Diskursproduzenten der Bonner Republik

Rezension zu "Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik" von Axel Schildt

Der moderne Intellektuelle könne ohne die Realitäten des Journalismus nicht bestimmt werden, folglich sei Intellektuellengeschichte notwendigerweise immer auch Mediengeschichte; diese Einsicht liegt dem großen, überreichen Buch Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik des unlängst und viel zu früh verstorbenen Hamburger Zeithistorikers Axel Schildt (1951–2019) zugrunde. Fortwährende technische Innovationen und die Medialisierung seien entscheidend für die Entstehung von Büchern und Diskursen, wirkten sich also sowohl auf das Verhalten wie den Status der Intellektuellen aus.

Doch zunächst: Wie lässt sich eine so heterogene Sozialformation wie die der Intellektuellen überhaupt definieren und deren Geschichte in diejenige der Bundesrepublik einbetten? Schildt problematisiert Pierre Bourdieus normatives Verständnis des Intellektuellen und artikuliert sein Unbehagen an der Bourdieu’schen Trennung von kulturellem Feld und politischer Aktion, die dazu führt, dass Köpfe wie Theodor W. Adorno und Karl Jaspers, die sich ungern politisch exponierten, nur bedingt oder gar nicht als Intellektuelle gelten können. Anstatt mit dem französischen Soziologen von „Feld“ zu sprechen, präferiert der Historiker die Metapher der „Bühne“ (S. 32), denkt mit Blick auf deren Funktion im Theater also entschieden resonanz- und wirkungsorientiert: „Im Zentrum der Betrachtung befinden sich die gegebenen Stücke und die Schauspieler, aber diese spielen nicht allein für sich, sondern für ein Publikum, dessen Geschmack, der differenziert und veränderbar ist, getroffen werden muss.“ (S. 32)

Schildt ist sich darüber im Klaren, wie fragwürdig der Versuch ist, den Intellektuellen definitorisch zu bestimmen, zumal im Rahmen einer Studie, die deren bundesrepublikanische Geschichte erfassen will. So grenzt er sein Verständnis des Intellektuellen fünffach ab – zunächst gegenüber dem Universitätsprofessor, weil sich der Intellektuelle verständlich zu äußern vermag; sonach gegenüber dem Partei-Intellektuellen, weil er eben kein Funktionär in Parteien, Gewerkschaften und anderen Verbänden ist; schließlich auch gegenüber literarischen Autoren und Künstlern, weil er sich nicht allein ästhetisch äußert, sondern über die Medien gesellschaftlich wirken will; sowie gegenüber den medialen Managern in Gestalt von Redakteuren, Verlegern und Lektoren, die zumeist ja keine eigenen medialen Beiträge anbieten; und am Ende gegenüber den Journalisten, obwohl sie sich häufig selbst für Intellektuelle halten, wobei „die Grenzen im Blick auf einzelne Biographien fließend“ seien (S. 37).

Schildt will aller Selbststilisierung Intellektueller „Solitäre“ zum Trotz keine „Höhenkammforschung“ bieten. Er untersucht die Ideenlandschaften der Bundesrepublik – wer sie bestimmt hat, wie sie sich ausgeformt haben und über die Jahrzehnte wandelten: „Den roten Faden dieses Buches wird die unauflösliche Verbindung von Medien und Öffentlichkeit auf der einen und der in ihnen und durch sie agierenden Intellektuellen auf der anderen Seite bilden. Dies stellt für mich die einzige erfolgversprechende Möglichkeit dar, das Thema gesellschaftsgeschichtlich zu erfassen, denn die rasche Rekonstruktion und Ausweitung des Medienensembles von Printmedien, Rundfunk und Fernsehen war die Basis für den wachsenden Einfluss intellektueller Meinungsbildner.“ (S. 10)

Wer wöchentlich mehrere Beiträge für Leser und Rundfunkhörer publizieren will, benutzt in den 1950er-Jahren ein Diktiergerät. Wenig später erleichtern elektrische Schreibmaschinen und Fotokopiergeräte den Austausch von Texten – bis zur Einführung des personal computer Anfang der 1980er-Jahre. 1966 beschwört Hans Magnus Enzensberger seinen Kollegen Alfred Andersch: „lieber fred, bitte geh sofort in die stadt und kauf dir eine elektrische schreibmaschine… die manuelle schreibmaschine ist ein ganz reales gesundheitliches risiko, in erster linie für die sehnenscheiden und für die bandscheiben. du hast keinerlei entschuldigung für deine alte olivetti“. (S. 11) Solche technisch basierten Produktions- und Kommunikationsbeschleuniger wie auch praktische Fragen – Termine, Honorare –, die in der Kommunikation zwischen Redakteuren und freien Schriftstellern ständig auftauchen, verdeutlichten, ein wie zentrales Charakteristikum der Praxis von Intellektuellen die Medienzentriertheit ist. Intellektuelle zu definieren als „someone seriously and completely interested in the things of the mind“, verweist Schildt gleich zu Beginn des Buches „in den Orkus der Lächerlichkeit“ (S. 11).

Medien-Intellektuelle analysiert zunächst die Grundlinien der Neuordnung des intellektuellen Feldes nach Kriegsende 1945, nutzt also durchaus selbst den zuvor kritisierten Feldbegriff. So porträtiert das mehr als 300 Seiten umfassende zweite Kapitel „Einübung des Gesprächs“ – eigentlich ein Buch für sich – die intellektuelle Öffentlichkeit der 1950er-Jahre, beleuchtet zentrale Themen und Diskurse, beschreibt aber auch die wichtigen Protagonisten und ihre medialen Foren. Die Intellektuellen in der Fernsehgesellschaft der 1960er-Jahre, während derer „die Rollen für die intellektuellen Diskurse neu vergeben“ wurden (S. 213), behandelt das dritte Kapitel. Diese Jahrzehnte werden als die einzige Phase in der Geschichte der Bundesrepublik gekennzeichnet, die ein ungebrochener Fortschrittsgeist beseelt habe. Die politisch links orientierten Intellektuellen hätten eine in Deutschland bis dato völlig ungekannte Bedeutung erhalten (S. 609 ff.).

Schildts eminente Leistung besteht darin, die personalen Bezüge und Verbindungen, die Orte und Themensetzungen der verwobenen intellektuellen und medialen Situationen der frühen Bundesrepublik mit größter Sachkenntnis und Sorgfalt sowohl darzustellen als auch auszudeuten. Wie sehen die Diskurse der ersten zwanzig Jahre aus? Wie plural sind die Positionen? Welche Veränderungen ergeben sich durch den wachsenden Wohlstand? Gibt es aufgrund des Ost-West-Konflikts eine spezielle westdeutsche Intellektuellengeschichte? Das sind exemplarische Fragen, die ihn umtreiben.

Dass intellektuelle Konversionen die ihn beschäftigende Geschichte des 20. Jahrhunderts bestimmt haben, betont der Autor und belegt seine These anhand zahlreicher Biografien. Ein nachdrückliches Beispiel von vielen – neben dem „Kreml-Astrologen“ Klaus Mehnert oder dem „Christ und Welt“-Redakteur Giselher Wirsing – liefert etwa die Journalistin Ursula von Kardorff: Ungeachtet ausdrücklich antisemitischer Artikel noch aus dem Jahr 1944 wird sie nach Kriegsende bei der neu gegründeten Süddeutschen Zeitung als Redakteurin angestellt. Ihr war wie all den anderen NS-Aktivisten daran gelegen, nur als „Mitläuferin“ zu gelten. Also wurden etwaige Konflikte im „Dritten Reich“ als Beleg für vermeintlich oppositionelle Haltungen ausgegeben, es wurde „innere[r] Widerstand“ reklamiert, um die eigenen NS-Karriere zu verdunkeln und die Reputation zu wahren. Schildt verdeutlicht, dass personale Kontinuitäten aus Weimar wie dem „Dritten Reich“ lange wirksam blieben.

Die Remigranten waren in den Jahren nach Kriegsende in der Minderzahl: „Nicht mehr als etwa 1.000 Intellektuelle kehrten aus dem Exil zurück, nach Schätzungen maximal ein Drittel der nach 1933 Geflohenen. Von insgesamt etwa 2.000 Journalisten im Exil waren in der Nachkriegszeit etwa 180 in den Printmedien tätig, dazu noch einmal 60 bis 70 in den Radiostationen.“ (S. 84) Ausgerechnet die seinerzeit auflagenstarke christliche Wochenblatt-Publizistik enttarnt Schildts Analyse als „effiziente Entbräunungsanstalt für NS-belastete Intellektuelle“. Tatsächlich fördern seine Tauchgänge in die Tiefen der Archive viele ungehobene Schätze, Einsichten und Sottisen zutage, freilich auch schnöde Gemeinheiten wie etwa Kurt Hillers Charakterisierung von Springers „Welt“ als „einschläfernde Kakophonie, halb von opportunistischen Streberchen, halb von Bählämmern aufgeführt!“ (S. 142) Dennoch blieb die zumindest publizistische Anerkennung der Nachkriegsordnung unvermeidlich, war sie in der Regel doch der Preis, den unzählige konservative Publizisten bereit waren, im Interesse einer Fortsetzung ihrer Karriere, zu zahlen. Dass diese Autoren mit ihren jeweiligen Veröffentlichungen auch weiterhin versuchten, den Lauf der Dinge in ihrem Sinne zu beeinflussen, blieb davon unbenommen. 

Als Schreiborte oder, wie Schildt sie nennt, „Medien-Intellektuellen Zentren“ wirkten München, Frankfurt am Main und Hamburg; weit dahinter rangieren Stuttgart, Köln und Westberlin. Entscheidend für ein solches Medien-Intellektuelles Zentrum ist zum einen die Existenz einer Rundfunkanstalt, „hinzukommen mussten zweitens Presseunternehmen mit überregional wahrgenommenen Qualitätszeitungen, Buchverlage und eine Universität als akademischer Resonanzboden und personeller Kern für die Herausbildung eines größeren medialen Ensembles und einer intellektuellen Szene“ (S. 103). Die Neuordnung dieser „medialen Standortmuster“ (S. 106) für Intellektuelle beginnt unmittelbar nach dem Krieg und bestimmt die Gründerjahre der Bundesrepublik. Frappierend detailliert entfaltet Schildt nicht nur das Geflecht zwischen intellektuellen Akteuren und Medien, sondern auch die daraus erwachsenden Themensetzungen. Erstaunlich ist die von Schildt gründlich recherchierte Beständigkeit der Kontakte ebenso wie die Fülle an medialen Tätigkeiten einzelner Intellektueller, die damit ihre Wirkung und Bekanntheit steigerten. Theodor W. Adorno, auf dem Buchumschlag bei einer Rundfunkaufnahme mit Mikrofon zu sehen, ist ein geradezu paradigmatischer Fall. Als Gesprächspartner im Hörfunk war er ebenso erfolgreich wie gefürchtet. Selbst ein Gottfried Benn wich, wie Schildt dokumentiert, einer Radiodiskussion aus, den Scharfsinn und die Sprachmacht Adornos fürchtend.

Die thematische Bandbreite sei bei den Printmedien zwar größer gewesen als im Radio, dafür aber auch die Marktabhängigkeit der Presseerzeugnisse. En detail schildert Schildt die sich explosionsartig einstellende Fülle an Kulturzeitschriften nach 1945 (wie etwa Die Wandlung oder Der Ruf) und stellt ihre Macher (Frauen sind kaum dabei) vor. Doch endete dieser „Zeitschriftenfrühling“ 1948 mit der Währungsreform. Nun lichtete sich die Landschaft: vier bis fünf Tageszeitungen, vier bis fünf Wochenzeitungen und ebenso viele politisch-kulturelle Zeitschriften sowie ein halbes Dutzend wichtige Publikumsverlage waren „tonangebend“ in der Gründungsphase der Bundesrepublik, mit einer konservativeren Hegemonie sowohl bei den Wochenblättern als auch den Tageszeitungen. „Dieses Ensemble erwies sich in der Geschichte der Bonner Republik als sehr elastisch, gab es doch stets Aufsteiger, während andere abstiegen oder vom Markt verschwanden.“ (S. 132)

Dass der Rundfunk während der 1950er-Jahre eine wichtige Rolle bei der Pluralisierung der intellektuellen Debatten spielte, lag nicht nur an dessen Eigenheit, gewissermaßen ständig auf Sendung zu sein. Ausschlaggebend war das eng geknüpfte Netz an persönlichen Kontakten und Verbindungen, für die Namen wie Axel Eggebrecht, Peter von Zahn und Ernst Schnabel stehen. Hinzu kam der monetäre Reiz des „Rundfunks als Broterwerb“, den etwa Siegfried Lenz einräumt. So erhält Dolf Sternberger für einen 15-minütigen Beitrag „Über die Nüchternheit“ lukrative 200 DM. Es ist verblüffend, wie vielfältig die Aufträge sind, die einzelne Intellektuelle annehmen. Auch wenn Walter Dirks, der ab 1946 zusammen mit Eugen Kogon die linkskatholischen Frankfurter Hefte herausgab, das Angebot ausschlug, Intendant des Nordwestdeutschen Rundfunks zu werden, arbeitete er in der Folgezeit regelmäßig für den Sender. Seine Honorare lagen monatlich meist über 3.000 DM – eine stattliche Entlohnung gegenüber den 300 DM, die ein Facharbeiter im Monat bezog.

Dirks und Kogon, die sich „als Organisatoren des Gesprächs“ (S. 181) verstanden, pflegten rege Briefwechsel mit europäischen Intellektuellen. Anderen Positionen Gehör zu verschaffen, sei beiden wichtig gewesen, auch der Stimme ihrer Gegner. Ihr Kontakte jedenfalls erwiesen sich als verlässlich und stabil. Aufgrund der guten Verbindungen zwischen den Kulturredaktionen der Zeitschriften und des Hörfunks galt zumal der Bayerische Rundfunk mit seiner damals eher linksliberalen Orientierung zeitweilig als „eine Art Filiale der ‚Frankfurter Hefte‘“ (S. 129).

Schildt analysiert, anknüpfend an die von ihm 2008 mitherausgegebene Studie DIE ZEIT und die Bonner Republik,[1] die Anfangsjahre der maßgeblichen Wochenblätter und Tageszeitungen. Mit besonderem Blick auf die ZEIT, den Spiegel Rudolf Augsteins sowie die Frankfurter Allgemeine Zeitung ruft er in Erinnerung, wie weit der Weg der Qualitätsmedien zum liberalen Meinungspluralismus war: „Im Segment der wöchentlich erscheinenden Blätter bestand in der Gründungsphase der Bundesrepublik eine noch eindeutigere konservative Hegemonie als bei den Tageszeitungen.“ (S. 167) Sein Resümee der Geschichte der FAZ-Redaktion – als ein kaum zu überblickendes Mit- und Gegeneinander einer heterogenen Schar von Individualisten, die sich mitunter, aber selten dauerhaft, verbündeten – passt zu den Ergebnissen von Peter Hoeres' Studie Zeitung für Deutschland. Die Geschichte der FAZ.[2] Ähnlich wie Hoeres urteilt Schildt: Es „herrschte allerdings Konsens in der Frage einer freundlichen Kommentierung der Unternehmerinteressen in wirtschaftlichen Angelegenheiten und der konservativen Prinzipien deutscher Politik, und das hieß zunächst der Regierungspolitik.“ (S. 148)

Außerdem würdigt der Autor die Bedeutung der zahlreichen christlichen Presseorgane. Hinzu kommt der wachsende Einfluss der Buchverlage mit der sich verändernden Profilierung von Verlagshäusern wie Rowohlt, S. Fischer und – vor allem für die Anfangsjahre – Kiepenheuer & Witsch für die Verbreitung westlich-liberaler Ideen. Was an Stimulierung intellektueller Impulse und Debatten von verlegerischen Programmpolitiken ausging, ist nicht zuletzt an der Taschenbuchproduktion abzulesen. Eine Serie wie rowohlts enzyklopädie bestimmte den Lektürekanon des gesamten akademischen Nachwuchses im zweiten Nachkriegsjahrzehnt.

Auch vor quantitativen Befunden schreckt Schildt keineswegs zurück: Er bestimmt den Anteil der Professoren, die zu Hunderten für die maßgeblichen politisch-kulturellen Zeitschriften wie Frankfurter Hefte, Merkur und den Monat schrieben, das heißt in signifikant größerer Zahl als die Schriftstellerintellektuellen. Trotz ihrer hohen Bedeutung für die intellektuellen Auseinandersetzungen der jeweiligen Gegenwart habe der Anteil professoraler Stellungnahmen in den beiden ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik tendenziell abgenommen (S. 172), womit sich für Schildt die These Michel Foucaults, die Universalintellektuellen seien durch spezifische Intellektuelle beziehungsweise Experten abgelöst worden, als fragwürdig erweist.

 „Keine Experimente“ – ungeachtet dieses Wahlslogans der Kanzler-Union 1957 verändern sich die Diskurse im Laufe der 1950er-Jahre: „Die düstere Endzeitstimmung, Technikfeindschaft, Massenphobien und Elitedenken wurden nun in den Medien zunehmend von nüchternen, ‚modernen‘ Stellungnahmen abgelöst, eine Frage nicht nur der Inhalte, sondern des gesamten Stils.“ (S. 454) Überhaupt konterkariert Schildt die Vorstellung von der langweiligen Eintönigkeit der Adenauer-Ära: „Das Themenspektrum war bunt, die Bereitschaft zur öffentlichen Äußerung groß, die Positionen waren sehr unterschiedlich, die Debatten lebhaft. Sie begleiteten eine rasante Modernisierung der gesamten Lebenswelt.“ Die „Entschuldungskonjunktur“ (S. 216), also die Strategie, den Nationalsozialismus so umzudeuten, dass die Intellektuellen, die damals publizistisch aktiv gewesen waren, als Opfer erschienen, funktionierte für die Intellektuellen wie für ihr Publikum gleichermaßen: „Damit tauchten sie zugleich Belastungen ihres Publikums in ein milderes Licht.“ (S. 216) Die Langlebigkeit des Selbstentschuldens erwies sich erst jüngst beim ersten Berlinale-Gründer Alfred Bauer, der seine Rolle nach 1945 systematisch durch Falschaussagen und Halbwahrheiten verschleiert und sich als überzeugter NS-Gegner ausgegeben hätte, wie das Münchner Institut für Zeitgeschichte bekundete.[3]

Man muss sich das Geistesleben der ersten Jahre der Bundesrepublik durchaus als Kampfgeschehen vorstellen. Zugleich wirken Bewusstseinsströme der Vorkriegs- und Kriegsjahre fort, etwa wenn Erich Kuby 1953 im Nachtprogramm des Nordwestdeutschen Rundfunks den aufkommenden Campingbetrieb als „Perfektion der Volksgemeinschaft“ identifiziert und die Zeltplätze in Anspielung auf die Massenaufmärsche der Nürnberger Parteitage als „Vernichtungslager für das Individuum“, als „moderne Hölle“ geißelt (S. 306).

Schildt verknüpft in seiner Darstellung eindrucksvoll Anschauung mit Analyse. In der Fülle der Perspektiven und Anregungen ebenso wie in ihrer Genauigkeit und Originalität liegt der hohe Wert dieser Studie. Damit vertieft und detailliert sie die Ergebnisse der von Schildt zusammen mit Detlef Siegfried 2009verfassten Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik von 1945 bis zur Gegenwart. Sein damaliger Ko-Autor hat in einem Gespräch anlässlich des Todes von Axel Schildt auf die Akribie und Präzision seines Zeithistoriker-Freundes hingewiesen: „Modellhaftes Denken führte ihm zu weit weg von der Wirklichkeit, die ja immer vielfältig ist.“[4]

Diese letzte Publikation des langjährigen Direktors der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg vorzustellen, stimmt traurig, weil dieser ebenso unprätentiöse wie humorvolle Mensch, dieser große Anreger nicht mehr lebt, und weil der so leidenschaftliche Forscher und Lehrer sein Opus magnum nicht mehr vollenden konnte. Er wollte die vier Dekaden von 1945 bis 1989 analysieren, also noch zwei weitere Kapitel zu den 1970er- und 1980er-Jahren sowie den „Ausblick: Die Intellektuellen auf dem Weg in die Berliner Republik“ verfassen. Der Verlag erweist seinem Autor die letzte Ehre, indem er das gesamte Inhaltsverzeichnis druckt, die ungeschriebenen Kapitel jedoch in mattgrauem Schriftbild. Damit bleibt bei der Lektüre stets sichtbar, dass Axel Schildt fehlt.

Fußnoten

[1] Christian Haase / Axel Schildt (Hg.), „DIE ZEIT“ und die Bonner Republik. Eine meinungsbildende Wochenzeitung zwischen Wiederbewaffnung und Wiedervereinigung, Göttingen 2008.

[2] Peter Hoeres, Zeitung für Deutschland. Die Geschichte der FAZ, München/Salzburg 2019.

[3] Institut für Zeitgeschichte München – Berlin (Hg.), Alfred Bauer und das NS-Regime [26.10.2020], 30.9.2020.

[4] Georgios Chatzoudis, „Er stieß das Tor zur Exploration der westdeutschen Gesellschaftsgeschichte weit auf“ [26.10.2020], Interview mit Detlef Siegfried, in: L.I.S.A. Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung, 30.4.2019.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.