Die Responsivität der Wissenschaft

Ein Band über wissenschaftliches Handeln in Zeiten neuer Wissenschaftspolitik

Was ist Responsivität?

Wissenschaft steht mit anderen gesellschaftlichen Bereichen wie Politik, Medien, Wirtschaft oder Recht im kontinuierlichen Austausch. Diese Aussage ist nahezu unumstritten und gehört zum Kern vieler soziologischer Zeitdiagnosen. Zudem beschreibt sie kein Strukturmerkmal ausschließlich moderner Gesellschaften, denn die Verbindung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft wird schon seit deren Ausdifferenzierung in der Antike, oftmals unter dem Aspekt der Nützlichkeit,1 beobachtet. In den letzten Jahren wird das Verhältnis der Wissenschaft zu ihrer gesellschaftlichen Umwelt unter verschiedenen Gesichtspunkten diskutiert. Mit Schlagwörtern wie academic capitalism, Ökonomisierung oder (materialer) Vergesellschaftung der Wissenschaft wird das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Wirtschaft beleuchtet und insbesondere aus kapitalismuskritischer Perspektive hinterfragt. Desweiteren formuliert die Gesellschaft insgesamt bzw. die (Wissenschafts-)Politik im Speziellen Ansprüche an die Wissenschaft. Von ihr wird etwa erwartet, gesellschaftliche Problemlagen (Klimawandel, demografischer Wandel) zu bearbeiten sowie Lösungen anzubieten, die wiederum gesellschaftlichen Wert- und Zielvorstellungen entsprechen.

Hildegard Matthies, Dagmar Simon und Marc Torka empfinden diese makrosoziologischen Zeitdiagnosen2 als zu „eindimensional“ (8) und gehen stattdessen von einem offenen Interaktionsverhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft aus. Entsprechend untersuchen die Autor_innen des von ihnen herausgegebenen Bandes, in welcher Form die Wissenschaft mit ihrer gesellschaftlichen Umwelt kommuniziert, und verzichten dabei auf theoretische oder normative Vorannahmen über die Wesensart dieses Verhältnisses. Eine durch die Empirie zu beantwortende Frage lautet dabei, wie Grenzen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft reproduziert, verschoben oder aufgelöst werden. Um diesen Prozess theoretisch zu fassen, benutzen sie den im Gegensatz zu anderen Disziplinen (219–225) in der Soziologie (noch) nicht systematisch verwendeten Begriff der Responsivität.3 In der hier relevanten mikrosoziologischen Bedeutung verweist Responsivität darauf, dass Akteur_innen in ihrem Handeln und Kommunizieren immer mit externen (heterogenen) Erwartungen konfrontiert sind. Mithilfe des im Band gewählten empirischen Zugangs zur Handlungs- bzw. Akteursebene durch die jeweiligen Rollenmodelle, Motivkonstellationen und Selbstkonzepte soll ergründet werden, inwiefern wissenschaftliches oder wissenschaftspolitisches Handeln auf neue, extern erzeugte und wissenschaftsfremde Mittel zurückgreift oder im Sinne Max Webers gar zu „Spannungen“4 führt. Die Autoren wollen so die Bedingungen des institutionellen Wandels der Wissenschaft aus der Perspektive von deren Produzenten erforschen.

Responsivität, so Marc Torka im methodologischen ersten Kapitel, meint das Antworten der Wissenschaftler_innen auf „explizite, implizite, faktisch geäußerte oder auch nur imaginierte Ansprüche, Anfragen oder Anforderungen Anderer“ (18). Diese eher formale Definition ist an die phänomenologische Philosophie Bernhard Waldenfels‘5 angelehnt und deutlich weiter gefasst als etwa Ansätze systemtheoretischen Ursprungs. Sie beinhaltet auch Handlungssituationen, die nur unzureichend durch Erwartungen, Routinen oder Rollenmuster strukturiert sind. Zudem werden die mit Letzteren zusammenhängenden Ansprüche der Akteur_innen an die wissenschaftliche Arbeit sowie an die innerwissenschaftlichen Entwicklungen mit einbezogen. Der Vorteil der Begriffswahl liegt darin, dass sie der letztlich durch die Empirie zu beantwortenden Frage, wie und in welcher Form in den offenen Interaktions- bzw. Handlungssituationen eine Strukturlogik der Wissenschaft zur Geltung kommt (oder eben nicht), nicht vorgreift. Damit ist die für den Sammelband gewählte „empirisch offene“ (37) Definition von Responsivität frei von normativen Vorgaben. David Kaldewey hebt das in seinem abschließenden, die einzelnen Beiträge kommentierenden Resümee positiv hervor und schlägt vor, die normative und responsive Struktur der Wissenschaft in weitergehenden Forschungen auszuarbeiten. (230)

Zur Einführung der im Band versammelten und am Paradigma der institutionalistischen Wissenschaftssoziologie6 orientierten Fallstudien unterscheidet Torka drei analytisch unterscheidbare Antwortmuster, die er als Responsivitätstypen begreift.7 Das außerhalb der Wissenschaft Liegende kann laut Torka erstens ignoriert, ausgegrenzt oder so umgedeutet werden, dass eine operative Trennung zwischen Wissenschaft und Umwelt aufrechterhalten wird – dadurch bleiben eigene Handlungsorientierungen bewahrt. Zweitens können wissenschaftsfremde mit wissenschaftsinternen Handlungsmustern kombiniert und so verbunden werden, dass sich die Rollenerwartungen an den Wissenschaftler durch eine grundsätzliche Hybridität8 und die Verknüpfung der genannten Mehrfachbezüge auszeichnen. Oder wissenschaftsfremde Strukturlogiken werden drittens in die Wissenschaft übernommen, ersetzen somit bestehende Handlungsorientierungen und werden als Neuausrichtung an gesellschaftlichen Relevanzen angesehen.

Fallstudien zwischen Wissenschaft und Politik

Vier Forschungsprojekte zum Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Wissenschaftspolitik sollen nun die genannten Responsivitätsstrategien veranschaulichen. Thematisiert werden verschiedene institutionelle Bewertungsverfahren von Wissenschaft (Silke Gülker), die ökonomisch-industrielle Verwertung wissenschaftlicher Erkenntnisse (Alexander Wentland und Andreas Knie), Entscheidungsspielräume der Hochschulleitungen bei der Profilbildung von Hochschulen (Tim Flink und Dagmar Simon) sowie die beruflichen Selbstverständnisse und Karrierekonzeptionen von Wissenschaftler_innen (Hildegard Matthies).

Silke Gülker hat ihrer empirischen Arbeit das von Torka aufgestellte Analysekonzept der Responsivitätstypen sowie die den Band allgemein prägende Rollentheorie zugrunde gelegt. So beschreibt Gülker in ihrer Studie zu institutionellen Bewertungsverfahren von Wissenschaft den Typus der „Organisationsberaterin“ (81–83), den sie auf den zweiten Responsivitätstyp der Hybridisierung bezieht, da Personen in dieser Rolle ständig die Normen guter Wissenschaft mit effektivem Organisationsmanagement vereinbaren müssten. Mit den in ihrem Beitrag definierten Rollentypen erweitert Gülker die gängigen Theorien. Neben die vielfältigen, im Bewusstsein der Akteur_innen schon vorhandenen Rollenverständnisse würden vielfältige Erwartungen an „den“ Wissenschaftler aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft treten. Der Modus des Antwortens ergebe sich dann aus dem Zusammenspiel dieser Selbst- und Fremdbeschreibungen, sodass Gülker Rollenmodelle, wie Kaldewey in seinem Kommentar festhält, als Responsivitätstypen charakterisiert. (214) Die Responsivitätstypen würden überhaupt erst durch die offene, nicht umfassend vorstrukturierte und von Konflikten geprägte Handlungssituation konstituiert, weshalb gesellschaftliche Differenzierung und Rollendifferenzierung nicht vorschnell gleichgesetzt werden sollten. (213) Normative Bewertungen, wie sie beispielsweise das rollentheoretische Konzept Pierre Bourdieus prägen, würden durch den Responsivitätsbegriff vermieden.

Ein potenzieller Rollenkonflikt wird auch im Fall des „Grenzmanagers“ (162–169) im Beitrag von Alexander Wentland und Andreas Knie deutlich, auch wenn die drei Typen nicht vollumfassend in das Analyseschema einzuordnen sind. Das an dieser Stelle zu starr wirkende Schema der Herausgeber_innen (49) hätten die Autoren für ihr Fallbeispiel durchaus erweitern können. Trotzdem gelingt es ihnen, widerstreitende Anforderungen im offenen und heterogenen Handlungsfeld des „Verwertungsraums“ (133) von Wissenschaft sowie das individuelle Antwortverhalten der Akteure dazulegen und mit zahlreichen Beispielen aus Natur- wie Geisteswissenschaften zu veranschaulichen. Besonders in theoretischer Hinsicht sind die Schlussfolgerungen von Wentland und Knie interessant: Ihre Befunde implizieren, dass sich gängige Makrodiagnosen wie die des „akademischen Kapitalismus“9 weder makro- noch mikrosoziologisch belegen lassen. Weder können die Autoren eine Auflösung bestehender Strukturen im wissenschaftlichen Feld durch die Ökonomie erkennen, noch lässt sich eine Makrodiagnose bezüglich eines vorherrschenden und allein wirkmächtigen handlungsleitenden Motivs stellen. Vielmehr müssten Akteure auf diverse unterschiedliche Rationalitäten kreativ und flexibel antworten. Somit kann hier von einer „Subjektivierung des Heteronomen“10 gesprochen werden, sodass Konflikte auf der Ebene des Individuums zu bewältigen sind. Mikrosoziologisch ist ein solcher Prozess konfliktbehaftet, und makrosoziologisch ist eine Überlagerung des „Codes“ der Wahrheit durch den „Nebencode“11 der Reputation zu beobachten.

Tim Flink und Dagmar Simon haben die Entscheidungsspielräume von Hochschulleitungen für die Profilbildung von Hochschulen untersucht. Die drei von ihnen herausgearbeiteten Responsivitätstypen orientieren sich auch noch in verschärft komplexen Handlungssituationen primär an der wissenschaftsinternen Reputationsordnung. Der „Traditionalist“ und der „Gestalter“ seien sich darin einig, dass die Kernaufgabe der Universität in Forschung und Lehre bestehe, während sich der dritte Typ des „Machers“ eher als Manager eines Wirtschaftsunternehmens betrachte. Letzterer setze wissenschaftspolitische Forderungen nach einer innovationsorientierten Universität in unternehmerisches Handeln um, wobei er auch Konflikte mit der Professorenschaft, dem Kernpersonal der Wissenschaft, in Kauf nehme. Ungeachtet unterschiedlicher Handlungsorientierungen der drei Responsivitätstypen kommen Flink und Simon jedoch auf organisationaler Ebene zu dem Ergebnis, dass die Bildung interdisziplinärer Forschungseinheiten, die von der Wissenschaftspolitik seit Jahren gefordert wird, eine gängige Praxis geworden sei. Gleichwohl lasse sich mitnichten von einem umfassenden Wandel universitärer Strukturbedingungen sprechen. Externe Anforderungen würden zwar aufgegriffen, nicht aber als Kernaufgaben angesehen.

Die in diesem Band bevorzugte formale Definition von Responsivität muss nach Kaldewey um die materiale Dimension ergänzt werden. Das bedeutet, dass nicht nur das formale Antwortverhalten (Bewahrung, Hybridisierung, Neuausrichtung), sondern materiale Aspekte wie die Problemwahl, die Formulierung von (wissenschaftspolitischen) Forschungsagenden oder die konkreten Inhalte des wissenschaftlichen Wissens analysiert werden müssten. Der Beitrag von Hildegard Matthies, der das Problemfeld wissenschaftlicher Karrieren in den Blick nimmt, bietet dafür zahlreiche Anschlüsse. Zunächst hält Matthies fest, in den untersuchten Lebensläufen seien durchaus Strategien des Anpassens zu erkennen. Gerade junge Wissenschaftler seien karriereorientiert und würden dazu neigen, sich auf den „von der Sache abgelösten“ (185) individuellen Erfolg zu konzentrieren, sodass Wissenschaft nicht mehr im Sinne Max Webers „um ihrer selbst willen“12 betrieben werde. Andererseits kann Matthies in ebenso großem Umfang auch Responsivitätsformen des Ignorierens, Selektierens oder gar der Verweigerung nachweisen. An dieser Stelle ergibt sich ein Anknüpfungspunkt zur materialen Responsivität. Die Frage wäre dann, wie die verschiedenen formalen Responsivitätstypen der Karrieremuster mit den materialen konkreten gesellschaftlichen Ansprüchen und deren wissenschaftsinterner Verarbeitung korrelieren.

Theoretische Schlussfolgerungen

Diese Herausforderung wird, ebenso wie die einer differenzierteren begrifflichen Abgrenzung der Responsivität von Reaktion, Resonanz, Responsibilität, struktureller Kopplung und Interpenetration für weitere Forschungen relevant sein. David Kaldeweys Vorschlag, zugunsten einer Präzisierung mit Niklas Luhmann13 Autonomie als Gegenbegriff einzuführen (226–230), ist ein erster Schritt in diese Richtung.

Für anschließende empirische Forschungsarbeit sowie für eine gesellschaftstheoretische Ausweitung der Responsivitätsthematik bietet der vorliegende Band eine überaus solide Grundlage. Dies erscheint besonders relevant, da sich die moderne Gesellschaft gerade durch die zunehmende Durchlässigkeit zwischen vormals geschlossenen Systemen auszeichnet. Allerdings – so der Tenor der Beiträge – wäre es falsch, vorschnell von einer Veränderung der teilsystemischen Strukturlogiken oder gar einer „Intrusion“14 anderer gesellschaftlicher Teilbereiche in die Wissenschaft zu sprechen. Das rein auf empirisch-explorativen Untersuchungen basierende, weitestgehend ohne normative Leitideen auskommende Konzept dieses Bandes sowie die daraus resultierenden Befunde sind daher ohne Zweifel empfehlenswert.

Fußnoten

1 Vgl. David Kaldewey, Wahrheit und Nützlichkeit. Selbstbeschreibungen der Wissenschaft zwischen Autonomie und gesellschaftlicher Relevanz, Bielefeld 2013.

2 Vgl. Sheila Slaughter / Gary Rhoades, Academic Capitalism and the New Economy. Markets, State, and Higher Education, Baltimore 2004; Peter Weingart, Die Stunde der Wahrheit? Zum Verhältnis der Wissenschaft in Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft, Weilerswist 2001.

3 Vgl. dazu auch Christian Heuser, Responsivität in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, Workshop des Forums Internationale Wissenschaft (FIW), 17.– 19. September 2015, Universität Bonn, in: Soziopolis, 22. März 2016.

4 Max Weber, Zwischenbetrachtungen. Theorie der Stufen und Richtungen religiöser Weltablehnung, in: ders., Gesammelte Aufsätze der Religionssoziologie I, Tübingen 1988, S. 541–542. Für Weber konstituieren sich die Spannungen zwischen inneren autonomen Eigenwerten der Wertsphären und den heteronomen Einflüssen der Außenwelt, sodass jede Wertsphäre eine eigene Rationalität aufweist.

5 Vgl. ausführlich: Bernhard Waldenfels, Symbolik, Kreativität und Responsivität. Grundzüge einer Phänomenologie des Handelns, in: Jürgen Straub / Hans Webrik, Handlungstheorie. Begriff und Erklärung des Handelns im interdisziplinären Diskurs, Frankfurt am Main / New York 1999, S. 243–260.

6 Vgl. Uwe Schimank, Für eine Erneuerung der institutionalistischen Wissenschaftssoziologie, in: Zeitschrift für Soziologie 24 (1995), 1, S. 42–57.

7 Die Herausgeber_innen räumen ein, dass noch weitere Typen unterschieden werden könnten. (43, Fußnote 8).

8 Diese Überlegung des zweiten Responsivitätstypen knüpfen an die Überlegungen zu „hybriden Netzwerken“ an. Vgl. Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Berlin 1995.

9 Richard Münch, Akademischer Kapitalismus. Über die politische Ökonomie der Hochschulreform, Frankfurt am Main 2011.

10 Ivonne Küsters, Die Produktion von Autonomie durch Subjektivierung des Heteronomen. Organisationen und Management autonomer Kunst, in: Martina Franzen / Alena Jung / David Kaldewey / Jasper Korte (Hrsg.), Autonomie revisited. Beiträge zu einem umstrittenen Grundbegriff in Wissenschaft, Kunst und Politik. 2. Sonderband der Zeitschrift für Theoretische Soziologie, Weinheim 2014, S. 211–235, hier S. 227.

11 Ähnlich, aber systemtheoretisch motiviert, hat auch Uwe Schimank von diesem Prozess gesprochen. Vgl. Uwe Schimank, Reputation statt Wahrheit. Verdrängt der Nebencode den Code?, in: Soziale Systeme 16 (2010), 2, S. 233–242.

12 Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hrsg. von Johannes Winckelmann, Tübingen 1988, S. 592 und 598.

13 Vgl. Niklas Luhmann, Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1990, S. 124.

14 Pierre Bourdieu, Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion, Konstanz 1998, S. 112–120.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.