„Die blonde Bestie steht im Stall“

Rezension zu "Philosophische Anthropologie - Göttinger Vorlesung vom Sommersemester 1961" von Helmuth Plessner

Es gibt eine Reihe von Ursachen, die eine breitere Rezeption der Philosophischen Anthropologie Helmuth Plessners zur Zeit ihrer Entstehung verhinderten. Sah sich sein frühes Grundlagenwerk Die Stufen des Organischen und der Mensch von 1928 schon kurz nach dem Erscheinen einem schweren Plagiatsvorwurf ausgesetzt, so sorgte die Machtübertragung an die Nationalsozialisten nur fünf Jahre später für einen vollständigen Abriss der Wirkung seiner Schriften im deutschsprachigen Raum. Plessner, der wegen der jüdischen Abstammung seines Vaters als „Halbjude“ verfolgt wurde, emigrierte 1933 über Umwege in die Niederlande und verbrachte seine Exilzeit in Groningen, Utrecht und Amsterdam, wo er nach der Besatzung durch die Wehrmacht zeitweise untertauchen musste. 1951 kehrte er nach Deutschland zurück und bekleidete bis 1962 eine Professur für Soziologie in Göttingen. Trotz des späten akademischen Erfolgs schien ein Anknüpfen an eine anthropologische Diskussion im Nachkriegsdeutschland erschwert. Noch 1965, im Vorwort zur Neuauflage seines anthropologischen Hauptwerks, stellt Plessner nüchtern fest: „Ernsthafte Kritik haben die ‚Stufen‘ nicht gefunden.“[1]

Carola Dietze hat ihrer Biografie über Helmuth Plessner den Titel „Nachgeholtes Leben“ gegeben, um den tiefen Einschnitt von Emigration und Exil in dessen wissenschaftlicher Laufbahn zu kennzeichnen.[2] Überblickt man die Konjunktur der Beschäftigung mit Plessners Werken, so lässt sich sicherlich ebenso von einer ‚nachgeholten Wirkung‘ sprechen. Denn spätestens seit den späten 1990er-Jahren erfahren seine Schriften zunehmendes Interesse, werden neu entdeckt und fruchtbar diskutiert.[3] Von einer ‚Plessner-Renaissance‘ ist seither die Rede, der mit der Gründung einer Fachgesellschaft 1999 und der Stiftung eines Helmuth-Plessner-Preises durch seine Geburtsstadt Wiesbaden 2013 zusätzliches institutionelles Gewicht zukommt. Neben seinen politischen und soziologischen Schriften rückt damit auch Plessners Anthropologie in den Fokus. In diesen Kontext gehört die Edition eines seiner Göttinger Kollegs, herausgegeben von Julia Gruevska, Hans-Ulrich Lessing und Kevin Liggieri. Der Text basiert auf einem vom Tonband übertragenen Typoskript, das im Groninger Nachlass erhalten ist. Da Plessner seine Vorträge in der Regel nicht aufzeichnen ließ, bildet die Transkription ein alleinstehendes und außergewöhnliches Dokument: Sie ist die einzige vollständig überlieferte Einführung Plessners zur Philosophischen Anthropologie im Rahmen einer Lehrveranstaltung.

Die Vorlesung von 1961 zeigt Plessner an einem späten Punkt seiner universitären Karriere. Das emeritierungsfähige Alter von 65 hatte er bereits Ende der 1950er-Jahre überschritten. Schon im Folgejahr zog er sich von allen Ämtern an der Georg-August-Universität zurück, um sich nach einer kurzen Gastprofessur in New York in Erlenbach bei Zürich niederzulassen. Der Text dokumentiert also den letzten öffentlichen Auftritt, bei dem sich Plessner vor den Göttinger Studentinnen und Studenten mit Grundfragen der Philosophischen Anthropologie auseinandersetzte. Seinem gewandten und ausdrucksstarken Vortragsstil war zu verdanken, dass Plessner stets vor einem gut besuchten Auditorium sprach[4] – zumal hatte sich die Präsentation des Unterrichtsgegenstandes mittlerweile bewährt: Insgesamt sechs Mal war Plessner während seiner elfjährigen Zeit in der niedersächsischen Universitätsstadt mit anthropologischen Themen im Rahmen von Hochschulkursen befasst. Dabei war der Grundriss seiner Lehre weitgehend abgeschlossen. Zwar hatte er nach der Remigration seine Anthropologie in unzähligen Aufsätzen erweitert und verfeinert, ein systematisches Opus war jedoch ausgeblieben. Der Text der Vorlesung trägt insofern den Charakter eines zusammenfassenden Rückblicks: Wesentliche Stationen und Ergebnisse seines philosophisch-anthropologischen Werkes werden Schritt für Schritt aufgegriffen und resümierend dargelegt.

Wie Plessner gleich zu Beginn seiner Vorlesung deutlich macht, verbirgt sich hinter dem Titel „Philosophische Anthropologie“ kein allgemeines Räsonieren zum Thema „Was ist der Mensch?“. Die von ihm anvisierte philosophische Disziplin ist vielmehr, ebenso wie die ihr eng verschwisterte Soziologie, ein geschichtliches „Spätprodukt“ (S. 20) und besitzt damit einen komplexen gesellschaftshistorischen Index. Grundlage ist die Entwicklung und Ausdifferenzierung der modernen Humanwissenschaften seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, namentlich der Biologie, Psychologie, Sozial- und Geschichtswissenschaft. Erst im Horizont dieser Forschungsfelder kristallisieren sich spezifische anthropologische Problemstellungen heraus und werden als offene Fragen virulent. Um ihrer Sache gerecht zu werden, muss sich Philosophische Anthropologie daher auf der Höhe empirischen Einzelwissens bewegen – was sie mitunter scharf von der Existenzphilosophie Heidegger’scher Prägung unterscheidet. Obwohl dessen Daseinsanalyse nach dem Ersten Weltkrieg auf weitreichende Resonanzen stieß, bleibt sie nach Plessners Urteil aufgrund ihrer isolierenden Methode in einer „sehr zeitbedingten Formalbestimmung des menschlichen Seins im Hinblick auf eine ethische Entscheidungssituation stecken“ (S. 29). Dagegen versucht sich Philosophische Anthropologie im engen Kontakt mit den empirischen Humanwissenschaften für die vielgesichtige gesellschaftliche und natürliche Realität des Menschen offen zu halten.

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, veranschaulicht Plessner seine Darstellung immer wieder kenntnisreich mit Beispielen aus Biologie, Zoologie und Stammesgeschichte. Im Vergleich mit seinen tierischen Verwandten rückt der Mensch dabei als ein Lebewesen in den Blick, dessen vitale und geistige Konstitution stets in unlöslicher Verschränkung miteinander auftritt. Seine „Sonderstellung“ im Reich des Lebendigen begründet sich durch die Möglichkeit zur Distanzierung und sinnstiftender Versachlichung, was sich sowohl anhand der menschlichen Fähigkeit zu Abstraktion und Sprache wie angesichts seiner besonderen Umweltbeziehung belegen lässt. Während Tiere ihrem „Bauplan“ gemäß stets auf die Anforderungen ihres Lebensraums bezogen bleiben, ist der Mensch von seiner Umweltbindung grundsätzlich gelöst und frei. Anders als Max Scheler, der dem Menschen die Möglichkeit zuspricht, sich „in unbegrenztem Maße ‚weltoffen‘ verhalten[5] zu können, verweist Plessner im gleichen Atemzug allerdings auf die Grenzen dieses Vermögens. Da der Mensch „seine tierische Natur nie völlig hinter sich“ (S. 111) lässt, ist seine umweltfreie Offenheit gegenüber der Welt zugleich immer auch gebrochen, nämlich leiblich und kulturell beschränkt. Ähnliche Verkürzungen und Vereinseitigungen moniert Plessner auch an den anthropologischen Ansätzen Erich Rothackers und Arnold Gehlens. Vor allem letztgenannter dokumentiert für ihn eine bedenkliche politische Grundhaltung, wenn er mit seiner stark biologisch geprägten These vom „Mensch als Mängelwesen“ die geistigen Monopole des Menschen zu Waffen im Kampf ums Dasein reduziert.

Prägnant tritt Plessners eigene Konzeption vor allem im Rahmen seiner Verhaltenslehre hervor, die den inhaltlichen Kern der Vorlesung ausmacht. Dabei sieht er das Selbstverhältnis des Menschen durch eine Doppelstruktur bestimmt. Diese prägt die leibliche Verfasstheit, auf die der Mensch stets in zweifacher Weise bezogen ist: im Modus des Habens und des Seins. „Ich bin Instrument und zugleich derjenige, der das Instrument handhabt.“ (S. 115) Um sich in irgendeiner Form zu verhalten, muss der Mensch sich fortwährend „verkörpern“, also das Verhältnis zu seiner leiblichen Existenz kalibrieren. „Wir wissen, sprechen, handeln, variables Gestalten schließt die Beherrschung des eigenen Körpers mit ein, die erlernt werden mußte und weiterhin ständige Kontrolle verlangt.“ (ebd.) Pointiert findet Plessner diesen Zusammenhang in der berühmten Eingangssentenz aus Ernst Blochs Das Prinzip Hoffnung formuliert, die er seinen Ausführungen wie ein Motto voranstellt: „Ich bin – aber ich habe mich nicht“. (ebd.) Die Struktur der Verkörperung kommt einerseits in der Masken- und Rollenhaftigkeit menschlichen Verhaltens zum Ausdruck, sei es auf der Ebene der Person und der Notwendigkeit, sich selbst zu verkörpern (anthropologischer Rollenbegriff), des wortwörtlichen Schauspiels und der Möglichkeit, andere zu verkörpern (theatralischer Rollenbegriff), oder auf der Ebene der gesellschaftlichen Organisation, innerhalb derer jedem die Verkörperung einer bestimmten Funktion zukommt (soziologischer Rollenbegriff). Andererseits nimmt Plessner auf die Ergebnisse seiner im niederländischen Exil entwickelten Theorie menschlicher Ausdrucksbewegungen Bezug, die er 1941 unter dem Titel Lachen und Weinen veröffentlicht hatte. Am Beispiel eines Cartoons aus dem New Yorker führt er vor, wie Witz und Humor Sinndiskrepanzen erzeugen, auf die mit und im Lachen reagiert wird. Von daher stellen Lachen und Weinen „Fehl-Reaktionen, aber sinnvolle Fehlreaktionen auf die Unmöglichkeit dar, zwischen mir und meinem Leib das zum Verhalten entsprechende Verhältnis zu sichern“. (S. 193)

Bemerkenswert sind Plessners Hinweise auf die politische Aktualität seiner Philosophischen Anthropologie. Sie betreffen – durchaus auch heute relevant – sowohl Urspungsidolatrien und pessimistische Kulturkritiken, als auch Dekadenztheoreme, deren Argumentationen jeweils emphatisch auf eine menschliche Natur rekurrieren. Die letzte Vorlesung widmet Plessner ausschließlich der Analyse einer solchen Konzeption. Er setzt sich ausführlich mit der zeitgenössischen Vorstellung einer biotechnisch fundierten Menschenzucht auseinander, die er nicht ohne den angemessenen Sarkasmus kommentiert. In einem Text aus dem Merkur von 1961 hatte der Verhaltensbiologe Erich von Holst die Veredelung menschlicher Naturanlagen qua planvoller Auslese gefordert – ausdrücklich zum Zweck einer friedlichen globalen Zukunft. Was wie eine harmlose Sonntagspredigt daherkommt, basiert für Plessner auf einer radikal fehlgeleiteten anthropologischen Prämisse. Denn der Appell an eine unmittelbar wirksame Natur des Menschen, ob diese nun bewahrt, unterdrückt oder manipuliert werden soll, verkennt dessen strukturelle Gebrochenheit im Verhältnis zu sich selbst und zu den Bestandsvoraussetzungen seiner Existenz: „Der Mensch ist niemals wie auch immer natürlich gewesen. Seine Natürlichkeit ist immer eine sekundäre Natürlichkeit gewesen, eine, die ihm nur dank seiner künstlichen Fähigkeiten gewährt wird. Also immer eine künstliche Balance mit seiner Umwelt.“ (S. 128) So ist der Zwang zur Kultivierung dem Menschen als von Natur aus künstlichem Wesen konstitutionell eingeschrieben. Alles scheinbar Ursprüngliche, Unverbrüchliche, Trieblich-Vitale ist kraft seiner besonderen Verfassung immer schon kulturell überformt und eingehegt. Den Zivilisationsliteraten und Untergangspoeten, die den Menschen als Kraft-, Macht- und Herrschaftswesen beschwören, entgegnet Plessner in polemischer Zuspitzung: „Die blonde Bestie steht im Stall.“ (S. 126)

Die Vorlesung Philosophische Anthropologie dürfte den Kennern Plessners inhaltlich wenig Neues bieten. Das gilt umso mehr, als die Transkription der Lehrveranstaltung gleich zwei im selben Jahr publizierten Arbeiten Plessners als Materialfundus diente. Argumentationsstrukturen und Formulierungen der Vorlesung finden sich sowohl in dem im Merkur erschienenen Aufsatz Elemente menschlichen Verhaltens, als auch in der bekannten Abhandlung Die Frage nach der Conditio humana, Plessners Beitrag zu der von Alfred Heuß und Golo Mann herausgegebenen Monumentalreihe Propyläen Weltgeschichte.[6] Immerhin der Form nach präsentiert die Nachlasspublikation den Philosophen aber von einer anderen, bislang kaum bekannten Seite, nämlich als geschickten Didaktiker und gewandten Redner. Wie ehemalige Schüler berichten, sprach Plessner während seiner Göttinger Kollegien frei, gestützt nur auf wenige Notizen und Stichwörter.[7] Selbst die Transkription erlaubt es, sich von Plessners schweifender Gedankenführung und der Prägnanz seiner spontanen Formulierungen faszinieren zu lassen. Die kenntlich gemachten Eingriffe der Herausgeber beschränken sich auf ein Minimum und bewahren den Charakter der gesprochenen Sprache - selbst die gelegentlich elliptischen Sätze bleiben unangetastet. Gut lesbar ist der Text aber auch deshalb, weil Plessner auf die oft sperrige Terminologie seiner Schriftwerke weitgehend verzichtet. Selbst die Kernvokabel seiner Anthropologie, der Begriff der ‚exzentrischen Position‘, spielt keine zentrale Rolle. Kaum merklich wird sie erst in die letzten Absätze des Textes eingewoben. Insofern operiert der Begriff nicht als abstrakte Voraussetzung in den Fundamenten der Vorlesung, sondern beschließt sie wie eine sorgsam bewahrte Pointe.

Aufgrund ihrer Eingängigkeit und unprätentiösen Diktion bietet die neue Ausgabe eine leicht zugängliche Einführung in Plessners Philosophie, die sich durchaus in einer Reihe neben Theodor W. Adornos Philosophischer Terminologie und Ernst Blochs Tübinger Einleitung in die Philosophie behaupten kann. Dass der Text gar nicht zur Veröffentlichung bestimmt war und, anders als die aufgelisteten Hinführungen und Einleitungen, erst mit einer über 50-jährigen Verzögerung erscheint, wirft ein Schlaglicht auf die rezeptionshistorische Nachträglichkeit seines Gegenstands. Über die vergleichsweise begrenzte Resonanz seiner Philosophischen Anthropologie hat Plessner sich zu seinen Lebzeiten keine Illusionen gemacht. Allerdings sah er in diesem Umstand nicht nur Nachteile: „denn dadurch ist man eigentlich immer noch wieder bereit, sich mit ihren ungelösten Problemen doch einmal auseinanderzusetzen“. (S. 29) Die nun erschienene Edition der Göttinger Vorlesung bietet hierfür zweifelsohne einen geeigneten Einstieg.

Fußnoten

[1] Helmuth Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie (= Gesammelte Schriften, Bd. 4), hrsg. von Günter Dux / Odo Marquard / Elisabeth Ströker, Frankfurt am Main 2003, S. 13.

[2] Siehe Carola Dietze, Nachgeholtes Leben. Helmuth Plessner 1892–1985, Göttingen 2007.

[3] Siehe beispielsweise Wolfgang Eßbach / Joachim Fischer / Helmut Lethen (Hg.), Plessners „Grenzen der Gemeinschaft“. Eine Debatte, Frankfurt am Main 2003.

[4] Vgl. Carola Dietze, Nachgeholtes Leben, S. 370 ff.

[5] Max Scheler, Die Stellung des Menschen im Kosmos, in: ders., Späte Schriften (= Gesammelte Werke, Bd. 9), hrsg. von Manfred Frings, Bonn 1995, S. 7–73, hier S. 33.

[6] Beide Texte sind wieder erschienen in Helmuth Plessner, Conditio humana (= Gesammelte Schriften, Bd. 8), hrsg. von Günter Dux / Odo Marquard / Elisabeth Ströker, Frankfurt am Main 2003, S. 136–217 u. 218–234.

[7] Vgl. Carola Dietze, Nachgeholtes Leben, S. 372.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer und Clemens Reichhold.