Die DNA und ihr epistemologisches Nachspiel

Rezension zu "Die epistemologischen Jahre: Philosophie und Biologie in Frankreich, 1960–1980" von Onur Erdur

Interdisziplinäres Kassiber, Inventar der French Theory, Versprechen, die Naturwissenschaften besser zu verstehen als sie sich selbst – Epistemologie stellt in der Tat eine vielschichtige „Zauberformel“ (Klappentext) der Geisteswissenschaften dar. Das hier rezensierte Buch untersucht eine mit Namen wie Georges Canguilhem verbundene Blütephase der historischen Epistemologie, deren Grundprämisse auch für Onur Erdur mit ihrer Gründerfigur Gaston Bachelard auf den Punkt gebracht ist: Die moderne Naturwissenschaft bringe demnach Philosophie hervor, und nicht umgekehrt (La science crée de la philosophie, S. 7). Anders ausgedrückt handelt es sich bei der in diesem Buch befragten Variante der Epistemologie um eine empirisch konkrete, historische und kritische Untersuchung wissenschaftlicher Inhalte und Geltungsansprüche.

Erdurs Züricher Dissertationsschrift situiert ihren Gegenstand im Milieu der Pariser Universitäts- und Institutionslandschaft der zweiten Hälfte der trente glorieuses, jener in Deutschland als Wirtschaftswunder bekannten Nachkriegsdekaden. Ziel ist die Analyse der komplexen Wechselverhältnisse von Geisteswissenschaften und einer sich zur Leitdisziplin mit transdisziplinärer Deutungshoheit aufschwingenden Molekularbiologie, die mit Schlagworten wie DNA oder genetischer Code umschrieben ist. In anderen Worten: „Die epistemologischen Jahre“ historisiert Akteure (neben Canguilhem trifft der/die Leser/in auf Louis Althusser, Michel Foucault, François Jacob oder Jacques Monod), zentrale Begriffe und innerakademische und öffentliche Debatten jenes folgenreichen Zusammentreffens von Geisteswissenschaften und Molekulargenetik an der Seine, das stilbildend für Wissenschaftsgeschichte und Kulturwissenschaften wurde. Den roten Faden dieser intellektuellen „Verflechtungsgeschichte“ (S. 8) bildet die Frage, auf welche Weise die Epistemologie nach 1960 zu einer interdisziplinären „Kontaktzone“ (S. 125), ja zum „Transmissionsriemen“ (S. 35) des Austausches wurde und wie sich ihre Funktion zwischen Grundlagenreflexion, Politisierung und Biologisierung von Wissen veränderte.

Zentral für die Etablierung der Epistemologie als „Denkkollektiv“ (S. 35) ist die von Canguilhem dominierte „epistemologische Schule von Paris“ (Kapitel 1). Mit diesem Begriff verweist Erdur auf die institutionelle Schlüsselposition von Bachelards Lehrstuhlnachfolger in Frankreich und seine Abgrenzung zu einer phänomenologisch-existenzialistischen Philosophie. Sendungen des Schulfernsehens demonstrieren, inwiefern die Protagonisten dieser Schule ihren Anspruch als Vermittler zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Wissens öffentlich inszenierten, inwiefern ihr Denken zum stilbildenden „Ereignis“ wurde. Inspirationsquelle einer modernisierten Philosophie war nicht die Physik wie zu Zeiten Bachelards, sondern eben die Molekularbiologie, welche infolge der Ermittlung der DNA-Struktur 1953 oder der Entschlüsselung des genetischen Codes eine Blüte erlebte. Kennern von Canguilhems Arbeiten verdeutlicht Erdur, inwiefern dieser nicht lediglich den bekannten Theoretiker von Physiologie und Medizin des 18. und 19. Jahrhunderts darstellte. Er nahm seine Rolle als Interpret der aktuellen molekularen Wissenschaften ernst und revidierte etwa das theoretische Zentralstück seines Lebensbegriffs (Kapitel 3).

Kapitel 2 nimmt sich mit der „Pasteur-Connection“ der Geschichte der Naturwissenschaften Frankreichs nach 1945 an: Den Arbeiten von André Lwoff sowie Jacob und Monod zu genetischem Code und zellulärer Regulation am Institut Pasteur. Dabei interessiert sich Erdur weniger für eine Geschichte molekularbiologischer Begriffe, Praktiken oder Objekte als für den intellektuellen Schock, den universalisierende, kybernetische Begriffe wie Code, Botschaft oder Feedback hervorriefen. Molekularbiologie war mehr als die massenmediale Vermittlung nationaler Gloire nach der Verleihung eines Nobelpreises an das Pasteur-Trio 1965, sie stellte wiederum ein „Ereignis“ dar, das im intellektuellen Zentrum Paris jene Schwingungen produzierte, die in den epistemologischen Transmissionsriemen in Bewegung setzten und, wie Kapitel 3 und 5 beispielhaft demonstrieren, den Esprit der neuen Biologie mit Philosophie, Geschichte und Sozialwissenschaften verquickten. Anhand heutzutage kanonischer Texte wie Foucaults „Les mots et les choses“ (1966) oder Jacobs „Logique du Vivant“ (1971) zeigt Erdur, dass Epistemologie keine Einbahnstraße darstellte, sondern ein produktives Zirkulieren von Konzepten bewirkte: Während der Molekularbiologe eine von Epistemen und Brüchen inspirierte Geschichte der Vererbung konzipierte, bewunderte der aufstrebende Archäologe des Wissens das „posthumane Potential“ dieses Buches (S. 234).

Dass diese Interdisziplinarität eine politische Dimension beinhaltete und folglich nicht ohne Konflikte ablief, verdeutlichen die Vorlesungen Louis Althussers im Cercle d'épistémologie der Ecole Normale Supérieure (Kapitel 4). Aus einer marxistischen Perspektive nahm dieser Monods „spontane Philosophie des Biologen“ aufs Korn und kritisierte die weltanschauliche Ernüchterung, die letzterer breitenwirksam aus Genetik und Evolution ableitete. Zwischen Wissenschaftskritik und biologistischem Materialismus, ja Existenzialismus wurde die Epistemologie somit zu einem politischen Kampfplatz, der es erlaubt, die wechselseitige Entfremdung von Marxismus und Naturwissenschaften im späten 20. Jahrhundert nachzuvollziehen. Während Erdur die Kluft zwischen Seminar und revolutionärer Tat im Mai 1968 für Althusser bestätigt findet, zeichnet er ein überraschenderes Bild des als bürgerlich gescholtenen Monod – das eines engagierten, vielleicht listigen Intellektuellen, der Verständnis für die Protestierenden aufbrachte und die Krise für sich zu nutzen wusste.

So avancierte Monods 1971 erschienener Bestseller „L’hasard et la necessité“ zum Ausgangspunkt einer weiteren Figuration epistemologischen Denkens (Kapitel 6). Deren Surplus bildete eine aus den Eigenschaften der biologischen Moleküle und ihrer Mechanismen abgeleitete Bestimmung der condition humaine. Diese neue szientistische Epistemologie sollte sich vieler Prämissen ihrer Gründer entledigen: Während sich der Soziologe Edgar Morin aus den Bestandteilen der „Monod-Culture“ (S. 285) in Kalifornien seinen privaten biologischen Chiliasmus bastelte, stieß sie auch bei den Strategen der Groupe de Dix auf Interesse. Erdur weist solche Biologisierungen der Human- und Sozialwissenschaften als einen Kristallisationskern von Konzepten wie den „Wissensgesellschaften“ (S. 309) aus.

Bachelard, Canguilhem und kein Ende? Davon kann nach der Lektüre des Schlusskapitels keine Rede sein. Vielmehr konstatiert der Autor mit Michel Serres das Ende einer Fundamentalepistemologie ab ungefähr 1975: Was einst als „interdisziplinäres Medium der Wissenszirkulation“ (S. 348) fungierte, erschien den Akteur/innen nun zusehends als redundanter Kommentar. Eine Diversifizierung der Geisteswissenschaften, welche den Alleinvertretungsanspruch der Philosophie obsolet gemacht habe, sowie ein abgeschlossener Verarbeitungsprozess der biomolekularen Revolution taten in dem hier gezeichneten Bild ihr Übriges.

Es ist das große Verdienst Erdurs, die rezente französische Epistemologie zu einem historischen Gegenstand sui generis gemacht zu haben und dabei ein breites Spektrum dessen zu vermessen, was epistemologische Reflexion zwischen Begriffsgeschichte (Canguilhem), Geschichtstheorie (Jacob und Foucault), Ideologiekritik (Althusser) und szientistischer Anlehnung (Monod) bedeutete. Die in diesem Buch vorgestellten „Aushandlungsprozesse, Konzepttransfers und Applikationsverhältnisse” (S. 15) lassen somit erkennen, inwiefern die neue molekulare Biologie als Movens modernen Philosophierens fungierte, allerdings im Sinne der Eröffnung eines pluralen Möglichkeitsraumes.

Wenn man diese originäre und wundervoll lesbare Studie als Beitrag zur Wissens- und Theoriegeschichte versteht, ergeben sich weiterführende Fragen und Anknüpfungspunkte, so etwa nach einer Reflexion eines Begriffs wie jenem des „Ereignisses“, welcher das Narrativ durchzieht und eine mediengeschichtliche Dimension anzeigt – neben Kameras und Pressekonferenzen ließe sich stärker nach der Epistemologie als einer Episode der Geschichte des Lesens und Publizierens fragen. Nicht zuletzt verweist das „Ereignis“ in eigentümlicher Weise auf den Untersuchungsgegenstand zurück und verdeutlicht somit, dass hier eine dem Autor zufolge wesentlich von der französischen Epistemologie inspirierte Wissensgeschichte ihre eigene Genealogie jenseits des Rheins unter die Lupe nimmt. L’épistemologie crée de l’épistemologie? So einfach ist es nicht, denn Erdurs auch kulturwissenschaftliche Argumentation legt nicht zuletzt die methodischen Unterschiede gegenwärtiger deutschsprachiger Wissensgeschichte zu einer Epistemologie offen, die zumeist aus dem Innenraum wissenschaftlicher Diskurse heraus argumentierte.

In jener Differenz zwischen gegenwärtigem Fragehorizont und historischem Gegenstand liegt ein weiterer Wert des Buches: Der einen mag es zentrale Prämissen, Begriffe und Texte des eigenen Feldes als gewordene aufzeigen, dem anderen zunächst verdeutlichen, was es mit dieser französischen Spezialität auf sich hat, die sich weder in ein historistisches oder kulturalistisches Verständnis von Wissenschaft noch in das ahistorische Fragen der analytischen Wissenschaftsphilosophie übersetzen lässt. Womit eine weitere Richtung angedeutet wäre, in der dieses Buch zu weiterer Forschung aufruft: Epistemologie erscheint hier als Pariser Affäre – welche Resonanzen ergaben sich mit den zeitgleichen anglophonen Debatten zwischen Popper, Kuhn et al., was beförderte die Konjunktur der Epistemologie im deutschsprachigen Raum nach 1980 oder sogar 1990?

Eine gewisse Ernüchterung gehört wohl zur Historisierung und Akkulturalisierung einer Wissenschaft – davon können Physiker/innen oder Biolog/innen ein Lied singen. Zudem erzeugen Buch- und Kapitelüberschriften wie „Das epistemologische Kabinett des Georges Canguilhem“ eine augenzwinkernde Lakonik: Die Dekaden nach 1960 erscheinen gleichsam als Lebensalter eines florierenden wissenschaftlichen Austauschs, eines modernen Philosophierens, das nicht zuletzt aufgrund einer Pluralisierung von Molekularbiologie wie Wissenschaftsforschung unwiederbringlich passé ist. Während Canguilhem et al. zweifellos zum Gegenstand von Lehr- und Handbuchliteratur geworden sind, erscheint dem Rezensenten nach der Lektüre dieses Buches das Potential historisch konkreten, reflexiven und kritischen Befragens von Wissenschaft aus ihrer jeweiligen Gegenwart heraus als unvollendet, vielleicht unabschließbar. Somit ließe sich die vorliegende Geschichte der Wissenschaftsgeschichte auch als eine Programmschrift lesen – für einen Präsentismus, der nicht blind macht, eine Historizität, die nicht lähmt und eine Interdisziplinarität, die auch provozieren kann.