Die Kritik der Gesellschaft

Eine Sondierung des Kritikpotenzials der Systemtheorie

Bei Karl Marx endet die Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie „mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“.1 Kritik meint in diesem Fall Gesellschaftskritik im umfassenden Sinne, impliziert also auch die Aufforderung zur Veränderung der bestehenden politischen Ordnung. Im Gegensatz zu diesem in den Sozialwissenschaften bis heute nachwirkenden Kritikverständnis, das sich aus seiner Sicht vor allem in „Attitüden des Besserwissens“2 erschöpfte, sah Luhmann die Aufgabe der Soziologie bekanntlich vor allem darin, durch eine leistungsfähigere Gesellschaftstheorie zu einer besseren, das heißt ihrem Komplexitätsniveau angemesseneren Beschreibung moderner Gesellschaften beizutragen. Mit dem von Albert Scherr herausgegebenen Sammelband Systemtheorie und Differenzierungstheorie als Kritik liegt nun eine Publikation vor, deren Beiträge es sich zum Ziel gesetzt haben, das Kritikpotential der Systemtheorie im Spannungsfeld von Gesellschaftsbeschreibung und -veränderung auszuloten und als Ausgangspunkt für eine Debatte um das Selbstverständnis einer kritischen Soziologie zu nutzen.

Scherr stellt den entsprechenden Bezug explizit her, wenn er in seiner Einleitung danach fragt, ob die berühmte elfte Feuerbach-These von Marx auch für die Systemtheorie relevant sei. Die erwartbare Antwort lautet zunächst einmal: Nein. Auch Luhmann habe die Welt nicht verändert, sondern nur anders interpretiert. Doch markiert dieser Befund für Scherr und seine Mistreiter_innen eben nicht schon das Ende, sondern vielmehr erst den Beginn der weitergehenden Frage nach dem kritischen Gehalt der Systemtheorie. Man wird den ebenso vielschichtigen wie differenzierten Beiträgen des Sammelbandes wohl am ehesten gerecht, wenn man sie vor diesem Hintergrund als Suchbewegungen versteht, die, wie es im Untertitel heißt, verschiedene Perspektiven in Anschluss an Niklas Luhmann einnehmen, um nach Anknüpfungsmöglichkeiten für eine systemtheoretisch informierte kritische Gesellschaftstheorie zu fragen. Der inhaltlich disparate Charakter der Beiträge ist insofern nicht verwunderlich, als die Diskussion um das gesellschaftsverändernde Potential der Systemtheorie noch weitgehend am Anfang steht3 und es daher bislang kaum geteilte Standpunkte gibt. Der Sammelband trägt dieser Unbestimmtheit Rechnung, indem er sowohl verschiedene Ebenen als auch unterschiedliche Gegenstände der Kritik beleuchtet. In einer eher lockeren als systematisch zwingenden Gruppierung der Beiträge werden so nacheinander die Themenfelder „Gesellschaftstheorie und Kritik“, „Kritik und Kontingenz“ sowie „Perspektiven der Kritik: Funktionssysteme, Organisationen und Subjekte“ behandelt.

Kritik oder kritische Beobachtung zweiter Ordnung?

Eine zentrale Frage, die sich wie ein roter Faden durch eine Vielzahl der Beiträge hindurchzieht, ist die nach möglichen Formen der Kritik im Anschluss an Luhmanns Systemtheorie. Die theoretischen Schwierigkeiten, die es dabei zu beachten gilt, werden von Scherr in seiner Einleitung sorgfältig herausgearbeitet. So weist er darauf hin, dass Luhmanns Gesellschaftstheorie insofern kein einfacher Kandidat für das Vorhaben einer Politisierung sei, als sie im Hinblick auf Gesellschaftsveränderung „durchgängig als Desillusionierung angelegt“ (25) sei. Die Komplexität der modernen Gesellschaft, so eine der zentralen Thesen Luhmanns, sperre sich gegen praktisch orientierte Versuche, mit theoretischen Mitteln eine emanzipatorische Selbstaufklärung oder reflexive Selbsttransformation moderner Gesellschaften zu initiieren. Der Soziologie als Teil des Subsystems Wissenschaft sei nur eine von vielen Beobachterperspektiven in der Gesellschaft zugänglich, die jedoch keinen privilegierten Erkenntnisstandpunkt markiere. Die konkurrierenden Selbst- und Fremdbeschreibungen der einzelnen Teilsysteme seien vielmehr prinzipiell irreduzibel und begrenzt und ließen sich nicht in einer übergreifenden Perspektive zusammenführen, von der aus sich die Gesellschaft als ganze erkennen lasse. Eine zweite fundamentale Differenz, durch welche sich Luhmanns Position nicht zuletzt von der Tradition kritischer Gesellschaftstheorie Frankfurter Provenienz unterscheide und die es zu beachten gelte, besteht nach Scherr in der Betonung des Primats funktionaler Differenzierung. So liefere Luhmann gute Gründe dafür, bestimmte soziale Phänomene, wie etwa das Auftreten sozialer Ungleichheit, die aus der Perspektive der Kritischen Theorie als Ausdruck illegitimer Herrschafts- und Besitzverhältnisse erscheinen, als Nebenfolgen der rationalen Funktionsbedingungen moderner Gesellschaften zu deuten. Diesen Argumenten, so Scherr, müsse eine sich selbst als kritisch verstehende Gesellschafstheorie Rechnung tragen, wenn sie sich nicht von vornherein dem Vorwurf der Unterkomplexität aussetzen wolle.

Ähnlich wie Scherr argumentiert auch Armin Nassehi, der in seinem Beitrag ebenfalls auf das hohe Reflexionsniveau der Systemtheorie abstellt, für die er „[d]as kritische Potential“ reklamiert, „die Fehlanpassungen von Funktionssystemen […] unmittelbar als eine Form gesellschaftlicher Antinomie beschreiben zu können“ (76). Nassehi gelangt zu dieser Diagnose, indem er interessante Parallelen zwischen den Theorien von Marx und Luhmann herausarbeitet. Beide, so Nassehi, interessierten sich für die „Diagnose der Gleichheit von Gleichheit und Ungleichheit“ (62) – also die Beobachtung, dass politische Gleichheit und ökonomische Ungleichheit gleichzeitig bestehen. Während sich für Marx daraus jedoch die Notwendigkeit einer radikalen Kritik der Vernunftaufklärung und, daran anschließend, die Forderung nach einer Aufhebung der entfremdeten gesellschaftlichen Verhältnisse ergebe, wähle Luhmann eine andere Form der Ideologiekritik, die weniger auf eine Radikalisierung als vielmehr auf eine Abklärung der Aufklärung setze. Anders als Marx rechne Luhmann „eben nicht mit Aufhebung, sondern damit, darüber aufzuklären, wie indirekt, unsichtbar, unkalkulierbar, paradox, wechselwirkend und zustandsdeterminiert komplexe dynamische Systeme reagieren“ (68). Systemtheoretische Kritik bedeute dementsprechend, „Übersetzungskompetenz zwischen den Funktionen zu ermöglichen“ (77) und so die gesellschaftliche Komplexität und deren Kontingenz zu beschreiben, ohne kausale Erreichbarkeiten zu suggerieren.

Während Nassehi das Kritikpotenzial von Luhmanns Aufklärung als Abklärung verstehender Soziologie eruiert, suchen andere Autoren wie Kolja Möller, der für seinen Ansatz den Begriff des „Linksluhmannismus“ reklamiert (186), explizit über die mit diesem Konzept verbundenen Grenzen hinauszugehen. So unternimmt etwa Uwe Schimank den interessanten Versuch, differenzierungstheoretisch einen Primat des Wirtschaftssystems zu begründen. In seiner thesenhaften Rekonstruktion der Herausbildung der funktional differenzierten kapitalistischen Gesellschaft gelangt er dabei zu dem Schluss, dass die Dominanz der Ökonomie eine defizitäre Ausdifferenzierung anderer gesellschaftlicher Teilbereiche bewirkt und so dazu geführt habe, dass die Moderne „aufgrund funktionaler Unverträglichkeit selbst formulierte evaluative und normative Maßstäbe“ verfehle (95). Um die damit einhergehenden Störungen zu vermeiden, braucht es nach Schimank eine Form der wissenschaftlichen Kritik, die ausgleichend zwischen einer dysfunktionalen Ökonomisierung der Gesellschaft und einer zu starken Beschneidung ökonomischer Potenziale zu vermitteln imstande ist. Eine solche Kritik, die er als „double talk“ bezeichnet, müsse das Ziel haben, „die Beweggründe der je anderen Seite nahe zu bringen“ (98) und tragfähige Lösungen zu vermitteln – letztlich also gewissermaßen eine Art soziologische Mediation gesellschaftlicher Konfliktlagen betreiben.

Eine weitere an die Systemtheorie anschließende Variante möglicher Kritik bringt Kolja Möller anhand des Rechts in Stellung. Ähnlich wie Schimank für den Fall des Wirtschaftssystems weist Möller mit Blick auf das Rechtssystem darauf hin, dass es einerseits „seine sozialen Umwelten kolonisieren“ (193), andererseits aber auch durch andere Funktionssysteme instrumentalisiert werden könne. Angesichts dieser doppelten Herausforderung müsse eine systemtheoretische Rechtskritik auf der „Autonomie des Rechts“ (193) bestehen. Normativer Maßstab dafür sei der „Standpunkt eines gerechten Rechts“ (201), der eine Kritik von Gewaltverhältnissen im Namen des Rechts ermögliche. Von entscheidender Bedeutung für die Form der Kritik, die das Recht eröffne, sei das Verhältnis des Rechtssystems zu seinen Umwelten: „Das re-entry der System/Umwelt-Unterscheidung öffnet den Raum für die Reflexion auf die jeweilige spezifische (Nicht-)Identität des Funktionssystems und kann zu Selbstbeschränkungen führen“ (195). Auf diese Weise, so Möller, könne das Recht sich nicht nur von unzulässigen Einflussnahmen anderer Funktionssysteme freihalten, sondern auch seinerseits das Verhältnis zu den eigenen Systemumwelten reflexiv regulieren. Im Anschluss an Überlegungen Theodor W. Adornos zu einer musique informelle bringt Möller hierfür die Idee eines „droit informel“ (205) ins Spiel, dem er die Aufgabe zuweist, ein mimetisches Verhältnis zur sozialen Umwelt zu pflegen und so der ständig drohenden Gefahr einer Erstarrung des Rechts und seiner Verwandlung in ein Herrschaftsinstrument zu begegnen.

Der Gegenstand der Kritik

Eine zweite zentrale Frage, die in dem Sammelband ausführlich verhandelt wird, ist die nach dem Gegenstand einer systemtheoretischen Kritik. Während Möller und Schimank vorrangig auf der Ebene der Funktionssysteme argumentieren, interessieren sich Sven Kette und Veronika Tacke in ihrem Beitrag für die Möglichkeit einer systemtheoretischen Organisationskritik. Den Vorteil einer auf dieser Ebene ansetzenden Kritik sehen sie in dem Umstand, dass „Organisationen […] anders als die Gesellschaft und ihre Funktionssysteme sowie anders auch als Interaktionssysteme, einheitlich ansprechbar“ seien (249). Während es richtig sei, dass zahlreiche Probleme moderner Gesellschaften maßgeblich durch Organisationen verursacht werden, seien diese aber gleichzeitig „auch diejenigen Sozialsysteme, die aus strukturspezifischen Gründen für die Bearbeitung von Folgeproblemen der Differenzierungsform infrage kommen“ (240). In Auseinandersetzung mit aktuellen organisationssoziologischen Ansätzen versuchen sie, die Leistungen Luhmanns für die Analyse von Organisationen herauszuarbeiten. Besonderes Augenmerk legen Kette und Tacke hierbei auf Luhmanns Methode der funktionalen Analyse, die es erlaube, „Problem-/Lösungszusammenhänge“ (248) zu erkennen, und eben damit eine Organisationskritik ermögliche, die neben normativen Idealen auch latente Funktionen und Dysfunktionen sowie nicht intendierte Folgen zu berücksichtigen vermag.

An methodischen Fragen interessiert zeigt sich auch Hanno Pahl, der sich in seinem Beitrag nach Seitenblicken auf die Bedeutung der Wirtschaft für die Gesellschaftstheorie bei Adorno und Luhmann mit der Frage wirtschaftssoziologischer Modellbildung auseinandersetzt. Ausgehend von der systemtheoretischen Sichtweise, der zufolge Märkte eine (Selbst-)Beobachtung der Wirtschaftsakteure ermöglichen und so Ordnungsaufbau gestatten, kritisiert Pahl die ökonomische Modellbildung in gleichgewichtstheoretischen Ansätzen als unzureichend. Als Alternative schlägt er agentenbasierte Simulationen als Methode für die Systemtheorie vor, um Ordnungsbildung beobachten und beschreiben zu können. Die agentenbasierten Simulationen könnten dabei, so Pahl, „als Teilkomponente [in die Systemtheorie; C.K.] integriert werden, um die operativen Dimensionen des Marktes qua Modellierung/Simulation zu (re-)konstruieren“ (229). Damit wäre es der Systemtheorie möglich, ihre Konzeption des Marktes empirisch zu fundieren.

Die Unbestimmtheit der Kritik

Weitere Beiträge des Sammelbandes setzen sich schließlich mit stärker philosophisch-theoretischen Fragen auseinander, beispielsweise mit Luhmanns Kritik am Subjektbegriff (Detlef Horster), dem Verhältnis der Systemtheorie zur Hegelschen Philosophie (Hans-Georg Moeller) oder der (Un-)Ähnlichkeit von negativer Dialektik und Beobachtung zweiter Ordnung (Stefan Müller). An ihnen wird die Stärke des Sammelbandes sichtbar, die darin besteht, disziplinenübergreifend unterschiedliche Zugänge und Perspektiven zur Systemtheorie in einer Publikation zu versammeln und deren Anregungspotential zu entfalten. Ungeachtet der großen Bandbreite der vorgestellten Anschlussmöglichkeiten kommt man jedoch nicht umhin, mit leisem Bedauern die konzeptionelle Beschränkung der Beiträge auf das immanente Kritikpotenzial der Systemtheorie zu konstatieren. Gern hätte man auch den einen oder anderen Text gelesen, der über die Erörterung von Aporien und Anomalien als Ausgangspunkte systemtheoretischer Kritik hinausgeht, um etwa nach möglichen Anknüpfungspunkten zwischen der Systemtheorie und der Kritischen Theorie, dem Marxismus oder anderer Entwürfe praxisorientierter Gesellschaftskritik zu fragen. Kritisch anzumerken ist außerdem, dass die einzelnen Beiträge des Bandes nicht miteinander kommunizieren und etwas unverbunden und beziehungslos nebeneinander stehen. Das ist insofern eine ehrliche Bestandsaufnahme, als auch nach der anregenden Lektüre des Bandes weiterhin unbestimmt bleibt, was Systemtheorie als Kritik nun genau ist und worin der Gegenstand differenzierungstheoretischer Kritik besteht. Aber Unbestimmtheit, so viel sollte man von Luhmann gelernt haben, ist ja keine schlechte Voraussetzung für weitere kommunikative Anschlüsse.

Fußnoten

1 Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung, in: ders. / Friedrich Engels, Werke, hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Band 1, Berlin 1977, S. 378–391, hier S. 385.

2 Niklas Luhmann, Am Ende der kritischen Soziologie, in: Zeitschrift für Soziologie 20 (1991), 2, S. 147–152, hier S. 148.

3 Siehe dazu u.a. Marc Amstutz / Andreas Fischer-Lescarno (Hrsg.), Kritische Systemtheorie. Zur Evolution einer normativen Theorie, Bielefeld 2013; und Alex Demirovic (Hrsg.), Komplexität und Emanzipation. Kritische Gesellschaftstheorie und die Herausforderung der Systemtheorie Niklas Luhmanns, Münster 2001.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Julian Müller.