Der Neuro-Naturalismus und wie er in die Welt kam

Rezension zu "Die Mechanik der Leidenschaften" von Alain Ehrenberg

Das 20. Jahrhundert ist mit der „Dekade der Hirnforschung“ zu Ende gegangen – so damals vom amerikanischen Präsident George H. W. Bush deklariert. Losgelöst von der Frage nach deren wissenschaftlichem Ertrag kann man sie heute definitiv als eine Trendwende veranschlagen. Mit ihr stiegen neurowissenschaftliche Erklärungen zur dominanten Form der Selbstdeutung des Menschen auf, die einstmals populäre, etwa psychoanalytische Ansätze erfolgreich verdrängen konnten. Verschiedene Studien haben die neue epistemische Dominanz des Gehirns herausgearbeitet: 2012 publizierte eine Gruppe junger Wissenschaftler*innen ein Handbuch Critical Neuroscience, das dazu aufforderte, die sozialen und kulturellen Kontexte neurowissenschaftlicher Forschung genauer zu betrachten. Nur ein Jahr später sprachen Nikolas Rose und Joelle Abi-Rached schlicht vom „Neuro“ als dem neuen Dispositiv eines neuro- und molekularbiologischem Zugriffs zum Management individueller wie sozialer Probleme. Und Fernando Vidal und Francisco Ortega haben kürzlich rekonstruiert, wie Subjektivität inzwischen cerebral konzipiert werde und „brainhood“ damit an die Stelle von „personhood“ getreten sei.[1] Jetzt ergreift der Soziologe Alain Ehrenberg die Gelegenheit, mit dem Neuro-Turn seine große Trilogie zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Selbstverständigung abzuschließen.

Auch für den Pariser Zeitdiagnostiker gibt es am Neuro-Turn keinen Zweifel, aber wie schon bei seinem Buch zum Burnout, mit dem er vor zwölf Jahren die Trilogie startete, hängt für ihn alles von der richtigen sozio-politischen Deutung dieses Wandels ab: Er sieht darin weniger den kurzfristigen Sieg eines reduktionistischen Forschungsprogramms mit problematischen individualisierenden Folgen (so dass jetzt „Gehirnfunktionsstörungen“ primär pharmakologisch statt sozialtherapeutisch behandelt werden), als vielmehr den vorläufigen Endpunkt eines bereits länger ablaufenden Transformationsprozesses. Entsprechend datiert er den Neuro-Turn nicht etwa auf die 1990er-Jahre, sondern sieht die Anfänge bereits um 1970 – und damit im zeithistorischen Kontext großer gesellschaftlicher Umbrüche, neuer sozialer Bewegungen und der Dehospitalisierung psychiatrischer Patienten. Obendrein erkennt er in dem sich herausbildenden Komplex der neuronalen Verhaltenswissenschaften einen späten Sieg des Sensualismus der schottischen Aufklärung, das heißt von David Hume über den Rationalisten Immanuel Kant mit seinem Konzept der Autonomie vernunftbegabter Wesen. Unter dieser weitsichtigen Perspektive gelingen Ehrenberg eine Reihe faszinierender Beobachtungen und Verknüpfungen, zugleich resultieren aus ihr im Endeffekt aber auch eine Reihe ernstzunehmender Schwierigkeiten, die Ehrenbergs Buch zu einer letztlich unbefriedigenden Analyse werden lassen, zumal seine Beschreibung der Neurowissenschaft und ihrer aktuellen Hegemonie über humanwissenschaftliche Diskurse erstaunlich unkritisch ausfällt.

Schon im Erschöpften Selbst, dem ersten Band der Trilogie, war es Ehrenbergs Pointe gewesen, nicht einfach eine Zunahme der gesellschaftlichen Anforderungen an das moderne Individuum unter den Bedingungen des global entfesselten, neoliberalen Kapitalismus zu diagnostizieren, sondern hinter der Zunahme solcher Störungen veränderte Kollektivvorstellungen gelingender Subjektivität freizulegen: An die Stelle einer zwangsweisen Einpassung in die Gesellschaft mit der daraus resultierenden Triebunterdrückung seien heute Störungen getreten, die mit der nun permanent geforderten Selbstverwirklichung in ursächlichem Zusammenhang stünden und sich deshalb als Überforderung manifestierten. Diese psychoanalytisch grundierte Diagnose einer Verschiebung von ödipalen Konflikten zu narzisstischen Störungen hatte er im zweiten Band Das Unbehagen in der Gesellschaft mit einer Diskursanalyse der Differenzen in den amerikanischen und französischen Debatten untermauert. Der dritte und abschließende Band Die Mechanik der Leidenschaften passt die rezenten Konzepte der sozialen Neurowissenschaft und die parallele Umcodierung neuropsychiatrischer Störungen zu „besonderen Eigenschaften“ in diesen größeren Interpretationsrahmen ein. Er skizziert einen kollektiven „Klimawandel“ (S. 16) von Psychoanalyse und Psychopathologie hin zu einer Lebensgestaltung mittels Neurowissenschaft. Individuelle Grenzen sollen nicht mehr (schmerzlich) bewusst gemacht, sondern durch Training und Arbeit am Selbst überwunden werden: Das sei der „heuristische Wert der Neurowissenschaften für eine Soziologie des zeitgenössischen Individualismus“ (S. 19).

Ehrenberg baut sein Breitwand-Narrativ geschickt mit einem Rückgriff auf berühmte Fallgeschichten auf. Beispielsweise spannt er mühelos einen Bogen von Phineas Cage, der 1848 durch einen Unfall zum Soziopath wurde, und der beginnenden Lokalisationslehre im 19. Jahrhundert über Freuds Fallgeschichten bis zu den Anfängen der Selbsthilfebewegungen um 1970, die wiederum mit dem Start der kognitiven Neurowissenschaften zusammenfallen, in deren Resonanzraum Antonio Damasio und Oliver Sacks schließlich ihre publikumswirksamen Bücher schrieben, die an der Schwelle zur öffentlichen Karriere der Neurowissenschaften am Ausgang des 20. Jahrhunderts standen. Die Leitgedanken von Ehrenbergs Großerzählung – vom Handicap zur Herausforderung, Training des neuroplastischen Gehirns statt Asylierung der unabänderlichen Störung, Empathie und Spiegelneurone als neuronale Basis der Gesellschaft – verdanken sich dabei weitgehend jüngeren Diskursen des 21. Jahrhunderts, aber dank seiner geschickten Rückgriffe und einer suggestiven Verknüpfung der verschiedenen Stationen entsteht der Eindruck, es handle sich um einen dicht gewirkten Teppich langfristiger Prozesse. Über dieselben 150 Jahre Hirnforschung wurden freilich schon ganz andere Geschichten erzählt, etwa Fortschrittsgeschichten aus der Erinnerung der beteiligten Forscher oder zugespitzte Selbstentlarvungen des Menschen entlang neurophilosophischer und evolutionsbiologischer Deutungen.

Ehrenberg zielt demgegenüber auf eine längerfristige Ideengeschichte der Hirnforschung. Über die üblicherweise in den Vordergrund gestellten ideologischen Differenzen hinweg seziert Ehrenberg präzise die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen kognitiven Neurowissenschaften und holistischer Neurologie. In ähnlich souveränem geistesgeschichtlichen Zugriff setzt er der oft erzählten Geschichte einer zunehmend reduktionistischen Forschung eine andere Traditionslinie entgegen. Quer über drei Jahrhunderte hinweg rekonstruiert das zweite Kapitel „die Umwandlung der Affekte von der schottischen Aufklärung bis zum neuen Individualismus“, um in dieser „historischen Tiefendimension“ eine „Verwandtschaft zwischen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Ideen“ (S. 92) auszumachen. So inspirierend eine solche entfremdende Distanzierung des rezenten Naturalismus der Neurowissenschaft ist, so unbestimmt belässt es Ehrenberg bei der bloßen Diagnose – statt genauer auszuweisen, über welche Transmissionsriemen diese untergründige Wirkungsgeschichte denn eigentlich verlief. Hier hätte man sich, zumal von einem Soziologen, in der Tat mehr „Mechanik der Leidenschaften“ gewünscht, etwa in der Gestalt einer wirklich empirisch gesättigten Studie.

Ähnliches gilt für die faszinierende Beobachtung, dass die neuen sozialen Bewegungen, das Aufkommen von Selbsthilfegruppen und die ersten autobiografischen Patientenberichte zusammen mit der Wende zur biologischen Psychiatrie in annährend dieselbe Transformationsperiode ab 1970 fallen. Auch hier legt Ehrenbergs tiefergehende Analyse überraschende Gemeinsamkeiten hinter den vermeintlich opponierenden ideologischen Positionen frei, und es bleibt ein wunderbar prägnantes Fundstück, wenn Ehrenberg diesen komplexen Transformationsprozess zur winzigen Verschiebung von „handicapé“ (behindert) zu „handicapable“ (speziell befähigt) verdichten kann. Leider irritiert Ehrenbergs Diagnose ausgerechnet an diesem Punkt mit arroganten, ja zynischen Untertönen, setzt sich der Autor im Medium seiner autoritativen ideenhistorischen Zeitdiagnostik doch schlicht über die Erfahrungen der Betroffenen hinweg und nimmt ihnen damit eben jenes Eigenrecht, für das Einzelne schon ab den 1970er-Jahren auf die Straße gegangen sind, das jedoch lange vergeblich erkämpft werden musste, bis endlich vor gut zehn Jahren die WHO Behindertenkonvention zustande kam.

Zwischen beide Kritikpunkte schiebt sich noch ein dritter, der die Datierung und damit das Kernstück von Ehrenbergs Buch betrifft: So originell und vielversprechend es ist, die gesellschaftliche Neuro-Wende bereits auf die 1970er-Jahre vorzudatieren, bleibt der Beweis dafür noch zu erbringen. Es mag sein, dass eine Übersättigung mit psychoanalytischen Konzepten und die Kritik an autoritären psychiatrischen Verhältnissen zusammen mit den ersten Selbsthilfegruppen und neuen sozialen Bewegungen zum Geflecht der Bedingungen gehören, aufgrund derer die neue Verhaltensneurologie überhaupt erst denk- und durchsetzbar wurde. „The Me Decade“, ein von Ehrenberg dafür angeführter Artikel von Tom Wolfe im New York Magazine von 1976, wird womöglich ein Ausdruck des neuen Zeitgeistes gewesen sein, war gewiss jedoch noch keine Ankündigung der neuronal basierten Selbstverwirklichung, sondern vielmehr Symptom einer neuen Kreativität mit Flicker-Lampen und Counterculture (mitsamt der dazu gehörenden, mittlerweile freilich völlig verblassten Utopien).

Bedenklich wird diese Lücke in der Argumentation, weil sich der Soziologe bei seiner ideengeschichtlichen Diagnostik vor allem auf einschlägige neurowissenschaftliche Fachartikel beruft. Also erfahren die LeserInnen weder etwas über den enormen Ausbau der Hirnforschung im späten 20. Jahrhundert (beziehungsweise über die beteiligten Akteure, Förderinitiativen, Ziele, Strategien etc.), noch geht Ehrenberg näher auf die sich verändernden sozioökonomischen Rahmenbedingungen ein, die das neurowissenschaftlich fundierte, sich sogar noch in seinen „Handicaps“ verwirklichende Subjekt forcieren.

Dieser Zuschnitt des Materials erweist sich spätestens bei der Analyse gegenwärtiger bildgebender Forschung als fragwürdig: Zwar registriert Ehrenberg genau die Optionen der neuen bildgebenden Verfahren um die Jahrtausendwende, doch verpuffen die sich anschließenden Ausführungen zum digitalen Gehirn („Neurobildgebung (wurde) zu einem automatisch steuerbaren, digitalisierten Raum“, S. 201) zu einem bloßen Gedankenspiel, da er ausgerechnet diese neue, dynamisierte „Mechanik der Leidenschaften“ nicht weiter unter die Lupe nimmt. Selbstverständlich lässt sich eine so übergreifende Analyse, wie Ehrenberg sie mit seiner Studie vorlegt, nicht in allen ihren Zweigen mit Tiefenbohrungen unterfüttern, aber Ehrenberg stützt seine Argumentation zu häufig auf hochverdichtete Aufbereitungen, die ihrerseits bereits für ein breiteres Publikum gedacht waren.

Diese Eigenart des Buches tritt auch im abschließenden Kapitel über das neue Individuum hervor, das wieder mit Fallgeschichten arbeitet. Siri Hustvedts Selbstbeschreibung als „Zitternde Frau“ und die Autobiografie Allen Shawns, die einen Künstler vorstellt, der sein Werk phobischen Zuständen abtrotzt, machen für Ehrenberg exemplarisch lesbar, wie sich das neue Selbst in und mit seinen Handicaps verwirklicht. Wieder beschreibt Ehrenberg mit frappierendem Durchblick, wie diese Texte psychoanalytisch grundierte Suchbewegungen nach einem Sinn in der Störung graduell ergänzen und ablösen durch neurologisch erklärende Ansätze. Gerade darin manifestieren sich die Potenziale der neuen Verhaltenswissenschaften eindrucksvoll, argumentieren beide Bücher zweifelsohne doch naturalistisch, freilich ohne materialistischen Reduktionismus. Insofern verschmelzen sie naturalistische Erklärungen mit ebenso innovativen wie zeitgemäßen Formen sinnhafter Deutung. Gemäß dem dominanten Imperativ einer Selbstverwirklichung in den Grenzen des eigenen Handicaps entpuppt sich der Neuro-Naturalismus dabei als „moralischer Perfektionismus“, wie Ehrenberg abschließend mit Stanley Cavell akzentuiert (S. 340). Die Frage hingegen, welche sozialen Phänomen der Gegenwart sich anhand derart exponierter Literatur eigentlich erhellen lassen, bleibt bezeichnenderweise ungestellt. Denn es dürfte sich kaum abstreiten lassen, dass die betrachteten Texte über „die“ Neurowissenschaft im semantischen Dreieck von „Gehirn, Verhalten, Gesellschaft“ weniger aussagen, als über die Vermarktungschancen autobiografischen Schreibens in der gegenwärtigen Neuro-Konjunktur.

Fußnoten

[1] Suparna Choudhury / Jan Slaby (Hg.), Ciritical Neuoscience. A Handbook of the Social and Cultural Contexts of Neuroscience, Chichester 2012. Nikolas Rose / Joelle M. Abi-Rached, Neuro. The New Brain Sciences and the Management of the Mind, Princeton 2013. Fernando Vidal / Francisco Ortega, Being Brains. Making the Cerebral Subject, New York 2017.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.