Ein Leben zwischen Empirie und Engagement

Ein neuer Band präsentiert Studien von und über Marie Jahoda

In der Soziologie ist die in Wien geborene Sozialpsychologin Marie Jahoda (1907–2001) vor allem aufgrund ihrer Mitarbeit an der Studie über Die Arbeitslosen von Marienthal bekannt, die sie 1932 zusammen mit ihrem damaligen Ehemann Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel durchgeführt und im Folgejahr publiziert hat.[1] Wie Zeisel im Anhang der im Untertitel als „soziographischer Versuch“ ausgewiesenen Studie ausführt, hat der Terminus „Soziographie“ in Europa eine längere Tradition und wurde in unterschiedlichen Zusammenhängen zur Erhebung von Daten verwendet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es zunächst vor allem Rudolf Steinmetz und Ferdinand Tönnies, die den Begriff und das damit verbundene Programm in die Soziologie einführten. Als systematischer Versuch zur Verbindung qualitativer Informationen und quantitativer Daten stellte sie den ersten empirischen Forschungsansatz auf dem Gebiet der Sozialpsychologie und der Soziologie dar. In den USA ging eine ähnliche Entwicklung vor sich. Ab Mitte der 1920er-Jahre wurden, angeregt durch die Vertreter der „Chicago School“ um Robert E. Park, eine Reihe von empirischen Untersuchungen durchgeführt, die als Feldforschung (field research) bezeichnet wurden. Den Autoren der Marienthal-Studie waren einige dieser Studien bekannt, wie das Nachwort von Zeisel zeigt. Das Soziologische Seminar der Universität Köln hatte bereits 1931 mit der Chicagoer Feldforschung in Gestalt von Everett C. Hughes Bekanntschaft gemacht, der in Chicago bei Robert E. Park studiert hatte und während eines Deutschlandaufenthalts in der Nähe von Köln eine Studie über eine katholische Arbeiterbewegung durchführte.[2] Der für Hughes zuständige Kontaktmann war Leopold von Wiese, der, angeregt durch die Arbeit des Amerikaners, mit seinen Studierenden ebenfalls kleinere Feldforschungsstudien durchzuführen begann. Von Wiese hat zwar später auch die Marienthal-Studie rezensiert,[3] aus Lazarsfelds „Vorspruch zur neuen Auflage“ der Arbeit im Jahr 1960 geht jedoch hervor, dass die US-amerikanische Feldforschung keinen methodischen Einfluss auf die Marienthal-Studie hatte, die in der Folgezeit zu einer Referenzuntersuchung der Arbeitslosigkeitsforschung in Europa avancierte.

Im Mittelpunkt des hier zu besprechenden Buches steht jedoch nicht diese Studie, sondern Marie Jahodas Dissertationsschrift Anamnesen im Versorgungshaus. Ein Beitrag zur Lebenspsychologie, die sie knapp vor ihrem Eintritt in das Marienthal-Team 1932 abgeschlossen, aber nie veröffentlicht hat. Der Text der Dissertation ist in dem vorliegenden Buch vollständig abgedruckt (S. 25–165). Es handelt sich um keine soziographische Arbeit, sondern um die Erhebung der Lebensgeschichten von 52 Frauen und Männern, die nach wechselvollen Schicksalen alt und verarmt in sogenannten Versorgungshäusern der Stadt Wien Aufnahme gefunden hatten und dort wohnten.

Was das Buch auszeichnet und zu einer lohnenden Lektüre macht, sind zum einen die Einblicke in die Anfänge der empirischen Sozialforschung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, zum anderen die darin versammelten Beiträge mehrerer Autoren, die das Leben und die wissenschaftliche Arbeit Marie Jahodas aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick nehmen. So setzen sich die Beiträge des Buches nicht nur ausführlich mit der ersten Forschungsarbeit Jahodas und deren universitären Entstehungsbedingungen auseinander, sondern sie rekonstruieren auch die sozio-ökonomischen Verhältnisse und das Zusammenspiel der privaten und politischen Umstände, die Jahodas wissenschaftliche Arbeit und weitere Entwicklung beeinflussten.

Meinrad Ziegler arbeitet in seinem Beitrag (S. 167–214) zunächst die institutionellen und organisatorischen Kontexte heraus, in denen Jahodas Dissertation am Wiener Lehrstuhl von Karl Bühler entstand, um sodann näher auf die Fragestellung, den Theorieansatz, das methodische Vorgehen und die Ergebnisse der Arbeit einzugehen. Wie Ziegler ausführt, war die Dissertation Teil eines umfassenden Forschungsprojekts, mit dem Bühlers Ehefrau Charlotte, ihres Zeichens Extraordinaria am Psychologischen Institut der Universität Wien, ihre lebenspsychologische Theorie belegen wollte, der zufolge sich die Aktivität und das Erleben von Personen analog zu deren biologischen Entwicklungsphasen vollziehen. Jahoda erhob zu diesem Zweck mittels Interviews Daten zu den Lebensgeschichten von 52 Frauen und Männern der „unteren Klassen“ aus Wiener Versorgungshäusern. Ziegler geht darauf ein, wie Jahoda im Rahmen ihres politischen Engagements zum Psychologiestudium kam, beschreibt die institutionellen und fachwissenschaftlichen Kontexte des Psychologischen Instituts, stellt die Grundideen von Charlotte Bühlers Lebenspsychologie dar und kommentiert die zentralen methodischen und theoretischen Aspekte der Dissertation. Aus soziologischer Sicht, so Ziegler, besteht die Schwachstelle von Bühlers Lebenspsychologie in der (zu) starken Ausrichtung auf biologische Prozesse. Diese Schwäche hätte zwar, wie Jahoda selbst in einem 1996 geführten Interview rückblickend eingestand, auch auf ihre Dissertation abgefärbt. Gleichwohl, so Ziegler, enthielten die Protokolle der offen geführten Interviews viele interessante Hinweise auf die sozialen Verhältnisse, in denen die untersuchten Personen seinerzeit lebten.

Etwas schärfer fällt das Urteil des Sozialhistorikers Josef Ehmer aus, der in seinem Beitrag (S. 215–252) den gesellschaftlichen Kontext und die sozioökonomische Entwicklung Wiens zwischen 1870 und 1930 beleuchtet und damit jenen Zeitraum erhellt, in dem sich das Leben der interviewten Personen abspielte. Ausgehend von seinen Befunden kritisiert Ehmer den mangelnden Bezug der Interviews zu den sozialen Verhältnissen jener Epoche, hält Jahoda jedoch zugute, dass die von ihr geführten Gespräche zumindest die Komplexität und Vielfalt der Lebensläufe aufzeigten und so dem Schematismus entgegenwirkten, zu dem viele Historiker bei der Herausarbeitung gesellschaftlicher Entwicklungslinien für gewöhnlich neigten. Ehmer, der zahlreiche Arbeiten zu sozioökonomischen und politischen Entwicklungen in der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie und speziell in Wien veröffentlicht hat, wartet für den besagten Zeitraum mit umfangreichem Zahlenmaterial auf. Gestützt auf die Daten beschreibt er nicht nur die Sozialstruktur und den Arbeitsmarkt Wiens, auch die Instabilität der Arbeitsverhältnisse in jener Zeit, die Wohnformen und das Familienleben der arbeitenden Bevölkerung, die Migrationsbewegungen und die Anforderungen an die Mobilität der Arbeitskräfte sowie der Mangel an sozialer Sicherheit und die schrittweise Einführung sozialstaatlicher Maßnahmen werden von ihm erörtert. Derart informiert befragt er die Interviewprotokolle zu all diesen Themen und arbeitet jene Äußerungen der befragten Personen heraus, die Hinweise auf die sozialen Verhältnisse und Veränderungen jener Epoche beinhalten.

Auf sinnvolle Weise ergänzt werden die Ausführungen Ehmers durch eine von Rainer Bartel erstellte „Chronik zur Lebensspanne der Befragten“ (S. 253–266), in der markante Ereignisse und wichtige gesellschaftliche Veränderungen in kurzer und prägnanter Form vermerkt sind.

Der Soziologe Christian Fleck, der mit Marie Jahoda 1987 ein Interview[4] geführt und über sie auch schon anderweitig publiziert hat,[5] steuert zu dem Buch eine ausführliche Biografie Jahodas bei (S. 267–362). Darin beschreibt er u.a. das soziale Herkunftsmilieu, die Entwicklung ihrer politischen Haltung und deren Zusammenhang mit der grundsätzlichen Ausrichtung ihrer Forschungstätigkeit sowie ihren wissenschaftlichen Werdegang. Aufgewachsen in einem jüdisch-bürgerlichen und liberal-sozial eingestellten Elternhaus schloss sich Marie Jahoda bereits während ihrer Gymnasialzeit der Jugendorganisation der Sozialdemokratie an, später dann deren linkem und revolutionär ausgerichtetem Flügel. Ausführlich beschreibt Fleck Jahodas politisches Engagement, das sie zum Studium der Psychologie motivierte. Über Paul Felix Lazarsfeld, der in der empirischen Sozialforschung aktiv ist und den sie 1927 heiratet, kommt sie 1932 zur Marienthal-Studie. Auch Jahodas weiterer Lebensweg wird von Fleck detailliert nachgezeichnet: ihre illegale Tätigkeit und Verhaftung durch die Austrofaschisten, ihr Gang ins Exil, der sie 1936 erst nach England und dann nach Norwegen führt, ihre Übersiedlung in die USA 1945, wo sie von 1949 an zunächst als Associate Professor und dann als Full Professor für Sozialpsychologie an der New York University arbeitet, sowie ihre Rückkehr nach England 1959, wo sie 1965 Gründungsprofessorin für Sozialpsychologie an der University of Sussex und schließlich 1973 emeritiert wird.

Eine prominente Rolle in Flecks Darstellung nehmen die Forschungsprojekte ein, an denen Jahoda in all den Jahren arbeitete, sowie die Forschergruppen, mit denen sie dabei kooperierte. Zu den prominentesten ihrer zeitweiligen Kollegen gehörten Robert Merton, mit dem zusammen sie Studien zu Rassenproblemen und zur Wohnungspolitik durchführte und dem sie viele methodische Anregungen verdankte, sowie Max Horkheimer, mit dem sie zur Frage des Antisemitismus forschte. Weiters untersuchte sie, welche Folgen Personen erlitten, die in der McCarthy-Ära in den Verdacht gerieten, Kommunisten zu sein. Fleck betont, dass bei Jahoda das soziale Engagement in der Forschung immer im Vordergrund stand, dass sie sich keiner theoretischen Schule zuordnete und dass empirisches Forschen im Sinne der Feldforschung für sie zentral war. Jahoda, so Christan Fleck, verstand sich als Sozialpsychologin, die soziologisch orientiert und an der Beziehung zwischen Sozialstruktur und Persönlichkeit interessiert war. Ihre bevorzugten Arbeitsweisen waren die teilnehmende Beobachtung und informelle Interviews.

Gleichermaßen abgeschlossen wie abgerundet wird der sorgfältig edierte Band schließlich durch die chronologische Zusammenstellung „Lebenslauf und Bibliographie Marie Jahoda“ (S. 363–382), für die Reinhard Müller verantwortlich zeichnet. Besonders hilfreich ist die umfassende Auflistung der Publikationen für Personen, die sich mit einzelnen Forschungsarbeiten Jahodas oder mit ihrer Forschungsarbeit insgesamt genauer befassen möchten.

Es gibt mehrere Gründe, die die Lektüre des Buches lohnenswert machen. Die Publikation führt die Leserinnen und Leser zurück zu den Anfängen der Soziologie, sie zeigt, welche sozialen Probleme die Themen der frühen empirischen Sozialforschung bestimmten und wie sich die Forschungsmethoden allmählich entwickelten. Ein weiterer Aspekt, der das Buch lesenswert macht, ist die aktuelle Diskussion über die gesellschaftliche Verantwortung der Soziologie und die damit verbundenen Fragen, ob sie sich gesellschaftlichen Problemen und Auseinandersetzungen gegenüber wertend oder neutral verhalten solle und wie sich ein wertender Standpunkt gegebenenfalls begründen ließe. Die soziologische Arbeitsweise Marie Jahodas könnte als Beispiel für eine Fallstudie zu dieser Frage dienen. So hat sie nicht nur durch ihre Themenwahl implizit zu sozialen Problemen ihrer Zeit Stellung bezogen, sondern ihre politische Haltung explizit in ihre Untersuchungen einfließen lassen; und schließlich führt das Buch am Beispiel Jahodas und vieler ihrer Kolleginnen und Kollegen auch noch einmal vor Augen, welche Verluste an wissenschaftlicher Kapazität der Nationalsozialismus für Deutschland und Österreich verursacht und mit sich gebracht hat. Den Herausgeberinnen wie den Autorinnen ist für eine Publikation zu danken, die nicht nur einen soziologiegeschichtlich wichtigen Text Marie Jahodas endlich einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich macht, sondern diesen mit einer Rekonstruktion der intellektuellen Laufbahn seiner Urheberin verbindet, der es in hervorragender Weise gelingt, privates Leben, weltanschauliche Haltung, politisches Engagement und wissenschaftliche Tätigkeit miteinander zu verbinden.

Fußnoten

[1] Vgl. Marie Jahoda/Paul F. Lazarsfeld/Hans Zeisel, Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit, m. e. Anhang z. Gesch. d. Soziographie, Frankfurt am Main 1975.

[2] Siehe Christian Fleck, Ein Amerikaner in Frankfurt. Everett C. Hughes‘ nicht veröffentlichtes Buch über die Deutschen nach dem Ende des Nazi-Regimes, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie 40 (2015), 2, S. 167–188, hier S. 176 und S. 183.

[3] Vgl. die Angaben bei Annette Harth, Stadtplanung, in: Frank Eckhardt (Hg.), Handbuch Stadtsoziologie, Wiesbaden 2012, S. 337–364, hier S. 347.

[4] Christian Fleck, Interview mit Marie Jahoda am 11.6.1987, Oral History Sammlung des Archivs für die Geschichte der Soziologie in Österreich, Graz (Typoskript).

[5] Vgl. u.a. Christian Fleck, Marie Jahoda (geb. 1907). Lebensnähe der Forschung und Anwendung in der wirklichen Welt, in: Frauen in der Soziologie. Neun Porträts, hrsg. v. Claudia Honegger u. Theresa Wobbe, München 1998, S.258–285 und S. 382–387; ders., Einleitung, in: Marie Jahoda, Sozialpsychologie der Politik und Kultur. Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Christian Fleck, Graz 1994, S. 7–47.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.