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Rezension zu Philipp Degens "Geld als Gabe. Zur sozialen Bedeutung lokaler Geldformen"

Geld ist wieder ein Thema in der Soziologie. Nachdem sich etliche Klassiker der Soziologie – etwa Köpfe wie Marx, Weber und Simmel – intensiv mit der wohl mysteriösesten Institution der Menschheit auseinandergesetzt haben, wurde das Thema jahrzehntelang den Ökonomen überlassen, die sich damit begnügten, Geld als einen neutralen „Schleier“ über den Austauschverfahren zwischen den Menschen abzutun. Spätestens seit der Jahrtausendwende kann man jedoch von einer „Wiederentdeckung“ des Geldes in der Soziologie sprechen und inzwischen ist ein regelrechter Boom an geldsoziologischen Arbeiten zu verzeichnen. Die Gründe dafür liefern nicht zuletzt aktuelle Entwicklungen: Die Weltfinanzkrise rückte ab 2008 schlagartig die Fragilität des Geldsystems ins Bewusstsein, das sich mit der Durchsetzung des globalisierten Finanzmarktkapitalismus seit den 1980er-Jahren herausgebildet hatte. Die Krise überraschte die Wirtschaftswissenschaften genauso wie die Politik, die dann in kürzester Zeit gigantische, von der Bevölkerung mit ungläubigem Staunen betrachtete Milliardensummen in die Stabilisierung der Finanzmärkte pumpte. Damit fanden sich Fragen aufgeworfen, die sowohl die Architektur der Geldordnung und deren Transformationen in den letzten Jahrzehnten betrafen, als auch basale Probleme wie das Wesen des Geldes und seine sozialen Auswirkungen. Ausschlaggebend für solche Problemstellungen waren allerdings nicht nur die Krisen des Finanzsystems, sondern auch der sichtbare Wandel des Geldes selbst, das sich dematerialisiert und entnationalisiert. Die weithin verbreitete Vorstellung von Geld als einem nationalstaatlichen Zahlungsmittel in Form von Banknoten und Münzen erweist sich zunehmend als hinfällig. Längst liegt der Großteil des Geldes in unbarer Form vor, das heißt als von privaten Geschäftsbanken erzeugtes, sogenanntes Giralgeld. Der bargeldlose Zahlungsverkehr wird durch Zahlungsinstrumente wie Überweisung, Lastschrift, Bank- oder Kreditkarten abgewickelt und ersetzt monetäre Transaktionen mit dem staatlich legitimierten Zahlungsmittel des Bargeldes. Neben den Banken bieten inzwischen private Dienstleister wie paypal, giropay, paysafecard oder Western Union eigene Zahlungsmittel und -verfahren an. Hinzu kommen diverse, außerhalb des offiziellen Zentralbankgeldsystems geschöpfte Kryptowährungen, allen voran die berühmt-berüchtigten Bitcoins. Außerdem sind noch eine Vielzahl öffentlicher und privater Geldsurrogate im Umlauf – von Flugmeilen und Bonussystemen über Apple pay und Disney Dollars bis hin zu einer ganzen Reihe von Lokal- und Alternativwährungen. Also stellt sich in der Tat die Frage, „ob die mit Blick auf die Nationalwährungen entwickelten Geldvorstellungen gegenwärtig noch standhalten oder korrekturbedürftig sind“. Und vor diesem Hintergrund hat sich, wie gesagt, eine lebendige Geldsoziologie entwickelt, die das Phänomen des Geldes unter verschiedenen Perspektiven betrachtet. In der im Juni diesen Jahres erschienenen Ausgabe des Mittelweg 36 („Perspektiven der Geldsoziologie“) geben Philipp Degens und Aaron Sahr in ihrem einleitenden Kapitel einen konzisen Überblick über dieses ebenso heterogene wie fesselnde Feld jüngerer soziologischer Forschung und Theoriebildung.[1]

Eben jener Philipp Degens hat kürzlich eine Monografie mit dem Titel „Geld und Gabe. Zur sozialen Bedeutung lokaler Geldformen“ veröffentlicht, die auf seiner 2016 eingereichten Dissertationsschrift basiert. Darin befasst er sich mit Regiogeld, einer Geldform, die nicht jeder LeserIn bekannt sein dürfte.

Regiogeld – wie Degens ausführt – gehört zu den sogenannten Komplementärwährungen. Der Begriff bezeichnet „alle Geldformen jenseits des als gesetzliches Zahlungsmittel verwendeten herkömmlichen Bar- und Buchgeldes“ (S. 139). Regiogeld umfasst folglich sowohl Barter- und Verrechnungssysteme, Rabatt-, Gutschein- und Punktesysteme von Unternehmen, als auch Kryptowährungen sowie zivilgesellschaftliche Komplementärwährungen, die „weder von staatlichen noch von kommerziellen Akteur*innen herausgegeben werden“ (S. 159) und sich zumeist als „kleine Inseln der Moralökonomie“ (ebd.) verstehen. Seit den 1990er-Jahren sind weltweit tausende solcher zivilgesellschaftlichen Komplementärwährungen entstanden, die zwar äußerst unterschiedlich funktionieren, jedoch in der Regel einen Grundgedanken teilen: Der durch das „herkömmliche“ Geld vermittelte Austausch sei insofern defizitär, als er nicht durch moralische Normen eingehegt werde. Mittels unterschiedlicher Weisen, solche „alternativen“ Gelder zu konstruieren, ließen sich ihnen verschiedene Ziele „einprogrammieren“, die sozialen, ökologischen oder (regional-)wirtschaftlichen Nutzen stiften können. So lassen sich Regiogelder beispielsweise innerhalb eines lokal begrenzten Gebiets als ein eigenes Zahlungsmittel verwenden, quasi als ein Gutschein, der durch die jeweilige Nationalwährung gedeckt ist. Durch die auf eine Region beschränkte Gültigkeit des Geldes soll seine Kaufkraft gebunden und die ortsansässige Wirtschaft gestärkt werden. Die für das Regiogeld zu entrichtende Gebühren können als Spenden für soziale Zwecke zum Einsatz kommen und schließlich ist die Symbolik des Alternativgeldes unter Umständen auch dazu in der Lage, ein gemeinschaftsorientiertes, bewussteres, ökologischeres – irgendwie „moralischeres“ – Wirtschaften zu animieren. Ob nun Regiogeld, Tauschringe, Zeitbanken oder Seniorengenossenschaften Gegenstand der Betrachtung sind – um nur die prominentesten Formen zivilgesellschaftlicher Komplementärwährungen zu nennen –, allemal bleibt festzuhalten, dass die Idee komplementärer Währungen keineswegs nur eine Reaktion auf aktuelle wirtschaftliche und soziale Entwicklungen darstellt, die als krisenhaft wahrgenommen wurden. Sie basiert vielmehr auf einem ganz heterogenen Ensemble teils alter, teils neuer geldreformerischer und alternativökonomischer Ansätze: Freiwirtschaftstheorie, Anthroposophie, Zinskritik, Postwachstumsökonomie, Free Banking, Vollgeldreform, Ecology of Money, Gemeinwohlökonomie, Postwachstumsökonomie, Konvivialismus, mutualistische Traditionen, um nur die wichtigsten Inspirationsquellen aufzulisten. Auch wenn Degens in „Geld und Gabe“ die unterschiedlichen Impulse, aus denen Komplementärwährungen hervorgegangen sind, eher knapp referiert, ist ihm das gesamte Feld durchaus geläufig – bereits vor einigen Jahren hat er einen umfassenden Literaturbericht zu „Alternativen Geldkonzepten“ verfasst (Degens 2013).[2] Solche Konzepte korrespondieren nicht selten mit sozialen Bewegungen, die für die praktische Erprobung komplementärer Währungen werben, dafür politische Überzeugungsarbeit leisten und sich mitunter auch an den – zumeist abseits des wissenschaftlichen Mainstreams betriebenen – Forschungen über innovative Geldordnungen beteiligen. Als Grund für die akademische Randständigkeit dieser Untersuchungsgegenstände wird häufig die geringe empirische Relevanz von „Regiogeld“ angeführt. Sämtliche zivilgesellschaftliche Komplementärwährungen lassen ökonomisches Gewicht vermissen – und sind daher leicht zu vernachlässigen. So hat die EU-Kommission in ihrem Vorschlag vom 19. Dezember 2016 (2016/0208 (COD)) angeregt, virtuellen Komplementärwährung (Kryptowährungen, digitales Spielgold, Facebook Credits, Nintendo Points, Vielflieger-Bonusmeilen) geldwäscherechtliche Pflichten aufzuerlegen. Zivilgesellschaftliche Komplementärwährungen wurden dabei eben wegen ihrer geringen Umsätze und begrenzten Verbreitung dezidiert ausgeschlossen. Handelt es sich bei Degens Monografie bei Lichte besehen also eher um die Bearbeitung eines exotischen Nischenthemas, deren Lektüre allenfalls für Regiogeld-Praktiker und -Aktivisten von Interesse ist? Wer also sollte, anders gefragt, das Buch lesen und mit welchem Gewinn?

Das Ziel der Arbeit ist, „Regiogeld und seine Funktions- und Verwendungsweisen besser [zu] verstehen“ (S. 11). Degens geht es insbesondere um die „Bedeutungszuschreibungen sowie Verwendungspraktiken der teilnehmenden und nichtteilnehmenden Unternehmen“ (S. 12). Regiogeld ist für ihn ein Fallbeispiel, an dem sich nicht nur die allgegenwärtige Diversifizierung der Geldordnung verdeutlichen lässt, sondern auch und vor allem die experimentell-utopischen Transformationsbestrebungen des kapitalistischen Wirtschaftssystems, die sich mit der Neugestaltung des Geldes auf ein zentrales wirtschaftliches Steuerungsmedium richten. Dementsprechend konzentriert sich der Autor gleich zu Beginn (umfassend, wenn auch stellenweise redundant) auf grundlegende Theorien des Geldes, die er nach ihren jeweils dominanten Perspektive („neutral“, „gesellschaftsformend“ oder „gesellschaftlich geformt“) sortiert. Ein eigenes Kapitel widmet er der kultursoziologisch akzentuierten Geldsoziologie von Vivianna Zelizer. Deren Pointe besteht darin, dass Geld durchaus kein homogenes, versachlichendes und rechenhaftes Tauschmedium ist, sondern im Alltag qua seiner Einbettung in soziale Beziehungen, Kontexte und spezifische Verwendungspraktiken faktisch in qualitativ ganz unterschiedliche „Spezialgelder“ zerfällt. Schon seit den 1980er-Jahren hat Zelizers Ansatz die Geldsoziologie nachhaltig beeinflusst und sich in einer Fülle an empirischen Arbeiten über die Bedeutungen und Auswirkungen des Geldes, insbesondere auf Paarbeziehungen und Familien, niedergeschlagen. Auf Zelizer einzugehen, ist zwar nicht sonderlich originell, aber insofern passend, als das Regiogeld ja in der Tat kraft symbolischer „Markierung“ und entsprechender Konstruktionen moralisch geprägte „kommerzielle Kreisläufe“ schaffen möchte. Freilich bleibt Degens bei dieser Engführung nicht stehen, vielmehr erweitert er seine Betrachtung des Geldes zu einer soziologischen Analyse von Wirtschaft ganz allgemein, indem er zwei wirtschaftssoziologische „Klassiker“ hinzuzieht, nämlich Karl Polanyi und Marcel Mauss. Mit Polanyi konzipiert Degens das Regiogeld als Medium einer spezifisch regional eingebetteten Wirtschaft, das Markttausch, Reziprozität und Redistribution kombiniert; mit Mauss behauptet er, es sei die Logik der Gabe und die ihr zugehörige Reziprozität, die den Regiogeld-Kreislauf strukturiere. Sorgfältig gehen seine Sondierungen sowohl auf die Grundlagen der jeweiligen Theorien ein, als auch auf neuere Debatten und variierende Lesarten. Nach einem ebenfalls zwei Kapitel umfassenden Überblick über die „Komplementärwährungslandschaft“ präsentiert Degens schließlich seine empirische Studie.

Mit einem explorativen, „qualitativ-vergleichenden“ Ansatz erforscht er drei Regiogelder, die er nach einer „fallorientierten Logik“ (S. 193) ausgewählt hat, damit sie eine „relative Bandbreite“ (S. 196) abdecken. Das Brixton Pound kursiert im gleichnamigen Süd-Londoner Stadtbezirk, einem früher einkommensschwachen, in letzter Zeit gentrifizierten Viertel. Das Stroud Pound war drei Jahre lang das Regiogeld der grün-alternativen Kleinstadt Stroud, bevor es aufgrund zu geringer Umsätze eingestellt wurde. Der Vorarlbergtaler schließlich ist in mehreren Gemeinden des österreichischen Bundeslandes Vorarlberg im Umlauf. Die Auswahl soll unterschiedliche „Settings“ (urban, kleinstädtisch, ländlich) und „Demokratieprinzipien“ (stark, schwach) abdecken, gleichzeitig aber auch gewissen Besonderheiten wie etwa einer Demurrage (also einem konstanten Wertverfall des Geldes) oder der Einbindung eines Tauschrings Rechnung tragen. Freilich kann diese Auswahl nicht vollends überzeugen, ist doch nicht ersichtlich, warum diese „vorab fixierten Kriterien“ (S. 192) gegenstandsprägend sein sollen und nicht etwa andere wie Umsatzhöhe, Verbreitungsgröße, Art und Zusammensetzung der Aktivistengruppen oder regionale Charakteristika. Ein offenes Vorgehen, also ein iteratives theoretisches Sampling, hätte der explorativen Zielsetzung Degens wohl besser entsprochen. Ähnliches gilt für die Selbstauskunft, es handle sich um ein „ethnografisches“ Forschungsvorgehen. Zweifelsohne kombiniert Degens ganz unterschiedliche Erhebungsverfahren (teilnehmende Beobachtung, Dokumentenanalyse, verschiedene Interviewformen), doch sollte angesichts der engen Fragestellung, der starken Vorabselektion und eher kurzer Feldaufenthalte allenfalls von einer „fokussierten Ethnografie“ gesprochen werden, bei der eben ein spezieller Aspekt im Fokus steht, nämlich die regiogeldbezogenen „Unternehmerperspektiven“.

Die Unternehmer begründen ihre Teilnahme laut Degens mit einer „komplexe[n] Motivik“ (S. 298), die sich von betrieblichen Anreizen (Kundengewinnung, Marketing, Werbeeffekte) über ideelle Gründe (Identifikation mit geldreformerischen oder alternativökonomischen Ideen) bis hin zu Lokalpatriotismus, Gemeinschaftsverbundenheit oder Gruppendruck erstreckt. Offenbar stehen, anders als vielleicht zu erwarten, die betrieblichen Motive bei den Unternehmen keineswegs im Vordergrund, denn die „betriebliche Bewertung“ (S. 301) fällt zumeist ernüchternd aus: Mit Regiogeld werden kaum Umsätze getätigt, seine Verwendungsmöglichkeiten sind limitiert, der Marketing-Effekt ist in der Regel kaum erwähnenswert und das Handling mit zwei Währungen ebenso unpraktisch wie aufwändig. Viel schwerer noch wiegen die mit der Regiogeld-Teilnahme verbundenen Kosten, das heißt die Mitglieds-, Rücktausch-, Transaktions- und gegebenenfalls Demurrage-Gebühren. Dementsprechend sehen viele Unternehmer in ihrer „Bewertung des Umfeldes“ die eigenen Bedürfnisse und Anforderungen vonseiten der Regiogeld-Organisation nicht ausreichend berücksichtigt. Nach ihrer Einschätzung sind die Regiogeld-Konsumenten im Kern Nutzer aus Überzeugung. Häufig entstammen sie einem grün-alternativen und finanziell besser gestellten Milieu.

Die Teilnahme der Kommune ist demgegenüber nicht nur symbolisch, sondern auch praktisch von großer Bedeutung, vor allem wenn diese – wie im Falle des Brixton Pound – Regiogeld für fällige kommunale Abgaben akzeptiert. Fehlt eine solche zentrale Ausgabemöglichkeit, tun sich die Unternehmer schwer, ihre Regiogeld-Einnahmen dauerhaft sinnvoll zu verwenden. Zwar nutzen einige das Regiogeld für betriebliche Ausgaben oder im Rahmen von Gewinnentnahmen an Angestellte oder Eigentümer, doch die meisten horten es, um es irgendwann (mit Abschlägen) zurückzutauschen. Abschließend geht Degens noch auf die nicht-teilnehmenden Unternehmer ein und unterscheidet zwischen Unwissenden, Enttäuschten, Gegnern und Skeptikern.

In der Gesamtbetrachtung fallen die präsentierten Erkenntnisse mal interessant, mal erwartbar aus; insgesamt wird eine deskriptive Systematisierung der Aussagen präsentiert, die von den befragten Unternehmern zu Protokoll gegeben wurden. Was man vermisst, sind soziologisch relevante theoretische Konzepte, Schlussfolgerungen und Bezüge. Dieses Manko versucht Degens in seinen letzten Kapiteln durch eine „Zusammenführung“ seiner Ergebnisse mit den eingangs angeführten theoretischen Perspektiven auszugleichen. Folglich identifiziert er Regiogeld mit Zelizer als einen eigenen „kommerziellen“ Kreislauf mit formal definierten, freilich auch nicht-intendierte Grenzen, der spezifische Transfers ermöglicht. Diese werden mittels eines eigenständigen Geldmediums durchgeführt, das aufgrund kollektiver Bedeutungszuschreibungen in der Konsequenz ein moralisiertes Geld darstellt. Auf den Schultern von Polanyi versteht Degens das Regiogeld zudem als ein Instrument der Wiedereinbettung, die sich „in den konkreten Verwendungspraktiken und den sozialen Bindungen, die Regiogeld vermittelt (wenn möglicherweise auch nicht eigenständig erzeugt)“ (S. 367) äußert. Dass eine derartige Wiedereinbettung schon aufgrund ihrer geringen Verbreitung in systemischer wie politscher Hinsicht so gut wie keine Wirkung zeigt, lässt Degens nicht unerwähnt. Wie bereits angedeutet, erlaubt Degens der Rückbezug auf die Arbeiten von Mauss im Regiogeld eine „Institutionalisierung von Reziprozität“ (S.368) auszumachen, wird diese andere Art von Geld im Gegensatz zu herkömmlichen Geld doch viel stärker als Gabe verwendet. Solche Beobachtungen sind allesamt soweit schlüssig, fallen im Vergleich zum reklamierten Theoriefundament und den aus ihm abgeleiteten „Arbeitshypothesen“ freilich wenig innovativ aus. Mithin wird eine Diskrepanz sichtbar, die sich durch den ganzen Text zieht: Zwischen dem schweren theoretischen Rüstzeug, mit dem sich Degens seinem Forschungsgegenstand nähert, und den empirischen Befunden, die er vergegenwärtigt, tut sich eine Kluft auf. Letztere bleiben der Deskription verhaftet, ohne durch tiefergehende, gegenstandsbegründete Theoriebildung zu überzeugen.

Wer also wird dieses Buch mit Gewinn lesen? Ohne Frage sind die erarbeiteten Erkenntnisse wichtig und interessant für Regiogeld-Praktiker. Auch Geld- und Wirtschaftssoziologen kommen auf ihre Kosten, weil Degens den state of the art kundig referiert sowie mit Polanyi und Mauss zwei klassische Perspektiven für die Geldsoziologie erschließt. Doch was hat eine „nur“ soziologisch interessierte Leserin von der Lektüre dieser als Dissertationsschrift notgedrungen dickleibigen Monografie? Meiner Meinung nach stecken im Material viele Bezüge und Fragestellungen, die weit über den Untersuchungsgegenstand „Regiogeld“ hinausweisen. Nur zwei Beispiele mögen genügen: Degens lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Frage, wie konkrete Geldformen – seien es nun Regiogelder, Kreditkarten, virtuelle Währungen oder Handy-Payment – die Geldpraxis präformieren. Welche spezifischen Handlungsrationalitäten und Bedeutungszuschreibungen gehen aus ihnen hervor oder ziehen sie in ihren unterschiedlichen Gebrauchskontexten nach sich? Und wenn, was Degens eindrucksvoll exemplifiziert, ein „Spezialgeld“ wie Regiogeld nicht nur regional territorialisierte, sondern auch moralisch aufladbare Wahlvergemeinschaftungen zulässt, die kraft herkömmlicher Geldformen offenbar nicht herstellbar sind, stellt sich die Frage, wozu andere Geldformen in Sachen Vergemeinschaftung womöglich in der Lage sind.

Damit in Verbindung steht noch eine zweite Frage und zwar die nach der Ausgestaltung derjenigen institutionellen Arrangements, die in polanyischer Diktion als „Gegenbewegungen“ zu einer umgreifenden Vermarktlichung zu bezeichnen wären. Am Beispiel des Regiogeldes illustriert Degens, wie leicht in solchen als moralisch, ökologisch, sozial oder alternativökonomisch gedachten Arrangements nicht-intendierte Nebenfolgen und strukturelle Widersprüche auftreten können. Ungewollt mutiert das regionale Gemeinschaftssystem „Regiogeld“ zum „Spielzeug“ eines grün-alternativen, finanziell bessergestellten Milieus. Gerade eine „Moralisierung“ des Mediums Geld birgt eigentümliche Spannungen in sich: So muss Regiogeld als lokale Währung praktisch, einfach, effizient und breit einsetzbar sein; umgekehrt darf es als ein Mittel der Moral nicht zu effizient und zu materialistisch sein. Es muss seine Exklusivität wahren. Gleichzeitig ist diese Art von Moralisierung diffus, die angesteuerten Grenzziehungen fallen notorisch vage aus und ziehen bei näherer Betrachtung womöglich berechtigte Zweifel auf sich. Derartige Widersprüchlichkeiten tauchen stets in einer „Moralökonomie“ auf: Operiert der Fahrrad-Kleinhändler, der aus der Region stammt, allerdings aus Fernost importierte Ware verkauft, ‚gut‘ oder ‚böse‘ im Sinne einer regionalen, nachhaltigen Ökonomie? Was ist mit den Bioprodukten aus Südamerika oder Neuseeland – sind diese Äpfel ‚besser‘ oder ‚schlechter‘ als regionale Produkte aus konventionellem Anbau?

Solche Abwägungs- und Beurteilungsdilemmata, die ja viele Versuche einer Neu-Ordnung des gesellschaftlichen Verhältnisses von Wirtschaftlichem und Nicht-Wirtschaftlichem heimsuchen, lassen sich, wie bei Degens zu lernen ist, am Modell des Regiogeldes in geradezu paradigmatischer Deutlichkeit veranschaulichen. Zudem korrigiert die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Versuchen, das Geld umzugestalten und womöglich für außerökonomische Absichten zu programmieren, die irrige Vorstellung, es handle sich beim Geld um eine unantastbare gesellschaftliche Basisinstitution. Darin – und nicht in seinen eher bescheidenen ökonomischen Erträgen – liegt die Bedeutung von Regiogeld. Es setzt, ebenso wie das vorliegende Buch, notwendiges Nachdenken in Gang.