Die Nacht bleibt im Dunkeln

Rezension zu "Clubkultur. Dimensionen eines urbanen Phänomens" von Steffen Damm und Lukas Drevenstedt

Die sozialwissenschaftliche Clubforschung kann mittlerweile auf eine bemerkenswerte eigene Geschichte mit markanten Perspektivwechseln zurückblicken. Eine erste Phase ist die Dekade vom Ende der 1980er- bis zum Ende der 1990er-Jahre, die sich als „Techno-Soziologie“ beschreiben lässt. Die in jener Zeit entstandenen Studien zu Clubs, eben oft zu Techno-Clubs, erkundeten Räume, Szenen und Praktiken, die dem Großteil der Bevölkerung damals gänzlich unbekannt waren. Dadurch fühlten sich Forschungen wie Forschende oftmals unter Rechtfertigungsdruck, konnten aber zugleich ihr eigenes Tun als innovativ und besonders ausweisen. In dieser Zeit entstanden wichtige Studien und originelle Konzepte, wie Sarah Thorntons Idee vom „subkulturellen Kapital“.[1]

Die zweite Phase, von circa 2000 bis 2010, kann als „Techno-Mainstreaming“ bezeichnet werden. In dieser Zeit entstanden zahlreiche, nun detailliertere Analysen von Clubs und Clubpublikum.[2] Zum einen waren das Fallstudien zu spezifischen Clubs oder Städten,[3] die nun weitere und auch grundlegende soziologische Kategorien aufgriffen und damit die Clubforschung anschlussfähiger machten. Zum anderen entstanden mehr quantitative Untersuchungen, die sich vor allem dem Publikum, dessen Präferenzen, seiner sozialen Herkunft und der kulturellen Praxis des Feierns widmeten.[4] Teilweise war hier schon ein (verfrühter) Abgesang auf die Techno-Kultur der 1990er-Jahre zu hören.

Eine dritte Phase ist nun vor einigen Jahren angebrochen, die sogenannte Nachtforschung. Die zuvor beschriebene Clubforschung der Phasen eins und zwei wird dabei weiterhin betrieben, ist nun aber eingebettet in erweiternde Konzepte und Perspektiven. Clubs und Clubpublikum erscheinen somit als ein (wichtiger) Teil des sozialen Nachtlebens beziehungsweise des „Sozialraums Nacht“, der seinen eigenen Regeln und Abläufen folgt. Auf methodisch vielfältige Weise werden spezifische Akteure und Infrastrukturen, aber auch Diskurse über die Nacht und das Dunkel untersucht.[5] Clubs sind damit als Akteure in eine „Gesellschaft im Dunkeln“ eingebettet.

Die vorliegende Studie – soviel gleich vorweg – nimmt die aus dieser Forschungsgeschichte kommenden Impulse leider nur teilweise auf. Zwar werden etliche theoretische Konzepte beschrieben und diskutiert, gerade der empirische Teil fügt den Ergebnissen bereits bestehender Arbeiten jedoch kaum neue Erkenntnisse hinzu. Ohne ihr Erscheinungsdatum zu kennen, würde man die Analyse zur Clubkultur vermutlich der ersten der beschriebenen Phasen zuordnen: Techno-Soziologie aus den 1990er-Jahren.

Lukas Drevenstedt ist kaufmännischer Geschäftsführer der Berliner Clubcommission, welche die Studie im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung erstellt hat, und Mitglied eines DJ-Kollektivs. Er ist somit selbst Akteur der untersuchten Berliner Clubkultur. Steffen Damm ist Kultur- und Medienwissenschaftler, Autor sowie Journalist. Grundlegend basiert ihr Buch auf einer Veranstalter:innen- und Besucher:innenbefragung, die im Rahmen einer Standortstudie zur Situation der Berliner Clubkulturlandschaft durchgeführt wurde. Die beiden Autoren ergänzen die Befragungsergebnisse für die Publikation mit weiterführenden Überlegungen. Der Text unternimmt damit eine Gratwanderung: Er will einerseits eine sozialwissenschaftliche Analyse der Berliner Clubkultur sein, verfolgt andererseits aber auch einen eigenen kulturpolitischen Zweck, dem zufolge die Relevanz der Clubkultur auf unterschiedlichen Ebenen der Stadtgesellschaft verdeutlicht werden soll. Solche Projekte sind prinzipiell sicherlich möglich und auch legitim. Im vorliegenden Fall sind es nach unserer Einschätzung auch weder die Szenenähe der Autoren noch der Status als Auftragsforschung, sondern vielmehr anderweitige wissenschaftliche Defizite, aufgrund derer der analytische Ertrag um einiges zu kurz kommt.

Kapitel eins umfasst zunächst eine kurze statistische Erfassung der Ausgangslage. Hierbei wird anhand verschiedener Quellen sowohl die Anzahl der Berliner Clubs, die je nach Definition zwischen 501 und 1.256 Lokalitäten schwankt, wie auch deren ebenfalls sehr unterschiedlich bewertetes wirtschaftliches Potenzial beschrieben.

Die augenscheinliche Varianz der Bezugnahmen auf das Thema „Club“ legt die Dringlichkeit der zentralen Fragen des zweiten Kapitels – vielleicht sogar des gesamten Buches – offen. Hier soll beantwortet werden, unter welchen Voraussetzungen von einem Club gesprochen werden kann, es wird also festgelegt, was überhaupt der Untersuchungsgegenstand ist. Charakteristisch für Clubs sind den Autoren zufolge die Basismerkmale Community beziehungsweise Szene und Programm. Hinzu kommen weitere Elemente, wie die Regulation von In- und Exklusion, die Dominanz bestimmter Musikrichtungen, aber auch die Varianz verschiedener Musikstile und die Veranstaltung von Events. Clubs sind somit als komplexe kulturelle Formationen zu fassen, die durch ihre Relationalität, also das spezifische Zusammenwirken unterschiedlicher Faktoren, gekennzeichnet sind. Aufgrund dieser recht weiten Definition, wird offensichtlich, dass Clubs analytisch schwer zu fassen sind, aber dennoch ein eigenständiges kulturelles Phänomen darstellen. Das vorgelegte Verständnis vom Club als Formation dient somit einer ersten Annäherung und wird im weiteren Verlauf der Argumentation präzisiert. Zum Abschluss des zweiten Kapitels versuchen die Autoren zunächst eine Pointierung dieser Gemengelage und halten definitorisch fest: „Ein Club ist ein Ort, der aus dem Kontext einer Szene heraus mit musikalisch ausgerichtetem Programm bespielt wird, und an dem man sich trifft, um in geschütztem Rahmen zu tanzen, Musik zu hören und sich auszutauschen. Der Begriff Clubkultur beschreibt ein Phänomen, bei dem sich Menschen im Rahmen von Veranstaltungen an geschützten Orten zum Tanzen, Musik hören und zum sozialen Austausch treffen.“ (S. 29 f.)

Das dritte Kapitel stellt die historischen Entwicklungslinien der Berliner Clublandschaft ins Zentrum. Aufwendig recherchiert und interessant interpretiert gelingt es den Autoren, Einblicke in unterschiedliche Zusammenhänge des Nachtlebens – in Ost-, West- und dem wiedervereinigten Berlin – zu geben. Das Kapitel entwickelt dabei einen faszinierenden Überblick, der durch zahlreiche sekundäre Bezugnahmen zum Weiterlesen einlädt: von den Armeeflüchtigen über David Bowie und den sogenannten Saufkneipen hin zu Cyberpunk-Outlaw-Anarcho-Phantasien.

Kapitel 4 schließt an die im zweiten Kapitel entwickelte vorläufige Definition an, indem es das Konzept von Clubkultur als kultureller Formation präzisiert. Demnach lassen sich Clubs vor allem anhand von drei Dimensionen identifizieren, über deren Zusammenspiel die je spezifische Clubkultur entsteht: eine ästhetische, eine soziale und eine ökonomische. Dabei könnten sich die Dimensionen durchaus überschneiden und es komme zu einem spezifischen praktischen Handeln beispielsweise von Betreiber:nnen, Unternehmen und Politik, das in der Studie im Anschluss an Terkessidis als Kollaboration bezeichnet wird. Im Fortgang des Kapitels wird nun jede der Dimensionen inhaltlich vorgestellt und in ihren Unterdimensionen detailliert beschrieben. Darauf folgt die Präsentation der empirischen Ergebnisse, deren Datengrundlage die standardisierten Befragung der Clubbetreiber:innen und der Besucher:innen ist. Hier erfährt man, welche Musik in den Clubs gespielt wird (nur 40 Prozent Techno), wer schon einmal an der Tür abgewiesen wurde (circa die Hälfte) und wie viele Clubs Gewinne erwirtschaften (auch circa die Hälfte). Leider erfolgt die Auswertung rein deskriptiv über Grafiken, die nicht weiter diskutiert werden.

Das Fazit macht noch einmal deutlich, dass mit den Ergebnissen der Studie die Clubkultur als eigenständiger Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft ausgewiesen werden soll, anstatt sie der Musikwirtschaft zuzuweisen. Sie stellt eine eigenständige kulturelle Formation dar, die wiederum eine spezifische Förderung legitimiert – hier werden die kulturpolitischen Eigeninteressen der Autoren deutlich. Neben einer erneuten Zusammenfassung der wesentlichen konzeptionellen Aussagen bietet das Schlusskapitel außerdem eine Diskussion einiger empirischer Befunde, die allerdings nur mit einer einzigen Berliner Clubstudie zum wirtschaftlichen Potenzial aus dem Jahr 2007 verglichen werden. Insgesamt ließe sich, so Drevenstedt und Damm, eine „positive Entwicklungsdynamik“ (S. 140) konstatieren, gleichwohl auf vielen Feldern Handlungsbedarf beziehungsweise Schutz dieses spezifischen kulturellen Gutes anzumahnen sei. Die geforderten Aktivitäten, die sich im Wesentlichen an die Politik richten, werden dann kurz skizziert, zugleich plädieren die Autoren aber abschließend dafür, beim clubkulturellen „Mythos […] den Dingen partiell ihren Lauf zu lassen“ (S. 150).

Die Studie bietet insgesamt einen fundierten Einblick in die Entwicklung der Berliner Clubkultur seit den 1960er-Jahren. Die Autoren diskutieren ausführlich die Entstehung und Etablierung verschiedener Clubs im Kontext spezifischer stadtgeschichtlicher Rahmenbedingungen. Diese Ausführungen stellen eine große Stärke des vorliegenden Buches dar, gewinnen die Lesenden so ohne Zweifel neue Erkenntnisse zum Untersuchungsfall Berlin. Zudem ist die Auffächerung der Dimensionen von Clubkultur zu würdigen. Die drei grundlegenden Dimensionen (ästhetisch, sozial und ökonomisch) sind für sich genommen wenig originell und spezifisch, werden dann aber kenntnisreich und angemessen präzisiert und damit ‚gefüllt‘. Uninformierten Leser:innen kann dies verdeutlichen, dass sie es mit einem mehrdimensionalen Phänomen zu tun haben, zugleich kann es Inspiration für weitere und dann fokussierte Forschung zur Clubkultur sein.

Informativ sind auch eine Reihe der präsentierten Daten. Grundsätzlich betonen sie etwa die Vielfalt der Berliner Clublandschaft, die Dominanz eher kleiner Läden und damit zugleich die potenzielle Fragilität der Szene – gerade in pandemischen Zeiten wie diesen. Nur ein Viertel der Clubbesucher:innen würde sich als Stammgäste eines oder mehrerer Clubs bezeichnen; das zeigt, wie lebendig und dynamisch die Szene ist. Bei aller Betonung von Freiheit und Freiräumen (auch durch die Autoren der Studie) ist zudem interessant, dass die Besucherschaft, nach den wichtigsten Aspekten für ein Wohlbefinden im Club befragt, an erster Stelle einen existierenden „Verhaltenskodex/klare Regeln“ nennt (78 Prozent sehr wichtig und eher wichtig), dicht gefolgt von „strenge Türpolitik/professionelle Türleute“ (67 Prozent). Diese Ergebnisse können ein Hinweis auf eigene negative Erfahrungen im Club sein, mindestens signalisieren sie aber den Wunsch nach Regularien und Regulation – auch oder gerade des Nachtlebens.

Den Erträgen der Studie stehen jedoch etliche mangelhafte Punkte gegenüber. Zum einen betrifft die Kritik den Grundcharakter der Studie. Sie versteht sich in erster Linie, und das wird von den Autoren auch nicht versteckt, als Plädoyer für die Berliner Clubs und für deren Anerkennung als eigenständige Akteure, und in zweiter Instanz als analytisch-distanzierte Untersuchung der Clubkultur. Dies ist natürlich völlig legitim, wird jedoch durch den recht großspurigen Titel und auch den Publikationsort nicht sofort deutlich. Wer also etwa eine Arbeit erwartet, die die eigenen Ergebnisse ausführlich in die bisherige Forschung einordnet oder methodisch eigene Akzente setzt, ist hier an der falschen Adresse. Andere Arbeiten zur Clubkultur sind den Verfassern offenkundig zwar bekannt, finden jedoch (aus welchen Gründen auch immer) beim eigenen Vorgehen und in der Diskussion der Ergebnisse kaum Berücksichtigung.

Darüber hinaus ist es schwer, den Aufbau des Buches nachzuvollziehen. In Kapitel 3 wird zwar die enorme Diversität, welche die Berliner Clublandschaft auszeichnet, dargestellt. Deren Entwicklungen werden aber nicht in Verbindung zum immer wieder aufgerufenen Clubkulturmodell (Kapitel 2 und 4) gesetzt. Unklar bleibt auch, warum die aktuelle Clubkultur primär quantitativ beschrieben wird und wieso ebendiese quantitativen Untersuchungsergebnisse kaum Anbindung an die weiterführenden Überlegungen der Autoren finden. Der dadurch entstehende Bruch erschwert den Anschluss an die historisch-soziologische Genese, die einen Hauptteil des Buches ausmacht, und lässt die einzelnen, durchaus interessanten Ergebnisse des Buches schlicht nebeneinander stehen.

Auffällig ist zudem, dass der Clubbegriff einer weiteren theoretischen Schärfung unterzogen werden muss. Charakteristisch für Clubs mögen die Merkmale Community/Szene und Programm sein, auch der Einbezug des Raumbegriffs bietet sich an und ist nachvollziehbar. Keines der aufgerufenen Konzepte wird aber im Anschluss an die sozialwissenschaftliche Forschung der letzten Jahre diskutiert, hier finden sich lediglich Andeutungen. Mitunter bewegt sich die Argumentation von einem vagen Begriff zu den nächsten und entfaltet somit keine Erklärungskraft.

Auch in methodischer Hinsicht ergeben sich aus unserer Sicht etliche Fragen. So wird zwar am Anfang ein beeindruckender Katalog von Erhebungsmethoden aufgemacht, die empirischen Teile vor allem des vierten Kapitels speisen sich aber lediglich aus den statistischen Befragungen von Veranstalter:innen und Besucher:innen. Was etwa mit den geführten Experteninterviews geschah, blieb für uns unklar. Bei den Besucher:innen, die online befragt wurden, werden hauptsächlich die Einschätzungen zur Clubkultur und zu den eigenen Praktiken erhoben; eine sozialstrukturelle Analyse des Publikums selbst wird nur in Konturen erkennbar. Hier ist die fehlende Anbindung an neuere Studien besonders bedauerlich, weil so Vergleiche zu anderen Publikumsbefragungen, die einfach zu bewerkstelligen und sicherlich interessant gewesen wären, ausbleiben. Außerdem ist die Entscheidung problematisch, publikumsbezogene Daten – etwa den Wohnort oder das Alter der Besucher:innen – über die „Einschätzung der Betreiber“ zu erheben, denn es bleibt fraglich, wie gut die Clubbesitzer:innen über ihre Publika Bescheid wissen. Wenn sich dann einmal trotzdem interessante Befunde ergeben, werden diese selten weiter verfolgt. So liegen etwa die Durchschnittsausgaben der Besucher:innen – aus Sicht der Betreiber! – bei circa 11 Euro, aus Sicht der Besucher:innen selbst bei circa 30 Euro. Auch wenn man sich für diese beachtliche Differenz selbst einige mögliche Gründe ausdenken kann oder die Daten keine befriedigende Erklärung hergeben – unkommentiert kann dies nicht einfach stehen gelassen werden.

Die Clubkulturforschung sollte diese Studie also zur Kenntnis nehmen. Gleichwohl aber wäre es aus unserer Sicht ratsam, in methodischer und konzeptioneller Hinsicht die eingangs beschriebenen neueren Pfade weiter zu verfolgen. Also auf in die Nacht!

Fußnoten

[1] Sarah Thornton, Club Cultures. Music, Media and Subcultural Capital, Cambridge 1995.

[2] Tammy L. Anderson, Rave Culture. The Alteration and Decline of a Philadelphia Music Scene, Philadelphia, PA 2009.

[3] Silke Steets, „Wir sind die Stadt!“ Kulturelle Netzwerke und die Konstitution städtischer Räume in Leipzig, Frankfurt am Main / New York 2008.

[4] Gunnar Otte, Körperkapital und Partnersuche in Clubs und Discotheken [10.4.2020], in: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung (2007), 2, S. 169–186.

[5] Michel Massmünster, Im Taumel der Nacht. Urbane Imaginationen, Rhythmen und Erfahrungen, Berlin 2017.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.