Die geteilte Mitte

Rezension zu "Die Mitte als Kampfzone" von Nadine M. Schöneck und Sabine Ritter (Hg.)

Der gesellschaftliche Hintergrund

In der Nachkriegszeit waren die öffentliche Meinung Deutschlands und ein großer Teil der bundesrepublikanischen Soziologie stolz auf die stetig wachsende Mittelschicht. Ganz selbstverständlich, und daher kaum diskutiert, dominierte sie, auch normativ. Für die auch damals vorhandenen Gegensätze zwischen dem gesellschaftlichen Oben und Unten wirkte sie als Puffer.

Sozialstrukturell endete die Nachkriegszeit erst Anfang der 1980er-Jahre. Von da an hatte die Soziologie zunehmend Anlass, die neue Armut zu erforschen. Deren Hauptursache war die treppenförmig anwachsende Arbeitslosigkeit. Die zunehmende Nachfrage nach Erwerbsarbeit durch geburtenstarke Jahrgänge, Zuwanderer und Frauen überstieg das kaum wachsende Angebot. Der technologische Wandel und die mit ihm steigenden Ansprüche an die Qualifikation der Arbeitskräfte, die ökonomische Globalisierung und Deregulierung sowie der Übergang zu angebotsorientierter Wirtschaftspolitik stützten zwar Wirtschaftskraft und Finanzierung der Sozialpolitik, mehrten jedoch sowohl Armut  Reichtum in Deutschland und den meisten anderen Industriestaaten.

Zwangsläufig wurde dann in den 1990er-Jahren deutlich, dass die Mittelschicht hierzulande schrumpft, und ihre Mitglieder Abstiegsängste entwickeln. Soziale Gegensätze drohten jetzt durch die Mittelschicht verschärft statt wie zuvor abgepuffert zu werden. Die Volksparteien machten sich Sorgen um ihre Stammwähler. Die politische Stabilität schien bedroht. Man befürchtete, dass auch die Vorbildfunktion der Mittelschicht und ihrer Tugenden (unter anderem das Leistungsstreben, die Verantwortung für das Gemeinwesen und die eigene Existenz und die zugunsten von Zukunftsinvestitionen aufgeschobenen Bedürfnisbefriedigungen „deffered gratification pattern“) schwinden werde, deren normative Dominanz zuvor einen gewissen Konsens gesichert hatten.

Seit 2005 sinkt in Deutschland die Arbeitslosigkeit. Dafür sorgen einerseits die anhaltend gute Konjunktur und das steigende Angebot an Arbeitsplätzen, andererseits das Einrücken der geburtenschwachen Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt und die damit sinkende Nachfrage nach Erwerbsarbeit. Dadurch nimmt die soziale Ungleichheit „unten“ trotz Zuwanderung kaum mehr zu. „Oben“ dagegen wächst sie ungebremst weiter. Die Beschäftigungschancen der (per definitionem) qualifizierten Mittelschicht werden immer besser. Das Arbeitslosigkeitsrisiko von Akademikern und Fachkräften ist statistisch unbedeutend geworden. Ein „Schrumpfen der Mittelschicht“ ist nicht länger festzustellen.

Wer sich heute Sorgen um die „objektive“ Lage bestimmter sozialstruktureller Gruppen macht, der muss nicht die Mittelschichten, sondern die Lage der unteren Schichten untersuchen. Sie sind die Verlierer von Globalisierung und technologischer Entwicklung gleichermaßen. Nach wie vor ist fast ein Fünftel der un- und angelernten Erwerbspersonen ohne Arbeit.

Das zu besprechende Buch

Nun könnte man angesichts der dargestellten gesellschaftlichen Entwicklungen zu dem Schluss kommen, dass Studien zu den Mittelschichten mangels dortiger Probleme heute obsolet geworden sind. Aber die soziologische Wiederentdeckung der Mittelschichten ließ auch klar werden, wie wenig wir im Grunde über sie wissen. Die Fragen der Herausgeberinnen an die in ihrem Band versammelten Autor*innen (S. 14f) weisen auf wichtige dieser Wissenslücken hin:

  • Wie verhalten sich objektive Lebensbedingungen und subjektive Ungleichheitswahrnehmungen sowie einschlägige Wertorientierungen in der Mitte der Gesellschaft zueinander?
  • Woran erkennen Mittelschichtsangehörige einander? Und wie grenzen sie sich von anderen Schichten ab?
  • Was gilt in der Mittelschicht als normal und prägt ihre Werte und Praktiken?
  • Sind die Sichtweisen der Mitglieder der Mittelschicht einheitlich oder segmentiert?

Entstanden ist aus diesem Fragenkatalog eine Aufsatzsammlung, die 17 Beiträge teils renommierter Sozialwissenschaftler*innen umfasst. Zwei Texte dienen der Einführung, drei „quantitative“ Studien erkunden Lage, Ängste, Sorgen und Gerechtigkeitswahrnehmungen der Mittelschichten. 12 Aufsätze bedienen sich „qualitativer“ Methoden und richten sich auf die alltäglichen Denk- und Verhaltensweisen der Mittelschichten.

Dieses Übergewicht  „qualitativer“ Studien mag erstaunen, erst recht wenn man die derzeitigen Verwerfungen in der deutschen Soziologie bedenkt. Das Übergewicht wird jedoch angesichts der oben angeführten Fragestellungen verständlich, die auf neue Denk- und Verhaltensweisen in der Mittelschicht zielen. Die Publikation zeigt zudem, dass die „quantitative“ und die „qualitative“ Soziologie zwar auf unvereinbaren Grundlagen und Methoden beruhen, sich gleichwohl  in ihren jeweiligen Stärken und Ergebnissen fruchtbar ergänzen können.

Im Folgenden soll nicht zu einer Detailkritik ausgeholt werden, was sich für eine so kurze Rezension eines so facettenreichen Bandes ohnehin verbietet, sondern das herausgearbeitet werden, was es nach Ansicht des Rezensenten verdient, festgehalten zu werden.

Die Panik ist vorüber: wenigstens die Abstiegsängste.

Mittelschichten bewegen sich, wie die Soziologie seit langem weiß, schon aufgrund ihrer Mittellage in einem prinzipiell labilen Gleichgewicht zwischen Abgrenzungsbemühungen nach unten und Aufstiegsanstrengungen nach oben. Charakterisieren lässt sich das Leben in der gesellschaftlichen Mitte durch meist latent bleibende Abstiegsängste und oft manifeste Statusinvestitionen. Wegen dieser Volatilität und ihrer ständigen Anstrengungen neigen Mittelschichtangehörige in Krisensituationen oder in dem, was sie dafür halten, zu erratischen, wenn nicht panischen Verhaltensreaktionen.

Mit der Verschlechterung der allgemeinen Arbeitsmarktlage nahmen die wirtschaftlichen Sorgen in den Jahren zwischen 1990 und 2005 deutlich zu, vor allem die Sorgen um mögliche Arbeitsplatzverluste. Entsprechend verstärkten sich die Abstiegsängste in allen Schichten, wie Judith Niehus sowie Holger Lengfeld und Jessica Ordemann in ihren Beiträgen zeigen. Seither sinken diese Befürchtungen jedoch in allen Schichten. Selbst ungelernte Arbeiter*innen und Beschäftigte mit einfachen Dienstleistungen machen sich heute so wenige Sorgen wie zu Anfang der 1990er-Jahre. Angesichts dieser Befunde beruhen andere Beiträge des Bandes (zum Beispiel der von Silke van Dyk, S. 197), die „panische“ Verhaltensweisen und Neigungen zum Rechtspopulismus in der Unter- und unteren Mittelschicht unmittelbar aus steigenden Abstiegsängsten ableiten, schlicht und einfach auf irrigen empirischen Grundlagen.

Interessanterweise fielen die zunächst steigenden, danach aber wieder sinkenden Abstiegsängste keineswegs in der unteren, sondern in der mittleren Mittelschicht besonders heftig aus. Dies erklären Lengfeld und Ordemann mit den besonders intensiven Statusinvestitionen dieser Menschen und ihrer dadurch besonders großen Sensibilität für Statusbedrohungen (S. 80).

Die Panik hält an: Der Rechtspopulismus und die untere Mittelschicht

Wie ist es dann aber erklärbar, dass sich der Rechtspopulismus nachweislich am stärksten in der  unteren Mittelschicht ausbreitet? Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der wirtschaftliche Sorgen gerade dort deutlich zurückgehen?

Eine gute Erklärung bietet Cornelia Koppetsch an, die in ihrer Analyse an der wachsenden Transnationalität ansetzt. Von ihren wirtschaftlichen und kulturellen Effekten profitieren Eliten und die obere Mittelschicht, während gering- und dequalifizierte Arbeitende dadurch verlieren. In der unteren Mittelschicht ist das Wohlstandsniveau vorläufig noch durch die nationalen Infrastrukturen eines gut ausgestatteten  Wohlfahrtsstaats gesichert. Doch ahnen diese Menschen, dass sie selbst sowie die sie stützenden Gewerkschaften und Volksparteien zugunsten globaler Wirtschaftsverflechtungen und transnationaler Einrichtungen an Einfluss verlieren (S. 194).

Damit kompatibel ist die Erklärung von Uwe Schimank. Er zeigt im Anschluss an Analysen von Hanspeter Kriesi, Wolfgang Merkel und Andreas Reckwitz, dass zwei unterschiedliche „Rechtfertigungsordnungen“ derzeit aufeinanderprallen: die kosmopolitische der akademisch gebildeten „neuen“ und die kommunitaristische der alten, nicht akademischen Mittelklasse. Daher tendieren nicht die ökonomisch, sondern die kulturell „Abgehängten“ gegenwärtig zum Rechtspopulismus (S. 231).

Lehrreich finde ich diese Erklärungen vor allem deshalb, weil sie deutlich machen, dass der Rechtspopulismus kein Klassenproblem im herkömmlichen Sinne darstellt. Daher ist mit „klassischen“ finanziellen und arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen des Wohlfahrtsstaates dem Problem dieser „panischen“ Tendenzen kaum beizukommen.

Vertikal und Horizontal: „Die Mittelschicht gibt es nicht.

In älteren deutschsprachigen Lehrbüchern sozialer Ungleichheit wird zwar die interne soziokulturelle Vielgestaltigkeit der „Mittelschichten“ betont, aber gleichwohl von gemeinsamen Lage- und Haltungsmerkmalen der „Mittelschicht“ insgesamt ausgegangen. Demgegenüber sehen sich die meisten Autor*innen des vorliegenden Bandes veranlasst, scharf zwischen einer oberen und einer unteren Mittelschicht zu unterscheiden. Hierbei wird die untere in der Regel als die Schicht mit gravierenden Problemen angesehen, während die obere als privilegiert gilt.  Auch wenn die ökonomischen Probleme, die einige Verfasser*innen (etwa Berthold Vogel, S. 45 oder Silke van Dyk, S. 197) der unteren Mittelschicht zuschreiben, eine*n informierte*n Leser*in nicht überzeugen dürften, so ist doch nicht zu leugnen, dass viele Menschen aus der unteren Mittelschicht mit Problemen hinsichtlich ihrer Identität und politischen Repräsentation kämpfen.

Die Lektüre des Sammelbandes hinterlässt den Eindruck, dass sich einige Verfasser*innen schwer tun, die in der Mittelschicht aufgefundenen Denk- und Verhaltensmuster angemessen innerhalb der Mittelschicht einzuordnen – und sei es auch nur in ein grobes vertikales Zweier-Modell. (Dies gilt etwa für die Aufsätze von Miriam Schad und Nicole Burzan, von Patricia Pfeil u. a., durchaus auch für die kluge Studie von Gunter Weidenhaus.) Diese Verlegenheit mag mit den zum Teil sehr geringen Fallzahlen dieser „qualitativen“ Studien zusammenhängen (Miriam Schad und Nicole Burzan belassen es bei nur zwei Familieninterviews), doch ist offenkundig, dass sich ein bloß vertikales Schichtungsschema nur begrenzt für soziokulturelle Untersuchungen eignet.

Demgegenüber operiert Uwe Schimank denn auch mit einer sowohl horizontalen wie auch vertikalen Vier-Felder-Tafel, in der die Dominanz ökonomischen oder kulturellen Kapitals gekreuzt wird mit den größeren oder geringeren Volumina dieser Kapitalsorten. Früher hätte man die so unterschiedenen Gruppierungen Groß- beziehungsweise Kleinbürgertum sowie Besitz- beziehungsweise Bildungsbürgertum genannt. Festzuhalten bleibt jedenfalls, dass selbst für einfache Analysen heute nicht mehr von der Mittelschicht gesprochen werden kann.

Ist die Mittelschicht noch normativ dominant?

Einige Autor*innen (etwa Marion Barbehön u. a.) heben hervor, dass die Mittelschicht einerseits für spezifische Werte und Lebensweisen steht, die andererseits „zu allgemeinen Maßstäben für die Gesamtgesellschaft erhoben werden“ (S. 144). Noch vor wenigen Jahrzehnten traf dieser Befund zweifellos zu. Damals war die normative Dominanz der Mittelschicht derart selbstverständlich, dass sie kaum jemand thematisierte oder gar kritisierte. Eine der wenigen Ausnahmen bildeten die soziolinguistischen Untersuchungen Basil Bernsteins aus den 1960er-Jahren, die seinerzeit eine Kontroverse zwischen den Verfechtern der Differenz- und der Defizithypothese auslösten. Während erstere die Gleichwertigkeit beider schichtspezifischen Sprachstile postulierten, verfochten letztere die These von der funktionalen Höherwertigkeit der Mittelschichtssprache.

Die Defizithypothese mag bezüglich der Sprachstile in weiten Bereichen des Dienstleistungssektors auch heute noch zutreffen. Die zunehmende Verbreitung und Akzeptanz unterschichtspezifischer Kleidermoden, Fernsehserien, Musikstile etc. scheinen mir jedoch darauf hinzuweisen, dass die kulturelle Vorherrschaft der Mittelschicht auf wachsenden Widerstand stößt. Im vorliegenden Band ist davon freilich keine Rede.

Fazit

Zweifelsohne weisen die vorliegenden Sondierungen zur „Mittelschicht als Kampfzone“ auch Schwächen auf. Jede*r Herausgeber*in muss bei aller investierten Sorgfalt und Mühe die eine oder andere Kröte schlucken und Lücke ertragen. So haben manche Beiträge (beispielsweise der von Friederike Bahl) zwar mit Schichtung zu tun, aber wenig mit den Mittelschichten. Auch würde man sich Abstecher über die deutschen Landesgrenzen hinaus und weitere geschichtliche Rückblicke wünschen (hochwillkommen sind die Ausnahmen, das heißt der ideengeschichtliche Abriss zur gesellschaftlichen Mitte von Herfried Münkler und eine informative Passage in dem Beitrag von Uwe Schimank, S. 218f.).

Insgesamt liegt jedoch ein weitgehend jargonfreies Buch vor, das wichtige Befunde über neuere Veränderungen der Mittelschichten in Deutschland präsentiert, wobei manche Deutungen durchaus kontrovers ausfallen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Philipp Tolios.