Die nächsthöhere Schule

Rezension zu "Hochschulexperimentierplatz Bielefeld. 50 Jahre Fakultät für Soziologie" von Volker Kruse und Torsten Strulik (Hg.)

Um eine Festschrift im klassischen Sinne handelt es sich bei dem vierzig Beiträge versammelnden Band mit dem Titel „Hochschulexperimentierplatz Bielefeld“ sicher nicht. Eher um ein kunterbuntes Florilegium verschiedenster Perspektiven und Erinnerungen inklusive akademischer Selbstbezüglich- und Eitelkeiten. Ein Abschnitt mit Außen- und zwei Kapitel mit Innenansichten der Fakultät für Soziologie werden durch fünfzehn – teils amüsante – Beiträge zur Beschreibung „studentischer Lebenswelten“ ergänzt. Werner Rammert eröffnet den Reigen mit einem „Rückblick von unten, innen und außen“, gefolgt von einem Erfahrungsbericht des Rektors. Uwe Schimank macht sich als Ehemaliger sehr zutreffende Gedanken zur „unterausgenutzten Größe“ der Fakultät für Soziologie, Richard Münch schreibt lesenswert über das Unikat Niklas Luhmann, Ilona Ostner über die Gründungsgeschichte der Frauenforschung. Die nachfolgenden „Innenansichten I“ beginnen mit einem Gespräch mit Franz Xaver Kaufmann, gefolgt von Berichten über das Institut für Weltgesellschaft, den Aufbau einer Graduiertenschule, zur Internationalisierung der Fakultät, über das Zentrum für Deutschland- und Europastudien, über die Forschung und Lehre zur Sozialstruktur, zur Geschlechtersoziologie, zu Luhmanns Zettelkasten und der „Zeitschrift für Soziologie“. Die „Innenansichten II“ versammeln Beiträge zu den professionellen Arbeitsschwerpunkten einzelner Lehrstühle und Abteilungen, zur Sozialanthropologie, zur Lehrerausbildung, zur dualen Methodenausbildung, zu hochschuldidaktischen Konzepten und „Profilbildungsstrategien“, zur Rolle des Mittelbaus und des Prüfungsamtes. Ergänzt werden die Berichte mit Bildern aus der Geschichte der Fakultät und einer umfassenden Chronik in Gestalt von Protokollen der Fakultätskonferenzen. Einblicke in Büros und der Abdruck von Einladungsplakaten zu Studentenfeten werfen die Frage auf, ob die vielen bunten Blumen wirklich, wie es sich für einen Strauß gehört, durch etwas zusammengehalten werden.

Mit der Inhaltsangabe und einigen unverbindlichen Freundlichkeiten könnte eine Rezension sich ja eigentlich begnügen. Aber ich möchte, weil ich zu Beginn der Lektüre ebenso neugierig wie skeptisch war, noch einige Bemerkungen anschließen. Denn als der Hochschulexperimentierplatzbericht vor mir lag, habe ich mich gewundert und auch sehr gelacht. Ich habe von 1976 bis 1979 in Bielefeld studiert und stehe heute kurz vor der Pensionierung. Aber irgendwie drängt sich mir der Eindruck auf, dass ich der Einzige bin, der älter geworden ist. Es spricht ja nichts dagegen, dass man, wenn man noch über Haare verfügt, diese langgewachsen wie eh und je dem Morgenwind aussetzt. Aber kann man immer noch an das glauben, was einem in der Jugend selbstverständlich schien? Kann man ohne jede Spur von kritischer Distanz eine Institutionengeschichte schreiben? Ja, man kann, wenn man nur recht ausführlich von sich selbst, der eigenen Biografie, Karriere und den Netzwerken spricht, für deren Beschreibung zumeist irrtümlicherweise der Begriff Interdisziplinarität verwendet wird. Man kann aber vor allem dann auf jede kritische Distanzierung verzichten, wenn man den Opportunismus nicht bemerkt, der darin besteht, dass man das Geschäft gesellschaftlicher Aufklärung unter Verwendung einer sehr zeitgeistkonformen Nützlichkeits- und Effizienzrhetorik betreibt (wer etwa hätte vor vierzig Jahren geglaubt, dass sich Soziologen für Hochschuldidaktik oder strukturierte Promotionsprogramme erwärmen könnten?).

Der Text des Herausgebers Torsten Strulik bietet hierfür ein geradezu klassisches Beispiel. So fabuliert er sehr selbstbegeistert von dem Bielefelder Lehrangebot, das nicht nur Vielfalt und Tiefe biete (S. 339), sondern, verglichen mit den „Tante Emma-Läden“ (sic!) kleinerer Standorte, einen ganzen „Supermarkt“ an Auswahlmöglichkeiten offeriere. Und auch die neuen „aneignungsorientierten Lehr-Lernarrangements“ (ja wirklich, das steht auf Seite 340) werden von Strulik ausdrücklich gelobt. Die zugehörige soziologische „Diagnose“ lautet dann: Die heutige Massengesellschaft „scheint auf eine Industrialisierung der Lehre in dem Sinne angelegt zu sein, dass Elemente einer industriellen wirtschaftlichen Gütererstellung in zunehmendem Maße auf den (Geschäfts-)Prozess „Lehre“ Anwendung finden“ (S. 347). Es existiert also tatsächlich: das wahre Leben im Falschen. Natürlich nicht nur in Bielefeld.

Auch heute noch geht es in der Soziologie um nicht weniger als alles: die Demokratisierung der Universität im Allgemeinen, die Reform des Studiums im Speziellen, den Abbau von Autoritäten und Hierarchien, Emanzipation und Gleichberechtigung. Dass der sozialwissenschaftliche Anspruch auf die „Steuerung der Gesellschaft“ zusammen mit der Überzeugung, Soziologen seien so etwas wie „Meister des Fortschritts“; bereits in den 70er-Jahren zu Grabe getragen wurde, scheint derweil vergessen. Das „mea culpa“, die selbstkritische Erörterung von eigenen Fehlurteilen, Irrtümern und Naivitäten findet daher nur am Rande statt. Was soll man schon daran ändern können, dass nach der Höheren Schule die Universität zur nächsthöheren Schule geworden ist? Die Fiktionalität des Ortes Bielefeld mutiert zum Ermöglichungsraum eines Experimentierplatzes (nichts muss, alles kann). Das kündet von einem starken Selbstbehauptungswillen bei geringem Selbstbewusstsein. Der Titel der „Festschrift“ klingt daher wie eine Entschuldigung: 50 Jahre Soziologie als Dauerexperiment innerhalb einer Einrichtung, die scheinbar Schwierigkeit hat, sich als Universität zu beschreiben? Kann und soll man die eigene Identitätsschwäche überhaupt feiern? Gibt es ein „tertium comparationis“, einen Vergleichsmaßstab, der das Eigene unter Hinweis auf das, was es eben nicht ist oder nicht sein will, kenntlich macht? Ganz sicher ist jedenfalls, dass das an diesem Ort zu betreibende Geschäft nicht mehr als „geistesaristokratische Angelegenheit“ (Max Weber) verstanden werden soll. Aber, bei aller „Modernität“: ein Rückblick sollte doch mehr bieten als die Mitteilung steigender Absolventenzahlen, eingeworbener Drittmittel oder öffentlichkeitswirksamer „Leuchtturmprojekte“. „All politics is local“ gilt als Devise – im übertragenen Sinne – auch für die Wissenschaft: „Science is just chaps“. Es sind Köpfe, die zählen und es sind deren Werke, auf die stolz zu verweisen wäre, in dem man sie als Ergebnisse eines intellektuellen Abenteuers an einem besonderen, eben intellektuell anregenden, Ort begreift.

Die Festschrift ist zwar ein veritabler Papierklotz, aber nicht unbedingt ein Meilenstein der intellektuellen Selbstreflexion einer Einrichtung, die sich einst als Mekka gesellschaftlicher Selbstvergewisserung im Modus einer Soziologie verstand, die nichts als Soziologie sein wollte. „Ist es jetzt nicht wieder an der Zeit, mit einer neuen Generation von Professorinnen und Professoren, eines diverser durchmischten Mittelbaus und einer an ‚cooler‘ Praxis interessierten und digital versierten Studierendengeneration mit den eingespielten und bequem gewordenen Studienformen zu brechen? Erneut einen Raum für utopisches Denken, alternative Pläne, Lernpioniere, disruptive Lehrmodelle und erprobende Praktiken zu geben?“ (S. 44). Disruptive Lehrmodelle von Lernpionieren: Solche Patentierung heischenden Formulierungen, das steht zu vermuten (oder zu befürchten) sind  Ausdruck der Hochglanzbroschürensprache einer multimedial vernetzten Stabsstelle für Öffentlichkeitsarbeit (vulgo Pressestelle). Die unausgenutzte Größe, die Uwe Schimank anmahnt, hat jedenfalls viele Facetten.

Man umgeht Fragen nicht dadurch, dass man sie nicht mehr stellt. In einer Welt „erschwerter Begrifflichkeit“ sind Fragen wie: „Wer bin ich, wofür brenne ich, was habe ich bisher erlebt, wo stehe ich gerade und was hält die Zukunft für mich bereit?“ für ein Verständnis der Wirklichkeit nicht unbedingt zielführend. „Im Modul ‚Global Governance‘ schloss ich mit einer mündlichen Prüfung zum Thema Entwicklungstheorie am Beispiel von fairem Handel ab, zu der ich sechs verschiedene Tafeln Schokolade als Anschauungsmaterial mitbrachte“ (S. 231). Ein ins Universalistische ausgreifender Partikularismus auf der empirischen Grundlage „kurzer Sehproben“ (Arnold Gehlen), das sollte nicht die Zukunft der Fakultät für Soziologie in Bielefeld sein.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.