Der Vernunft nicht zugänglich

Franziska Krah über frühe Ansätze der Antisemitismusforschung

„So wahr es ist, daß man den Antisemitismus nur aus unserer Gesellschaft heraus verstehen kann, so wahr scheint es mir auch zu werden, daß nun die Gesellschaft angemessen nur durch den Antisemitismus verstanden werden kann.“ Als Max Horkheimer diese Zeilen 1941 an Harold Laski schrieb, konnte er die mörderische Dynamik des Antisemitismus, die in den von den Deutschen betriebenen Vernichtungslagern ihren grausamen Höhepunkt finden sollte, noch gar nicht absehen. Dennoch stand für ihn fest, dass der Antisemitismus den Schlüssel zum Verständnis der Gesellschaft seiner Zeit bildete. Er stand mit dieser Ansicht nicht allein. Bekanntlich gehörte die These von der zentralen ideologischen Funktion der Judenfeindlichkeit in der Moderne spätestens seit der Dialektik der Aufklärung zum festen theoretischen Arsenal des maßgeblich von Horkheimer organisierten Forschungszusammenhangs der Kritischen Theorie und der ihm zugehörigen Wissenschaftler. Nach der Zäsur, die der Zivilisationsbruch des Holocaust in der historischen Entwicklung markiert, intensivierte sich die Antisemitismusforschung und stieg die Anzahl der Wissenschaftler, die versuchten, das Geschehene zumindest theoretisch zu begreifen. Die Konzentration auf die Zeitspanne der nationalsozialistischen Herrschaft führte jedoch dazu, dass die vielfältigen, vor 1933 unternommenen theoretischen Anstrengungen zum besseren Verständnis des Judenhasses und seiner Ursachen weitgehend aus dem Blick oder gleich ganz in Vergessenheit gerieten.

Wie zahlreich, elaboriert und tiefgründig diese Konzeptionalisierungen waren, lässt sich nun in einer eindrucksvollen Studie der Historikerin Franziska Krah nachlesen, die sich eingehend mit theoretischen Ansätzen der Antisemitismusforschung aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt. Das Buch gliedert sich neben der Einleitung und dem Ausblick in drei große Abschnitte. Unter der Überschrift Von der Erfahrung zur Theorie skizziert die Autorin zunächst kurz die Biografien der von ihr untersuchten Autoren, von denen die meisten einer breiteren Öffentlichkeit heutzutage nicht mehr bekannt sein dürften: Der Diplomat Heinrich Coudenhove (1859–1906), der unter dem Pseudonym Constantin Brunner bekannte Philosoph Arjeh Yehuda Wertheimer (1862–1937), der Philosoph und Publizist Julius Goldstein (1873–1929), der Schriftsteller Arnold Zweig (1887–1968), der Publizist und Politiker Fritz Bernstein (1890–1971) sowie Franz Ludwig Müller alias Michael Müller-Claudius (1888–unbekannt). Darüber hinaus beschreibt Krah die Entstehung des modernen Antisemitismus im späten 19. Jahrhundert und seine ubiquitäre Verbreitung in allen gesellschaftlichen Bereichen, an der Universität ebenso wie im Heer, im Berufs- nicht anders als im Alltagsleben.

Als ein einschneidendes Erlebnis für die meisten der genannten Theoretiker erwies sich dabei die Gründung antisemitischer Gruppierungen in den 1890er-Jahren und das sich sukzessive verschärfende antijüdische Ressentiment in der Wilhelminischen Ära. Die weite Verbreitung der Judenfeindschaft manifestierte sich nicht zuletzt in der 1916 durchgeführten Judenzählung im Ersten Weltkrieg. Die als herabwürdigend empfundene Maßnahme vermittelte vielen jüdischstämmigen Deutschen den Eindruck, dass sie aus Sicht der Mehrheitsbevölkerung nicht dazugehörten und man ihre Loyalität immer anzweifeln würde, egal, wie stark sie sich in die Nation einbrachten oder wie patriotisch sie waren. Selbst wenn sie sich bereit zeigten, ihr Leben für das Vaterland zu opfern – das Vaterland gab ihnen zu verstehen, dass es ihr Opfer nicht wollte und ihnen misstraute.

Auf alle im Buch behandelten Theoretiker hat der Antisemitismus eine große Wirkung ausgeübt, sei es, dass sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft selbst antisemitische Anfeindungen erlebt hatten oder dass sie als aufmerksame Beobachter der Entwicklungen von seiner Vehemenz schockiert waren und ihn als politische Bedrohung betrachteten. Die persönliche Erfahrungsgrundlage bildete für alle Autoren ein zentrales Motiv für ihre Beschäftigung mit der Judenfeindschaft. Ihre theoretischen Ausführungen konzentrierten sich dabei für gewöhnlich zunächst auf die historische Genese des Antisemitismus, um „seine historischen Wurzeln [aufzudecken] und Unterschiede zu vormodernen Formen [herauszuarbeiten]“ (S. 92). Heinrich Coudenhove ging in seiner Auseinandersetzung gar bis zur Judenfeindschaft im antiken Griechenland zurück.

Trotz einiger Überschneidungen zwischen den verschiedenen Ansätzen hebt Krah insbesondere die terminologische Uneinheitlichkeit der frühen Antisemitismustheorien hervor. Bereits über die Frage, wie das zu untersuchende Phänomen begrifflich zu fassen sei, gingen die Meinungen auseinander. Constantin Brunner sprach nach wie vor von „Judenhass“, andere wie Fritz Bernstein, Arnold Zweig und Heinrich Coudenhove verwendeten den von Wilhelm Marr in den 1870er-Jahren geprägten Terminus des „Antisemitismus“.

Als Gründe für die fehlende begriffliche Homogenität führt Krah die vielfältigen Erklärungsansätze der Theoretiker an, die sie im zweiten und zugleich umfangreichsten Abschnitt ihrer Arbeit detailliert erläutert. Ungeachtet aller Unterschiede zwischen den analysierten Schriften und trotz der Mannigfaltigkeit der Erklärungen gelingt es der Autorin, ihr Material mit Hilfe einer Typologie in systematisch überzeugender Weise zu ordnen. Neben Ansätzen, die den Judenhass aus religiösen, (massen-)psychologischen oder fremdenfeindlichen Motiven zu erklären suchten, unterscheidet sie dabei auch Ansätze, die ihn als Produkt eines Aberglaubens oder als Konsequenz des Nationalismus deuteten.

Während etwa für Coudenhove die christliche Religion sowohl den Ursprung als auch das nach wie vor entscheidende Element des Judenhasses bildete, sah Müller-Claudius ihren Einfluss im Lauf der Zeit zugunsten ‚rassischer Faktoren‘ im Schwinden begriffen. Im Gegensatz dazu negierten Bernstein, Brunner, Goldmann und Zweig die Bedeutung religiöser Motive und machten rein weltliche Ursachen für den Antisemitismus verantwortlich.

Ein Aspekt, der Krah besonders bedeutsam erscheint, ist die Einmütigkeit, mit der alle Theoretiker es ablehnten, den Antisemitismus aus dem realen Verhalten der Juden erklären zu wollen. Vielmehr betrachteten sie ihn als „Konstruktion der Antisemiten“ (S. 179), womit sie bestimmte moderne, psychoanalytische Erklärungen antizipierten, die die Judenfeindschaft als (pathische) Projektion begreifen.

Die Autorin zeichnet akribisch die diversen Ansätze der Theoretiker nach, wobei sie es nicht versäumt, neben unterschiedlichen Prämissen und gegensätzlichen Deutungen auch auf bestimmte vorhandene Gemeinsamkeiten hinzuweisen. So betteten alle Theoretiker den Antisemitismus in größere gesellschaftliche und historische Kontexte ein. Darüber hinaus interpretierten sie den Judenhass als irrationales Phänomen, „als nicht zugänglich für die Vernunft“ (S. 327), und reflektierten gleichermaßen auf seine soziale wie auch seine individualpsychologische Funktion. Viele Autoren rekurrierten dabei nicht zuletzt auf den Topos des Sündenbocks.

Als Schwäche beziehungsweise Inkonsequenz der Theorien erachtet Krah die Ernsthaftigkeit, mit der die damaligen Antisemitismusforscher die Aussagen der Judenfeinde diskutierten. So suchten sie diese häufig unter Rekurs auf Tatsachen zu widerlegen, obgleich sie sich des irrationalen Charakters der betreffenden Anschuldigungen vollauf bewusst waren. In einigen Schriften wurde auch die vermeintliche Andersartigkeit der Juden als Grund genannt und diese dadurch zumindest indirekt mitverantwortlich für den Hass auf sie gemacht. Einige antisemitismuskritische Schriften waren auch selbst nicht frei von Klischees über Juden, die als in wirtschaftlicher Hinsicht besonders geschickt und als dominant im Handel beschrieben wurden. Befremdlich aus heutiger Perspektive findet Krah zudem den oft betonten Patriotismus einiger Antisemitismustheoretiker, die im Judenhass vor allem eine Schande für die Nation sahen.

Im dritten Abschnitt Von der Theorie zur Praxis beschreibt Krah schließlich die praktischen Handlungsmöglichkeiten, die die frühen Theoretiker des Judenhasses aus ihren Analysen ableiten zu können meinten. Alle suchten sie nach Wegen, den Antisemitismus politisch zu bekämpfen. Sehr verschieden schätzten sie allerdings die davon ausgehende Gefahr für jüdische, aber auch für nicht-jüdische Deutsche ein. Während Constantin Brunner den Antisemitismus für ein zwar ubiquitär verbreitetes Phänomen hielt, das jedoch primär, wenn auch nicht ausschließlich, die ‚Ostjuden‘ treffe, sah Arnold Zweig darin weniger eine Bedrohung für die Juden als vielmehr für die Zukunft des deutschen Volkes, da er dessen gesellschaftliche Grundlagen unterminiere. In der Frage, ob der Antisemitismus eine nationale Bedrohung darstelle und wie weit er verbreitet sei, divergierten die Meinungen erheblich. Die Positionen reichten von der Annahme, dass die wachsende Anzahl an Judenfeinden zu einer Gefahr für die deutsche Nation werden könne, bis hin zu der entgegengesetzten Einschätzung, dass mittlerweile eine Mehrheit der Deutschen antisemitisch eingestellt sei. Von dieser Haltung wiederum leitete sich das Verhältnis der jeweiligen Theoretiker zur Idee der Gründung eines eigenen jüdischen Staates, also zum Zionismus, ab. So sahen etwa Bernstein und Coudenhove in der zionistischen Bewegung ein wichtiges Mittel zur Schwächung des Antisemitismus, während andere bezweifelten, dass deutsche Juden überhaupt auswandern wollten. Brunner meinte gar, dass der Zionismus dem Antisemitismus Argumente an die Hand liefere.

Einig waren sich die Autoren hingegen in ihrer Kritik an der hauptsächlich auf die rechtliche Gleichstellung gerichteten (Abwehr-)Arbeit des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die sie für weitgehend wirkungslos erachteten. Auch dem Assimilationspostulat standen sie ablehnend gegenüber. Die in den Schriften der von ihr ausgewählten Autoren vorherrschende Skepsis dient Krah nicht zuletzt als ein wichtiges Argument, um die in der Forschungsliteratur nach wie vor verbreitete Position eines dominanten jüdischen Fortschrittsoptimismus in Frage zu stellen.

Nichtsdestotrotz suchten alle Theoretiker nach Möglichkeiten, den Antisemitismus zu bekämpfen. Den Juden selbst wiesen sie dabei eine besondere Verantwortung zu, da die Überwindung des Antisemitismus vor allem in ihrem Interesse liege. Gleichwohl waren sie sich darin einig, dass sich dieses Ziel ohne die Unterstützung zumindest von Teilen der nichtjüdischen Bevölkerung nicht verwirklichen ließ. Einige bauten dabei auf die Resistenz der Demokratie und eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft, andere setzten stärker darauf, die Öffentlichkeit zu erziehen und die Jugend zu demokratischen Staatsbürgern herzubilden.

Krah nennt die mannigfaltigen Vorschläge deshalb auch „zuweilen widersprüchlich und realitätsfern“ (S. 393). Dass die verschiedenen Lösungsansätze nur geringe Erfolgsaussichten hatten, lag nicht zuletzt daran, dass allen Theoretikern daran gelegen war, den Antisemitismus nicht nur zu bekämpfen, sondern seine Träger tatsächlich von der geistigen und moralischen Unzulänglichkeit ihrer Ansichten zu überzeugen. Dass sie sich diesem Anspruch verpflichtet fühlten, war in gewisser Weise nur konsequent, stimmten sie doch alle darin überein, dass es zu einer endgültigen Überwindung der Judenfeindschaft nicht nur zum Kampf entschlossene Akteure bräuchte, sondern auch Opponenten, bei denen zumindest ein rudimentärer Wille zur Einsicht sowie eine minimale Bereitschaft zum Lernen vorhanden sind.

Ich komme zum Schluss: Krahs kenntnisreiche Arbeit bietet einen informativen Überblick über ein sowohl von der historischen als auch von der sozialwissenschaftlichen Forschung bislang vernachlässigtes Gebiet. Was die Lesbarkeit betrifft, so hätte das Buch ohne Frage an manchen Stellen von einer strafferen Argumentationsführung profitiert. Doch auch wenn das Lesevergnügen durch gelegentliche Redundanzen in der Darstellung getrübt wird, so mindert dieser Aspekt nicht im Geringsten die wissenschaftliche Leistung der Autorin, die darin besteht, fast vergessene Theoretiker des Antisemitismus wieder in den Fokus der historischen wie auch der systematischen Forschung gerückt zu haben.

Ihre auf breiter Quellengrundlage basierende Studie zeigt, wie vielfältig und theoretisch elaboriert bereits die frühe Antisemitismusforschung war. Es lohnt für die analytische Tiefenschärfe auch in der aktuellen Diskussion – nicht zuletzt über den neuen, israelbezogenen Antisemitismus – sich einer historischen Perspektive zu vergewissern. Es bleibt zu hoffen, dass Krahs profunder Studie weitere thematisch verwandte Arbeiten folgen werden. Wer sich des Gegenstands annimmt, wird dabei an diesem Buch zukünftig nicht mehr vorbeikommen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.