Deutungen, bitte!

Rezension zu "Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter" von Cornelia Koppetsch

Woher kommt der virulente Rechtspopulismus und wie beständig wird er sein? Vor allem aber: Wie ihm begegnen? Deutungen unserer gereizten, politisch polaren Gesellschaft sind derzeit besonders gefragt.

Millionen Menschen haben das Gefühl, ihr Land drifte in die falsche Richtung, haben den Eindruck, nicht mehr ausreichend gehört zu werden. Wo ein solcher Eindruck lange währt, entsteht Wut, die sich auch politisch manifestiert. Wohl auch aus diesem Grund sind Wut, Ärger, Angst und Zorn – allesamt Gefühlslagen beschreibende Begriffe – im Schwange, jedenfalls, was zeitdiagnostische Buchtitel angeht. Cornelia Koppetsch hat „Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter“ verfasst, um die Entstehungsbedingungen rechtsnationaler wie rechtspopulistischer Strömungen zu reflektieren und die wachsende Bedeutung der neuen Rechtsparteien zu erklären: „Wie konnten reaktionäre und autoritäre Tendenzen in einer Gesellschaft erstarken, die sich auf dem Höhepunkt des Friedens, der Aufklärung und des Fortschritts glaubte?“, fragt die Autorin gleich zu Beginn (S. 9). Doch eines sei gleich vorangestellt: Koppetschs Buch ist kein Erregungsbarometer einer aggressiv-angespannten gesellschaftlichen Stimmung. Vielmehr gleicht es einer Revue relevanter sozialwissenschaftlicher Interpretationsangebote zu den ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Aspekten des Epochenbruchs von 1989.

Bekanntlich rät die Bibel: „Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.“ (Jakobus, 1, 19) Die aktuelle Lage ist besser denn je, die Stimmung jedoch schlecht. Aber warum fühlen sich unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mit ihren je unterschiedlichen politischen Anliegen und kulturellen Bedürfnissen gegenwärtig nicht mehr im politischen Raum vertreten? Und wie analysiert man ein Gefühl, erfasst, woraus der rechts tickende Zeitgeist resultiert? Für Koppetsch ist klar: Ursächlich sind weder das Merkel‘sche „Wir schaffen das!“ im Zuge der Fluchtmigration im September 2015 noch die paternalistischen Tendenzen jener Menschen, die sich abgehängt fühlen und als Modernisierungsverlierer*innen betrachten. Der Aufstieg der Rechtsparteien, so die zentrale These des Buches, sei „eine aus unterschiedlichen Quellen gespeiste Konterrevolution“ gegen die Folgen von Globalisierungs- und Transnationalisierungsprozessen (S. 23). Es handelt sich also mitnichten um eine kurzfristige Entwicklung, sondern vielmehr um einen seit mehr als dreißig Jahren gärenden epochalen Umbruch: „Rechtspopulismus zeigt gewissermaßen einen ‚Strukturwandel’ und einen ‚Mentalitätswandel‘ an“ (S. 12).

Die meisten von uns haben sich an einen „doppelten Liberalismus“ gewöhnt, der zum einen durch radikalen und deregulierten Wettbewerb gekennzeichnet ist, zum anderen durch kulturelle Vielfalt, Partizipation und die Förderung subjektiver Rechte und Werte. Konsequente Markt- und Wissensorientierung gehören daher zur Lebensführung global geprägter Eliten. Die Angehörigen solcher Eliten verfeinern ihre Bestrebungen permanenter Wissensaneignung, individueller Selbstverwirklichung und Kulturkonsum, wie es etwa Andreas Reckwitz in „Die Gesellschaft der Singularitäten“ herausgearbeitet und beschrieben hat. Auch Überlegungen wie diejenigen Richard Floridas[1] verdeutlichen, welch große Bedeutung der kosmopolitische Habitus hat. Schließlich bildet er die kulturelle Voraussetzung für eine weltweit vernetzte, wissens- und innovationsgetriebene kapitalistische Wertschöpfungsweise.

Nicht die konkrete ökonomische Situation gibt also den Ausschlag für rechtspopulistische Positionierungen, sondern die Einstellung zu bestimmten Entwicklungen. Die gesellschaftliche Spaltung verläuft zwischen den sogenannten „Anywheres“ und den „Somewheres“, also zwischen überall auf der Welt beheimateten Kosmopoliten und an einen bestimmten Ort gebundenen Konservativen, sozusagen entlang kultureller Fremdheiten. Wer den vorherrschenden kosmopolitischen Geist bekämpft, hat die Grenzaufweichungen und Machtverlagerung erfahren, die eine flexibilisierte Arbeitswelt mit sich bringt. Wer Positionierungskonkurrenzen erlebt, kennt Unterlegenheitsgefühle nur zu gut. Doch Rechtspopulismus erfährt nicht nur in benachteiligten, sondern auch in privilegierten Milieus Resonanz. „Ach, der Zorn verderbt die Besten“, dichtete schon Friedrich Schiller. Für rechtspopulistische Parteien votieren keineswegs allein Globalisierungsverlierer. Was deren Wählerinnen verbindet, ist nicht die sozioökonomische Marginalisierung, sondern die Existenz ‚geschlossener’ Gesellschaftsbilder und Wertvorstellungen. Kosmopolitische und postmaterialistische Werte werden abgelehnt, ebenso wie Vielfalt, Autonomie und Gleichheit.

Es scheint, als hätten wir lange übersehen, dass es Menschen gibt, die der Entwicklung einer „doppelten Liberalisierung“ mit Skepsis begegnen, ja sie sogar ablehnen. Ein Bündnis zwischen der konservativen Oberschicht, traditionellen Milieus der unteren Mittelschicht, gesellschaftlichen Verlierern und unterschiedlichen prekarisierten Gruppen wendet sich unterdessen ab von sozialer Gerechtigkeit, Chancengleichheit oder Umverteilung. Stattdessen zielt es auf Homogenität, Gemeinschaftsbildung und Verklärung der Vergangenheit, sehnt sich nach einem restaurativen Patriotismus. Und dieses Bündnis werde sich langfristig im Parteienspektrum etablieren, davon ist Koppetsch überzeugt.

Die Darmstädter Soziologin erachtet Protestbewegungen als Reaktion auf die Folgeprobleme von Modernisierungsprozessen, und auch der in den letzten Jahren erstarkte Rechtspopulismus wäre somit ein kollektiver „emotionaler Reflex auf einen Epochenbruch“ (S. 25) – gegen die globale Moderne und den progressiven Neoliberalismus, gegen Vernetzung und Entgrenzung mobilisieren rechte Bewegungen eine Re-Nationalisierung, eine Re-Souveränisierung und eine Re-Vergemeinschaftung. Der Rechtspopulismus werde nach Ansicht der Autorin zum sinnstiftenden Gegennarrativ – gegen die Dominanz liberaler Gesinnungseliten, gegen mehr Zuwanderung, gegen den globalisierungsbedingten sozialen Wandel und die damit einhergehende Entwertung mittelständisch-kleinbürgerlicher Sinnstiftungsmuster und Lebensführungsmaxime. Innere und äußere Verunsicherungen würden aufgehoben in einem starken Ordnungsmodell, so Koppetsch.

Was ihr Buch über die stringent explizierten Thesen und Argumentationsketten hinaus lesenswert macht, ist die Kontrastierung ihrer Erklärungsversuche des grassierenden Rechtspopulismus mit einem anderen epochalen Wandlungsprozess: der68er-Bewegung. Die Gegenüberstellung macht sichtbar, wie der fortwährende Wandel, die Permanenz der Modernisierung Menschen auch verstören kann, weil ihre Werte marginalisiert und sie heimatlos gemacht werden. Hinzu kommt eine manifeste Repräsentationslücke, die ein ganzes Bündel von Ursachen hat. Äußere Faktoren wie die Euro- und die Flüchtlingskrise fallen mit inneren gesellschaftlichen Entwicklungen zusammen: Die Volksparteien haben sich immer stärker aneinander angeglichen, der Neoliberalismus weitgehend obsiegt, es dominiert eine technokratische politische Kultur und der Wohlfahrtsstaat wird zurückgebaut.

Wenn gesellschaftliche Öffnungsbewegungen wie Globalisierung, Einwanderung und marktradikale ökonomische Entfesselung rechtspopulistische Protestbewegungen befördern, so Koppetsch, beziehen sie sich gerade nicht auf die Selbstbestimmung eines autonom gedachten Subjekts, sondern vielmehr auf die Begründung und Verteidigung eines als gefährdet wahrgenommenen „Wir“. Es geht darum, feste Strukturen, klare Prinzipien zu schaffen. Es wird keine ausdifferenzierte Gesellschaft angestrebt, sondern eine kulturell weitgehend als homogen imaginierte Gemeinschaft der Nation. Religion spielt der Autorin zufolge in diesem Zusammenhang eine bedeutsame Rolle, denn „[a]nalog zum klassischen Antisemitismus fungiert der Islam hier als das zentrale Feindbild, dass nach rassistischen Prinzipien der Ausgrenzung aufgebaut wird“ (S. 62).

Antriebskraft solcher Gesinnungen ist insbesondere Angst, eine Reaktion auf als diffuse Gefährdungen wahrgenommene Entwicklungen. Die Abschottung gegen Globalisierung und Zuwanderung praktiziert Solidarität eben nicht mit den Ausgeschlossenen, sondern mit den Angehörigen des eigenen Verbundes. Statt Universalismus will dieser Mentalitätswandel die Abstiegsdynamiken bannen, die etwa infolge des Epochenjahres 1989 erlebbar wurden. Hinzu kommt die Abwendung vom sogenannten „Elitenprojekt“ Europäische Union mit seinen Entscheidungsroutinen. Auch die vermeintliche Alternativlosigkeit politischer Maßnahmen und Programme wie etwa die Bankenrettung und die Hartz IV-Reformen wird als Provokation empfunden. Letztlich schwächt all dies die Fähigkeit, Vielfalt und Ambiguität auszuhalten. Alles soll möglichst eindeutig und geregelt sein, klar und rigide, deutlich zuzuordnen und auszugrenzen –das gilt für Raucher, die abseits in gekennzeichnete Zonen verbannt werden, genauso wie für Sportlerinnen mit doppelter Staatsangehörigkeit, die nur eine nationale Loyalität bekunden dürfen. Koppetsch führt derlei beobachtbare Phänomene auf tektonische Verschiebungen in gesellschaftlichen Tiefenstrukturen zurück: „Rechts sind also nicht nur die rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen, die sich dies explizit auf die Fahnen schreiben, rechts sind auch die gesellschaftlichen Tendenzen der Verhärtung, die eine Abwendung von der Idee der Gesellschaft und des Politischen implizieren.“ (S. 59)

Das Buch nimmt, was besonders anregend ist, auch die Folgewirkungen überaus geschmeidig vonstattengegangener Anpassungsprozesse im Zuge der Globalisierung in den Blick: In dem Maße, in dem Bildung und Kultur in die ökonomischen Verwertungsprozesse einfließen, verblasst die antagonistische Spannung zwischen ökonomischem und kulturellem Kapital – gleichzeitig verlieren die kulturellen Sphären ihr widerständiges, herrschaftskritisches Potenzial. Soll heißen: Kosmopolitische Strömungen haben mit ihrer Durchsetzung ihre emanzipatorische Kraft verloren. Die Hegemonie des Liberalismus wäre demzufolge trügerisch, letztlich gar zerstörerisch.

Auch verweist Koppetsch auf einen blinden Fleck wohlfeiler Kritik am Rechtspopulismus. Die Autorin überrascht mit einer Betrachtung, die das eigene Milieu und dessen selbstbewusste Borniertheit durchaus einbezieht: Das tonangebende, akademisch gebildete, hoch flexible und ökonomisch erfolgreiche Milieu, das viele gesellschaftliche Bereiche selbstverständlich dominiert, sei als kulturell hegemoniale Gruppe blind „für die soziokulturelle Standortgebundenheit und die Machtdimension ihrer Ansichten“ (S. 123). Bilden wir nicht (fast) alle soziale Enklaven, indem wir innerhalb privilegierter Quartiere und Nachbarschaften bleiben, unsere Kinder auf ausgewählte Kitas und Schulen schicken, um ihnen so vermeintlich gute Bildungschancen zu eröffnen?

„Die Gesellschaft des Zorns“ zielt gleich im Titel auf das Verhältnis von Emotion und Politik. Bereits in ihrem Essay „Ressentiment. Über die politische Wirkmächtigkeit negativer Gefühle“ auf Soziopolis hatte Koppetsch sich dieses Spannungsverhältnisses angenommen und geschrieben: „In jeder politischen Bewegung, egal ob rechts oder links, spielen Emotionen eine Schlüsselrolle, denn gesellschaftliche Missstände stiften nicht von sich aus zu politischem Handeln an.“ Das zentrale Zitat und die seinerzeit entwickelten Argumente begegnen der Leserin im vorliegenden Buch wieder – im Kapitel über „Emotionen und Identitäten“ (S. 159). Wann aber werden Gefühle politisch relevant und schlagen ins Politische um? Und wie sähe eigentlich eine aktuelle Bedingungen berücksichtigende, den Rechtspopulismus und seine Abwehrreflexe ebenso umfassende „Theorie der Gefühle“ (Ágnes Heller) aus? Schade, dass Koppetsch eine überzeugende Definition des „Zorns“ schuldig bleibt. Unzweifelhaft leben wir in einer Zeit großer Umwälzungen, auch auf der Ebene von Empfindungen. Ob sie sich verfestigen werden, wie es die Veränderungen von ’68 vermochten? Oder wird der Wandel einen Zorn hervorrufen, vor dem uns noch angst und bange werden könnte? Im Zauberberg heißt es: „Was gab es denn? Was lag in der Luft? - Zanksucht. Kriselnde Gereiztheit. Eine allgemeine Neigung zu giftigem Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge. Erbitterter Streit, zügelloses Hin- und Hergeschrei entsprang alle Tage zwischen einzelnen und ganzen Gruppen, und das Kennzeichnende war, daß die Nichtbeteiligten, statt von dem Zustande der grade Ergriffenen abgestoßen zu sein oder sich ins Mittel zu legen, vielmehr sympathetischen Anteil daran nahmen und sich dem Taumel innerlich ebenfalls überließen. Man erblaßte und bebte.“

Fußnoten

[1] Richard Florida, The Rise of the Creative Class: And How It's Transforming Work, Leisure, Community, and Everyday Life, New York 2002.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.