Die netten Nationalisten von nebenan

Rezension zu "Le vote FN au village. Trajectoires de ménages populaires du périurbain" von Violaine Girard

Das Buch der Demografin Violaine Girard (Universität Rouen) basiert auf der ethnografischen Studie einer ländlichen Gemeinde am Stadtrand von Lyon. Es zeichnet den sozialen Wandel der letzten Jahrzehnte in den sogenannten populären Milieus nach und liefert so Anhaltspunkte zum Verständnis der dort wachsenden Zustimmung zur rechts-außen Partei Front National (FN, heute Rassemblement National). In der heutigen französischen Soziologie hat die Rede von den milieux populaires Begriffe wie „Arbeiterklasse“ und inzwischen auch „Kleinbürgertum“ weitgehend ersetzt. Bei Girard geht es dabei um die Haushalte, die in einigermaßen gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen leben oder sogar eine leichte ökonomische Aufwärtsmobilität erfahren – daher spricht sie auch von den etablierten populären Milieus. Fast zehn Jahre nach der ersten Erhebungsphase 2003 kehrte Girard im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2012 in die Gemeinde zurück. Ihre Kenntnisse der gesellschaftlichen Realität vor Ort setzte sie dem damals herrschenden Diskurs entgegen, in dem die „bescheidenen Haushalte der Stadtrandgebiete“ für den Stimmenanstieg des FN verantwortlich gemacht wurden. Die Medien propagierten das Bild eines peripheren Frankreichs, dessen Angestellten- und Arbeiterfamilien sich aus den Ballungszentren mit ihren sozialen Problemen in die ruhigen Vororte zurückziehen und den FN wählen würden. Während die Metropolen von der Globalisierung profitierten, so die gängige Analyse, seien die Menschen an den Stadträndern die Globalisierungsverlierer und gerieten zunehmend vom Zentralstaat in Vergessenheit. Im Gegensatz hierzu entwirft Girard in ihrem Buch ein Gesamtbild der populären Milieus, in dem diese sozial gefestigt, in den Arbeitsmarkt integriert und daher wirtschaftlich stabil sind.

Das erste Kapitel zeichnet die Wirtschaftsgeschichte der Gemeinde nach, die seit den 1970er-Jahren über ein florierendes Industriegebiet mit über hundert Betrieben verfügte. Das Einzugsgebiet reichte von den weiter entfernten ländlichen Gebieten bis direkt in das nahe gelegene Ballungszentrum Lyon. Im Laufe der Zeit nahm die Segmentierung der Arbeitswelt zu. Eine integrierte Betriebskultur stellte sich in dem stark heterogenen Arbeitsumfeld nicht ein, die Arbeiter waren wenig in kollektive Mobilisierungsstrukturen eingebunden. Dass in einem attraktiven Industriegebiet der FN eine starke Wählerschaft hat, ließ sich zunächst aus der Transformation der Arbeitsrealitäten – Segmentierung, Prekarisierung durch befristete und Zeitarbeitsverträge, Demobilisierung der Gewerkschaften – verstehen.

Die Arbeitsbiografien im zweiten Kapitel unterstreichen dies: Hier werden keine Zurückgebliebenen portraitiert. Insbesondere die qualifizierten Arbeitskräfte profitierten oftmals von den Umstrukturierungen. Dem stand allerdings die langfristig erfolgte Abwertung technischer Tätigkeiten im Arbeitsprozess entgegen. Mit der Fragmentierung der Arbeitswelt begannen die Arbeiter das Streben nach individuellem Erfolg zu verinnerlichen, eine Entwicklung, die mit den unternehmerischen Diskursen der Rechten harmonierte. Ein parteiloser, aber offensichtlich rechts orientierter Lokalpolitiker, der nicht nur die Anwerbung neuer Betriebe, sondern gleichzeitig das Bauen von kleinen Einfamilienhäusern förderte (Kapitel 3), wird hierfür von der Autorin als Hauptverantwortlicher ausgemacht. Im Laufe seiner Mandatszeit entstand in Übereinkunft mit ansässigen Unternehmen ein ländliches Gebiet, in dem – so das Selbstverständnis – die sozialen Beziehungen befriedet und harmonisch seien, da die Arbeitnehmer Wohneigentum erwerben könnten und dadurch dem militanten Gewerkschaftsmilieu fernblieben.

Das vierte Kapitel widmet sich dem kollektiven Bewusstsein der etablierten populären Milieus: Über die soziale Wertschätzung, die mit der Investition in Wohneigentum und dem Status als Hauseigentümer einhergehe, über Werte wie Fleiß, Stabilität der Ehe sowie sparsames Wirtschaften definierten sie sich als respektabel. Besitz und Normvorstellungen fungierten als Distinktionsmerkmale, um sich von denjenigen abzusetzen, die soziale Hilfen in Anspruch nehmen (müssten) und/oder einen Migrationshintergrund hätten – freilich ohne sich einzugestehen, dass der Zugang zu vergünstigten Krediten für den Hauserwerb ebenfalls eine Form der staatlichen Förderung darstellt. Die beruflich, familiär und wohntechnisch stabilsten Haushalte setzen sich für den guten Ruf ihrer Gemeinde ein, von dem letztendlich auch der Wert ihrer hart erarbeiteten Immobilie abhängt. Aus Erfahrung wüssten die Leute, dass ein hoher Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund das Image eines Wohngebiets verschlechtere und somit die Immobilienpreise senke. Sie wüssten ebenfalls, dass gerade maghrebinische Familien auf dem Immobilienmarkt kaum Chancen hätten – höchstens im Zuge von Zwangsversteigerungen nach einer Trennung. Wie ein Puzzle setzt sich beim Lesen das Bild eines sozialen Milieus zusammen, in dem die politische Zielrichtung des FN auf offene Ohren stößt. Die Vision eines harmonischen Miteinanders wird Girard zufolge durch Freizeitangebote verstärkt, die bis auf die Vereinigung der Veteranen des Algerienkriegs, allesamt durch ihre apolitische Ausrichtung auffallen: Nähclub, Verschönerungsverein, Jagdverein, Aquarianer, Hundedressur, Motorrad- und Kartenclub sowie diverse Sportarten.

Statt einen beruflichen Aufstieg – entweder über höhere Bildungsabschlüsse oder als Angestellte im öffentlichen Dienst – anzustreben, setzten die Haushalte in beiden Erhebungsphasen, auch was die Zukunft ihrer Kinder angeht, auf die Stabilität von Ausbildungsberufen im privaten Sektor (Kapitel 5). Damit einher ging eine ständige Sorge um die Zukunft der Arbeit in der lokalen Industrie, von der die Haushalte nicht zuletzt aufgrund der Rückzahlung ihrer Kredite langfristig abhängig sind. Derart sesshafte Lebenskonzepte stehen den Mobilitätsformen der etablierten gebildeten Mittelklasse diametral gegenüber, weiterhin – so Girards Interpretation – sind die Angehörigen der milieux populaires hier weit entfernt von linken Parteiprogrammen. Sie nehmen sich selbst als soziale Mittelposition wahr, die zwischen den gebildeten Mittelklassen und den sozial Ausgeschlossenen steht.

Die letzten drei Kapitel schließlich wenden sich den Formen der Politisierung zu. Auch wenn sich die Haushalte oftmals skeptisch gegenüber der nationalen Politik zeigten, waren sie nicht automatisch „politikfern“. Mitunter engagierten sie sich selbst in der Lokalpolitik, oder sie pflegten enge Kontakte zum Gemeinderat, in dem der Bürgermeister und sein Stellvertreter 2012 bereits seit 17 Jahren im Amt waren. Diese lokalpolitischen Protagonisten grenzten ihre Arbeit ausdrücklich von abstrakteren nationalen Zielsetzungen ab: Auf Gemeindeebene gehe es darum, konkrete Probleme möglichst effizient zu lösen. Hierfür seien hochtrabende Diskurse wenig hilfreich, so die verbreitete Meinung. In Kapitel sechs wird deutlich, dass diejenigen Mitglieder des Gemeinderats und der Lokalverwaltung, die zu den populären Milieus gehören, eine zentrale Rolle spielten. Sie forcierten und legitimierten die Abgrenzung der respektablen, das heißt weißen, wirtschaftlich stabilen Familien gegenüber „Sozialfällen“ und Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund. So garantierten sie beispielsweise die soziale und geografische Segregation, indem der gemäß nationalen Richtlinien erforderliche soziale Wohnungsbau nicht an einen privaten Investor vergeben, sondern von der Gemeinde selbst umgesetzt wurde. Dadurch konnten die jeweiligen Wohnungen gezielt an altansässige Gemeindemitglieder vergeben werden. Der FN stützt diese rechtswidrigen institutionellen Praktiken mit seiner Rhetorik von der „nationalen Priorität“, die unter anderem deshalb in den populären Milieus immer mehr Zustimmung findet.

Wider die gängige Erwartung und Meinung spielten Themen wie Sicherheit oder Migration in den Gesprächen mit den Haushalten dennoch kaum eine Rolle. Dagegen erwies sich der Wandel in der Arbeitswelt als zentral für die politische Orientierung: Die Auslagerung an Zuliefererbetriebe, ein konkurrenzbasiertes Betriebsklima (etwa aufgrund individueller Qualitätsindikatoren) und der Einflussverlust gewerkschaftlicher Strukturen verstärkten das Gefühl politischer Ohnmacht. Nicht zuletzt das Misstrauen gegenüber den gesellschaftspolitischen Eliten förderte die Zustimmung zum Wahlprogramm des FN. Das letzte Kapitel zeichnet die politischen Karrieren zweier parteiloser Gemeinderatsmitglieder nach und zeigt, dass und wie sie zu FN-Unterstützern avancierten.

Indem Girards Studie tief in die Arbeits- und Lebenswelt der Menschen im Stadtrandgebiet, in ihr Wohnumfeld und ihre Freizeitgestaltung eintaucht und sie in ihrem Alltag begleitet, ermöglicht sie eine Einbettung weit rechter politischer Haltungen in konkrete Existenzbedingungen. Das Buch gliedert sich so in laufende Debatten in der französischen politischen Soziologie ein. Derartige qualitative, ethnografische Forschungen tragen oft mehr als eine quantitative Wahlanalyse zum Verständnis dafür bei, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen aus konkreten Anliegen heraus empfänglich für die Programme von rechts-außen Parteien sind. Die deutschsprachige Soziologie sollte diese Arbeiten nicht nur vermehrt zur Kenntnis nehmen, sondern solcherart angelegte Forschungsprojekte auch vermehrt selbst durchführen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.