Die unsichtbare Hand des Staates

Literaturessay zu "Wie kommt der Wert in die Welt?" von Mariana Mazzucato

Mit „The Value of Everything" knüpft dieser Monate die vielfach preisgekrönte Mariana Mazzucato – in Rom geborene und in Princeton aufgewachsene Wirtschaftswissenschaftlerin des Londoner University College – an den Sachbucherfolg an, der vor wenigen Jahren mit „The Entrepreneurial State: Debunking Public vs. Private Sector Myths" begann. Mit ihrer fach- wie massenmedialen Omnipräsenz lässt Mazzucato keinen Zweifel aufkommen, dass ihr neues innovationsökonomisches Werk und dessen Eintreten für „Public Values“ statt „private[r] Güter“ das wirtschaftstheoretische Standardmodell sogenannter „öffentlicher Güter“ erweitern will. "The Entrepreneurial State" erscheint nunmehr wie die bloß empirische Vorstudie, aus der es endlich auch theoretische Konsequenzen zu ziehen gilt.

Sichtbare Shakehands, oder: Wie die öffentliche Hand den Markt trägt

Mit jenem ersten, anspielungsfreudig als „Das Kapital des Staates"[1] ins Deutsche übersetzten Buch war Mazzucato gegen den stärker im angloamerikanischen Raum beheimaten „Mythos“ einer originär privatwirtschaftlichen Wertschöpfung angetreten. Ob durch Infrastrukturen der Grundlagenforschung, öffentliche Subventionen, diskrete Steuerpolitik oder Setzung industriepolitischer Megaziele: Von Energie, Rüstung und Raumfahrt über Nanotechnologie und Biopharmazie bis zu Internet, GPS und sonstigen IT seien samt und sonders Innovation und Wachstum unseres Zeitalters vom Staat initiiert, durch risikonehmende oder -mildernde öffentliche Investitionen abgesichert und durch steuerliche Zurückhaltung privatisiert worden. Nicht ‚die‘ Wirtschaft, sondern der Staat ermögliche innovatives und zugleich inklusives Wachstum.

So ‚entlarvte‘ Mazzucato manch kapitalistische Personenkulte, Produkt- und Firmenfetische sowie Kreativitätsobsessionen (von Steve Jobs und dessen laut Mazzucato besonders „saurem“ Apple über Tesla bis zu diversen Start-up-Garagen, neuerdings auch PayPal, Google & Co) als Traumtänzereien und Leistungsträgermärchen, mit denen sich anti-soziale Diskursmuster, libertärer Privatisierungssakralismus und wohlfahrtsstaatsfeindliche Rechtfertigungscluster gewöhnlich schmücken. Tatsächlich aber seien „symbiontische“ Public Private Partnerships im denkbar weitesten Sinne die Standardstruktur für Initiationsimpulse, dynamisch-profitable Unternehmungen und volkswirtschaftliche Wachstumsschübe.

Eine kollektive Anteilnahme an den staatlich gesponserten privaten Zusatzwachstumsgewinnen wäre insofern weniger eine weltanschaulich anstößige Umverteilungs- oder gar Enteignungsmaßnahme als vielmehr eine kapitalismusadäquate Beteiligungsforderung: das Einfordern einer rationalisierten Dankesschuld, bisweilen bloß eine Visualisierung der tatsächlichen Produktions- und Eigentumsverhältnisse. Besteuerung, staatliche Anteilseignerschaft an subventionierten Unternehmen, Vorstands- und Aufsichtsratsposten sowie Investitionsteilrückerstattungverträge zugunsten des Fiskus (etwa in Form von Lizenzen, partiellen Patentrechten oder temporalen Verfügungsschranken), zugunsten der Verbraucher_innen (etwa in Form von Preisbindungen, Vorzugskauf- oder Sonderabnahmerechten) oder zugunsten potenzieller Konkurrenz (z.B. know how-sharing und Wissensmanagement; Grundrechtsbeschränkungen der Gewerbefreiheit und Unternehmerfreizügigkeit etc.) sollten nicht als anrüchige Umverteilung, sondern als ehrliche Redistribution gelten: als transparenter Ausgleich für die öffentliche Hand im Tausch gegen deren notorisches Schütteln und Stützen der ‚unsichtbaren Hand‘. Ziemlich gut passt darum der auf Marx anspielende deutsche Titel des Vorgängerbuchs, „Das Kapital des Staates", besser jedenfalls als der hierzulande traditionell sozialistisch besetzte Terminus „Unternehmerstaat“ (dazu später mehr).

Es war jedenfalls nicht abschätzig gegenüber der betriebswirtschaftlichen Risikonahme durch privates Unternehmertum gemeint, wenn Mazzucato darlegte, dass volks- und weltwirtschaftlich besehen sowohl die strukturellen Gefahren (politische und soziale Instabilität; post-innovative Spekulationsblasen usw.) wie auch die größten finanziellen Risiken (monetäre und fiskalische Daseinsvorsorge; Ausfallbürgschaften usf.) unserer Kapitalismusform systematisch von Staat und Öffentlichkeit eingegangen und versichert werden. Eine faire Gewinnteilung sei mithin keine von „der“ Wirtschaft irgendwie zu trennende Gerechtigkeitsforderung „der“ Politik, sondern ein systemischer Imperativ des Ganzen, dem „value of everything“.

Die platonischen Leistungsmythen der Politischen Ökonomie

Mit „The Value of Everything" oder „Wie kommt der Wert in die Welt?" setzt Mazzucato das Thema, bisweilen auch die meinungsstarke Diktion von „The Entrepreneurial State" nun fort. Wie in Platons Idealstaat, einer Militär- und Erziehungsdiktatur elitärer Märchenerzähler, beruhe unser gegenwärtiger Herrschaftsmodus auf einem betrügerischen Mythos: dem der wertschöpfenden Leistungen des Marktes. Denn über den Mythos der ausschließlich privatwirtschaftlich generierten und durch das magische Wissen monopolistisch agierender Leistungseliten forcierten „Produktivität“ werde jene immer krassere Asymmetrie zwischen Wertschöpfung und Wertverteilung begründet, aus der sich der Leitwert unserer Lebens-, Wirtschafts- und Politikweise speise: intensiviertes Wirtschaftswachstum (S. 11-14).

Mit dem Beispiel der USA steigt Mazzucato ein und zeigt, dass sich dort die gemessene Produktivität binnen vier Jahrzehnten um 40 Prozent erhöht und das Bruttosozialprodukt verdreifacht habe, während die Reallöhne mindestens stagnierten und sich die heute sattsam bekannte Vermögenskonzentration verdichtete (S. 11). Letztere allerdings begünstige gar nicht den Wettbewerb und die Durchsetzung wirtschaftstheoretisch behaupteter Preisbildungsmechanismen. Vielmehr sei es zu einer Plutokratie öffentlich geförderter, fiskalisch geschonter oder steuerhinterziehender Produktions- und Dienstleistungszweige gekommen, die statt Marktpreisen nun zunehmend Monopolrenten erzielen und zunehmend dazu übergingen, ihre Wucherpreise moralisch zu rechtfertigen: als nicht etwa marktgetragene, sondern als sogenannte „wertorientierte Preisgestaltung“, kurzum als die für ein exklusiv vertriebenes Gut maximale erpressbare Durchschnittssumme.

Diese Begründungsverschiebung innerhalb des doppelsinnigen Begriffs „Wert“ sei symptomatisch. Was immer sich mit einem – gleichwie fundierten – Preis darstellen lasse, werde mittlerweile als Wertschöpfung klassifiziert. „Ein Simsalabim, und das“ einst gängige „Konzept der unverdienten Erträge“, der Unterscheidung nach earned und unearned income, leistungsbasiertem Ertrag und leistungslosem Gewinn, „ist verschwunden.“ Nach neuer Lesart „muss einer, der viel verdient, auch ein Wertschöpfer sein. […] Dieser Logik zufolge ist jeder Ertrag ein verdienter Ertrag. […] Die Art von Mythenbildung […] hat zu einer Wertabschöpfung von ungeheuren Ausmaßen geführt, die einigen Wenigen immensen Reichtum beschert, die Gesellschaft allgemein jedoch Wohlstand gekostet hat“ (S. 17, 33 – meine Hervorhebung).

Diese den Buchtitel gebende Unterscheidung von Wertschöpfung und Wertabschöpfung, von Produktion und Extraktion, bildet den eher diskreten Ariadnefaden des Buches. Denn unter „‚Wertschöpfung‘ verstehe ich [Mazzucato] die Art und Weise, in der unterschiedliche Ressourcen (menschliche, materielle, immaterielle) bereitgestellt werden, um im Zusammenspiel neue Güter und Dienstleistungen zu produzieren. Unter ‚Wertextraktion‘ verstehe ich Aktivitäten, die sich darauf konzentrieren, existierende Ressourcen und Outputs hin und her zu schieben, um aus dem daraus resultierenden Handel einen unverhältnismäßigen Gewinn zu ziehen“ (S. 26). So firmiert „Wert“ in Mazzucatos Terminologie als ein Synonym für „Wohlstand“ (S. 25), wohingegen die besagte, im Finanzsektor konzentrierte ‚Unverhältnismäßigkeit‘ spiegelbildlich als Indiz für eine wertkonsumierende, wohlstandshinderliche Extraktion, kurzum für eine „Rente“ im ökonomischen Sinne des Wortes steht.

Damit wird der theoretische Anschluss an die empirische Vorbereitung im Vorgängerbuch, dem „Kapital des Staates", vollzogen. Denn an dessen Dekonstruktion des „falsche[n] Innovationsnarrativs anknüpfend, stelle“ sich nun die Frage, warum ausgerechnet „der öffentliche Sektor immer als träge, langweilig, bürokratisch und unproduktiv dargestellt wird. […] Meine [Mazzucatos] Argumentation geht dahin, dass dieselben Mechanismen, die den Finanzsektor produktiv gemacht haben, den öffentlichen Sektor unproduktiv erscheinen ließen, und zwar in ein und demselben Zug. Die moderne Ökonomie degradiert den Staat zum Nothelfer im Fall eines Marktversagens“ und stützt dadurch den Mythos einer finanzmarktlichen Wertschöpfung. Die vampirhaften, vom öffentlichen in den privaten Sektor umverteilenden Grundlagen des Finanzmarkts werden kaschiert, sobald modellhaft konstatiert werde, dass dem öffentlichen Sektor gar keine nennenswerte Wertschöpfungsfunktion zukomme. Mazzucato fordert darum eine „Wiederbelebung der Wertdebatte, die früher im Herzen ökonomischen Denkens stand“ (S. 39f. und 33, ähnlich S. 28 et passim).

Die Märkte des Staates

Dem ersten Anschein nach reiht sich Mazzucatos neues Werk damit in die Konjunktur von Kapitalismusstudien ein, die nach den heutigen Techniken und dem rasanten Wandel finanzieller Profitabilität fragen.[2] Allemal gehört es zu jener Reihe engagierter Literatur, die eine neue Staatserzählung fordert, den wirklichen Wert öffentlicher Güter taxiert und den seit Jahrzehnten währenden Rückbau und Verfall kollektiver Infrastrukturen leid ist.[3]

Gleichwohl bleibt Mazzucato als Vertreterin einer schon seit Längerem unkonventionellen Politischen Ökonomie zu erkennen. Ihre Leitthemen wie ökonomische Innovation, nachhaltiges und grünes Wirtschaftswachstum und nun also: öffentliche Wertschöpfung werden zwar frisch und forsch präsentiert, knüpfen genauer besehen aber an einige politikökonomische Denktraditionen und Modellüberlegungen zu Staats-Wirtschafts-Beziehungen an, die auf die wissenschaftlich Goldene Ära des frühen und mittleren Schumpeter zurückgehen.

In dieser Ära der Nationalökonomie, aus der sich die Wirtschaftswissenschaften erst entwickelten, war die alte Garde um Schmoller, Wagner, Max Weber und Schäffle zwar bereits verstorben, Theoretiker des Neuen wie von Mises, von Hayek, Röpke sowie passgenaue Gegenspieler wie Lujo Brentano, Keynes und Polanyi indes noch nicht etabliert. Man experimentierte mit Markt-, Staats- und Gemeinwirtschaft, laborierte zwischen Kapitalismus, Sozialismus und Commons sowie unzähligen Rudimenten von Feudalismus und Imperialismus. Angesichts der damals folglich weder realpolitisch noch modelltheoretisch plausiblen Trennung von Markt, Staat und Zivilgesellschaft konnte jener „Mythos“ der vor allem nach Markt und Staat differenzierenden „Sphären“ noch nicht bestehen, den Mazzucato heute gründlich abräumen will. Und dass sich die Realität staatlich koordinierter Wirtschaftsgenerierung, -planung und -steuerung unschwer zum New Deal und im westdeutschen Fall in die drei Nachkriegsdekaden verlängern ließe – man denke an Gehlens „Mängelwesen“ und natürlich an Forsthoffs „Daseinsvorsorge“ – zeigt, wie stark sich Mazzucatos Kritik doch eher aus Projektionen gegenwärtiger angloamerikanischer Verhältnisse speist.

Dazu gehört Mazzucatos zumeist implizit bleibende Übernahme der Schumpeterschen Kapitalismus-Definition. Schumpeter hatte Kapitalismus als „jene Form privater Eigentumswirtschaft“ bestimmt, „in der Innovationen mittels geliehenen Geldes durchgeführt werden“, was im allgemeinen „Kreditschöpfung“ voraussetze.“[4] Diese Gleichung beerbt Mazzucato, indem sie die Innovativität dem Unternehmertum lässt, hinsichtlich der Kreditschöpfung und -vergabe aber die öffentliche Mitwirkung in den Vordergrund rückt. Dadurch wird nicht nur eine sehr viel direktere ökonomische Beziehung zwischen öffentlich gewährten Gelegenheitschancen und privater Gewinnrealisierung konturiert, als sie die herkömmlicherweise indirekten Wege des Rückflusses privater Ressourcen in politischen Nutzen (Arbeitsplätze, Steuern, Parteispenden usw.) abdecken. Wie nebenbei erscheint so der Staat als Träger und Garant des intensivierten Gegenwartskapitalismus. Dass Mazzucato damit wie Schumpeter die Kommodifizierung von Arbeitskraft nicht als eine wesentliche Größe des Kapitalismus interpretieren kann und die dazu gehörigen Aneignungsverhältnisse praktisch entpolitisiert, nimmt sie zugunsten der Theorie offenbar in Kauf. In der Expansion der Finanz scheint sich Mazzucatos Weltbild nachgerade auf Schumpeters Definition zuzubewegen.

Überdies wird dadurch das Rechtfertigungsmuster des modernen Steuerstaates durchbrochen, das auf rechtlicher und fiskalischer Gleichbehandlung einerseits und auf Gegenleistungsfreiheit bzw. Neutralitätsgebot der allgemeinen Steuerpflicht andererseits basiert. Das mag wirtschaftswissenschaftlich besehen gar nicht ungewöhnlich anmuten, ist aber gerade politologisch keine Kleinigkeit. Denn Mazzucato modelliert die auf souveräner Zwinggewalt fußende Beziehung zwischen Fiskus und Privatwirtschaft als eine Kooperation auf zweckpartnerschaftlicher Augenhöhe. Der potenziell demokratisch zu rechtfertigende Herrschaftsvertrag wird in den Status eines Tauschgeschäfts zwischen Markt und Staat uminterpretiert. Ihre Empörung und Motivation bezieht Mazzucato darum nicht so sehr aus einer politischen Reflexion über den etwaigen Verlust von Souveränität als aus der moralökonomisch fixierten Beobachtung, dass die privatwirtschaftliche Seite dieses ‚Tauschgeschäft‘ nicht nur invisibilisiert, sondern obendrein das Fundament des Marktes, den Staat, verhöhnt.

Wie der Wert zum Markt getragen wurde

Wie geht Mazzucatos neues Werk diesbezüglich nun im Einzelnen vor? Die mal implizite, mal explizite Invisibilisierung und Demoralisierung des öffentlichen Sektors stellt Mazzucato in einem der ersten Kapitel als theoriengeschichtliche Evolution des Narrativs von der messbaren Nützlichkeit des Erschaffens dar: der „Produktivität“. In dieser faszinierenden Einführungsvorlesung, der „kurzen Geschichte des Werts“ (die tatsächlich eine gar nicht mal so kurze politökonomische Ideengeschichte der Werttheorie ist), zeichnet die Autorin nach, über welche intellektuellen Etappen hinweg das Narrativ des ökonomisch „unproduktiven“ Staates entwickelt worden ist (S. 43-108).

Wie Marx lässt sie die Volkswirtschaftslehre mit William Petty beginnen. Petty hatte die Idee des Bruttosozialprodukts angesichts der revolutionären Kostenexplosion von Oliver Cromwells republikanischer Militärdiktatur entwickelt. Petty suchte ein erträgliches Maß der öffentlichen Ausgaben und fand es in der kumulierten Produktivität aller Einwohner. Mazzucato reflektiert, dass auf der Rückseite dieser Beobachtung das Konzept einer „unproduktiven“ Gruppe entstehen musste: jene, die nichts herstellte. Staatsbedienstete, Geistliche, Geistige und Vagabunden, kurzum, die politische und klerikale Klasse, die Gelehrten und die Ausgestoßenen. Quesnay moralisierte, polarisierte und politisierte diesen Kontrast im Vorfeld der Französischen Revolution, indem er Bauern als wertschöpfende, alle anderen als bloß verarbeitende oder verteilende, produktionsmäßig jedenfalls „sterile“ Gruppen beschrieb.

Von den Merkantilisten und Physiokraten war es nicht weit zu den Klassikern: Smith, Ricardo, Marx. Mazzucato glückt die Darstellung, dass die drei die eigentliche, „objektive“ Wertwurzel einer sich im Preis ausdrückenden Leistung vom Gegenstand zur Tätigkeit verlegten, den Wert namentlich in Relation zur aufgewendeten Arbeitskraft bestimmten: Arbeitswert (Smith), Mehrwert (Ricardo), Tauschwert (Marx). Sie pointiert des Weiteren, dass dabei die physiokratisch schon eingeführte Vorstellung einer „unproduktiven“ Gruppe im Produktionssystem ganz auf den Staat projiziert wurde. Wer lediglich von Renten lebe, also vom Bestand abschöpfe und damit keinen genuinen Mehrwert produziere oder stimuliere, konnte für die drei Klassiker nicht Bestandteil einer Wertschöpfungskette sein.

Diese Darstellung ermöglicht der Autorin zwei Abkürzungen: Einesteils kann sie ideenhistorisch pointieren, dass die auf die Klassiker folgende Neoklassik lediglich von der Annahme eines objektiven Wertmaßstabs lassen musste, um zu erklären, warum der Nutzen einer Sache je nach Individuum, Zeitpunkt und Verfügbarkeit variiert (S. 93). Anderenteils erwächst hier wie nebenbei eine erstmals ‚rein‘ wirtschaftstheoretische Konzeption öffentlicher Güter: durch die Beobachtung, dass es Güter gibt, die eben nicht oder nicht aus freien Stücken produziert werden, weil sich kein Marktpreis für sie bestimmen lässt. Das bedeutet nicht, dass öffentliche Güter wertlos sind. Sie haben Gebrauchswert. Es bedeutet aber, dass sie entweder keinen allgemeinen Tauschwert haben, oder dass dieser sich nicht monetarisieren lässt. Denn andernfalls wären auch Mindestverkaufspreise kalkulierbar, die potentiell konkurrierende Marktakteure zur Produktion motivieren würden.

Dass die Neoklassik dies so sieht heißt, so Mazzucato, dass das in der Geschichte unserer Zivilisation vordem außerordentlich komplexe Vorstellung von „Wert“ nun modellrationalistisch dermaßen verschlankt wurde, dass die Unterscheidungen von Wert, Nutzen, Begehren, Qualität usw. entfallen. Wert ist fortan, was jemand um eines finanziellen Gewinns willen bereitstellt. Wer – wie zunehmend der Staat – nicht oder nicht eigennützig verdienen will, ‚zählt nicht‘. Denn Wertschöpfung ist nur, was sich in Gewinnen ausdrücken, d.h. als Marktpreis abbilden lässt. Was nicht darunter fällt, gewissermaßen unterhalb der „Grenznutzen“ genannten Profitabilitätsschwelle verbleibt, verfehlt das praktische Ideal individueller Produktionswürdigkeit. Damit aber wird ihm zugleich der Status der Produktivität entzogen, weil die Bereitstellung solcher preislosen respektive unbezahlbaren Güter dem vorab als „unproduktiv“ klassifizierten Staat zufällt. Ohne Profit keine echte Wertschöpfung, so die Idee. Mazzucato: „Dieser Ansatz hat eine schwerwiegende Konsequenz, impliziert er doch, dass der Staat nie und nimmer in die Wirtschaft eingreifen darf – es sei denn im Falle, dass der Marktmechanismus versagt“ (S. 101). Dieser Staat ist also schon beinahe vollends jener, den der spätere Neoliberalismus entwirft: Grundsätzlich ein Schmarotzer, konsumierend, lediglich stabilisierend bzw. kompensatorisch nützlich und gefragt, wenn’s richtig teuer wird. Dieser Staat kann keinen Wert schöpfen. Er kann Werte nur abschöpfen und verbrauchen.

Demgegenüber ist das dritte Kapitel des Buches von geringerem Argumentationswert: Zusammengetragen wird die Geschichte der „einen Zahl“[5], des Bruttosozialprodukts als der ökonomischen Maß- und der politischen Symbolzahl volkswirtschaftlicher Produktivität. Mazzucato führt mit der Tradition und einer Reihe witziger Gedankenspiele zugleich die Absurdität dieser Kennziffernorm vor: Was in sie eingeht und was nicht, sei kontingent. Unzählige öffentliche Leistungen (Schulen!) und diverse private Vorbedingungen (Hausarbeit!) marktlicher Wertschöpfung blieben ausgeklammert, von illegalen Märkten ganz zu schweigen. Was nicht in Preisform darstellbar sei, finde in der gesamtwirtschaftlichen Bilanz kaum statt. „Dieser problematischen Logik zufolge würde es das BIP einer Nation vergrößern, würden wir unsere Nachbarn dafür bezahlen, unsere Kinder zu hüten und unsere Wäsche zu waschen und umgekehrt“ (deren Kinder, deren Wäsche). „Eine Nation von Eigenheimbesitzern könnte für eine künstliche Anhebung des BIP sorgen, indem man die Häuser mit den Nachbarn tauscht und einander dann Miete zahlt“ (S. 131, 133). Vor allem aber: Durch die Ausblendung nahezu aller staatlichen Konsumausgaben (mit Ausnahme der öffentlichen Löhne und Gehälter) einschließlich einer großen Zahl „von Gütern und Dienstleistungen von Unternehmen – vom Kaffee bis hin zu Autos, von Bleistiften […] bis hin zu Mietbüros für Regulierungsbehörden“ werde der Mythos rechnerisch untermalt, „der Staat spiele bei der Wertschöpfung lediglich eine vermittelnde statt einer führenden Rolle“ (S. 127f.).

Den sodann folgenden, umfassenden Mittelteil des Buchs stellen Kapitel zur Rolle der Finanzmärkte. Ihr historischer Aufstieg durch die Trennung von Investmentbanken und auf Realwerten basierender Kreditwirtschaft der klassischen Banken, die Entfesselung eines systemischen Spielcharakters („Kasino-Kapitalismus“) und die finanzialisierende Kolonisierung der Realwirtschaft werden nacheinander betrachtet (S. 141-248). Mazzucato geizt nicht mit Urteilen, die schiere Anzahl ihrer Beispiele überwältigt, der Neuigkeitswert mancher Darlegungen dagegen scheint gering. Solide wird anhand vor allem der USA und Großbritanniens ausgeführt, wie der Finanzmarktsektor im Zuge seiner neoliberalen Deregulierung begann, nicht mehr dienstleisterisch für die produzierende Wirtschaft zu wirken, sondern diese vielmehr schrittweise zu verdrängen und schlimmstenfalls parasitär auszulaugen („Finanzextraktion“). Innerhalb des Bruttosozialprodukts sanken die Wertzuwachsanteile der Realwirtschaft binnen weniger Jahrzehnte in fast proportionalem Verhältnis zum Aufstieg der Finanzwirtschaft.

Das geschah auch, weil die Finanzinstitute bald lieber untereinander ihre „Produkte“ „handelten“ (das heißt Verwaltungsgebühren und Gewinnprovisionen für elektronische Umbuchungen zu ausgesuchten, schnell wechselnden Zielen einstrichen), als der produzierenden Wirtschaft Kredite zur Verfügung zu stellen. Auf der kompensatorischen Suche nach ausreichend „real“ anmutenden Anlagemöglichkeiten wurden dann schnell auch klamme öffentliche Einrichtungen Opfer der Finanzialisierungsagenten: Altenheime, kommunale Wasserbetriebe usw., Einrichtungen der Daseinsvorsorge mithin, deren Wertzuwachs sich nur bedingt steigern ließ, weshalb sie umso rigider ausgepresst wurden und häufigen Eigentümerwechseln unterlagen.

Doch auch die Realwirtschaft erlag dem Reiz des schnellen Geldes: Autohersteller, Immobilienkonzerne oder die IT-Branche verbanden ihren Absatz zunehmend mit Finanzierungsinstrumenten. Dass etwa ein Auto verkauft wurde, trat hinter die Art der Geschäftsgestaltung zurück. Käufer sollten nicht mehr als Konsumenten von qualitativen Waren gebunden, sondern als Image-Konsumenten in langfristige Finanzbeziehungen mit Konzernen verstrickt werden. Zeitvertragliche Zahlungsversprechen und intensivierte Absatzhoffnungen traten an die Stelle des Kaufvollzugs und konnten somit an den Finanzmärkten gebündelt und gehandelt werden. So lief die Spirale des „privaten Keynesianismus“ an: Die Produkte mussten ‚nicht wirklich‘ bezahlt werden. Das ermöglichte intensivierte Konsumräusche immer größerer Menschenmassen. Dass sich hierin eine gewaltige Verschärfung sozialer Ungleichheit gleich doppelt anzeigt, liegt auf der Hand: Die Spekulationsgewinne schossen durch die Decke, die Solidität des auf Pump realisierten Massenkonsums finanzialisierter Güter sank in den Keller.

Weiterhin in Schumpeters Tradition die Erwerbsarbeit außer Acht lassend hält sich Mazzucato nicht mit der Frage auf, was das für die Qualität der Produkte und die Produktionsweise heißt.[6] Allenfalls am Beispiel von „Dieselgate“, dem VW-Abgasskandal, deutet sie an, dass eine in die Finanzialisierung verstrickte öffentliche Hand den Druck primär finanzieller Performance nicht nur nicht minderte, sondern der Schädigung vor allem ausländischer Verbraucher_innen womöglich sogar gleichgültig gegenüberstand. Doch bleiben derlei Erwägungen marginal. Mazzucato fokussiert stattdessen ganz auf die Folgen für den Unternehmenswert. Denn die produzierende Realwirtschaft übernahm die für ihre Verhältnisse gänzlich irrealen Profitvorstellungen und Mindestgewinnvorgaben des Finanzsektors. Diese Maximierung des Shareholder-Value, d.h. der realisierbaren Aktienwertanteile an gleichwie gearteten Zuwächsen der Unternehmenswerte, und der Aufstieg einer an den zahlreichen neuen Business-Schools entsprechend gedrillten Renditemanagerklasse besorgten den Aufstieg eines Aktienkursregimes, in dem sich der Börsenwert eines Unternehmens selbst durch betriebsfernste Beteiligungen und Streugeschäfte einfacher steigern ließ als durch solide Produktion.

Das Gute der öffentlichen Güter, oder: Was tun?

All dem gegenüber fallen die drei verbleibenden Kapitel, immerhin ein Drittel des Buchs, analytisch und theoretisch erstaunlich ab. Das ist teils dadurch zu erklären, dass Mazzucato darin eine kleine, eher lehrbuchhafte Innovationstypologie liefert und im Weiteren auf ihre Konzeption aus dem „Entrepreneurial State" zurückkommt, die empirischen Befunde und Beispiele dieser Vorarbeit erweitert und eine Reihe teils schon genannter „Extraktionsformen“ erläutert., den zuletzt ausgeweiteten Patentschutz etwa, also die Möglichkeit für Monopolisten, sich Konkurrenz mit Hilfe staatlicher Institutionen vom Hals zu halten. Wer „The Entrepreneurial State" nicht kannte, wird mit diesen Ausführungen entschädigt. Dann aber folgt ein seltsam beliebiges Kapitel: Jüngere ökonomische Entwicklungen wie das deutsche Austeritätsdogma u.ä. werden willkürlich aufgerufen und kommentiert, der Keynesianismus wird erklärt und – besonders erstaunlich – Smith, Ricardo und Marx, die BIP-Berechnungskritik und andere der 200 Seiten zuvor ungleich schneidiger präsentierten Themen werden noch einmal auf die Bühne geholt, gefolgt vom schon oben angeführten Lob des öffentlichen Sektors.

Interessanter ist, dass unterhalb dieser Passagen endlich die wirtschaftstheoretisch produktive statt wirtschafts- und ideenhistorisch rekonstruierte Komponente des Gesamtvorhabens kenntlicher wird. Denn wie viele vor und mit ihr stört sich Mazzucato an einem wirtschaftstheoretischen Grundmodell, um nicht zu sagen: am Trivialschema „öffentlicher Güter“, das den Staat „negativ“, als bloße Reaktionsinstanz auf „Marktversagen“ konzipiert. Die ostentative Geringschätzung der allgegenwärtigen und allumfassenden öffentlichen Infrastrukturen, jener „Fundamentalökonomie“ unseres „alltäglichen Kommunismus, der unserem alltäglichen Kapitalismus unterliegt und ihn faktisch überhaupt erst ermöglicht“, wie Wolfgang Streeck dieser Tage pointiert,[7] ärgert auch Mazzucato. Der Begriff des öffentlichen Gutes werde „tendenziell negativ verwendet, das heißt er beschränkt die Vorstellung davon, was Regierungen tun dürfen“.[8] Denn selbst wenn die rein logische Theorieanlage dieses Modells nicht so normativ ist wie sie klingt, stimuliert ihre denunziatorische Symbolsprache doch folgepessimistische Assoziationen: die Sozialisierung der Risiken und Privatwirtschaftsfolgekosten werden als „negative ‚externe Kosten‘“ und Regulierungen als „Interventionen“ klassifiziert. Kein Wunder daher, dass die „Wertschöpfung“ in unserem Sprachhaushalt nicht dem Staat oder der Öffentlichkeit zugeschrieben wird, sondern der Privatwirtschaft (S. 13ff.).

Dagegen empfiehlt Mazzucato den verwaltungswissenschaftlichen Terminus „des öffentlichen Werts beziehungsweise Public Value“. Der sei „breiter als der momentan populärere Begriff des ‚öffentlichen Guts‘. […] Durch dieses neue Vokabular werde die Politik ihre Zurückhaltung verlieren, die sie seit Jahrzehnten an der Finanzierung dringend benötigter Infrastrukturinvestitionen hindert und die mitverantwortlich war für die unzureichende finanzpolitische und regulatorische Reaktion auf die Finanzkrise 2008 und die anschließende Rezession.“ Die mentale Umrüstung unserer Assoziationen könne gar ein affirmatives Staatsbild befördern, ja „selbst eine Laufbahn im öffentlichen Dienst wieder spannend werden“ lassen.[9]

Was genau der von Mazzucato immer wieder behauptete Rekurs auf eine undeutliche Vergangenheit referentialisiert, wann genau jenes „[F]rüher“ war (S. 39f.), das „wieder“ gestärkt gehört, bleibt unklar. Wichtiger ist die Frage, inwiefern all dies die (mittlerweile doch recht differenzierte) Basistheoriemodell „Öffentlicher Güter“ in den Grundfesten erschüttern kann.[10] Methodologisch wäre etwa zu fragen, warum normative Einwände die positivistisch-rationalistische, ja geradezu spieltheoretische Logik des Güter-Modells beeindrucken sollten. Das Modell wird durch die Idee doch nicht tangiert, dass wir „weg“ müssten „von einer lediglich auf Förderung oder Umverteilung privater Wertschöpfung ausgerichteten Politik hin zu einer, bei der es um das gemeinsame Schaffen und Gestalten geht sowie um eine Gewinnverteilung, die die kollektive Natur dieses Schaffens von Wert reflektiert“.[11]

Zudem schlägt zu Buche, dass Mazzucatos schumpeterianisches Kapitalismusmodell die sozio-politische Dimension der Produktion durch menschliche Arbeitskraft vernachlässigt, anders gesagt: dass sie den Klassen- oder Schichtungs-, jedenfalls den sozialen Positionierungscharakter des Wirtschaftens unterschätzt. Denn Umverteilung findet auch innerhalb der „kollektive Güter“ nutzenden Gruppe statt. Generationell sichtbar etwa in der Atomkraftförderung, deren wirkliche Kosten in die Zukunft überwälzt werden. Gruppendifferenziert sichtbar etwa im Privatautomobilwesen, dessen Infrastruktur-, Gesundheits- und Umweltkosten ebenso sozialisiert werden wie es die von einem autogerechten öffentlichen Raum be- oder verhinderten Aktivitäten und Potentiale verschleiert.

So wird die eigentlich politische Frage der Konzeption „öffentliche“ bzw. „kollektive Güter“ weder gestellt noch beantwortet: Wer ist das Kollektiv, wer sind „wir“? Das herkömmliche Modell musste sich diese Frage weder stellen noch gefallen lassen, denn das „Öffentliche“, das „Kollektive“ war lediglich als Negativbefund sichtbar: Zeigte sich kein privates Interesse an der Bereitstellung eines Gutes, wurde es als „öffentlich“ klassifiziert. Just daran aber stört sich Mazzucato. Sie denkt in Kollektiven und formuliert für diese – lässt aber unbestimmt, was das meint, wen das ausschließt und wer das überhaupt wünschen kann. So zielt ihre Kritik am intellektuellen Geländer des Kollektivguts sicher auf eine von prinzipieller Privatnützigkeit profitablen Tuns verschiedene, wenn auch keineswegs alternative Praxis.[12] Inwiefern diese Praxis aber die modelltheoretische Zugriffsweise in Frage stellt, ist nicht auszumachen. Vielmehr steht zu vermuten, dass der Mainstream der wirtschaftswissenschaftlichen Disziplin – hat er sich überhaupt bis hierhin vorgewagt – nun erleichtert aufatmet. Keine Modellkorrektur nötig, nur eine Aufhübschung mit wohlklingenderen Vokabeln.

Coole Sprachbilder, gepflegte Semantik und das Narrativ einer „Ökonomie der Hoffnung“

Eine abschließende Ausführung zur Politik der Semantik. Bis hierhin sollte deutlich geworden sein, dass sich Mazzucatos öffentlicher Erfolg nicht der ohnehin allgegenwärtigen Dringlichkeit ihres Themas allein oder der robusten Fülle des Zugriffs verdankt, sondern auch einer gekonnten Präsentation. Der sachbuchmarktgerechte Stil und der fast durchweg schmale Kapitelzuschnitt ist sprach-, sprachbild- und sprachspielgewaltig. Er setzt auf intuitives Weiterdenken der Leser_innen, auf ein selbstverständliches Weitersummen der Argumentionsmelodie („of making and taking“ bzw. „von Schöpfern und Abschöpfern“, „market-makers and market-shapers“, „lender of last resort vs. lender of first resort" usw.).

Bis hin zur im Titel mitlaufenden Definition des Zynikers in Oscar Wildes „Fächer der Lady Windermere" (jemand der von allem den Preis, indes von nichts den Wert kennt) ist „The Value of Everything" publizistisch kaum minder gewieft als sein Vorgänger. Und wenngleich eine Übersetzung mit „Der Wert des Ganzen“ oder „Der ganze Wert“ ebenfalls gepasst hätte, tritt auch im deutschen Titel so oder so über den „Wert“-Begriff das Spiel mit der Doppelbedeutung von virtue und value günstig hervor. In hiesiger Sprache konnte sich die begriffshistorische Ersetzung des republikanischen „Tugend“- durch den liberalistischen „Wert“-Begriff ähnlich wie im Amerikanischen behaupten. Der ökonomische „Wert“, der reine Zahlenwert, genießt so den Beiklang des Guten und normativ Wünschenswerten. Mit wachsendem Umfang reichert er sich moralisch an. Wucherndes Vermögen überwölbt so die Frage nach dem Sinn. Je größer desto besser, Punkt. Auch Mazzucatos Wertkritik lebt von diesem hintersinnigen, von John Lockes Aufhebung moralischer Aneignungsschranken über Mandevilles „Bienenfabel" bis zu Max Webers „Protestantischer Ethik" eingeübtem Spiel kapitalistischer Semantik.

All dies und das Faible für Alliterationen spricht fraglos für erfolgreiche Taktik. Es bedürfe eben eingängiger Bilder, schrieb Mazzucato schon an anderer Stelle, und schien sich zu diesem Zweck von der Zoologie bis zur Ikonographie aus dem reichhaltigen Metaphern- und Maschinenbildsortiment der Ideengeschichte zu bedienen,[13] blieb tatsächlich aber unsystematisch und mehr auf Knalleffekte bedacht. Ihr bisweilen polternder Ton mag nicht allen gefallen und verdankt sich wohl auch dem Echo einer pamphletistischen Erstversion des „Entrepreneurial State", doch ist er nicht ganz zweckfrei. Insoweit Mazzucatos Stil auch die Halbstarkenattitüde der Business-Journale und Manager-Magazine bedient, predigt sie nicht nur zu den ‚already converted‘, sondern haut Argumente auf den Tisch, die nicht zur gelehrten Diskussion laden oder gar schulterklopfen wollen, sondern die trumpfen sollen.

Doch geht das leider nicht immer gut. Das zeigt sich insbesondere an Mazzucatos vordergründig passendem Konzept des „Entrepreneurial State". Denn der Terminus des „Unternehmerstaats“ hat fiskalsoziologische Tradition. In der jüngeren Politischen Ökonomie, deren Bereitschaft zu wirtschafts- und ideenhistorischen Rückblicken wohl weiterhin gering bleibt, wird der Unternehmerstaat häufiger auf Rudolf Goldscheid zurückgeführt. Zwar fälschlich als „sozialistisch“ etikettiert, meint der einen Wirtschaftsstaat, der selbst produziert. Mazzucato teilt diese Traditionen und Facetten der ideenhistorischen Tradition, in der sie aufgrund ihrer Schumpeter- und Polanyi-Referenzen gesehen wird, weder semantisch noch theoretisch oder gar konzeptionell. Ihr „Unternehmerstaat“ ist wesentlich der westliche Finanz- und Steuerstaat der letzten Jahrzehnte. Der solle gelegentlich nur über die Höhen seiner Abschöpfungsanteile nachdenken und stärkere bzw. transparentere öffentliche Beteiligungen erwägen. Dies freilich bleibt prinzipiell identisch mit der nicht nur hierzulande fundamental verankerten Überzeugung, dass sich der moderne, liberaldemokratische Finanz-, Rechts-, Sozial- und Wohlfahrtsstaat in der fiskalischen Gestalt eines kapitalismusaffinen Steuerstaates bewähren muss: als ein Staat der Wachstums- und Innovations- als Daseinsvorsorge; als ein Staat, der die Bedingungen des Wirtschaftswachstums tendenziell als Verfassungsauftrag begreifen muss und dafür gelegentliche oder strukturelle Stimuli setzt.[14]

Der „Unternehmer“ Mazzucatos ist also nicht der Staat per se. Er ist Kreditgeber, Inspirationsmotor, Rückversicherer. Seiner öffentlichen Hand soll darum mehr Tribut gezollt und Partizipation eingeräumt werden für alle die von ihr eingefädelten Netze und Deals. Mazzucato setzt somit neben moralischen Appellen auf eine partiell kollektivistische Korrektur im Bestehenden, auf eine – so die Hoffnung – folgenreiche diskursive Erneuerung der ‚Erzählung Markt‘. Ihr finales Kapitel, ein Plädoyer für eine „Ökonomie der Hoffnung“, unterstreicht dieses dann doch recht theorieferne Werben für neue Wohlstandsnarrative.

Fazit

Wie vor wenigen Jahren in den Debatten um Thomas Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert" bleibt auch an Mazzucatos nichtsdestotrotz faszinierenden, enorm materialreichen und mitreißend engagierten Büchern der leise Verdacht konzeptionellen Stillstands aufgrund stockender Theoriearbeit hängen – der Verdacht, dass die staunenswerten öffentlichen Erfolge dieser Sachbücher weniger aus einer fachökonomischen Radikalität resultieren als vielmehr aus dem Gegenteil: dem nicht unbequemen Gefühl des bisweilen sonntagsredenhaften Appells an das Gute mit dem im Prinzip vieles so bleiben darf wie es ist.[15] Denn eigentlich würde dieses „Everything“ mit etwas mehr „Abschöpfung“ und aktiveren Unternehmensbeteiligungen seitens der ‚mitschöpfenden‘ Gesellschaft schon irgendwie und auch „nachhaltiger“ werden – wenn wir nur endlich die Tatsache kollektiver Wertschöpfung in unsere Leistungs-, Wachstums- und Wohlstandsnarrative einpflegten.

Fußnoten

[1] Orig. 2013 London/New York; dt. als Das Kapital des Staates. Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum. Aus dem Englischen von Ursel Schäfer, München 2014.

[2] Siehe die Überblicke bei Wolfgang Knöbl, Zwei Leerstellen der neueren Kapitalismustheorie. Über Mehrwert und Profit, in: Mittelweg 36 26 (2017), S. 55–74, bei Friederich Lenger, Globalen Kapitalismus denken: Historiographie-, theorie- und wissenschaftsgeschichtliche Studien, Tübingen 2018, Dirk Löhr, Prinzip Rentenökonomie. Wenn Eigentum zu Diebstahl wird, Marburg 2013, und konkret beispielsweise Aaron Sahr, Keystroke-Kapitalismus. Ungleichheit auf Knopfdruck, Hamburg 2017, Joscha Wullweber, Geld, Staat und Liquiditätsketten. Die Politik der Geldschöpfung und Zentralbankpolitik in Postkrisenzeiten, in: Politische Vierteljahresschrift 60 (2018), 1, S. 45–70, Luc Boltanski und Arnaud Esquerre, Bereicherung. Eine Kritik der Ware, Berlin 2018, Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis, Berlin 2016.

[3] Zu nennen wären etwa Frank Adloff/Volker M. Heins (Hg.), Konvivialismus. Eine Debatte, Bielefeld 2015, Foundational Economy Collective, Foundational Economy. The Infrastructure of Everyday Life, Manchester 2018, Dirk van Laak, Alles im Fluss. Die Lebensadern unserer Gesellschaft – Geschichte und Zukunft der Infrastruktur, Frankfurt am Main 2018, Jens Kersten et al., Politik des Zusammenhalts: Über Demokratie und Bürokratie, Hamburg 2019, Lutz Wingert, Kollektivgüter jenseits des Kapitalismus, in: Smail Rapic (Hg.), Jenseits des Kapitalismus, Freiburg (i.E.).

[4] Joseph A. Schumpeter, Konjunkturzyklen. Eine theoretische, historische und statistische Analyse des kapitalistischen Prozesses. Aus dem Amerik. v. Klaus Dockhorn. Neuausg. mit einer Einleitung von Cord Siemon, Göttingen 2008 (Orig. 1939), S. 234.

[5] Philipp Lepenies, Die Macht der einen Zahl. Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsprodukts, Berlin 2013.

[6] Das heißt: dass die Qualität des eigentlichen Kaufgegenstands in den Hintergrund treten konnte, denn nun wurde der zügige Wertverlust ungleich lukrativer. Ein schneller Austausch defekter oder schadhafter Ware gegen neue gefiel schließlich allen Beteiligten: die Finanzbeziehungen wurden verlängert; der Prestigewert, sich ständig als Besitzer_in neuester Produkte zu inszenieren, wurde neuer Standard. Darin nur eine systemische Ursache der Finanzkrise und neuen Ungleichheitsabgründe erkennen zu wollen, griffe zu kurz. Immerhin ließe sich hier ein Faktor der Wegwerfkultur unserer Wirtschaftsweise identifizieren, ihrer massiv verkürzten Obsoleszenzzyklen und folglich beschleunigten Produktions- und Innovationsintervalle. Entsprechend haben Boltanski und Esquerre (Bereicherung. Eine Kritik der Ware) den romantisch-ökologisch ‚gepflegten‘ Distinktionskonsum der Gegenwart (Manufactum, Qualitätstourismus, Geschichtlichkeitssimulation etc.) als passgenauen Gegenfetisch vorgeführt.

[7] Wolfgang Streeck, Der alltägliche Kommunismus. Eine neue Ökonomie für eine neue Linke – modifizierter Vorabdruck der Einleitung zu Die Ökonomie des Alltagslebens. Für eine neue Infrastrukturpolitik (Berlin 2019 (i.E.)), in: Blätter für deutsche und internationale Politik 64 (2019), 6, S. 93–105, hier: 93.

[8] Hier nach der besser verdichteten Variante Mariana Mazzucato, Der unternehmerische Staat: Risiken und Gewinne vergesellschaften, in: Leviathan 47 (2019), 2, S. 123–143, hier: 137.

[9] Ebd., S. 137f.

[10] Siehe Birger Priddat, Politische Ökonomie. Neue Schnittstellendynamik zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, Wiesbaden 2009; Wingert, Kollektivgüter jenseits des Kapitalismus; Giacomo Corneo, Bessere Welt: Hat der Kapitalismus ausgedient? Eine Reise durch alternative Wirtschaftssysteme, Wien 2014; mit transdisziplinärem Forschungsstand Sebastian Huhnholz, Demokratie als öffentliches Gut? Die Finanzierung souveräner Freiheit im Steuerstaat, in: Politische Vierteljahresschrift 59 (2018) 1, S. 37–61.

[11] Mazzucato, Der unternehmerische Staat, S. 143; vielfach identisch in dies., Wie kommt der Wert in die Welt?

[12] Damit greife ich eine Unterscheidung Lutz Wingerts zur Frage auf, was „jenseits des Kapitalismus“ in Bezug auf Kollektivgüterproduktion und -pflege meint (Wingert, Kollektivgüter jenseits des Kapitalismus).

[13] Mazzucato, Das Kapital des Staates, S. 17f.

[14] In diesem Sinne mit weiteren Nachweisen Sebastian Huhnholz, Der Fall des Steuerstaates, in: Mittelweg 36 27 (2018), 1 (Schwerpunktheft „Von Steuern und Staaten“, hrsg. v. Lars Döpking), S. 29–47, hier: 36.

[15] Denn der hohe Ton wird häufiger zum hohlen: „Um den Kampf gegen Klimawandel und Krebs voranzutreiben, braucht es konkrete Missionen mit Kollaborationen von Akteuren unterschiedlichster Art; es braucht klar abgesteckte Ziele für eine Vielzahl von Akteuren über eine Vielzahl von Sektoren hinweg und gemeinsame Investitionen zur Erforschung neuen Terrains; und es braucht Geduld zum Erreichen langfristiger Ziele“ (S. 357).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer und Philipp Tolios.