Die Kritik des Kapitals als schöne Kunst betrachtet

Rezension zu "Marx konkret. Poetik und Ästhetik des Kapitals" von Michael Bies und Elisabetta Mengaldo (Hg.).

Was bleibt von Karl Marx? Wer so fragt, läuft Gefahr, anmaßend und in jeder Hinsicht vermessen zu erscheinen. Gleichzeitig kommen wir auch und gerade bei Marx nicht umhin, die Frage nach der Aktualität seines Denkens zu stellen. Denn wenn Marx und sein Werk für uns heute tatsächlich nur noch historischen, rein antiquarischen Wert hätten, dann könnten wir ihn und seine Schriften auch getrost vergessen.

Fragen wir also , was von Marx bleibt, dann können wir versuchen, diese überdimensionierte Frage leichter handhabbar zu machen, indem wir sie nicht abstrakt und allgemein, sondern konkret und mit Blick auf einen bestimmten Kontext stellen, etwa unseren persönlich überschaubaren zeitlichen Horizont. Dann ließe sich die Frage wie folgt reformulieren: Was bleibt von Marx nach den Feierlichkeiten aus Anlass seines 200. Geburtstags? Was bleibt vom großen Marx-Jubiläum 2018? Damals schien das Jubiläum wie auf höhere Absprache mit den drängenden Fragen der Zeit zusammenzufallen. Niemand kam seinerzeit auf die Idee, Marx‘ Aktualität infrage zu stellen. Oder, um es in Anlehnung an eine berühmte Formulierung des Jubilars selbst zu sagen: Nicht nur der Gedanke schien zur Verwirklichung zu drängen; auch die Wirklichkeit schien zum Gedanken, zum Marx‘schen Gedanken zu drängen.

Dieser Eindruck, so werden wir festhalten müssen, hat sich in der Zwischenzeit verflüchtigt. In den zentralen politischen Debatten unserer Tage spielt Marx keine große Rolle mehr; es sind allenfalls ein paar ohnehin schon hartgesottene Marxist*innen, die jungen Klima- oder Antirassismus-Aktivist*innen erklären, dass sie auch bei ihren Kämpfen nicht ohne Marx‘sche Gedanken auskommen können. In den Wirklichkeiten dieser Bewegungen – und vielleicht auch in den Wirklichkeiten, mit denen sie sich auseinandersetzen, das wäre im Einzelnen zu klären – spielen die Marx‘sche Analyse und Kritik des Kapitalismus eine allenfalls latente Rolle. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass der 200. Geburtstag von Friedrich Engels, den wir unlängst begangen haben, wohl nicht nur wegen der globalen Pandemie vergleichsweise bescheiden ausgefallen ist. – Was also ist von Marx geblieben, was bleibt vom großen Marx-Jubiläum?

Nun, zunächst einmal ein Haufen Bücher. Wurde schon 2018 der Buchmarkt vor allem mit Marx-Biografien geflutet,[1] so folgen jetzt, den Regeln des Konferenzgeschäfts gehorchend, die Tagungsbände zu den Veranstaltungen von 2018. Ob die betreffenden Publikationen immer sinnvoll sind, mag – wie bei so vielen Tagungsbänden – dahingestellt bleiben. Einen lohnenden Band aus der Fülle der Veröffentlichungen aber gilt es heute zu besprechen, und zwar mit Blick auf die vorstehend formulierte Leitfrage: Was trägt Marx konkret zur Beantwortung der Frage bei, was heute von Marx bleibt (und bleiben wird)?

Auch hier liegt zunächst wieder eine offensichtliche Antwort nahe: Was von Marx bleibt, ist vor allem ein Buch – Das Kapital. Der Poetik und Ästhetik des Kapitals widmet sich der zu besprechende Band, der auf eine im Juni 2018 im Literaturhaus Berlin abgehaltene Tagung zurückgeht, und bei diesem Untertitel wird es dann schon interessant. Denn anders als sonst stehen hier einmal nicht die Marx‘schen Gedanken – oder, nach immer noch gängiger Redeweise: „seine Lehre“ – zur Debatte, sondern die Art und Weise ihrer Vermittlung. Es geht, mit Marx gesprochen, um die „Darstellungsweise“ des Kapitals.

Das kurze und konzise Vorwort der Herausgeber*innen Michael Bies und Elisabetta Mengaldo arbeitet den Zugriff des Bandes pointiert heraus: In einem Brief an Engels schreibt Marx, dass seine „Schriften ein artistisches Ganzes“ seien, die er darum auch nur als ein solches Ganzes veröffentlicht sehen wolle. Der hypertrophe Anspruch, den Marx damit an sich selbst als Autor formuliert – ein Anspruch, an dem er oft genug gescheitert ist, wie die Herausgeber*innen nicht zuletzt mit Blick auf das Fragment gebliebene Kapital zeigen –, stellt auch seine Leser*innen vor kaum zu bewältigende Probleme: Denn sie sollen nicht nur die theoretisch-begrifflichen Konstruktionen nachvollziehen, die Marx vor ihnen entfaltet, sondern auch jenes künstlerisch durchformte „Ganze“ berücksichtigen, zu dem sich die Begriffe fügen – und schließlich den Zusammenhang beider Aspekte bedenken. Denn dass es Marx nicht darum geht, eine komplizierte Theorie in eine literarisch ansprechende Form zu gießen, um sie verständlicher zu machen, das wird jeder Leserin und jedem Leser seiner Schriften schnell klar.

Der vorliegende Band macht es sich zur Aufgabe, jenes „artistische Ganze“ in den Blick zu nehmen und nach allen Seiten hin auszulegen. Die Beiträger*innen stammen überwiegend aus den Literatur- und Medienwissenschaften, aber auch Soziolog*innen, Philosoph*innen und Ökonom*innen wirken mit: Versammelt sind, in einem alten, leider oft vergessenen Sinn, also alle Kulturwissenschaften, zu denen etwa für Max Weber ganz selbstverständlich auch noch die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zählten.

Der Stellenwert des „artistischen Ganzen“, den Marx für sein Werk reklamiert, klingt nach einer klassisch-klassizistischen Ästhetik. Doch wie die Beiträge des vorliegenden Bandes zeigen, weist der literarische Anspruch des Kapitals – bei aller klassischen Bildung des Autors – doch eher einen Weg in die zerrissene, widerspruchsgesättigte Ästhetik der Moderne. Die Poetik und Ästhetik des Kapitals kann daher – nach dem Titel eines zeitgenössischen Gedichts von Anastasius Grün, den Daniel Hartley in seinem Beitrag zitiert – als eine „Poesie der Zukunft“ dechiffriert werden.

Der Band ist in vier Sektionen unterteilt. Die erste Sektion „Rhetorik, Polemik, Kritik“ widmet sich dem oft übersehenen Umstand, dass Marx mit seinem Kapital keinen Beitrag zur Disziplin der politischen Ökonomie vorlegen wollte, sondern deren Kritik. Die Aufsätze der Sektion fragen, wie, das heißt mit welchen Mitteln diese besondere „Kritik der politischen Ökonomie“ von Marx konkret im Text umgesetzt und literarisch inszeniert wird. In allen vier Beiträgen wird deutlich, dass es vor allem die Polemik ist, die Marx‘ Kritik ausmacht. Der Dresdner Soziologe Dominik Schrage, der auch im dortigen Sonderforschungsbereich zur „Invektivität“ engagiert ist, untersucht unter dem sprechenden Titel „Spottobjekt und Theorieproblem“ Marx‘ Ausfälle gegen die Kleinbürger. In der Tradition der romantischen Philisterschelte stehend, greift Marx unter dem als Sammelbezeichnung fungierenden Begriff des „Kleinbürgers“ gewissermaßen einen blinden Fleck seiner eigenen Klassenkonzeption an. Dieser blinde Fleck – Worin besteht der letzte Definitionsgrund der Klasse: in soziologischen, in ökonomischen oder doch gar in kulturellen Aspekten? – wird, wie Schrage zeigt, in der Polemik umso deutlicher ins Licht gerückt. Demgegenüber führt Elisabetta Mengaldo in ihrem Beitrag „Kritik als Waffe. Polemische Zitate und Erzählungen in Marx‘ Kapital“ vor, wie Marx es schafft, allein durch die Montage skrupulös genau aufgeführter und nachgewiesener Zitate diese gegen sich und ihre Autor*innen sprechen zu lassen. Das Ziel der vielen Zitate etwa aus der zeitgenössischen ökonomischen Fachliteratur, der von Marx so genannten „Vulgärökonomie“, sei Selbstentlarvung. Daniel Hartley ergänzt in seinem Beitrag „Die Stimmen des Kapitals. Poetik der Kritik jenseits von Empfindung und Zynismus“ noch die affektive beziehungsweise die ethische Motivation und Zielvorgabe des Marx’schen Verfahrens der Kritik. Die Vielstimmigkeit des Textes soll demnach eine Kritik ermöglichen, die den Zynismus der realen Gegenwart bloßstellt, ohne selbst zynisch oder aber, umgekehrt, gefühlig aufzutreten.

In der zweiten Sektion des Bandes mit dem Titel „Wert, Wissen, Darstellung“ geht es um das, was auch Nicht-Kulturwissenschaftler*innen seit jeher als theoretisches und methodisches Kernproblem des Kapitals identifiziert haben. Die Antworten auf die Frage, wie die Darstellungsweise und die Sache selbst in der Werttheorie oder Wertkritik – schon über diese Benennungsfrage sind Freundschaften zerbrochen – des ersten Kapitels zusammenhängen, füllen Bibliotheken. In Deutschland hat sich an diesem Komplex eine ganze Theorierichtung aufgehängt, die das Lesen schon in ihrer Bezeichnung trägt: die „Neue Marx-Lektüre“ der 1970er- und 1980er-Jahre. Die Beiträge dieser Sektion sind denn auch informativ und zum Teil von der Sache her explosiv. Das gilt etwa für den Beitrag von Leander Scholz, der unter der Überschrift „Marx und die Menschenproduktion“ zu den biopolitischen Implikationen des Kapitals Stellung nimmt. Und einen Titel wie „,Gespenstige Gegenständlichkeit‘. Wie Marx im Kapital das phantastisch-reale Dasein des Werts analysiert“ kann und darf heute nur noch ein verdienter Old Boy der kritischen Marx-Lektüre (und Mitherausgeber der Marx-Engels-Gesamtausgabe) wie Michael Heinrich verwenden. Die These, dass Marx mit der „gespenstigen Gegenständlichkeit“ erst die Objektebene (oder die regionale Ontologie) konstruiert habe, auf die sich dann jene „Wissenschaft vom Wert“ überhaupt beziehen kann, die Marx mit seiner „Kritik der politischen Ökonomie“ geschaffen habe, diese These ist spektakulär und absolut klar und überzeugend dargelegt. Gleichwohl erscheint die zweite Sektion des Bandes ein wenig zusammengewürfelt. Die Beiträge haben untereinander – anders als die der sehr kohärenten ersten Sektion – nicht viel Bezug, und der zum „artistischen Ganzen“ des Bandes ist auch eher lose, was aber, wie gesagt, nichts über die Qualität der einzelnen Beiträge aussagt.

Das ändert sich in der dritten Sektion, die schon in ihrem Titel „Gattung, Erzählung, Narrativ“ wieder sehr nahe ans kultur- beziehungsweise literaturwissenschaftliche Kerngeschäft heranführt. In seinem Beitrag „Lehrjahre des Kapitals. Marx und das Ende des Bildungsromans“ erläutert Till Breyer, wie Marx die post-klassischen und post-romantischen Konzepte der Bildung und des Romans aufnimmt und zugleich transformiert in jenem „Lebenslauf des Kapitals“, den er im Kapital aufschreibt. Dabei betont Breyer die Elemente von „Parodie und Freiheit“, die hier zum Einsatz kommen – die „zwischen Theorie und Parodie changierende Textur“ (S. 200) des Kapitals –, und erhebt damit auch seine eigene Analyse weit über den bloßen Nachweis einer Zeit- und Genregebundenheit der Marx’schen Schreibweise. Unter der Überschrift „Zyklopische Drechselbänke, eiserne Zimmermänner, Monstrescheren. Das Gespenst des Handwerks bei Marx“ thematisiert Michael Bies die wechselnden rhetorischen Funktionen, die das Handwerk im Werk von Marx einnimmt. Habe ihm das Handwerk in den frühen Schriften noch als Kontrastfolie und als Abstoßungspunkt gedient, um die jeweiligen Besonderheiten des Manufakturwesens und der industriellen Produktion aufzuzeigen, werde die Entwicklung im Kapital hingegen so dargestellt, dass sich das Industriewesen und die „große Maschinerie“ nie ganz von seinen Ursprüngen im Handwerk lösen konnte. Das Handwerk höre nicht auf, in der „industrialisierten Moderne […] herum[zu]spuken“ (S. 232). Einen Grund für dieses seltsame Festhalten am „Gespenst des Handwerks“ könne man darin erblicken, so Bies, dass die handwerkliche Arbeit gerade im Kapital als normative Quelle der Kritik an der entfremdeten – mit einem Begriff aus Till Breyers Beitrag: „ent-bildeten“ (S. 206) – industriellen Arbeit fungiert. Damit aber werde der „romantische Antikapitalismus“ auch im Kapital virulent – in eben jenem „reifen“, „wissenschaftlichen“ Hauptwerk also, in dem Marx ihn einem (etwa von Louis Althusser und seiner Schule) verbreiteten Urteil zufolge angeblich endgültig überwunden hat.

In der letzten Sektion „Lektüren, Interpretationen, Rezeption“ gehen Elena Vogman und Dorothea Walzer der produktiven Rezeption des Kapitals in zwei monumentalen Filmprojekten des 20. Jahrhunderts nach. In „Das Kapital befragen. Die Enquête-Untersuchung bei Alexander Kluge und Karl Marx“ schildert Walzer, wie in Kluges Film Nachrichten aus der ideologischen Antike von 2008 jene Form der Enquête-Untersuchung episch ausgeführt und selbst zum Untersuchungsgegenstand gemacht wird, die bereits die materialen Teile des Kapitals prägt und die äußerst prägnant in einem „Fragebogen für Arbeiter“ zum Einsatz kommt, den Marx 1880 – als einen seiner letzten Texte zu Lebzeiten – veröffentlicht hat. Vogman rekonstruiert in ihrem Beitrag „Dialektik des Blicks – Metamorphose des Werts. Sergej Eisensteins Kapital-Projekt“ den (nie vollendeten) Versuch des sowjetischen Regisseurs, das Kapital zu verfilmen. Dabei gewinnt man den Eindruck, dass Marx‘ Wertformanalyse aus dem ersten Kapitel gewissermaßen aus sich heraus zu avantgardistischen, medientechnisch avancierten Darstellungsformen drängt, so dass man umgekehrt diese bereits in der Marx’schen Darstellungsweise selbst präfiguriert sehen kann. Marx‘ „Poesie der Zukunft“ wäre demnach also eine, die zwar gleichermaßen fest in der klassischen wie auch in der romantischen Tradition verwurzelt ist, die aber dennoch sowohl eine künstlerisch-mediale als auch eine politisch-soziale Zukunft vorwegnimmt, die sie mit ihrer Kritik selbst entscheidend prägt.

Was also bleibt von Marx, was bleibt vom Kapital? Es bleibt erstens eine Praxis der Untersuchung der eigenen Gegenwart, die nicht mit vorgefertigten und unveränderlichen Fragen an ihren Gegenstand herantritt, sondern sich jene erst von diesem diktieren lässt – das lehrt die von Walzer aus dem Kapital herauspräparierte „Epistemologie des Fragens“ (S. 317). Und es bleibt zweitens der Anstoß zu einer Umkehrung unserer Betrachtungsroutine, die immer danach fragt, was heute noch von einem Autor und seinem Werk gültig bleibe. Mit Vogman lernen wir umgekehrt zu fragen, wo unsere Gegenwart erst heute dem gerecht und adäquat wird, was schon im Kapital präsentiert und kritisiert wird. Um das herauszuarbeiten, bedarf es aber genauer und geduldiger Lektüren, die sich nicht immer schon durch vorweggenommene Aktualitätsbehauptungen irre machen lassen. Die vielleicht schönste – und zugleich häufig ridikülisierte – Organisationsform, die uns die radikale Linke in den letzten fünfzig Jahren beschert hat, ist der Lesekreis, besonders der Kapital-Lesekreis. Der vorliegende Band liefert überzeugende Argumente dafür, dieses Format zu reanimieren. Statt also abermals auf die strukturell schon von vornherein defensiv ausgerichtete Frage zurückzukommen, was von Marx bleibt, möchte ich emphatisch mit einem Aufruf enden: Lasst tausend Lesekreise blühen – aber vergesst dieses Mal nicht, auch nach der Poetik und Ästhetik des Kapitals zu fragen!  

Fußnoten

[1] Die mit weitem Abstand beste Marx-Biografie, die von Michael Heinrich, ist noch in progress. Der erste Band erschien 2018, der zweite Band ist für 2022 angekündigt. Vgl. Michael Heinrich, Karl Marx und die Geburt der modernen Gesellschaft. Biographie und Werkentwicklung, Band 1: 1818–1841, Stuttgart 2018.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.