Die umstrittene Norm

Ein Sammelband unternimmt eine Neuverortung des Konzepts der Heteronormativität

Der Begriff „Heteronormativität“ wurde 1991 von Michael Warner in den sozialwissenschaftlichen Diskurs eingeführt.[1] Im Anschluss an Ansätze lesbisch-feministischer Theoriebildung und die damals noch neue Queer Theory forderte Warner das Feld der „social theory“ (S. 3) dazu auf, Gesellschaft anhand von sexuellen Verhältnissen neu zu denken: Gesellschaft, so Warner, sei durch eine normativ verankerte heterosexuelle Ordnung strukturiert. Folglich müsse auch gefragt werden, inwiefern die Annahme, dass es genau zwei voneinander zu unterscheidende Geschlechtskörper gibt, die einander ergänzen und sich qua Natur in heterosexuellen Paarkonstellationen verbinden, auch gesellschaftskritischen Beiträgen unbewusst zugrunde liegt. Das aus diesen Überlegungen hervorgegangene Projekt der Heteronormativitätskritik wurde vorrangig in den Queer Studies aufgegriffen. Darüber hinaus fand der Begriff aber auch Eingang in die Geschlechtersoziologie und die soziale Ungleichheitsforschung.

Dass das Konzept in den annähernd drei Jahrzehnten, die seither vergangen sind, weder an wissenschaftlicher Relevanz noch an politischer Brisanz verloren hat, zeigt der Sammelband Über Heteronormativität, der interessante Einblicke in aktuelle Debatten um eine „Neuverortung“ (S. 14) von Heteronormativitätskritik bietet. Diese wird von den vier Herausgeberinnen nicht nur mit Blick auf die „(widersprüchliche) Neuverhandlung von sexuellen und Geschlechternormen“ (S. 7) begründet, sondern auch angesichts der Verwobenheit geschlechtlich-sexueller mit „rassistischen, (post-)kolonialen und ökonomischen Strukturierungen und Artikulationen“ (S. 13) als notwendig erachtet. Damit schließt der Band an gegenwärtige Diskussionen um intersektionale Machtverhältnisse an und verfolgt das Ziel, eine interdependente Heteronormativitätskritik weiterzuentwickeln.

In der Einleitung verorten die Herausgeberinnen die Thematik im Kontext jüngerer Debatten um Konfigurationen von Geschlecht und Sexualität. Ansätze und Konzepte, deren Vertreter*innen sich aufgrund ihrer positiven Einstellung gegenüber geschlechtlicher und sexueller Vielfalt als progressiv verstehen, werden von den Herausgeberinnen auf ihr Verhaftetsein in heteronormativen Konzeptionen von Geschlecht und Sexualität, neoliberalen Regierungsweisen und rassistischen Diskursen hin befragt. Herrera Vivar, Rostock, Schirmer und Wagels verweisen auf alternative Konzepte wie das der flexiblen Normalisierung (Antke Engel), der Homonormativität (Lisa Duggan) oder des Homonationalismus (Jasbir Puar), die sich allesamt dem Projekt einer queer-theoretischen Kritik an Politiken der Normalisierung verschrieben haben.[2] Diesem zentralen Diskussionsstrang der Queer Theory zufolge geht die neoliberale Flexibilisierung gesellschaftlicher Normen in westlichen Gesellschaften mit tendenziell rassistischen Diskursen einher. So werde Toleranz gegenüber sogenannten sexuellen Minderheiten zu einem elementaren Bestandteil des westlichen Wertekanons erhoben, wohingegen negative Einstellungen wie Homophobie oder Sexismus verstärkt nicht-weißen Bevölkerungsgruppen und dabei insbesondere dem Konstrukt des muslimischen Anderen zugeschrieben würden.[3] Die so zugeschriebenen Eigenschaften würden zudem als Marker für ausschließende Integrationspolitiken oder gar als Legitimationsfolie für militärische Interventionen genutzt, wie etwa das häufige Rekurrieren auf Frauenrechte im Vorlauf der militärischen Intervention in Afghanistan 2001 zeigt. Die Rolle von Heteronormativität als Element gesellschaftlicher Hegemonie werde dadurch neu konfiguriert: Sie sei nicht mehr länger ein hartes Entscheidungskriterium dafür, welches Leben (über-)lebbar ist, sondern ein flexibler Bestandteil gesellschaftlicher Ein- und Ausschlussmechanismen.

Die Auseinandersetzung mit den Thesen und Ansätzen der in den zurückliegenden Jahren intensiv rezipierten und diskutierten queer-theoretischen Normalisierungskritik steht auch im Zentrum der meisten Aufsätze des vorliegenden Bandes, die jeweils einem von drei thematischen Abschnitten zugeordnet sind. Den Schwerpunkt des ersten, „Zeitdiagnostische und konzeptuelle Zugänge zu Heteronormativität“ überschriebenen Abschnitts bilden Beiträge, die aktuelle Konfigurationen von Heteronormativität in Anschluss an Michel Foucault diskutieren. Sie fragen danach, welche Rolle der Sexualität im Rahmen der Biopolitik moderner Staaten zukommt. So interpretiert Volker Woltersdorff die flexibilisierte Normalisierung von Sexualität als eine „Prekarisierung von Heteronormativität“ mit gouvernementaler Funktion. Demnach werde „der Zwang, sich zu Normalitätsvorstellungen ins Verhältnis zu setzen […] den Individuen als reflexive Selbstführungsleistung aufgebürdet“ (S. 39). Familie auf eine gesellschaftlich anerkannte Art zu leben, sei heute beispielsweise nicht mehr nur für die heterosexuelle Kleinfamilie möglich, erfordere aber komplexe Positionierungs- und Aushandlungsprozesse. Diese Entscheidungen müssten zudem im Rahmen von ungleichen Klassenverhältnissen privat verantwortet werden, um als respektabel zu gelten. Mike Laufenberg und Barbara Kraml schließen ihrerseits ebenfalls an das Foucaultsche Konzept der Biopolitik an, das sie aber unter Rekurs auf Isabell Lorey um eine „politisch-immunologische Perspektive“ auf Sexualität ergänzen.[4] In diesem Sinne deutet Laufenberg die „ambivalenten Reaktionen und Strategien“ (S. 54) liberaler Gesellschaften gegenüber den Kämpfen sexueller Bewegungen als Teil einer immunologischen Strategie des Schutzes von Leben, innerhalb derer die identifizierte Gefahr – die sexuelle Devianz – im Sinne eines Impfstoffes in kleinen Maßen sichtbar sein muss, um jederzeit bekämpft werden zu können. Der Beitrag von Kraml bezieht diese Überlegungen auf das Gebiet juristischer Strategie. Aus rechtsphilosophischer Perspektive nimmt sie dabei hilfreiche Klärungen der Begriffe „Norm“, „Normativität“ und „Normalisierung“ vor. In den Beiträgen werden dabei immer wieder Bezüge zu den oben skizzierten Diskussionen um die rassistische Prägung von Heteronormativität hergestellt. Diesen roten Faden des Bandes greift auch Sushila Mesquita auf, die sich kritisch mit der epistemologischen Frage beschäftigt, inwiefern Heteronormativität als eine auf Sexualität beschränkte „Ein-Thema-Methodologie“ verstanden werden sollte. Mesquita argumentiert, dass die exkludierende Funktion ‚weiterer’ Normen neben den geschlechtlichen und sexuellen oftmals nur behauptet werde, ohne dass das genaue Zusammenspiel und die wechselseitige Verstärkung der Einflussfaktoren thematisiert würde. Dagegen plädiert sie für die Ausarbeitung eines Ansatzes, der dem Aspekt der „Verschränkung“ auch „auf konzeptioneller Ebene“ (S. 92) Rechnung trägt.

Dass hinsichtlich einer interdependenten Konzeptualisierung von Heteronormativität zwischen Anspruch und Umsetzung nach wie vor eine Lücke klafft, wird von verschiedenen Autor*innen des Bandes angemerkt. Umso schöner wäre es gewesen, wenn dieses Desiderat der Forschung von einigen Beiträgen des zweiten, „Empirische Zugänge zu Heteronormativität“ überschriebenen Teils aufgegriffen und erörtert worden wäre. Der Umstand, dass dies nur in Ansätzen geschieht, kann dem Format eines Tagungsbandes, nicht jedoch den einzelnen Autor*innen angelastet werden. So bieten die Beiträge von Monika Götsch und Antje Langer interessante Ergebnisse über den lebensweltlichen Umgang mit sexuellen und geschlechtlichen Normen aus der empirischen Forschung im Kontext von Schule und Sexualpädagogik. Besonders hervorzuheben ist jedoch der Beitrag „Traurige Forschung“ von María do Mar Castro Varela, der Einblicke in eine heteronormativitätskritisch ausgerichtete quantitative Erhebung zu Diskriminierungserfahrungen gewährt. Abgesehen von seinen konkreten Befunden ist das von der Berliner Beratungsstelle LesMigraS durchgeführte Vorhaben auch deshalb bemerkenswert, weil „queere Debatten mit Fokus auf ‚Intersektionalität’ und ‚Dekonstruktion’“ in der Regel „nur schwer mit quantitativen Erhebungen vereinbar“ (S. 108) sind. Quantitative Forschung arbeitet mit Kategorien, um die Erfahrungen von Menschen im Zusammenhang mit ihren geschlechtlichen, sexuellen oder rassifizierten Positionen sichtbar zu machen. Zugleich sind Kategorien notwendigerweise mit Zuschreibungen und Homogenisierungen verbunden. Gerade dagegen wehren sich jedoch viele queere Personen. Der Beitrag zeigt, was Diskriminierungsforschung dazugewinnt, wenn sie sensibel mit essentialistischen Zuschreibungen umgeht, zu Interventionen seitens der Studienteilnehmer*innen einlädt und unscharfe Kategorien aushält.

Politische Auseinandersetzungen mit Heteronormativität in unterschiedlichen Feldern bilden das Thema des letzten Abschnitts. Die Beiträge von Jin Haritaworn und Jennifer Petzen werfen einen Blick auf Berlin als Ort lokaler Kontroversen um queere Komplizenschaft mit rassistischen Politiken im Kontext von sogenannter Hasskriminalität, Gentrifizierung und Asylpolitik. Aus der Perspektive der Queer Disability Studies arbeitet Heike Raab heraus, dass und warum der Körper angesichts von Somatechnologien weitaus stärkere Berücksichtigung in heteronormativitätskritischen Analysen finden sollte. In Feldern wie der Reproduktionstechnologie oder der Prothetik werde „Sexualität, Partnerschaft, Familie, Verwandtschaft, geschlechtliche Identität und Körperlichkeit alltagspraktisch und institutionell neu verhandelt, Heteronormativität darin aber nicht aufgehoben“ (S. 179). Im letzten Beitrag des Bandes beschreibt Martin Mlinarić, wie LGBT-Communities im postjugoslawischen Diskurs zu einer Chiffre für eine sich als kulturell überlegen gebende und als arrogant empfundene Europäische Union wurde. Mlinarić zeigt, wie „rechtsextreme, klerikal-faschistische und rechtspopulistische Bewegungen“ (S. 225 f.) ihren kulturellen Einfluss in Südosteuropa über die Verbindung von Anti-LGBT- und Anti-EU-Politiken ausdehnen konnten. Die einzelnen Fallbeispiele verdeutlichen die gesellschaftspolitische Relevanz der Thematik. Mit Affekt- (Haritaworn und Petzen) und Crip-Theorie (Raab) fügen sie der im Band entfalteten Debatte wichtige Ansätze hinzu, ohne jedoch einen systematischen Bezug auf das Konzept der Heteronormativität zu leisten.

Insgesamt enthält das Buch viele lesenswerte Beiträge, die sich jedoch nur bedingt miteinander in Beziehung setzen lassen. Vielfach werden Fragen aufgeworfen oder Vorschläge unterbreitet, die dann nicht beantwortet oder weiter ausgeführt werden. So wäre es beispielsweise interessant gewesen zu erfahren, wie andere Autor*innen auf den von Woltersdorff mit Bezug auf Beverly Skeggs[5] formulierten Vorschlag reagieren, „Heteronormativität“ durch den Begriff der „Respektabilität“ zu ersetzen, um besser beschreiben zu können, wie Klassenverhältnisse vergeschlechtlicht, sexualisiert, kulturalisiert und rassifiziert werden. Was müsste ein solches Konzept leisten, um die Verwobenheit von gesellschaftlichen Verhältnissen jenseits von rhetorischen Verweisen auf jeweils weitere Machtverhältnisse zu signifizieren? Ist das die Aufgabe von Begriffen oder von Methodologien? Wo sind thematische Abstraktionen und Verdichtungen angebracht, wo nicht? Diese und andere Fragen werden die Debatte um eine mögliche Neuausrichtung der Heteronormativitätskritik weiter beschäftigen. Der im Verlag Westfälisches Dampfboot erschienene Band schließt diese Debatte nicht ab, bildet ihren aktuellen Stand aber auf lesenswerte Art ab.

CC BY 4.0

Fußnoten

[1] Michael Warner, Introduction, in: ders. (Hg.), Fear of a Queer Planet. Queer Politics and Social Theory, Minneapolis, MN / London 1991.

[2] Siehe Antke Engel, Wider die Eindeutigkeit. Sexualität und Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repräsentation, Frankfurt am Main 2002; Lisa Duggan, The Twilight of Equality? Neoliberalism, Cultural Politics, and the Attack on Democracy, Boston, MA 2003; Jasbir Puar, Terrorist Assemblages: Homonationalism in Queer Times, Durham 2007.

[3] Siehe Koray Yilmaz-Günay (Hg.), Karriere eines konstruierten Gegensatzes: Zehn Jahre Muslime versus Schwule: Sexualpolitiken seit dem 11. September 2001, Münster 2014.

[4] Siehe Isabell Lorey, Figuren des Immunen. Elemente einer politischen Theorie, Berlin 2011.

[5] Beverly Skeggs, Formations of Class and Gender. Becoming Respectable, London (u.a.) 1997.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz und Kira Meyer.