Die Korrektur der Gesellschaftstheorie

Rezension zu "Die Korrektur der Gesellschaft. Irritationsgestaltung am Beispiel des Investigativ-Journalismus" von Marc Mölders

Differenzierte Gesellschaften sind ganz offenkundig nicht nur in der Lage, ihre eigenen Prozesse und Strukturen als korrekturbedürftig auszuweisen, sondern auch dazu, sich selbst Korrekturen zu verordnen. Fehlerhaftes oder unzulängliches Wissen soll durch neue Forschungsprojekte aktualisiert, Regulierungslücken sollen durch Gesetze geschlossen und ineffektive Organisationsstrukturen generalüberholt werden. Naheliegend wäre es nun, danach zu fragen, ob solche Korrekturmaßnahmen auch vor dem Hintergrund zeitgenössischer Problemlagen erfolgreich sein können – also dann, wenn es nicht länger bloß um die Selbstkorrektur ganz bestimmter sozialer Gebilde geht, sondern vielmehr um die Korrektur der Gesellschaft selbst. Globale Herausforderungen wie Klimawandel, Hunger und Armut erscheinen so groß und die Problemlagen so komplex, dass man daran zweifeln kann, ob die gesellschaftlichen Bordmittel ausreichen, um ihnen gerecht zu werden. Vielmehr drängt sich der Verdacht auf, dass die bewährten Lösungsrezepte der Moderne selbst wieder Nebenfolgen produzieren, deren Korrektur mit Variationen der vertrauten Maßnahmen nicht recht gelingen will. Dass die moderne Gesellschaft vielleicht sogar mehr Probleme schafft, als sie zu lösen vermag, ist eine sattsam bekannte Diagnose der Soziologie. Nun könnte man angesichts dessen etwa in steuerungstheoretischen Pessimismus verfallen oder empirisch nach neuen Korrekturmöglichkeiten suchen. Die vorliegende Studie von Marc Mölders geht jedoch einen anderen Weg. Sie will erst einmal aufzeigen, wie Korrekturbedarf überhaupt in den gesellschaftlichen Blick gerät, was gesellschaftliche Korrekturen ausmacht, welche (neuen?) Korrekturinstanzen es gibt und wie diese operieren. Der Ausgangspunkt ist die Annahme, dass sich die wesentlichen Probleme moderner Gesellschaften als Übersetzungskonflikte zwischen gesellschaftlichen Sinnzusammenhängen rekonstruieren lassen. Dem liegt eine differenzierungstheoretisch informierte Gesellschaftsdiagnose zugrunde, die darauf verweist, dass jede Differenzierung Einseitigkeiten und Selektivitäten produziert, die es dann wiederum zu kompensieren gilt. Mölders argumentiert, dass eine ganze Reihe gesellschaftstheoretischer Arbeiten eben diese differenzierungstheoretische Prämisse teilen. Man denke an die Bourdieu‘sche Feldtheorie, Boltanskis und Thévenots Rechtfertigungsordnungen oder die Latour‘schen Existenzweisen. In Abgrenzung zu diesen – international populäreren – Theorieangeboten entwickelt Mölders den systemtheoretischen Ansatz Luhmanns weiter, und zwar vor allem indem er ihn mit der Grundfigur der Übersetzung anreichert (welche eine prominente Rolle in Joachim Renns pragmatischer Differenzierungstheorie einnimmt). Die resultierende These ist, dass auch beobachteter Korrekturbedarf übersetzungsbedürftig ist.

Im Kontrast zu einer orthodoxen Lesart der systemtheoretischen Differenzierungstheorie geht Mölders davon aus, dass Übersetzungen zwischen differenzierten Systemen keineswegs die Ausnahme, sondern vielmehr die Regel sind. Übersetzung, so Mölders, findet laufend statt und ist nicht per se problematisch. Fraglich ist jedoch, wie diese Übersetzungen prozessiert werden, was also von Korrekturanfragen übrig bleibt, wenn sie in andere Sinnzusammenhänge überführt werden. Im theoretischen Extremfall, der freilich empirisch häufig genug vorkommen dürfte, könnten, so Mölders, Korrekturanfragen auch “in einer Weise übersetzt [werden], deren Translate keine Spur des Korrekturanliegens mehr aufweisen” (S. 69). Korrekturanfragen können prinzipiell irritieren. Wie die Irritation aber verarbeitet wird, bleibt kontingent. Gesellschaftliche Korrektur bleibt damit eine Angelegenheit gesellschaftlicher Evolution: Korrekturanfragen wirken, wenn der Zufall es so will (und er entsprechend ausgereizt wird). Das ist der systemtheoretische Grundtenor.

Mit eben diesem will sich der Autor aber nicht zufriedengeben. Er zeigt auf, dass die differenzierungstheoretische Diskussion in den vergangenen Jahrzehnten dem Problem der Korrektur – wenn auch unter wechselnden Vorzeichen – immer größere Relevanz beigemessen hat. Mit kundigem Blick rekonstruiert er die Debatte und weist nach, wie neben der Betonung systemischer Autonomie und Eigenlogik auch das Thema der Übersetzung zunehmend an Bedeutung gewann, ohne dass dabei jedoch klassische Integrationskonzepte rehabilitiert worden wären. Vielmehr habe sich die differenzierungstheoretische Aufmerksamkeit auf Phänomene wie Kontextsteuerung, Protest und Responsivität gerichtet. Mölders eigener Beitrag zu dieser Diskussion firmiert dabei unter dem Begriff der Irritationsgestaltung. Irritationsgestaltung ist das Bestreben, die Rolle des Zufalls in Übersetzungsprozessen zu minimieren, wofür es vor allem einer Organisation der Korrekturbemühungen bedarf.

An diesem Argumentationsschritt setzt der empirische Teil der Studie an: Auf Basis einer qualitativen Untersuchung des gemeinnützigen Investigativ-Journalismus kommt Mölders zu dem Schluss, dass sich differenzierungstheoretisch mittlerweile weit mehr über Korrekturen aussagen lässt, als Luhmann sich hätte träumen lassen. Mölders zeigt mithilfe seiner rekonstruktiven Analyse von Dokumenten und Interviews, dass Organisationen im Feld des gemeinnützigen Investigativ-Journalismus (konkret: ProPublica und Correctiv) längst reflektieren, dass es ihnen kaum möglich ist, einen unmittelbaren gesellschaftlichen Impact zu erzeugen. Und sie wissen auch, dass ein solcher Impact, so es ihn denn gibt, kaum messbar gemacht werden könnte, da das Aufzeigen einer klaren Kausalität von publizierten Missständen und davon angeregten Gesellschaftsveränderungen illusorisch ist. Das Problem des Investigativ-Journalismus erweist sich damit als Problem einer Gesellschaft, die in differenzierten Verhältnissen die Dinge zum Besseren verändern will, aber zugleich reflektiert, dass eine solche Veränderung in Form eines direkten Durchgriffs in andere Systeme nicht umstandslos praktizierbar ist. Und dennoch: Die Korrekturerwartungen bleiben bestehen und wollen eingelöst werden.

Wie der Investigativ-Journalismus mit solchen Erwartungen (auch und gerade seitens seiner Förderer) umgeht und wie er selbst bestrebt ist, seine Arbeit und Kommunikation möglichst zielgerichtet zu gestalten demonstriert der empirische Teil des Buches. Dabei kann Mölders auch plausibel rekonstruieren, dass die Organisationen in diesem Feld impliziten differenzierungstheoretischen Prämissen folgen: Sie besitzen ein praktisches Wissen, mit dem sie die Unwahrscheinlichkeiten ihrer Praxis angesichts der zu antizipierenden Bedeutungsbrüche antizipieren können. Während Luhmann noch meinte, dass gesellschaftliche Empörung leicht zu erregen sei, weiß der Investigativ-Journalismus, dass die Provokation von Empörung ein hochanspruchsvolles Unterfangen ist, das invasive Gestaltungsmaßnahmen erfordert – gerade in Zeiten einer durch die Digitalisierung weiter fragmentierten Öffentlichkeit. Die Antwort, die der von Mölders untersuchte Investigativ-Journalismus auf diese Herausforderungen findet, besteht in einer reflexiven Gestaltung der eigenen Praxis und dem Versuch, die richtigen Themen in der richtigen Rahmung zum richtigen Zeitpunkt an das richtige Publikum zu adressieren. Gerade dann, wenn Korrektur wie beim Investigativ-Journalismus im Medium der Publizität erfolgt, gilt es, alles Erdenkliche zu tun (und zwar planvoll und stetig dazulernend), damit skandalisierte Missstände nicht im öffentlichen Rauschen resonanzlos verhallen. Das Buch von Mölders endet mit der Diagnose einer Korrekturgesellschaft, die sich nicht mehr auf ihre evolutionäre Selbstkorrektur verlassen will, woraus folgt, dass die gesellschaftlichen Korrekturanmahnungen organisiert werden können und müssen.

Wir haben es bei Mölders Studie mit einer gesellschaftstheoretisch hochambitionierten Schrift zu tun, die damit beeindruckt, dass sie sich ihrem Gegenstand selbst performativ anschmiegt. Von Kapitel zu Kapitel werden die theoretischen Prämissen immer wieder geprüft, spezifiziert – und schließlich korrigiert. Das führt zu einem Leseerlebnis, das sich als Nachvollzug eines theoretischen Lernprozesses beschreiben lässt. Immer dann, wenn man schon meint, verstanden zu haben, was es mit der Korrektur der Gesellschaft auf sich hat, wird man korrigiert.

Das macht das Werk zugleich nicht gerade zu einer leichten Kost. Wer noch nicht hinreichend differenzierungstheoretisch sozialisiert ist, dem mag gerade der Auftakt des Buches einiges abverlangen. Doch auch der einschlägig informierte Leser muss bereit sein, recht unvermittelt in differenzierungstheoretische Spezialdebatten einzusteigen und dem Autor in die Untiefen einer Diskussion um das Verhältnis von Codes und Schemata, von Kopplung und Übersetzung, von Integration und Irritation zu folgen. Lässt man sich darauf ein, wird man dann allerdings mit einem Argumentationsgang belohnt, der sich nicht einfach mit einer „Anwendung“ der Differenzierungstheorie auf einen empirischen Fall begnügt. Vielmehr wird der Investigativ-Journalismus (der erst in der zweiten Hälfte des Buches zum Thema wird) auf nachvollziehbare Weise zum Ausbau des entsprechenden Theorieprogramms genutzt.

Der Rezensent hätte sich noch zwei Anbauten an diesen Ausbau gewünscht. Zum einen hätte die Studie davon profitieren können, die Bedeutung von Technisierungen für die Irritationsgestaltung nicht nur zu streifen, sondern für den Argumentationsgang tatsächlich fruchtbar zu machen. Die empirische Untersuchung legt nämlich nahe, dass es sich bei organisierter Irritationsgestaltung um Anstrengungen einer Technisierung handeln könnte – und zwar, durchaus im Luhmann‘schen Sinne, als Etablierungsversuch strikter Kopplungen in heterogenen Verhältnissen, die es wahrscheinlicher machen sollen, dass Übersetzungen nicht beliebig ablaufen. Gerade die von Mölders anhand der Empirie rekonstruierten Mechanismen der „Zufallsminimierungsoperation“ (S. 145) zeigen, dass es hier um Maßnahmen geht, die eine technisierte Isolierung von Sachverhalten forcieren (und dabei freilich stets scheitern können): Wie erreicht man etwa möglichst treffsicher spezifische Zielgruppen?

Ein zweites Desiderat liegt im vergleichsweise unbestimmt bleibenden Korrekturbegriff selbst. Bis zum Schluss bleibt nämlich etwas vage, wie ubiquitär und/oder spezifisch Korrekturoperationen sind und inwiefern sie sich von verwandten Bestrebungen wie Änderungen, Verbesserungen oder Optimierungen abgrenzen lassen. Um das Phänomen der Korrektur nicht nur gesellschaftstheoretisch, sondern auch sozialtheoretisch ernst zu nehmen, wären Verweise auf alltäglichere Formen von Korrektur hilfreich gewesen. Immerhin findet Korrektur ja, wie Mölders selbst ausführt, in den verschiedensten Formen statt und tritt eben nicht nur in Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fehlentwicklungen auf. Korrigiert werden auch Klausuren in der Schule, Körperhaltungen im Sport oder Filme in der Post-Production. Der Wunsch des Rezensenten nach einer zumindest kursorischen Behandlung solcher alltäglichen Korrekturoperationen entspringt nicht etwa seinem Verlangen nach einer additiven Erweiterung des Buches. Es ist vielmehr eine theoretische Intuition, der zufolge sich erst recht begreifen lässt, was das Streben nach einer Korrektur der Gesellschaft im Speziellen bedeutet, wenn man das allgemeine Sozialphänomen der Korrektur rekonstruiert hat.

Gleichwohl: Derartige Korrekturwünsche an Publiziertes lassen sich stets mit Leichtigkeit formulieren und sagen im Zweifelsfall mehr über Lesende (und deren innere Theoriearbeit bei der Rezeption) als über das Verfasste aus. Fest steht, dass Marc Mölders mit der Korrektur der Gesellschaft ein Buch vorgelegt hat, an dem differenzierungstheoretisch Interessierte kaum vorbeikommen werden. Es ist dabei keineswegs nur für eingefleischte Luhmannianer zu empfehlen. Vielmehr demonstriert der Autor, was eben diese spezifische Differenzierungstheorie von anderen Differenzierungstheorien lernen kann – und wie sie sich korrigieren lässt. Insofern kann das Buch als innovative theoretische Irritationsgestaltung gelesen werden. Ihm ist eine breite Resonanz zu wünschen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.