selbst verkennt. Für Marx hingegen steht fest, dass die Reichtumsproduktion in der kapitalistischen Gesellschaft immer nur auf den Wert und seine Vermehrung zielt und die Frage daher lauten muss, ob eine Tätigkeit zur Vergrößerung des Reichtums beiträgt oder nicht. In dieser Perspektive löst sich der scheinbare Widerspruch also sehr schnell auf: der Theaterunternehmer kauft die Arbeitskraft an, um sein Kapital zu vermehren, sie ist also „produktiv“ im Sinne der Akkumulation von abstraktem Reichtum; der selbstständige Schauspieler verkauft seine Arbeit an zahlende Kunden und „vernichtet“ ihren Wert sogleich wieder, indem er davon Konsumgüter kauft (seine Arbeitskraft ist also „unproduktiv“ im Sinne der Vermehrung von abstraktem Reichtum).[4] Man mag die Marx‘sche Perspektive kritisieren, doch die Analyse ist in sich stimmig und kann nicht widerlegt werden, indem man ihre Kategorien im Sinne eines ganz anderen theoretischen Paradigmas interpretiert, wie Krämer es leider tut.

Der spannendste Aufsatz in dem Sammelband ist der von Birger Priddat über „Marx‘ elitäre Konzeption des ‚Kommunismus‘“, nicht nur weil er sich mit grundlegenden sozialphilosophischen Fragen auseinandersetzt, sondern vor allem, weil er entgegen dem Zeitgeist für eine Rehabilitierung der Marx‘schen Kommunismus-Konzeption plädiert. Zunächst verteidigt Priddat sie gegen den üblichen Verdacht, sie bereite den Boden für ein autoritäres Staatsregime, wie es mit dem „Realsozialismus“ untergegangen sei. Mit einer Fülle von Zitaten, vor allem aus den Grundrissen und den Frühschriften, belegt er, dass Marx nichts anderes als die „universale Entwicklung des Individuums“ (S. 208) im Sinn hatte. Bemerkenswert ist auch, dass Priddat die kritische Einstellung von Marx gegenüber der Arbeit betont, deren Zurückdrängung den Zugang zum „wahren Reichtum“ (S. 208), nämlich der frei verfügbaren Zeit, eröffne. Der „Kommunismus“ verspreche „folglich […] nicht die Befreiung der Arbeit, sondern die Befreiung von der Arbeit“ (S. 215; Hervorheb. im Orig.). Erfreulicherweise liest Priddat Marx hier also grundlegend anders als der traditionelle Marxismus, der sich immer positiv auf die Arbeit und den damit verbundenen „Klassenstandpunkt“ bezogen hat. Schade nur, dass er hierbei keinen Bezug zu anderen heterodoxen Interpretationen der Marx‘schen Theorie herstellt, die zu ähnlichen Schlüssen kommen. Insbesondere ein Rückgriff auf Moishe Postone[5] hätte es erlaubt, den Arbeitsbegriff sowie die eng damit verbundene Kategorie der Zeit präziser zu fassen.

Insgesamt versucht sich Priddat aber, anders als etwa Postone, nicht so sehr an einer Neu-Interpretation der Marx‘schen Kategorien im Rahmen von dessen Theorie, sondern liest sie vor allem im Lichte einer humanistischen Philosophie. Das eröffnet zwar interessante Perspektiven, führt aber leider auch dazu, dass er Marx teilweise Positionen zuschreibt, die eher diesem philosophischen Kontext als dem Marx‘schen Denken selbst entspringen. Insbesondere gilt das für die These, Marxens Konzeption des Kommunismus sei ein der Philosophie des 19. Jahrhunderts verhaftetes „Bildungskonzept“ (S. 207) und trage einen elitären Charakter: „Frei und politisch sein können im Kommunismus nur die, die sich voll entwickelt haben im Ernst der Anstrengung der Bildung zur ‚höheren Tätigkeit‘. Das ist ein Elitekonzept“ (S. 218; Hervorheb. im Orig.).

Für diese doch recht gewagte Interpretation kann Priddat keine überzeugenden Belege anführen. Alle zitierten Stellen weisen vielmehr darauf hin, dass die Marx‘sche Vorstellung einer vollen Entfaltung der Individualität universellen Charakter hat und auf eine Gesellschaft frei assoziierter Menschen zielt. Dass erst ein bestimmter Grad der Bildung die umfassende Partizipation an der gesellschaftlichen und politischen Selbstorganisation erlauben soll, davon ist bei Marx nirgendwo die Rede. Hier interpretiert Priddat den „Kommunismus“ auf eine Weise, die wohl eher seinem eigenen als dem Marx‘schen Weltverständnis entspricht. In der Konsequenz führt ihn das – entgegen seiner eingangs geäußerten Ansicht, Marx sei für die Irrungen des realen Sozialismus nicht in Verantwortung zu nehmen – sogar dazu, die Kompatibilität der Marx‘schen Vorstellungen mit dem leninistischen Avantgardekonzept und seinen diktatorischen Konsequenzen zu behaupten (S. 221). Wo die anderen Autoren des Sammelbandes Marx als mehr oder weniger interessanten Ökonomen rezipieren, gerät dieser bei Priddat so zu einem humanistischen Philosophen mit einer „bildungsaristokratischen Haltung“ (S. 221).

Trotz aller Unterschiede zu den übrigen Aufsätzen fügt sich Priddats Essay somit in das Gesamtbild des Tagungsbandes ein, der interessante Beiträge zur Marxforschung liefert, jedoch insgesamt die kritische Dimension und das emanzipatorische Potenzial der Marx’schen Theorie entschärft.

Fußnoten

[1] Marx in einem Brief an Ferdinand Lasalle vom 22. Februar 1858, in: Marx-Engels-Werke (MEW) Bd. 29, Berlin 1978, S. 550.

[2] Vgl, grundsätzlicher dazu: Norbert Trenkle, Ungesellschaftliche Gesellschaftlichkeit. Der Widerspruch zwischen Individuum und Gesellschaft als Kernpunkt gesellschaftskritischer Theorie, www.krisis.org/2019/ungesellschaftliche-gesellschaftlichkeit/ [05.02.2020].

[3] Vgl. dazu: Norbert Trenkle, Lizenz zum Klimakillen. Warum es keine „ökologische Marktwirtschaft“ geben kann, in: Streifzüge 77 (2019), S. 9–13, online abrufbar: www.streifzuege.org/2019/lizenz-zum-klima-killen/ [05.02.2020].

[4] Vgl. genauer dazu: Peter Samol, Arbeit ohne Wert. Über das Scheitern der „Dienstleistungsgesellschaft“ und wie es mit der Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit zusammenhängt, in: Krisis. Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft 31 (2007), S. 90 – 123. Online abrufbar unter : www.krisis.org/2007/arbeit-ohne-wert/ [05.02.2020].

[5] Moishe Postone, Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx, Freiburg 2003.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.