Die fröhliche Wissenschaft des Status quo

Rezension zu "Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit. Warum die ökologische Transformation der Gesellschaft nicht stattfindet" von Ingolfur Blühdorn, Felix Butzlaff, Michael Deflorian, Daniel Hausknost und Mirijam Mock

Sind die ökologisch bewussten und links aufgeklärten Wachstumsgegner*innen die wahren Treiber einer nicht-nachhaltigen Lebensweise? Ja, denn „die liberale Demokratie und die Errungenschaften der emanzipatorisch-partizipatorischen Revolution [können] nachhaltigkeitspolitisch auch kontraproduktiv sein“ (S. 72). Wer lautstark Klimawandel, Ressourcenverschwendung und Gewinnmaximierung kritisiert, lässt sich ungern vorwerfen, selbst nicht-nachhaltig zu handeln. Der Sammelband Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit der Wiener Denk- und Arbeitsgemeinschaft vom Institut für Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien erschien 2019. Kurz nach Beginn der Corona-Krise kam die zweite Auflage auf den Markt, zu der Vordenker, Autor und Herausgeber Ingolfur Blühdorn eine neue Einleitung („Im Zeichen des Virus“) wie auch fünf der neun Aufsätze verfasste. Auch wenn das Buch nicht auf die COVID-19-Pandemie fokussiert, erinnern die Publikationsbedingungen doch an Ulrich Becks Risikogesellschaft:[1] Auch damals fiel der Erscheinungstermin einer viel beachteten soziologischen Zeitdiagnose mit einer (globalen) Krise – der Explosion des Reaktors Nr. 4 in Tschernobyl am 26. April 1986 – zusammen, wobei die breite gesellschaftliche Resonanz des Buches nicht zuletzt mit ebendieser Koinzidenz zu tun hatte. Wie in den 1980er-Jahren ist auch heute unser ökologisches, soziales, ökonomisches und politisches System bedroht. Zugleich sind wir mit rechtspopulistisch vereinnahmten Demokratieversprechen und mit der dringend notwendigen Bewältigung des Klimawandels konfrontiert.

Die grundlegende Frage des Bandes ist in Anbetracht all dessen so einfach wie resigniert: Warum findet die ökologische Transformation der Gesellschaft, hin zu mehr Nachhaltigkeit, nicht statt? Ziel ist eine klare Analyse der Gesellschaft der Nicht-Nachhaltigkeit, daneben wollen Blühdorn et al. die „veränderten Möglichkeiten, Grenzen und Verantwortlichkeiten der sozialwissenschaftlichen Nachhaltigkeitsforschung“ (S. 9) erkunden. Dafür kritisieren die fünf Autor*innen nicht nur die alles andere als nachhaltigen gesellschaftlichen Verhältnisse, darüber hinaus attestieren sie gerade den Sozialwissenschaften Bequemlichkeit bis hin zu Komplizenschaft, weil sie der herrschenden Praxis des Weiter-so auch noch Legitimität verleihen würden. Das Buch will weder längst begrabenen, da weit verfehlten Hoffnungen nachtrauern noch lösungsorientierte Antworten geben (S. 23). Vielmehr nimmt es eine Metaperspektive ein und wirft einen kritischen soziologischen Blick auf das Thema und die darum geführte Debatte – methodologisch inspiriert von Niklas Luhmanns Beobachtung zweiter Ordnung,[2] gesellschaftstheoretisch orientiert an Luc Boltanski und Éve Chiapellos Diagnose vom kritikvereinnahmenden Charakter des Kapitalismus[3] und mit zeitdiagnostischem Anschluss an Ulrich Brands und Markus Wissens imperiale Lebensweise[4] wie auch an die von Stefan Lessenich geäußerte Kritik der Externalisierungsgesellschaft.[5]

In den ersten drei Kapiteln verknüpft Blühdorn die gesellschaftliche Nicht-Nachhaltigkeit samt ihrem unerschütterlichen Streben nach Wachstum mit der seit den 1970er-Jahren fortschreitenden Demokratisierung. Dreh- und Angelpunkt seiner Analyse sind dabei die modernen Subjektivitätsverständnisse: Unsere Freiheit, unsere Werte, unser Lebensstil“ (S. 113) – dieses Mantra generiert eine derzeit nicht lösbare Spannung zwischen dem emanzipatorischen Anspruch auf Freiheit und der ökologisch motivierten Einsicht, dass Selbstbegrenzung notwendig ist. Daher sei der Begriff „Nachhaltigkeit“ eine bloße Floskel, er sei zur leeren Formel verkommen (S. 89). Blühdorns Kritik ist ein entsprechend kategorischer Rundumschlag: „Und in dem Unvermögen zu verhindern, dass Freiheit und Befreiung in Maßlosigkeit, Unmäßigkeit und Verantwortungslosigkeit ausufern, liegt das entscheidende Versäumnis der emanzipatorischen Linken insgesamt.“ (S. 65) Ihm zufolge besteht das Problem darin, dass der Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie nicht offen ausgetragen, sondern mit dem Versprechen auf technische Lösungen und grünes Wachstum in die Zukunft verschoben wird (Stichwort: ökologische Modernisierung). Schlimmer noch: Aufklärung und Emanzipation sind zu einem Projekt der egoistischen Selbstverwirklichung und der Befreiung aus der Mündigkeit geworden, zu dessen Realisierung neue Allianzen mit nationalradikalen und rechtspopulistischen Bewegungen gebildet werden. „Linksemanzipatorische, rechtspopulistische und marktliberale Akteure betreiben diese Agenda auf ihre je eigene Art und Weise.“ (S. 122) Die privilegierte bürgerliche Mittelschicht wiederum nutzt ihr Umweltbewusstsein auch als Mittel der Disktinktion, um ihren Status zu verteidigen und ihren Besitz zu wahren (S. 129–132). Gerade weil es hier um strukturelle Aspekte und Milieuzugehörigkeiten geht, steht für Blühdorn nicht das Individuum im Zentrum, sondern die Veränderungen der hegemonialen Subjektivitätsverständnisse, der Selbstverwirklichungsmuster und der politischen Kultur der Konsumgesellschaft (S. 96).

Das Motiv des letztlich unerfreulichen gesellschaftlichen Wandels zieht sich durch den gesamten Band. Die vier Co-Autor*innen setzen sich mit unterschiedlichen Dimensionen der Veränderung auseinander: Staat (Hausknost), Parteien (Butzlaff), soziale Bewegungen (Deflorian), Individuum (Mock). Gleichwohl die Beiträge für sich genommen durchweg instruktiv sind, würde man sich – gerade im Rahmen einer zweiten Auflage – wünschen, dass sie stärker miteinander ins Gespräch kämen. Davon hätten die sozialwissenschaftliche Gesellschaftstheorie wie auch die Transformationsforschung profitieren können.

Den Ausführungen Felix Butzlaffs zufolge sieht die Bevölkerung die sie repräsentierenden Parteien nicht mehr als legitime Impulsgeber für gesellschaftliche Veränderung – egal welcher Art – an. Es sei vor allem ein Wertewandel mit rechter Tendenz zu beobachten und entsprechend biete die gesellschaftliche Mitte nicht länger einen Schutzraum für demokratische Prozesse. Daniel Hausknost wiederum begreift die systemische Nicht-Nachhaltigkeit nicht als Folge einer normativen „Entleerung der Moderne und ihrer Emanzipationsversprechung“ (S. 185), sondern begründet sie mit der widersprüchlichen Beschaffenheit der Moderne selbst: Ihre grundlegende Verquickung von Staat und Kapitalismus mache einen Nachhaltigkeitsstaat strukturell unmöglich, weil das Versprechen auf Freiheit und Wohlstand immer auch Wachstum impliziere. Letzteres gerate allerdings mit lebensweltlichen Praktiken konsequenter Nachhaltigkeit in Konflikt: „Nachhaltiger Konsum etwa wäre notwendig ein an Suffizienz orientierter, mengenmäßig deutlich reduzierter Konsum und würde ganze Konsum- und Praxisfelder wie etwa das Fliegen, den motorisierten Individualverkehr, den häufigen Fleisch- und Fischkonsum und ressourcenintensive Wohnformen massiv einschränken.“ (S. 174) Sozial-ökologische Bewegungen, die längst nicht mehr nur aus radikalisierten Milieus bestünden, sondern mittlerweile in die breitere Bevölkerung diffundiert seien, litten, so Michael Deflorian, an moralischer Selbstüberhöhung. Weit öfter als dies die Selbstwahrnehmung und -darstellung solcher Bewegungen vermuten ließen, sei hier „ein gelegentliches Nischenengagement und die Beibehaltung eines nicht-nachhaltigen Konsumverhaltens“ (S. 226) zu beobachten. Passend dazu erteilt auch Mirijam Mock der Hoffnung auf nachhaltig-verantwortliche Konsument*innen als Schalthebel für gesellschaftliche Veränderung eine deutliche Absage, denn der Widerspruch zwischen ökologischer Einstellung und nicht-nachhaltigem Handeln sei schon seit Jahrzehnten bekannt. Hinzu kommt ein ökologisches Konsumparadox: Obwohl der tatsächliche Beitrag der Konsument*innen zur Umweltbilanz gering ausfällt und nur schwer sichtbar ist, gelten privater Massenkonsum und das dadurch beförderte Wirtschaftswachstum als Hauptmotoren für stetig steigende Umweltschäden und für nicht-nachhaltige Produktionsmethoden. Dadurch verlagert sich die staatliche Verantwortung auf die Individuen – die Krise wird privatisiert. Wichtiger sind, so Mock, jedoch die sogenannten Systemeffekte: Wasser beispielsweise könne eher durch geringen Fleischkonsum als durch „seltenes Duschen eingespart werden […], da ein Kilogramm Rindfleisch ca. 15.500 1 virtuelles Wasser in der Produktion benötigt“ (S. 256). Unter Einbezug praxeologischer Ansätze sollten wir also weniger die Individuen in die Pflicht nehmen als vielmehr versuchen, sektorenübergreifende Bündel von Praktiken zu verändern. Für die erfolgreiche und vor allem gemeinsame Anpassung von Infrastrukturen, Institutionen und Konventionen verweist Mock auf bisher nur vereinzelte Beispiele: Das Projekt Cool-Biz in Japan etwa wollte die nicht-nachhaltige Klimatisierung von Büros reduzieren, indem es die standardisierte Raumtemperatur in den Sommermonaten auf 27 bis 28 Grad erhöhte. Dies wurde von den Angestellten deshalb gut aufgenommen, weil das Projekt zugleich die Akzeptanz kurzer Hemden und eines casual look förderte. Dass sie Praktiken als Ganze in den Blick nehmen, macht solche Ansätze zwar attraktiv, zu bemängeln bleibt allerdings die Diskrepanz zwischen hohem Aufwand und möglicherweise geringem Effekt.

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno haben die Aufhebung der Aufklärung durch sich selbst als Dialektik ausbuchstabiert: Ihre Vernunft wendet sich gegen sich selbst, die errungene Emanzipation schlägt zurück.[6] Was der Aufklärung inhärent ist, gilt Blühdorn zufolge auch für die Demokratie, denn sie basiert auf materiellen und kulturellen Voraussetzungen, die sie nicht dauerhaft und für alle reproduzieren kann (S. 307). Dieses Problem ist als Böckenförde-Theorem bekannt, benannt nach dem Verwaltungsrechtler und Rechtsphilosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“[7] Genau dies zeichnet die gegenwärtige Situation aus; ein Umstand, der zu wenig Hoffnung Anlass gibt, wie auch Blühdorn deutlich macht. Die Frage nach möglichen Maßnahmen gegen die Klimakrise beantwortet er – angesichts unserer die ökologischen und sozialen Kosten externalisierenden imperialen Lebensweise – ebenso pessimistisch wie realistisch. Infolgedessen ist es, so Blühdorn in einem Zeitungsinterview, „unbedingt erforderlich, in manchen Bereichen verbindliche Grenzen für Freiheit- und Selbstbestimmungsansprüche zu formulieren“.[8] In der hitzig geführten Debatte fordert er von den Sozialwissenschaften, „dass sie die normativen Grundlagen und stillen Annahmen der von den verschiedensten Seiten mit Objektivitätsanspruch vorgetragenen Problemdiagnosen und der ebenso vielfältigen, mit Effektivitätsanspruch auftretenden Lösungsangebote offenlegen, und damit beide für den politischen Diskurs und die gesellschaftliche Verhandlung wieder zugänglich machen“ (S. 333 f.). Das wiederum liest sich wie eine Aufgabe, für die die Soziologie geradezu prädestiniert wäre, sofern sie sich durchringen könnte, sie zu übernehmen.

Das Wiener Denkkollektiv bleibt konsequent: Es benennt das Dilemma der nicht-nachhaltigen Nachhaltigkeit und rekonstruiert scharfsinnig die gleichzeitige Begrenztheit und Alternativlosigkeit demokratischer Konfliktbewältigungsstrategien, anstatt sich in verfehlte Hoffnungsnarrative zu flüchten. Auch wenn die Frage „was tun?“ wie ein rosa Elefant im Raum steht, müssen die Diagnostiker*innen – damit hat Blühdorn recht – nicht zwangsläufig auch die Therapiemaßnahmen kennen. Letzteres lässt an den in der Dialektik der Aufklärung beschworenen Verblendungszusammenhang denken. So hoffnungslos endet das Buch allerdings nicht. Immerhin könnten im lautstarken Widerstand gegen rechtspopulistische bis nationalradikale Strömungen und Bewegungen – von Black Lives Matter bis zu Scientists for Future – neue Koalitionen für mehr Nachhaltigkeit entstehen. Mit dieser Vorstellung laviert Blühdorn geradezu zwangsläufig zwischen einer Kritik des Individuums und der halbherzigen Hoffnung auf Akteur*innen, die Veränderung initiieren. Und auch Lösungen wie das oben beschriebene Cool-Biz-Projekt, die an konkreten Praktiken ansetzen, bleiben auf den ersten Blick der gängigen Ordnung verhaftet. Gleichwohl, so mein gar nicht enttäuschter Eindruck, eröffnen Praktiken in diesem Buch die größten Möglichkeitsräume. Denn sie lassen sich theoretisch zwischen structure und agency einordnen, während sie empirisch zwischen politischen Maßnahmen und Transformationsaktivismus angesiedelt sind.

Fußnoten

[1] Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main 1986.

[2] Niklas Luhmann, Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, Opladen 1986.

[3] Luc Boltanski / Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, übers. von Michael Tillmann, mit einem Vorw. von Franz Schultheis, Konstanz 2006.

[4] Ulrich Brand / Markus Wissen, Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus, München 2017.

[5] Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis, Berlin 2016.

[6] Max Horkheimer / Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente [1947], Frankfurt am Main 1969.

[7] Vgl. hierzu Anna Katharina Mangold, Das Böckenförde-Diktum [23.10.2020], in: <intR>²Dok. Fachinformationsdienst für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung, 9.5.2019.

[8] Markus C. Schulte von Drach, „Wir werden der Frage nach Begrenzung von Freiheiten nicht entkommen“. Maßnahmen gegen die Klimakrise [23.10.2020], Interview mit Ingolfur Blühdorn, in: Süddeutsche Zeitung, 17.10.2019.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.