Die Verdatung der Welt

Rezension zu "Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus" von Shoshana Zuboff

Wie funktioniert die digitale Wirtschaft? Welche Auswirkungen hat sie auf Politik und Gesellschaft? Und was bedeutet die Verdatung der Welt für das Heranwachsen, das Leben, den Alltag? Shoshana Zuboffs 728 Seiten starkes Buch über das „Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ stellt große Fragen. Es will wissen, ob „die digitale Zukunft uns eine Heimat sein“ kann (S. 18).[1] Angesichts der rasanten und tiefgreifenden Umwälzungen, die mit dem informations- und kommunikationstechnologischen Wandel einhergehen, ist ein solch ambitioniertes Vorhaben ebenso herausfordernd wie notwendig. Gelingt Zuboff eine überzeugende begriffliche Durchdringung unserer digitalen Gegenwart?

Zweifellos zählt die Emerita an der Harvard Business School zu den wenigen Autoren, denen man eine solche Analyse überhaupt zutraut. Bereits 1988 legte sie mit „In the Age of the Smart Machine: The Future of Work and Power“ eine bahnbrechende Untersuchung zur Digitalisierung vor. Jahrzehntelang forschte Zuboff gleichsam im Herzen des digitalen Kapitalismus und interviewte dabei unter anderem ein halbes Hundert führender Datenwissenschaftler. Sie veröffentlichte vielzitierte Artikel wie den preisgekrönten Aufsatz „Big Other: Surveillance Capitalism and the Prospects of an Information Civilization“, aus dem das vorliegende Buch hervorging.[2] Zuboffs Magnum Opus verhehlt nicht, dass es Summe und Vermächtnis sein will; die darin geführten inhaltlichen Auseinandersetzungen reichen zurück bis in die Studienzeit der Verfasserin, wie etwa ihre Ablehnung der Position B. F. Skinners deutlich zeigt.

Im deutschsprachigen Raum wurde Zuboff bekannt, weil Frank Schirrmacher, der verstorbene Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Texte der Ökonomin in der FAZ abdruckte. Ihm ist das Buch (neben ihrer Familie) gewidmet. Interessanterweise unterbleibt jedoch eine Auseinandersetzung mit anderen von Schirrmacher protegierten und für das Thema einschlägigen Denkern wie David Gelernter, Jaron Lanier und Evgeny Morozov. Das Buch erschien noch vor der amerikanischen Ausgabe in deutscher Übersetzung – mit einer Umschlaggestaltung, die unverkennbar an diejenige der deutschsprachigen Ausgabe von Thomas Pikettys Bestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ angelehnt ist. Damit tut der Verlag seiner Autorin freilich keinen Gefallen, erweist sich Zuboffs Buch doch als Analyse eigenen Rangs.

 

Die Logik einer neuen Marktform

Die Ausgangsthese der Autorin lautet, dass die Wirtschaftsweise des digitalen Zeitalters sich fundamental von derjenigen des industriellen unterscheidet. Es setze sich eine „neue Marktform“ (S. 7) durch, deren Grundkonflikt nicht zwischen Industriekapital und Arbeit, sondern zwischen „Überwachungskapital“ und der „Gesamtheit unserer Gesellschaften“ verlaufe (S. 225). Entsprechend gelte es festzuhalten, „dass die Überwachungskapitalisten sich mit Transparenz und Datenschutz so schwer tun wie die frühen Industriekapitalisten mit der Verbesserung der Arbeitsbedingungen“ (S. 286). Zuboff geht sogar noch weiter, wenn sie konstatiert, dass die neue ökonomische Logik „so bedeutend für die menschliche Natur“ im 21. Jahrhundert sei wie der Industriekapitalismus des 20. und 19. Jahrhunderts „für die Natur an sich“ (S. 7). Worin also besteht die Funktionsweise dieser Ausprägung des Kapitalismus? Was macht sie in ihrem Kern aus?

Zunächst einmal muss man sich vor Augen halten, dass das neue Wirtschaftsmodell mit der Umstellung von serieller Massenproduktion auf personalisierte Angebote und Preise nicht tief genug beschrieben wäre, weil es letztlich auf eine Verhaltensänderung zielt.[3] Der digitale Kapitalismus besteht aus drei Elementen: Datenextraktion, Verhaltensvorhersage und Verhaltensmodifikation. Historischer Ausgangspunkt der auf Datengewinnung basierenden Wirtschaft war Googles Suchmaschine, bei der die neu entdeckten algorithmisch-ökonomischen Mechanismen zunächst zur Optimierung von Onlinewerbung genutzt wurden. Bei Google erkannte man, „dass der stetige Strom kollateraler Verhaltensdaten die Suchmaschine in ein rekursives Lernsystem verwandeln könnte“ (S. 90). Extrahierte Daten (etwa über das Suchverhalten oder die Kaufhistorie von Kunden) ermöglichen eine präzise Platzierung (Targeting) von Werbebannern, deren Erfolg an der Klickrate gemessen wird. Zuboff spricht vom Verhaltensüberschuss, der Vorhersagen über die Wahrscheinlichkeit des Anklickens einer Anzeige erlaubt. Da die Anzeigen in automatisierten Auktionen an Werbetreibende verkauft werden, handelt es sich Zuboff zufolge bei Googles Vorhersageprodukten um Derivate von Verhaltensüberschuss, die auf Verhaltensterminkontraktmärkten gehandelt werden (S. 22, 105). Das Modell machte Schule: „Die neue Akkumulationslogik griff zunächst auf Facebook über, das im selben Jahr startete, in dem Google an die Börse ging.“ (S. 114) Es folgte Microsoft, das durch Verhaltensprodukte Marktanteile zurückgewann, später auch Amazon sowie eine Vielzahl kaum bekannter, kleiner Firmen.[4] „Google ist für den Überwachungskapitalismus, was Ford und General Motors für den auf Massenfertigung gebauten Managementkapitalismus waren“, schreibt Zuboff (S. 85).

Um die Logik des neuen Marktmodells zu verstehen, muss man sich klar machen, dass es umso besser funktioniert, je umfangreicher die Datenmenge ist, die den Algorithmen zur Verfügung steht. Gerade die Skalierung ermöglicht eine präzisere Individualisierung: Massenvorteile stellen einen Qualitätsvorsprung dar. Erfolgsbedingung auf Märkten dieser Machart ist es also, möglichst viele, möglichst diverse und möglichst tiefe Daten zu extrahieren und in Form von Vorhersageprodukten und Verhaltenssteuerung Profit aus ihnen zu ziehen. Zuboff spricht von einem „Extraktionsimperativ“ (S. 110) bzw. einem „Vorhersageimperativ“ (S. 232) sowie entsprechenden Operationen und Architekturen, die enorme soziale wie kulturelle Konsequenzen haben. Lukrativ ist, was prädikativ ist, und prädikativ ist, was transformativ ist.

Die Notwendigkeit, immer mehr und immer bessere Daten zu gewinnen, führte zunächst dazu, „das Modell über Googles Suchseiten hinaus zu erweitern und das gesamte Internet zur Leinwand für Googles zielgerichtete Werbung umzufunktionieren“ (S. 106). In einem zweiten, entscheidenden Schritt wurde die Verdatungslogik von der virtuellen auf die materielle Welt ausgedehnt (S. 178). Im Zeichen des „ubiquitären Computing“ durchdringen Sensoren die gesamte Wirklichkeit: Körper und Kleidung (durch sogenannte „wearables“), Einrichtung und Wohnung (mit dem „internet of things“), schließlich den öffentlichen Raum, kurzum „jeden Winkel, jede Ritze, jede Äußerung, jede Geste“ (S. 278).[5] So führt etwa die Neuerfindung konventioneller Haushaltsgeräte als „smart home appliances“ (vom Staubsauger mit Innenraum-GPS bis zum Lautsprecher mit eingebauter Abhörfunktion) zu einer halbfreiwilligen Verwanzung der Privatsphäre, da die Geräte nur nutzen kann, wer undurchsichtigen und jederzeit änderbaren Softwarelizenzen zustimmt. Auf diese Weise gelingt es überwachungskapitalistischen Akteuren, „auch das letzte Häppchen gelebter Erfahrung als Verhaltensdaten zu rendern“ (S. 274 f.). Die Infosphäre ist nicht mehr Karte, sondern Gebiet.

Wer das besonders eindrückliche 17. Kapitel des Buches über den Verlust der „Freistatt“ gelesen hat, weiß, was bei der zukunftsfrohen Installation von Spyware auf dem Spiel steht.[6] Denn zum einen werden nicht nur tendenziell überall und stets Daten erhoben, sondern auch möglichst intime. Erfasst werden sogar Mikro-Äußerungen „vom unbeabsichtigten Wimpernschlag bis zum vor Überraschung für den Bruchteil eines Augenblicks geöffneten Mund“ (S. 324), deren Erhebung „direkt auf unsere Persönlichkeit, Stimmungen und Emotionen, unsere Lügen und unsere Sollbruchstellen“ zielen (S. 233). Zum anderen aber – und darin kulminiert Zuboffs Analyse – zielen die überwachungskapitalistischen Vorhersageprodukte darauf ab, „menschliches Verhalten in einer wirtschaftlich interessanten Größenordnung zu beeinflussen und zu verändern“ (S. 35). Die sicherste Vorhersage ist eine, die das prädizierte Verhalten allererst herbeiführt, „durch eine formende Intervention an der Quelle“ (S. 234), „indem man Verhalten anstößt, herauskitzelt, tunt“ (S. 23). Diese als nudging (also als subtiles Anstupsen in eine gewünschte Richtung) bekannt gewordene Verhaltensmodifikation kann beispielsweise durch „eine bestimmte Wendung in Ihrem Facebook-Feed“ oder „die präzise getimte Einblendung des Pay-Buttons auf Ihrem Smartphone“ (S. 234) erfolgen. Zuboff beschreibt Push-Technologien mit sogenannten „Echtzeit-Prompts“ (S. 182), bei denen eine Karten-App Fahrrouten vorschlägt, deren Ziele von den Konsumgewohnheiten der Nutzerin bestimmt ist. Betritt sie beispielsweise eine McDonalds-Filiale, erfasst ihr Android-Handy ihren Standort und fordert sie auf, die McDonalds-App runterzuladen. Da bekannt ist, dass Sportler nach einer absolvierten Trainingseinheit für Werbung besonders anfällig sind, können Fitness-Apps dem Nutzer im Moment größter Erschöpfung ein Banner einblenden. Solche Vorhersageprodukte, schreibt Zuboff, seien „wie Wärmesuchraketen, die ihre Ziele erfasst haben: Wehrlosigkeit, Verwundbarkeit, Arglosigkeit und Vertrauen. Sie schlagen in genau dem schwachen Augenblick ein, der der Aktivierung unseres Willens vorausgeht.“ (S. 373)

In der Logik des Überwachungskapitalismus bedeutet „nicht vorherzusagendes Verhalten […] entgangene Einnahmen“ (S. 182; im Original kursiv). Der Überwachungskapitalist wird also versuchen, Leben und Welt lückenlos zu verdaten. Für Gewerbetreibende lautet die Botschaft: „Wenn du nicht auf unserer Karte bist, existierst du nicht.“ (S. 183) Und für die Endkunden bedeutet der inhärente Totalitätsanspruch des Überwachungskapitalismus, dass proprietäre Datenbanken ihn besser kennen als er sich selbst.

 

Der Schattentext und die Gesellschaft

Die elektronische Spur unserer Informationen und Kommunikationen, zu Profilen aggregiert, bezeichnet Zuboff als „Schattentext“ (S. 218) des eigenen Lebens, den wir nicht lesen dürfen. Er wird ohne unser Wissen und ohne unsere Zustimmung geschrieben, gespeichert und genutzt. Von seiner Monetarisierung profitieren wir nicht. Was vom Schattentext sichtbar wird (etwa als Suchergebnis oder Newsfeed), prägt den Eindruck, den andere von uns gewinnen, ohne dass wir die den Algorithmen eingeschriebenen Wertungen anfechten könnten. Zuboff spricht von einer beispiellosen „Konzentration von Reichtum, Wissen und Macht“ (S. 7) und hebt die Asymmetrie zwischen den Beteiligten hervor: „Überwachungskapitalisten wissen alles über uns, wärend ihre Operationen so gestaltet sind, uns gegenüber unkenntlich zu sein.“ (S. 26) Zu diesen Operationen zählen beispielsweise Facebooks psychologische Großexperimente, die „ohne soziale oder rechtliche Mechanismen für Einwilligung, Widerspruch oder Kontrolle“ durchgeführt werden (S. 347). Doch wäre es ein Irrtum, solche Aktivitäten als Ausrutscher zu verharmlosen. Vielmehr ist es das Geschäftsmodell der Überwachungskapitalisten, „menschliche Erfahrung als kostenlosen Rohstoff für ihre versteckten kommerziellen Operationen“ aufzufassen (S. 7).

Mittel- bis langfristig, so führt Zuboff in einem besonders bemerkenswerten Abschnitt aus, hebe diese Form der Ökonomie den Sinn von Verträgen als Mittel der Kontingenzbewältigung auf, weil sie „proprietären Verhaltensüberschuss zur Vorwegnahme und Verhinderung alternativer Handlungsweisen nutzt“ (S. 255). An die Stelle vertraglich geregelter Beziehungen trete „einseitige Vollstreckung“ (S. 256). Gesellschaft – so Zuboffs starke These – werde ersetzt „durch Maschinenprozesse, hinter denen ökonomische Imperative stehen“ (ebd.).

Unterstellt man für einen Augenblick die Richtigkeit von Zuboffs dystopischen Ausführungen, drängt sich die Frage auf, wie demokratisch verfasste Gesellschaften (und nicht etwa nur die chinesische mit ihrem Bürgerscoring) ein derart totalitäres Wirtschaftsmodell entwickeln und zulassen konnten.[7] Zuboff lässt keinen Zweifel daran, dass die Vorgehensweisen des Überwachungskapitalismus „keinen Platz mehr lassen für die Artigkeiten der Demokratie mit ihren zeitraubenden Praktiken, seien es nun ordnungsgemäße Verfahren, Beweise, Durchsuchungsbeschlüsse oder das Recht überhaupt“ (S. 145). Aber wie kam es dazu? Die Kapitel, in denen Zuboff die „Verfinsterung des digitalen Traums“ (S. 22) rekonstruiert und insbesondere den Wandel Googles „von einer Gründung unter dem Banner der Anwaltschaftlichkeit hin zur Entwicklung der Verhaltensüberwachung als eine ausgereifte Logik der Akkumulation“ (S. 104) nachzeichnet, zählen zu den stärksten des Buches. Anstatt den Akteuren böse Absichten zu unterstellen oder das Geschehen als bloßen Technologiefolgeneffekt zu verharmlosen, entfaltet sie materialreich die historische Konstellation, in der sich die neue Marktform durchsetzen konnte. Zu den vielen Faktoren, die Zuboff herausarbeitet, zählen unter anderem die historische Präzedenzlosigkeit der Digitalisierung; die rapide Umwälzungsgeschwindigkeit, mit der sie vor sich geht; der rechtsfreie Raum des World Wide Web, der gleichsam zur Eroberung einlud; das durch Jahrzehnte eines neoliberalen Marktregimes „schwer angeschlagene“ (S. 34) Selbstwertgefühl kritischer Akteure; das Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 und die damit verbundene Sorge vieler Gründerinnen, ohne ein tragbares Geschäftsmodell aufgeben zu müssen; intellektuelle Weichenstellungen durch brillante Denker wie den Ökonomen Hal Varian; die Skrupellosigkeit und das Geschick von Managern wie Eric Schmidt und Sheryl Sandberg; der „überwachungspolitische Ausnahmezustand“ (S. 145) nach den Anschlägen vom 9. September 2001; die Interdependenz zwischen Nachrichtendiensten und dem Silicon Valley; Auswirkungen des Micro-Targeting auf politische Prozesse, einschließlich der Präsidentschaftskampagne Obamas im Jahr 2008 sowie schließlich die radikale menschenrechtliche Indifferenz der überwachungskapitalistischen Wirtschaftsform. Besonders überzeugend untersucht Zuboff auch die sprachliche Seite der Umstellung auf die neue Ökonomie, die unter anderem von der Vereinnahmung kritischer Begriffe wie Teilhabe und Selbstbestimmung profitiert. Rhetoriken der Unvermeidbarkeit (‚alternativlos‘), der Innovation (‚es hat auch Vorteile‘) und zynische Verharmlosungen (‚nichts zu verstecken‘) sowie „Siege kraft Deklaration“ (S. 211) tragen ebenso zum Erfolg bei wie die von Zuboff luzide sezierten PR-Strategien und Lobbyaktivitäten von Google und Facebook.[8] Das Ziel von Zuboffs Analyse der Entstehungsbedingungen des Überwachungskapitalismus besteht darin, dessen historische Kontingenz und damit seine Veränderbarkeit aufzuzeigen. Vor der Auseinandersetzung mit ihren Handlungsvorschlägen soll das Buch nun einer generellen Bewertung unterzogen werden.

 

Die DNA des Datenkapitalismus

Es fiele leicht, Zuboffs Buch Dramatisierung vorzuhalten. Zwar hat sich die Vorstellung, „der vernetzten Form eigne so etwas wie eine immanente Moral“ (S. 23), längst als illusionär erwiesen. Aber neigt Zuboff nicht dennoch zu einer allzu apokalyptischen Argumentation? Wer diesen Einwand erhebt, sollte sich vor Augen halten, dass die Autorin ihre Kritik des Datenkapitalismus auf die Lektüre von Patentschriften, ökonomischen Papieren und Gesprächen mit Managerinnen und Informatikern stützt. Es gibt mehr als eine Stelle in diesem sorgfältig recherchierten, seriös und klug argumentierenden Buch, die man nicht lesen kann, ohne dass einem mulmig zumute wird – das geschieht jedoch nicht wegen vager Zukunftsprojektionen, sondern aufgrund nüchterner Gegenwartsbeschreibungen. Unaufgeregtheit gegenüber den dargestellten Entwicklungen könnte sich bald als Mangel an Wissen, Einbildungskraft und Wachsamkeit erweisen.

Zu den Stärken des Buches zählt ferner der ausgeprägte Sinn der Autorin für die Macht- und Kommunikationsstrategien einiger weniger Konzerne, die deren beispiellose Dominanz ermöglichten. Nach der Lektüre wird man den Beschwichtigungskampagnen von Google und Facebook keinen Glauben mehr schenken, weil das Geschäftsmodell der Unternehmen so kristallklar vor Augen liegt.

Für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der digitalen Ökonomie ist des Weiteren von Bedeutung, dass Zuboff nicht in der Arbeit, sondern in jeder Art menschlicher Erfahrung, mithin in der Kultur, den Schlüssel zur einer zeitgemäßen Kapitalismusanalyse erkennt.[9] Schließlich darf Zuboffs Einbettung der Ökonomie in ein humanistisch geprägtes Denken (wie beispielsweise die Totalitarismusforschung) als Vorzug des Buches gewertet werden.

So offensichtlich die vielen Stärken dieser Untersuchung einerseits sind, so sehr muss doch auch eine Reihe von Schwächen angesprochen werden. Zuboff sieht die Überwachungsökonomie „auf dem besten Weg, zur dominanten Spielart des Kapitalismus unserer Zeit zu werden“ (S. 73). Falls diese Aussage quantitativ gemeint ist, so bleibt sie entsprechende Zahlen schuldig.[10] Google, Facebook, Microsoft und Amazon, Telekommunikations- und Kabelunternehmen sowie SaaS-Anbieter[11] machen zwar einen beträchtlichen Teil der Märkte aus und stellen sicherlich die Blaupause für zahlreiche Neugründungen dar, aber handelt es sich wirklich um das Gros der weltweiten Wertschöpfung? Von einem „totale(n) Neuentwurf der marktwirtschaftlichen Ordnung“ (S. 412) zu sprechen und nicht von einer hinzutretenden, wenngleich machtvollen Marktform, neben der auch ältere fortbestehen und gegen die sogar alternative antreten, bleibt einseitig und spielt den zumindest derzeit noch vorhandenen Entscheidungsspielraum der Marktteilnehmerinnen herunter. „Wir selbst sehen uns der Alternativen beraubt“, schreibt Zuboff (S. 276), als wäre es nicht mehr möglich, gewöhnliche Haushaltsgeräte zu kaufen oder auf bestimmte Anwendungen ganz einfach zu verzichten. Es ist richtig, dass Transparenz und datenschutzfreundliche Interfaces der Standard sein sollten, aber es stimmt nicht, dass der Markt keine Alternativen hervorbringt, wie beispielsweise die RSS-Reader unabhängiger Entwickler belegen. Zu Recht fordert Zuboff politische Weichenstellungen und rechtliche Rahmenbedingungen, würdigt jedoch individuelle Spielräume und Präferenzen zu wenig: „Sie können den GPS-Locator an Ihrem Handy abschalten, sicher, aber kaum einer macht das, die einen weil sie sich auf seine Funktionen verlassen, die anderen weil sie nicht wissen, dass es so etwas gibt.“ (S. 280). Welche Konsequenz soll man aus einer solchen Beobachtung ziehen? Argumentationsstrategisch ist es sicherlich legitim, die große Tektonik des Wandels ins Zentrum der Analyse zu rücken. Doch gewinnt man zumal zur Erklärung des Erfolgs der neuen Marktform wenig, wenn der individuelle Nutzen überwachungskapitalistischer Angebote nur beiläufig erwähnt und sogleich abgewertet wird: „Der Überwachungskapitalismus bietet dem Einzelnen Lösungen in Form von sozialem Verbundensein, Zugang zu Informationen, zeitsparenden Annehmlichkeiten und der Illusion der Unterstützung“ (S. 446). Warum Illusion? Und warum im selben Absatz die Folgerung, der „Gedanke dahinter“ sei nicht etwa, „der Instabilität zu begegnen“, sondern „die Ausbeutung der Schwächen“, die durch die Instabilitäten der Moderne entstehen? An Stellen wie diesen macht Zuboff es sich zu leicht und fällt in eine Kapitalismuskritik alten Typs zurück, die in Konsumangeboten nur falsche Versprechen, aber keine tatsächlichen Verbesserungen des Lebens zu erkennen vermag.

Der Umfang des Buches bringt Redundanzen und längere referierende Passagen (etwa über Hannah Arendt) mit sich. Besonders Teil III rekapituliert das bereits ausführlich beschriebene Phänomen immer wieder und referiert zudem eine Reihe bereits bekannter Phänomene, darunter den sozialen Druck, unter dem Minderjährige leiden und die Ausnutzung adoleszenter Unsicherheit durch Anerkennung verheißende soziale Medien. Schließlich muss man fragen, ob die metaphernstarke Autorin nicht bisweilen übers Ziel hinausschießt, wenn sie die Nutzer digitaler Apps mit Exilanten und indigenen Völkern gleichsetzt, denen die Selbstbestimmung genommen wird (S. 125 f.).

Die deutsche Übersetzung belässt Ausdrücke wie „Ground-Truth“ (S. 40) im Englischen, im Text wird „gerendert“ (S. 93) und „geupdatet“ (S. 102), was in Anbetracht der Materie noch angehen mag. Dass ein Sachverhalt fürs Thema jedoch „entscheidend“ ist und nicht etwa „kritisch“, auch wenn es im Original „critical“ heißt, hätte das Lektorat durchaus anmerken dürfen, einen Lapsus wie „am öftesten“ (S. 619) aber auf jeden Fall verhindern müssen. Sollte sich der Übersetzer etwa – horribile dictu – des Google Translators bedient haben?

 

Sand im Getriebe

Noch 1967, bemerkt Zuboff, löste eine Überwachungssituation wie die gegenwärtige bei dem durchaus hartgesottenen Futurologen Hermann Kahn Entsetzen aus: „Heute präsentiert man eben diesen Alptraum als enthusiastischen Fortschrittsbericht über die neuesten Triumphe des Überwachungskapitalismus. […] Wie konnte der Alptraum so banal werden? Was ist aus unserem Staunen geworden? Wo bleibt unsere Entrüstung?“ (S. 255) Um abschließend der Frage nachzugehen, welche Auswege Zuboffs Analyse nahelegt, müssen zwei Merkmale der neuen Marktform hervorgehoben werden. Erstens die Tatsache, dass die Nutzer digitaler Angebote nicht zugleich die Kunden der Unternehmen sind (das sind nämlich die Werbetreibenden). Sie sind aber auch nicht - wie so oft behauptet wird - deren Produkt. Vielmehr sind sie „nur noch ahnungsloser Rohstofflieferant in einem breiter angelegten Ertragszyklus“ (S. 111), bei dem eine „Enteignung“ (S. 125) der menschlichen Erfahrung vorgenommen wird. Die „Kommodifizierung von Verhalten“ (ebd.) hat zur Folge, dass die Nutzerinnen „nicht länger Selbstzweck“, sondern „Mittel zu anderer Leute Zielen“ sind (S. 111; im Original kursiv). Als Nutzer sollte man sich also klar machen, dass die erwähnten Unternehmen etwas anderes verkaufen als das, was man selbst erhält. Vor diesem Hintergrund erscheint der alte, vielgescholtene Kapitalismus, in dem Güter und Dienstleistungen gegen Geld getauscht werden, in einer ironischen Volte als geradezu ehrlich und ethisch (vgl. S. 146). Wie falsch wirkt es dagegen, Apps gratis anzubieten, nur um hinter dem Rücken der Beschenkten Überwachungserträge einzukassieren!

Das zweite Merkmal des Datenkapitalismus, das Aufschluss über Auswege zulässt, liegt in seinem Strukturprinzip. Denn das Geschäftsmodell überwachungskapitalistischer Unternehmen läuft Datenschutz und demokratischer Kontrolle zuwider, es ist, so Zuboff, „zutiefst demokratiefeindlich“ (S. 224). Kernelemente der Moderne wie Selbstbestimmung und Privatsphäre, Rechtssicherheit und politische Gestaltbarkeit werden daher „in Form von nachträglichen Überlegungen oder pflichtschuldigen Beteuerungen“ (S. 258) bloß angehängt statt ‚eincodiert‘. Der Überwachungskapitalismus ist undemokratisch by design. „Überwachungskapitalisten gegenüber auf den Schutz der Privatsphäre zu pochen oder sich für ein Ende kommerziell motivierter Überwachung im Internet einzusetzen, ist, als würde man von Henry Ford verlangen, jedes Model T von Hand zu fertigen.“ (S. 224) An dieser Stelle – ebenso wie bei Monopolbildungen – helfen Zuboff zufolge nur staatliche Interventionen wie die Datenschutzgrundverordnung der Europäischen Union (S. 552) oder das Telekommunikationsgesetz der Bundesrepublik Deutschland (S. 306). Rechtliche Regelungen bieten zudem den Vorteil, dass sie nicht – wie etwa die private Verschlüsselung – in Form eines bloßen Sich-Versteckens die Dominanz der Datenextraktion indirekt anerkennen (S. 227) und lediglich eine privilegierte Nische für diejenigen darstellen, die über die hierfür notwendigen Mittel und Kenntnisse verfügen (S. 202).

Gegen Ende ihres Buches (S. 560 ff.) stellt Zuboff eine Reihe von „Aktivisten, Künstlern und Erfindern“ (S. 560) vor, die sich mit dem Datenkapitalismus auseinandersetzen. Dabei wird deutlich, wie wichtig auch ästhetische Aspekte beim Umgang mit der Datenökonomie sind. Wie müssten die Apps des Überwachungskapitalismus gestaltet werden, damit sie demokratischen Transparenzkriterien gerecht werden? Und welches Design hätten Anwendungen, die keine hidden agenda verfolgen, sondern – gegen Geld – das halten, was die kalifornische Ideologie so vollmundig verspricht: die Welt zu einem besseren Ort zu machen? Fragen wie diesen geht Zuboffs so anregungsreiches Buch nicht mehr nach. Es liest sich, trotz der durchgängigen Beschäftigung mit der digitalen Welt, wie ein Testament der analogen Zeit. Es ist ein Buch über Verluste. Auf ihre persönliche Website hat Shoshana Zuboff eine Zeichnung gestellt. Sie zeigt die Autorin im Bibliothekszimmer einer Altbauwohnung: Stuck, Kamin, ein Globus. Zuboff sitzt lesend in einem Sessel, hinter ihr eine Leselampe, die Wissenschaftlerin ist umgeben von Büchern, an den Wänden und auf dem Boden. Das ist die Freistatt, von der sie in ihrem Buch spricht. Bleibt die Frage, wie eine digitale Variante dieser Idee intellektueller Heimat aussehen könnte.

Fußnoten

[1] Shoshana Zuboff, Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, aus dem Englischen von Bernhard Schmid, Frankfurt am Main / New York 2018. Seitenzahlen in Klammern beziehen sich auf diese Ausgabe.

[2] Shoshana Zuboff, Big Other: Surveillance Capitalism and the Prospects of an Information Civilization, in: Journal of Information Technology (2015), 30, S. 75-89.

[3] Vgl. dazu Birger P. Priddat, Das Kulturprogramm der digitalen Ökonomie. Personalisierte Märkte, in: Zeitschrift für Kulturphilosophie (2018), 12, S. 49-58.

[4] Eine Ausnahme unter den fünf marktbeherrschenden Konzernen der Digitalisierungsökonomie bildet Apple, für den das überwachungskapitalistische Modell „als Bedrohung von außen wie als Auslöser interner Debatten eine unablässige Herausforderung“ darstellt (S. 34).

[5] Zum ubiquitären Computing siehe Mark Weiser, The Computer for the 21st Century, in: Scientific American (1991), 9, S. 94-104. Die Literaturangabe auf S. 654, Fußnote 2 ist falsch. Weisers Aufsatz erschien im September 1991, nicht im Juli 1999.

[6] Zuboff betont die Wichtigkeit eines Rechts auf Freistatt und eines Rechts auf Zukunft nicht zuletzt im Hinblick auf die Erziehung. Einer Welt, in der etwa die soziale Teilhabe Jugendlicher an soziale Medien gebunden sei oder Gadgets im Kinderzimmer Daten sammeln, fehle eine „Hinterbühne“ im Sinne Goffmans, ein Zufluchtsort der Unverstelltheit, an dem die Masken sozialer Rollen fallen können: „Für sich zu bleiben ist verboten.“ (S. 278) Eine solche Form des Großwerdens verhindere, dass Heranwachsende ein Gefühl für die Unterschiedlichkeit der gesellschaftlichen Subsysteme ausbilden: „Kinder werden als Erstes lernen, dass es keine Grenze gibt zwischen Selbst und Markt. Irgendwann wird man sich fragen, wie das überhaupt jemals anders hatte sein können.“ (S. 306)

[7] Vgl. dazu insgesamt Steffen Mau, Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen, Berlin 2017.

[8] Besonders treffend auf S. 167 & S. 398-404. Vgl. auch S. 119: „Googles Chefetage pocht gern auf ihre Unbescholtenheit in Sachen Privatsphäre, weil sie ihren Rohstoff nicht verkauft; das Unternehmen verkauft Vorhersagen“.

[9] Vgl., wenngleich mit anderer Stoßrichtung und ohne Auseinandersetzung mit dem Datenkapitalismus: Luc Boltanski / Arnaud Esquerre, Bereicherung. Eine Kritik der Ware, Berlin 2018.

[10] Bemerkenswert ist allerdings Zuboffs Hinweis, „dass GM selbst auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre mehr Menschen beschäftigte als Google oder Facebook auf dem Höhepunkt ihrer Marktkapitalisierung“ (S. 573).

[11] Software as a Service, worunter zum Beispiel Kreditvergabe-Apps, Sicherheitsprüfungen für Vermieter oder Anwendungen, die Versicherungsprämien an das Fahrverhalten der Nutzerinnen binden und im Extremfall das Auto fernsteuern können, zu verstehen sind.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.