Die Zeitlose

Rezension zu "Denkerin der Stunde. Über Hannah Arendt" von Richard J. Bernstein

Hannah Arendt gehört zu den prominentesten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Seit Jahrzehnten erfahren sowohl ihr Werk als auch ihre Person eine enorme wissenschaftliche und öffentliche Aufmerksamkeit, die bisweilen Züge von Verklärung und Glorifizierung annimmt. Über die etablierten Disziplingrenzen zwischen Philosophie, Politikwissenschaft, Geschichte und Literaturwissenschaft hinweg wurde „mit“ und „gegen“ Arendt und „über Arendt hinaus“ gedacht. Neben der im engeren Sinne akademischen Rezeption haben auch Arendts persönliche Beziehungen, ihre Freundschaften, die vielen Briefwechsel sowie ihr Denktagebuch nachhaltiges Interesse erregt. Arendt war bereits zu Lebzeiten eine öffentliche Person, heute aber haben ihre politischen und philosophischen Schriften eine Breitenwirkung erlangt, die für eine Akademikerin höchst ungewöhnlich ist.[1] Es gibt mittlerweile sogar einen Comic von Ken Krimstein, in dem Die drei Leben der Hannah Arendt grafisch erzählt werden – und es gibt Arendt for kids: Die renommierte Kinderbuchreihe „Little People, BIG DREAMS“ hat die rebellische Denkerin in ihr Programm aufgenommen. Auf der ersten Seite sieht man Arendt auf dem Bett sitzen und lesen. Dazu heißt es: „Die kleine Hannah war oft mit sich allein in ihrem Zimmer in Königsberg. Sie lernte Gedichte auswendig und spielte Nachdenken.“ Das ist hübsch gesagt und eine perfekte Ausrede für Kinder, die keine Lust haben, ihr Zimmer aufzuräumen.

Wie erklärt sich diese große Faszination? Wie wurde die zu Lebzeiten höchst umstrittene und trotz ihrer wachsenden internationalen Berühmtheit nach der Veröffentlichung von The Origins of Totalitarianism (1951) innerhalb der akademischen Welt anfangs nur recht zögerlich rezipierte Autorin zu einer Autorität im Reich politischen Denkens? Wie erlangte die deutsch-jüdische Intellektuelle, die 1933 aus Deutschland zunächst nach Frankreich floh und sich 1940, nach einer strapazenreichen Pyrenäenüberquerung, von Lissabon aus nach Übersee einschiffte, um in der „neuen Welt“ ganz von vorn anzufangen, eine derartige Prominenz? Für Richard J. Bernstein liegt die Antwort auf der Hand. Ihn überkommt „ein fast schon unheimliches Gefühl zeitgenössischer Relevanz“ (S. 26), wenn er Hannah Arendt heute liest. Die im Titel des 2018 bei Polity Press erschienenen englischen Originals formulierte Frage Why Read Hannah Arendt Now? wird vom Titel der 2020 bei Suhrkamp erschienenen Übersetzung souverän beantwortet: Für Bernstein ist Arendt, die er als junger Philosophieprofessor noch selbst kennengelernt hat, schlicht die Denkerin der Stunde: „Was Arendt vor mehr als einem halben Jahrhundert schrieb, könnte auch gestern geschrieben worden sein.“ (S. 87)

Das vergleichsweise schmale Buch, das Bernstein seinem Freund Jerome Kohn, dem Verwalter des Hannah-Arendt-Nachlasses und Hannah-Arendt-Preisträger des Jahres 2019, gewidmet hat, behandelt in neun Essays „zentrale Themen“ von Arendt, „die für die Probleme und Wirrungen, mit denen wir es heute zu tun haben, von Relevanz sind“ (S. 15). Es sind vor allem drei Themen, die Bernstein mit Arendt bespricht: die nicht zuletzt in der sogenannten Flüchtlingskrise wieder offenbar gewordenen „Spannungen zwischen Nation und Staat“ (S. 26) und das „Aufkommen hässlicher Formen von Nationalismus“ (S. 24); die Erosion dissentiver politischer Meinungsbildung „durch den wachsenden Druck zu ideologischer Konformität“ (S. 49) und die „gefährliche Neigung, anderen, die anderer Meinung sind als wir, nicht zuhören zu wollen“ (S. 80); sowie „die Macht des Lügens“ und die Diskreditierung politischer Berichterstattung als „Fake News“ (S. 87). Mit Blick auf diese Gefährdungen der Demokratie aktualisiert Bernstein das widerspenstige politische Denken von Arendt, die angetreten sei, die Stützen der ältesten Wahrheiten zu erschüttern, aber zugleich ein „Geländer“ angeboten habe, an dem sich der verirrte philosophische Geist und das heimatlos gewordene politische Denken neu orientieren könnten.

Die stärksten und informativsten Passagen des sehr eng an Arendts Texten argumentierenden Bandes sind jene, in denen Bernstein die Schärfe und die Ambivalenz ihrer politischen Urteile betont. Dazu gehört die Spannung zwischen Loyalität und Kritik, wie sie unter anderem in Arendts kritischer Beurteilung zionistischer Politik deutlich wird: Hatte Arendt in den 1930er-Jahren noch für zionistische Organisationen wie die Jugend-Alija gearbeitet und mit „Feuereifer [...] für die Schaffung einer internationalen jüdischen Armee [plädiert], die Hitler bekämpfen sollte“ (S. 18), so kritisierte sie in ihrem Artikel „Zionism Reconsidered“ („Der Zionismus aus heutiger Sicht“) vehement die 1944 von amerikanischen Zionisten verabschiedete und später von der Zionistischen Weltorganisation bestätigte Resolution zur Einrichtung eines ungeteilten jüdischen Gemeinwesens in ganz Palästina: Arendt „bot all ihre rhetorischen Fähigkeiten auf – Ironie, Sarkasmus, Spott und schonungslose Kritik“, um gegen die Errichtung eines jüdischen Nationalstaates zu protestieren (S. 47). Ihr Alternativvorschlag, den sie 1948 in dem Artikel „Zur Rettung der jüdischen Heimstätte ist es noch nicht zu spät“ unterbreitete, enthielt die „Idee eines föderativen Staates auf der Basis von Gemeinderäten“: „Örtliche Selbstverwaltung und gemischte jüdisch-arabische Gemeinderäte in Stadt und Land, in kleinem Rahmen, aber doch so zahlreich wie möglich, sind die einzigen realistischen politischen Maßnahmen, die schließlich zur politischen Emanzipation Palästinas führen können. Es ist noch nicht zu spät.“ (S. 54)[2] – „Leider war es doch zu spät“, kommentiert Bernstein: „Es gab keine bedeutsame Gruppierung, die bereit gewesen wäre, Arendt ernst zu nehmen. Niemand wollte auf Arendt hören, wenn sie erklärte, es werde in der Region niemals Frieden geben, wenn Juden und Araber nicht direkt miteinander verhandeln und Kooperationsmöglichkeiten finden würden.“ (S. 54/55) Und am Ende seines Essays „Loyale Opposition: Arendts Kritik des Zionismus“ heißt es: „So etwas wie Frieden wird es im Nahen Osten nicht geben, solange man sich nicht darum bemüht, die Probleme, die Arendt so brillant benannt hat, ehrlich anzugehen.“ (S. 55)

Dass „niemand auf Arendt hören wollte“ ist eine etwas schiefe Bemerkung, die sich mehrmals in diesem Buch findet. Sie klingt ein wenig beleidigt oder besserwisserisch. Was Bernstein jedoch damit sagen will, ist, dass Arendt in Fragen von öffentlichem Interesse eigenständige Urteile fällte und pointierte politische Meinungen vertrat – den Unterschied zwischen Urteil und Meinung erörtert Bernstein leider nicht –, die sehr häufig nicht dem Mainstream entsprachen. Unabhängig davon, ob Bernstein Arendts Urteilen zustimmt oder nicht – ihre Ablehnung der Rassenintegration an öffentlichen Schulen in ihrem höchst umstrittenen Artikel „Reflections on Little Rock“ und ihre darin aufgestellte Behauptung, es gebe ein Recht auf „gesellschaftliche Diskriminierung“, teilt er eindeutig nicht (S. 58 ff.) –,ist er doch mit ihr der Auffassung, dass „Meinungsbildung [...] keine private Handlung [ist], die von solitären Einzelnen in Isolation vollzogen wird. Meinungen lassen sich nur überprüfen und erweitern, wo es zu echten Begegnungen differierender Meinungen kommt“, wozu freilich die Bereitschaft und auch der Mut gehören, „Meinungen preiszugeben und der Kritik auszusetzen“ (S. 80).

Ein eigenständiges Urteil hat Arendt auch über Adolf Eichmann und den Eichmann-Prozess in Jerusalem gefällt. Diesem Urteil und der bis heute nicht abgeschlossenen Kontroverse, die sich an Arendts „Bericht“ entzündet hat, ist das knappe Kapitel „Die Banalität des Bösen“ gewidmet. Bernstein hält Arendts Darstellung von Eichmanns Rolle in der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zwar „nicht für besonders zutreffend“ (S. 72), aber ihre „Vorstellung von der Banalität des Bösen ist in mancher Hinsicht extrem wichtig und, richtig verstanden, von enormer Relevanz für uns Heutige“, weil sie die „starre Dichotomie“ zwischen Gut und Böse aufbricht (S. 73) und uns mit der „Tatsache“ konfrontiert, „dass man kein Monster sein muss, um schreckliche Verbrechen zu begehen. Wer behauptet, Menschen könnten aus ganz banalen Gründen schlimme Taten verüben, stellt sich der Wirklichkeit, in der wie heute leben.“ (S. 75) – Spätestens an dieser Stelle wird das zentrale Problem des Buches deutlich: Bernsteins Anmerkungen kommen häufig nicht über Andeutungen hinaus, nur selten stellt er Arendts Argumentation vertiefend und in ihren Ambivalenzen dar. So beschwört er zwar immer wieder ihre Aktualität, macht aber nicht wirklich deutlich, wie uns Arendts Argumente und Begriffe dabei helfen können, aktuelle Krisenphänomene jenseits eingefahrener Denk- und Deutungskategorien zu analysieren und zu verstehen.

Diese Schwäche zeigt sich auch in den letzten drei Kapiteln oder Essays, in denen Bernstein von seinem in der Einleitung formulierten Vorhaben abweicht: Hatte er dort gesagt, er wolle „keinen Überblick über ihr Werk geben“ (S. 14), sondern „zeigen, warum wir Hannah Arendt heute lesen sollten“ (S. 15), so tut er im letzten Drittel des Bändchens genau das: Er gibt einen Überblick zu Arendts politischer Handlungstheorie („Pluralität, Politik und öffentliche Freiheit“, S. 92–112), präsentiert eine Kurzzusammenfassung ihres Buches Über die Revolution („Die Amerikanische Revolution und der revolutionäre Geist“, S. 113–124) und schließt mit einer sehr knapp gehaltenen Einlassung zu Arendts wichtiger Unterscheidung zwischen Schuld und Verantwortung („Persönliche und politische Verantwortung“, S. 125–130). Mehr bietet Bernstein leider nicht. Am Ende steht einmal mehr eine der wiederholt vorgebrachten Aufforderungen, mit denen Bernstein seine Leserinnen und Leser etwas zu oft und zu pathetisch von Arendts Relevanz und Aktualität zu überzeugen sucht: „Wir sollten Arendt heute lesen, weil sie die Gefahren, mit denen wir es nach wie vor zu tun haben, so scharfsichtig erkannt und uns davor gewarnt hat, darüber gleichgültig oder zynisch zu werden.“ (S. 129)

Mit diesem Allgemeinplatz soll jedoch diese Rezension nicht enden, denn neben manchen eher betulichen Passagen hat das Buch auch durchaus ein paar starke Seiten zu bieten. Das wichtigste Kapitel ist ohne Frage dasjenige über „Wahrheit, Politik und Lüge“ (S. 76–91). Darin widmet sich Bernstein Arendts riskantem Versuch, die Tatsachenwahrheit vor ihrer beliebigen Umdeutung zu schützen, ohne damit die Freiheit politischen Handelns und die mit ihr verbundene Möglichkeit zur Veränderung der Wirklichkeit in Frage zu stellen.[3] Bernstein zeigt hier sehr schön, wie Arendt in ihrem Essay „Wahrheit und Politik“ das „politisch-hermeneutische Problem“, dass innerhalb einer performativen Auffassung des Politischen niemand über die Wahrheit verfügt, in seiner Radikalität erfasst, ohne es auflösen zu können. Nirgendwo sonst hat Arendt so deutlich gemacht, dass wir es im politischen Raum mit wirkmächtigen Konstruktionen von Wirklichkeit zu tun haben. Und nirgendwo sonst hat sie so vehement darauf bestanden, dass dieser kreativen Konstruktionsleistung politischen Handelns Grenzen gesetzt werden müssen. Wie Bernstein mit Arendt feststellt, ist die „Tatsachenwahrheit [...] weit fragiler als die Vernunftwahrheit. Weil die Fakten kontingent sind, weil sie nicht notwendigerweise wahr oder falsch sein müssen, ist es deutlich einfacher, Tatsachenwahrheiten zu leugnen und sie durch bewusstes Lügen zu beseitigen. [...] Tatsachenwahrheit wird durch Zeugen und Zeugenschaft etabliert, und sie existiert nur insofern, als darüber gesprochen wird und geschrieben wird.“ (S. 82)

Bernstein widerspricht damit implizit all jenen Rezeptionen, die Arendt immer wieder als Kronzeugin gegen die Existenz jeglicher Wahrheiten aufrufen. Zurecht hält Bernstein diese Indienstnahme Arendts für ein Missverständnis. Arendt hat keineswegs alle „Wahrheiten“ verabschiedet, und sie war auch nicht der Auffassung, dass politisches Denken und Handeln ohne „Stützen“ und Begrenzungen auskommen können. Diese Begrenzungen bereitzustellen und intakt zu halten ist Arendt zufolge nicht zuletzt die Aufgabe einer erfahrungsbezogenen und historisch argumentierenden politischen Theorie, die sich zutraut, politische Urteile zu fällen und selbstbewusst in gesellschaftliche Selbstverständigungsdiskurse zu intervenieren. Aber sie kann sich dabei eben nicht auf einen gegen jeden Widerspruch immunen Wahrheitsanspruch stützen. Angesichts der grundsätzlichen hermeneutischen Struktur politischer Praxis hängt die Integrität der historischen Fakten letztlich ganz wesentlich von der besonderen politischen Vorurteilslosigkeit und historischen Urteilskompetenz der politischen Theoretikerin ab. Die Anerkennung dieser intellektuellen Autorität lässt sich weder politisch erzwingen noch vernunftphilosophisch begründen. Das ist heute nicht anders als zu Arendts Zeiten, aber kein Grund für Zynismus.

Fußnoten

[1] Jüngstes Beispiel dafür ist die Sonderausstellung Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert, die noch bis zum 18.10.2020 im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen ist.

[2] Hannah Arendt, „Zur Rettung der jüdischen Heimstätte ist es noch nicht zu spät“ (1948), in: dies., Wir Juden. Schriften 1932 bis 1966, hg. von Marie Luise Knott und Ursula Ludz, München 2019, S. 240–258, hier S. 258.

[3] In ihrem Essay „Wahrheit und Politik“ unternimmt Arendt den Versuch, über die Unterscheidung zwischen Tatsachenwahrheit und Meinung sowie zwischen historischer Urteilskraft und politischer Meinungsbildung die performative Macht politischen Handelns, die Wirklichkeit über sprachliche Akte der Umdeutung zu verändern, als Freiheitsgewinn auszuzeichnen und zugleich die damit verbundenen Gefahren aufzuzeigen und zu begrenzen Hannah Arendt, „Wahrheit und Politik“, in: dies., Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I, hg. von Ursula Ludz, München 1994, S. 327–370.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.