Die Revolution als Wille und Vorstellung

Rezension zu „Das Imaginäre und die Revolution. Tunesien in revolutionären Zeiten“ von Nabila Abbas

Die These, die arabische Welt sei demokratieunfähig, hielt sich lange Zeit relativ unangefochten. Doch im Zusammenhang mit den Ende 2010 beginnenden revolutionären Prozessen in Tunesien und den sich daran anschließenden politischen Entwicklungen, die auch auf einige Staaten des Nahen Ostens ausstrahlten, wurde ihre Kernaussage ernsthaft angegriffen. Zum Verständnis dieser Ereignisse wurde eine Fülle verschiedener Erklärungsansätze mobilisiert, meist handelte es sich dabei um generalisierte Theorien. Doch bei deren Anwendung auf einen Einzelfall besteht immer die Gefahr, wesentliche Aspekte nicht gebührend zu thematisieren oder gar zu unterschlagen. Um diesen Fehler zu vermeiden und den Ausbruch der Revolution in Tunesien adäquat erklären zu können, entscheidet sich Nabila Abbas in ihrem Buch „Das Imaginäre und die Revolution", von der Empirie, das heißt von den vorgefundenen politischen Ideen und Vorstellungen der beteiligten Akteur*innen auszugehen. Mit diesem Vorgehen versucht sie, ein Verständnis für die komplexen Prozesse des Falls zu vermitteln.

Ihr Buch besteht aus zwei Teilen, wobei der erste sich theoretischen Begrifflichkeiten und der Kontextualisierung des tunesischen Falls zuwendet, der zweite der empirischen Analyse. Leitend ist dabei die Hypothese, die Diskrepanz zwischen den zur Legitimierung der tunesischen Diktaturen angewandten Staatsnarrativen einerseits und dem sogenannten „Imaginären“ der Protestierenden andererseits habe zum Ausbruch der Revolution geführt. Bei dem „Imaginären“ handelt es sich Abbas zufolge um „kollektive politische Vorstellungen, soziale Repräsentation und gesellschaftliche Bedeutungen als Ausdruck politischer Praxis“ (S. 13). Im Kern des differenzierten und angenehm zu lesenden Buches steht demnach die Frage, inwieweit die Vorstellungen der Akteur*innen auf der Straße den Ausbruch der Proteste verursachten, welche Ideen den größten Einfluss ausübten und welche Folgen sie hatten.

 

Revolution und „Imaginäres“

Zur Überprüfung ihrer These führte Abbas semi-direktive Leitfadeninterviews mit Teilnehmer*innen der „Revolution der Würde und Freiheit“, das heißt mit Tunesier*innen in klarer Opposition zum Ben-Ali-Regime – von linken Aktivist*innen und Feminist*innen bis zu Islamist*innen.[1] An ihre Auswertung macht sich die Autorin laut eigenen Angaben mit den Mitteln der Grounded Theory, wobei sie nicht induktiv – wie von der Methode gefordert –, sondern abduktiv vorgeht. Sie versucht somit, deduktiv gewonnene Thesen induktiv zu überprüfen, wobei sie ihre Hypothesen allerdings nicht in allen Fällen nochmals explizit nennt; vielmehr müssen sie von den Leser*innen aus dem Kontext heraus erschlossen werden. Auch ihr Begriff des „Imaginären“ wird letztlich nicht operationalisiert, sondern bleibt implizit und damit nur schwach konturiert.

Das mag daran liegen, dass Abbas ihre Methodenreflexion und somit Fragen des Zugriffs auf die Empirie vor die Erörterung ihres theoretischen Begriffsapparats stellt – ein an sich überraschendes, weil ungewöhnliches Vorgehen. Dennoch liefert die Autorin im zweiten Kapitel sodann differenzierte theoretische Überlegungen zu den für sie zentralen Begriffen der „Revolution“ und des „Imaginären“. Erstere begreift sie als langwierigen ergebnisoffenen Prozess, der tiefgreifende Veränderungen in der Gesellschaft und deren Vorstellungswelt nach sich zieht. Damit wendet sie sich gegen allzu enge Konzeptionen, die Revolution häufig auf Protest und Regimewechsel reduzieren. Ihren Begriff des „Imaginären“ entlehnt sie Cornelius Castoriadis. Dieser hatte das „Imaginäre“ wiederum aus seiner Kritik an orthodox-materialistischen Positionen entwickelt, um die Rolle der Vorstellungskraft in politischen und sozialen Prozessen zu unterstreichen.[2]

Daran anschließend handelt es sich auch für Abbas bei dem Imaginären um gesellschaftlich geteilte Vorstellungen. Sie geht jedoch über Castoriadis hinaus und unterscheidet verschiedene Dimensionen des Imaginären. Diese Differenzierung erlaubt es ihr, einzelne Aspekte zu isolieren und gleichzeitig die – vor allem im Zuge von Revolutionen sichtbare – Pluralität verschiedener gesellschaftlicher Imaginärer anzunehmen. Damit liefert die Autorin auch die Begründung dafür, sich auf die Akteur*innen des Revolutionsprozesses, also lediglich einen Ausschnitt der tunesischen Gesellschaft, und deren jeweiligen Imaginäre zu beschränken.

Das Ausbleiben einer Operationalisierung führt dazu, dass dem Begriff „Imaginäres“ eine Vielzahl unterschiedlicher Bedeutungen anhaftet. Das ermöglicht einerseits, ihn auf die verschiedensten Kontexte anzuwenden. Andererseits führt es hin und wieder zu theoretischen Unklarheiten, etwa wenn nicht ersichtlich wird, ob die zitierten Interviewpassagen als Beispiele für kollektive Vorstellungen oder solche von Einzelpersonen beziehungsweise Subgruppen angeführt werden. Des Weiteren bleibt offen, ob die diversen (sub-)gesellschaftlichen Imaginäre so etwas wie leere Signifikanten sind, die durch Einzelpersonen und Gruppen mit jeweils unterschiedlichen Bedeutungen versehen werden können oder ob sie bereits einen gewissen Inhalt haben. Einige zusammenfassende Zeilen wären zum leichteren Verständnis der detailreichen Analyse hilfreich gewesen.

In diesem Mangel mag auch der Grund liegen, aus dem die Autorin nicht ausführlicher auf ihr methodisches Vorgehen, beispielsweise die mögliche Codierung gemäß der Grounded Theory, eingeht. Dadurch wird die Nachvollziehbarkeit ihrer Argumentation stellenweise erschwert, was den Wert ihrer empirischen Arbeit jedoch keineswegs schmälert. Auch ihre Erklärungen bleiben plausibel und für Leser*innen – bei gewisser Kenntnis des tunesischen Falles – nachvollziehbar.

 

Revolution und scheiternde „Staatsnarrative“

Rainer Forsts Idee der Rechtfertigungsnarrative als Instrumente zur Legitimierung von Herrschaft dient Abbas als Ausgangspunkt, um das Konzept der „Staatsnarrative“ zu erläutern. Durch deren ausführliche Erläuterung in Kapitel 3 leistet sie eine ausgezeichnete Kontextualisierung des tunesischen Falls, dem sich ihre ausführliche Untersuchung im zweiten Teil des Buches anschließt. Das darin befindliche Kapitel 4 befasst sich eingehend mit der Frage nach dem Zeitpunkt der Entstehung der Imaginäre.

Die Antworten darauf sind durchaus aufschlussreich, da die interviewten Personen entgegen Abbas‘ Ausgangshypothese zum Großteil angeben, zu Beginn der Proteste noch keine genauen Vorstellungen über eine zukünftig zu errichtende Ordnung gehabt zu haben. Vielmehr entwickelten sich entsprechende Erwartungen offenbar erst im Laufe des Revolutionsprozesses. Auslöser der Proteste waren nach Abbas’ Deutung die „sozialkritisch“ zu klassifizierenden Imaginäre und somit eine Kritik an den nicht erfüllten Behauptungen der staatlichen Legitimierungsnarrative. So konnten vor allem die Interviewten aus den armen Gebieten Zentraltunesiens keinen ökonomischen Wohlstand verspüren, was das staatliche Narrativ eines vermeintlichen Wirtschaftswunders Lügen strafte. Auch die von Seiten des Regimes proklamierte Demokratisierung unter Ben Ali war in den Augen der Interviewten Makulatur, da man durch die ausgebauten Repressionsorgane der Geheimdienste und Polizei vielmehr eine Willkürherrschaft sowie ein Klima der Angst und des Misstrauens erlebte. Erst als nach der öffentlichen Selbstverbrennung des jungen Arbeitslosen Mohamed Bouazizi in Sidi Bouzid diese Angst vollends in Wut und Empörung gegenüber dem Regime umschlug, konnten in Tunesien die Akteur*innen der Revolution durch die neu geschaffenen Freiräume sogenannte konstruktive Imaginäre über eine zu etablierende politische Ordnung entwickeln. Zentrale Mechanismen hierzu waren die Nutzung des Internets als Diskussionsraum und diverse Auflösungserscheinungen des Regimes ab 2008.

Um die Entstehung der konstruktiven Imaginäre, die sie in den nachfolgenden Kapiteln ihres Buches umfangreich nachzeichnet, zu verstehen, greift Abbas auf Reinhart Kosellecks Konzepte des „Erwartungshorizonts“ und des „Erfahrungsraums“ zurück. Die konstruktiven Imaginäre, so schließt die Autorin aus ihrem Material, haben die Revolution nicht ausgelöst, „sondern der revolutionäre Prozess [hat] verschiedenste Imaginäre entfesselt, die zuvor lediglich in unklaren Umrissen vorherrschten“ (S. 182). Während die Akteur*innen sich zu Anfang der Proteste also noch gar keine Ablösung des Regimes vorstellen konnten, wurde das Denken von Alternativen unvermittelt möglich, als das Ende des Regimes in greifbare Nähe rückte. So lässt sich auch der Wandel in den Forderungen der Protestierenden verstehen, die anfangs nur eine Verbesserung ihrer ökonomischen Lage verlangten, anschließend auch Freiheit und Demokratie sowie schlussendlich sogar einen Regimewechsel forderten. Die emotionale Komponente der Imaginäre, das wird in diesem Abschnitt deutlich, stellt für Revolutionen einen zentralen, aber schwer zu operationalisierenden Aspekt dar.

 

Imaginierte Alternativen

In den nachfolgenden Kapiteln gleicht die Autorin die Imaginäre der Revolutionär*innen in den Dimensionen Revolution (Kapitel 5), Demokratie (Kapitel 6) und Feminismus (Kapitel 7) mit den jeweiligen Staatsnarrativen ab. In Kapitel 5 kann sie zeigen, dass die meisten Akteur*innen die Revolution als ergebnisoffenen, langfristigen Prozess erlebten, was ihrer Konzeption aus dem theoretischen Teil entspricht. Daraus ergeben sich wertvolle weitere Beobachtungen. Vor allem linke Aktivist*innen entwickelten durch die Verschränkung der Vorstellung von Revolution als Bewegung von unten und ohne Führungspersonen (von der Autorin „leader-lose Revolution“ genannt) mit den Demokratievorstellungen das Imaginäre der „partizipativen Demokratie“ beziehungsweise der demokratischen Selbstverwaltung (Kapitel 6). Im Namen dieser Vorstellung formulieren sie Kritik am Vorbild der liberalen europäischen Demokratie. In ihren Augen weist dieses Modell Defizite auf, die durch eine andere Form der Organisation mit mehr Teilhabe zu beheben sei. Darüber hinaus versprechen sich die Aktivist*innen von einer „partizipativen Demokratie“, die tunesische Gesellschaft den Maßgaben internationaler Institutionen wie etwa des IWFs oder der Weltbank zu entziehen. Diesem Politikmodell stehen insbesondere die Islamist*innen ablehnend gegenüber, denn Letztere orientieren sich weiterhin stärker am europäischen Modell.

Besonders eindrucksvoll ist das 7. Kapitel mit seinen Schilderungen zum Staatsfeminismus, der stets ambivalent war und im Zuge der Revolution eine Umdeutung erfahren hat. So hatten Feminist*innen unter Ben Ali ein ambivalentes Verhältnis zum Staatsfeminismus, da einerseits reklamiert wurde, die „Befreiung der Frau“ und ihre Gleichstellung sei ohne Demokratie und Rechtsstaat nicht zu verwirklichen – denn nur in ihnen könnten niedergeschriebene Rechte ihre Wirkung entfalten. Außerdem sei eine selbstständige, unabhängig vom Staat stattfindende Mobilisierung der Frauen notwendig – etwas, das unter Ben Ali größtenteils verhindert wurde. Andererseits wandten sich Feminist*innen wiederholt an den Staat, um die Ausweitung oder Garantie ihrer Rechte zu erwirken oder um Bedrohungen im Sinne des Staatsfeminismus abzuwehren. Nach der Revolution stellt Abbas eine Umdeutung und Öffnung des staatsfeministischen Narrativs fest. Es beschränkt sich nicht mehr nur auf ein säkulares Frauenbild, sondern schließt auch gläubige muslimische Frauen mit ein. Dennoch steht der Staat – und nicht die Gesellschaft – als Adressat immer noch im Zentrum feministischer politischer Bestrebungen.

In ihrem Schlusskapitel deutet Abbas einen neuen, im Entstehen begriffenen Konflikt an, in dem die Befürworter*innen der „partizipativen Demokratie“ einer Allianz aus den „politischen Eliten“ und den Islamist*innen der Ennahda gegenüberstehen. Diese Allianz hat sich auf ein neues Legitimierungsnarrativ der etablierten Ordnung geeinigt: das der „demokratischen Transition“, ein Narrativ, das sich die europäische liberale Demokratie zum Vorbild nimmt. Auch wenn die neue Ordnung viele Forderungen der Protestteilnehmer*innen – etwa diejenige nach der Garantie von Grundfreiheiten oder der Gleichstellung von Frauen – aufgenommen habe, blieben diejenigen nach mehr lokaler, dezentralisierter Teilhabe so gut wie unerfüllt. Abbas‘ Beobachtungen zeigen, dass ihre Analyse der Imaginäre auch weitere politische Phänomene in Tunesien erhellen kann. Beispielsweise ermöglichen sie, den Sieg Kais Saieds im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl 2019 zu erklären. Seinen starken Rückhalt in der tunesischen Jugend konnte er vor allem dadurch erhalten, dass er ihre Hoffnungen auf eine partizipative Demokratie aufnahm und als Kernpunkt seines Programms eine Umgestaltung des institutionellen Settings hin zu einer Form von Rätedemokratie versprach.

 

Fazit

Insgesamt handelt es sich um einen auf mehreren Ebenen wichtigen Forschungsbeitrag. So bietet das Buch – neben einer eindrucksvollen Schilderung der Vorgänge ab 2010 – durch seine gelungene Kontextualisierung mithilfe der Staatsnarrative und ihrer Umsetzung einen guten Einstieg in die Geschichte und Politik Tunesiens. Daneben zeigt Abbas auf, dass Revolutionen ohne die ideelle Ebene, das heißt die Imaginäre, nur schwerlich in ihrem Verlauf nachvollzogen werden können. Erst eine Rekonstruktion der Gedankenwelt der Akteur*innen kann verhindern, dass Revolutionen auf strukturelle Faktoren verkürzt und dadurch möglicherweise fehlinterpretiert werden. Ohne diesen hermeneutischen Zugriff besteht die Gefahr, dass für die Revolution konstitutive Aspekte ausgeblendet werden, etwa die emotionale Ebene in Form von Wut auf das Regime.

Der Hinweis, dass Revolutionen als ergebnisoffene Prozesse gedacht werden müssen, lässt sich als Appell verstehen, einen entsprechenden Begriff zu entwickeln, wofür Abbas eine gelungene Vorarbeit geleistet hat. Dieser müsste sich nicht nur auf diejenigen Unterfangen beschränken, die auf einen Regimewechsel zielen, sondern alle Entwicklungen umfassen, die tiefgreifende sozio-politische Veränderungen anzustoßen vermögen. Schließlich weist das Buch mit seiner empirischen Analyse der Imaginäre darauf hin, dass die liberale Demokratie des Westens nicht die einzige (legitime) von Demokratiebewegungen angestrebte Form politischer Herrschaftsorganisation ist. Dadurch wird der demokratietheoretische Diskurs in der Wissenschaft um eine facettenreiche Analyse bereichert und außerdem die theoretische Debatte an empirische Fälle zurückgebunden – für sich bereits eine willkommene Leistung.

Ihre tiefgreifende Analyse rundet die Autorin im Übrigen mit einem kenntnis- und umfangreichen Fußnotenapparat ab. Darin erläutert sie auch zum leichteren Verständnis für nicht arabischsprachige Leser*innen ausführlich die Konzepte, die hinter vielen einschlägigen Begriffen stehen und sorgt so auch für ein besseres Verständnis ihres Textes. Man kann sich Nabila Abbas nur anschließen und hoffen, dass in Zukunft weitere derartige Studien, zum Beispiel zu den Vorstellungen der politischen Elite Tunesiens, reaktionären Kräften oder der an der Revolution nicht beteiligten Bevölkerung erscheinen, die den Zusammenhang zwischen Ideen und Praxis in politisch turbulenten Zeiten weiter erhellen.

Fußnoten

[1] Der Begriff wird hier, wie bei der Autorin, als Synonym zu „politischem Islam“ verwendet. Dieser umfasst alle Bewegungen und Akteure, die die islamische Religion als Quelle ihrer politischen Ideen erachten und sich selbst als „Islamiyyun“ (Islamisten) identifizieren oder durch andere als solche identifiziert werden. Es handelt sich also um ein weites Spektrum politischer Gruppen.

[2] Cornelius Castoriadis, Gesellschaft als imaginäre Institution. Entwurf einer politischen Philosophie, Frankfurt am Main 1984; sowie jüngst: ders. & Paul Ricœur, Gespräch über die Geschichte und das gesellschaftlich Imaginäre, hrsg. von Johann Michel, Wien 2019 [siehe hierzu die Besprechung von Nabila Abbas auf Soziopolis – Anm. der Red.].

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher und Philipp Tolios.