Eine Einführung für Fortgeschrittene

Vier Autoren haben ein Lehrbuch für fortgeschrittene Studierende der Politikwissenschaft vorgelegt

„Ein weiteres Methodenbuch – muss das sein?“ (1) Diese Frage wird von den Autoren[1] selbst gleich zu Beginn aufgeworfen und selbstbewusst mit: „unbedingt!“ beantwortet (1). Während der Verlag ein „einführendes Lehrbuch zu den politikwissenschaftlichen Methoden“ bewirbt,[2] nennen die Autoren als Zielgruppe „alle fortgeschrittenen Studierenden der Politikwissenschaft, die eine empirische Masterarbeit planen und die somit Methoden nicht nur theoretisch begreifen, sondern sie konkret und unmittelbar anwenden wollen“ (1). Laut „Waschzettel“ richtet sich das Buch zudem an fortgeschrittene Bachelor- und Staatsexamenskandidat_innen. Insofern ist es offenbar zunächst einmal an alle Studierenden der Politikwissenschaft adressiert. Allerdings gehen selbst die Autoren davon aus, dass sich Art und Umfang der Methodenkompetenzen, die in entsprechenden Bachelor-, Master- oder Lehramtsstudiengängen vermittelt werden, sowohl prinzipiell als auch regional voneinander unterscheiden (2). Das wirft nicht nur die grundsätzliche Frage auf, ob es einer solchen „Einführung für Fortgeschrittene“ überhaupt bedarf, sondern legt auch die weitergehende Frage nahe, ob ein Lehrbuch einer derartig heterogenen Zielgruppe überhaupt gerecht werden kann. Beide Fragen lassen sich, ohne bereits zu viel vorwegzunehmen, überwiegend positiv beantworten, wenn auch weniger zwingend, als es das kategorisch anmutende „unbedingt!“ (1) der Autoren suggeriert. Doch der Reihe nach.

Neben dem Anspruch, sämtliche Studierende der Politikwissenschaft zu erreichen, verfolgt das Buch noch andere ambitionierte Absichten. So widmen sich die Autoren auch dem Problem, „wie man unter Knappheitsbedingungen (insbesondere der für Abschlussarbeiten zur Verfügung stehenden Zeit und materiellen Ressourcen) […] stimmige Projekte umsetzen kann“ (1). Insofern beansprucht das Buch also auch, eine Lücke zwischen gängigen Methodenlehrbüchern[3] und praxisorientierten Abhandlungen zum wissenschaftlichen Arbeiten zu schließen. Das wird schon in der Einleitung deutlich, in der sich zwei Abschnitte damit beschäftigen, wie Kandidat_innen eine eigene Fragestellung finden (3–5) und sinnvoll beantworten können (5–7). Ein weiteres Unterkapitel widmet sich darüber hinaus dem richtigen Umgang mit dem / der Betreuer_in der Arbeit (7–9).

Gegen eine derart stark auf Fragen der universitären Alltagspraxis zugeschnittene Ausrichtung ließe sich nun einwenden, dass solche Aspekte Masterstudent_innen, die kurz vor ihrem Abschluss stehen, kognitiv bereits verfügbar sein sollten. Allerdings entspricht es wohl nicht nur der Erfahrung der vier Kollegen aus Stuttgart, Freiburg, Heidelberg und München, dass gerade in diesem Bereich oft noch starke Defizite bestehen. Insofern kann nicht oft genug betont werden, dass es immer besser ist, die inhaltlichen und / oder formalen Erwartungen derjenigen, die die Abschlussarbeit am Ende bewerten (müssen), zu berücksichtigen.

In theoretischer Hinsicht unternimmt das Buch – angelehnt an die Grundposition der Methodensektion der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) – den lobenswerten Versuch, das „Methodenschisma“ zwischen den Paradigmen der qualitativen und quantitativen Forschung zu überwinden (1). Der umfassende, beiden Ausrichtungen Rechnung tragende Anspruch wird auch in der Struktur des Buches deutlich: So sind die ersten sechs Kapitel, in denen es um Experimente (13–35), Sekundär- und Faktorenanalysen (37–61), lineare und logistische Regressionen (63–108), gepoolte Zeitreihen (109–137), Mehrebenenanalysen (139–161) und Sequenzmusteranalysen (163–189) geht, zunächst quantitativen Ansätzen vorbehalten. Anschließend werden in vier weiteren Kapiteln mit Prozessanalysen und Einzelfallstudien (215–240), Experteninterviews (241–256), Diskursanalysen (257–298) sowie Inhaltsanalysen (299–333) qualitative Verfahren der Politikwissenschaft thematisiert. „Als Versöhnerin“ zwischen den beiden konkurrierenden Paradigmen (11) wird die Qualitative Comparative Analysis (QCA) eingeführt (191–214), die häufig als Brücke „zwischen klassisch-qualitativen […] und quantitativ-statistischen Ansätzen“ angesehen wird (191). Allerdings distanzieren sich die Autoren von dieser „Brückenmetapher“ und machen deutlich, dass die QCA auf einem anderen, „mengentheoretischen Verständnis sozialer Phänomene“ beruht (191) und deshalb für eine derartige „Vermittlerrolle“ gar nicht in Frage kommen kann. Im letzten Kapitel widmen sich die Autoren schließlich neueren Mixed-Method-Ansätzen (335–360). Im Zuge ihrer differenzierten Erörterung der Thematik weisen sie dabei einerseits auf die Bedingungen hin, unter denen von einem Methodenmix abzuraten ist (zum Beispiel aufgrund von Lagercleavages, geringeren Publikationschancen, höherem Ressourcenaufwand, mangelnder Kompatibilität der eigenen Forschung sowie fehlender Generalisierbarkeit der Ergebnisse); andererseits machen sie aber auch deutlich, welche Aspekte unter bestimmten Umständen dennoch für einen Methodenmix sprechen können (etwa die inhaltliche Angemessenheit eklektischer Zugänge oder der mögliche Gewinn zusätzlicher Erkenntnisse).

Positiv hervorzuheben ist auch, dass die Autoren neben den in vielen Lehrbüchern bevorzugt behandelten Individualanalysen auch Aggregatdatenanwendungen berücksichtigen (1). So haben sie beispielsweise in die Abhandlung zur linearen Regression ein eigenes Unterkapitel zu Regressionen mit kleinen Fallzahlen eingeschoben (82–92) und tragen damit einem Ansatz Rechnung, der in den Internationalen Beziehungen, aber auch in ländervergleichenden Studien mittlerweile zum methodischen Standardrepertoire gehört. Dabei gehen sie auch auf Sonderprobleme ein, die im Zusammenhang mit (zu) geringen Fallzahlen auftreten. So ist etwa die Anwendbarkeit von Signifikanztests bei Vollerhebungen umstritten, und die geringere Fallzahl macht die Ergebnisse anfälliger für Ausreißer oder unerwünschte Multikollinearität.

Was die Ausführlichkeit der Darstellung anbelangt, sind die einzelnen Kapitel mit jeweils etwa zwanzig bis höchstens dreißig Seiten ziemlich knapp gehalten. Dadurch haben die insgesamt recht kompakten Texte eher Handbuchcharakter. Das von den Autoren in diesem Zusammenhang zur Rechtfertigung der Verknappung vorgebrachte Argument, „die meisten auf dem Markt befindlichen Methodenbücher“ wären „einseitig auf qualitative oder quantitative Methoden“ fokussiert (1), entbehrt zwar nicht einer gewissen Berechtigung, ist so aber mittlerweile nicht mehr zutreffend. Sowohl das ein Jahr zuvor erschienene Handbuch sozialwissenschaftlicher Methoden[4] als auch das 2015 im gleichen Verlag veröffentlichte Methoden-Lexikon[5] streben eine ähnliche, wenn nicht größere methodische Universalität an. Beide Publikationen haben jedoch gegenüber dem hier rezensierten Werk den Vorteil, dass die qualitativen Methoden von Vertreter_innen behandelt werden, die dem betreffenden Lager eindeutig zuzuordnen sind.[6] Das gilt in gleicher Weise für die Darstellung des Mixed-Method-Ansatzes.[7] Demgegenüber profitieren die Abhandlungen des vorliegenden Bandes allerdings insofern von der Koautorenschaft, als sie eine größere Kohärenz der Argumente für sich beanspruchen können. Überdies erweisen sich die vier quantitativ orientierten Autoren als äußerst aufgeschlossen gegenüber qualitativen Verfahren, auch wenn die Methodenkritik im quantitativen Teil deutlich ausgeprägter ist.

Der didaktische Anspruch des Buches wird schließlich durch sechs Erfahrungsberichte unterstrichen, in denen Absolvent_innen ihre eigenen Abschlussarbeiten vorstellen. Die Idee, den Zweck einer klassischen Lehrveranstaltung („Student_innen lernen von Student_innen“) in das Format eines Lehrbuchs zu übertragen, wirkt erfrischend. Auch die damit verbundenen Nebenziele, die Leser_innen durch „peer-support“ zu eigener empirischer Forschung zu ermutigen, „den Band aufzulockern und das Lesevergnügen zu heben“ (12), wurden überzeugend umgesetzt.

Allerdings kollidieren die erzwungene Kürze und der damit verbundene Handbuchcharakter mit dem Anspruch des Werkes, für fortgeschrittene Bachelor- und Lehramtsstudent_innen ebenso geeignet zu sein wie für Masterabsolvent_innen, die empirische „Methoden nicht nur […] begreifen, sondern […] unmittelbar anwenden wollen“ (1). Die One-size-fits-all-Strategie von Autoren und Verlag stößt hier doch ersichtlich an ihre Grenzen.

Eine (nicht-repräsentative) Umfrage des Rezensenten unter Masterkandidat_innen der Universität Passau vermittelte den Eindruck, dass das Konzept und der didaktische Anspruch des Lehrbuches aus dem Titel nicht klar erkennbar sind. Ohne entsprechende Empfehlungen durch ihre jeweiligen Betreuer_innen hätten die meisten der Befragten es als irrelevant für ihre eigenen Abschlussarbeiten eingestuft. Damit wird die eigentliche Kernzielgruppe eindeutig verfehlt. Bachelor- und Lehramtskandidat_innen hingegen, die mit einzelnen Textpassagen arbeiten sollten, waren demgegenüber rasch von der Komplexität der stark gerafften Darstellung überfordert und profitierten stattdessen in erster Linie von den kommentierten Literaturhinweisen.

Im Lichte der vorstehenden Erörterungen lassen sich die beiden eingangs erwähnten Ausgangsfragen also dahingehend beantworten, dass es einer „Einführung für Fortgeschrittene“ zwar nicht zwangsläufig bedurft hätte, dass sie sich aber, da es sie nun einmal gibt, als durchaus hilfreich erweist, und dass zwar alle Studierenden der Politikwissenschaft von diesem Lehrbuch profitieren können, dass der Nutzen in Abhängigkeit von den jeweils vorhandenen methodischen Vorkenntnissen aber sehr unterschiedlich ausfallen dürfte. Besonders geeignet dürfte das Buch für Fortgeschrittene sein, denen es insbesondere dabei helfen kann, den Stellenwert empirischer Methoden für die eigene Abschlussarbeit besser zu verorten und diese sinnvoll anzuwenden. Hilfreich sind dabei nicht zuletzt auch solche Passagen, die die Leser_innen zu selbständigen Entscheidungen motivieren. So endet das Buch beispielsweise mit der Ermutigung, man möge über allem methodischen Problembewusstsein nicht die Freude an der Abschlussarbeit verlieren und es genüge, „wenn die Arbeit gut wird. Perfekt darf dann die Doktorarbeit sein“ (359).

Abschließend lässt sich sagen, dass es sich bei dem vorliegenden Werk nicht um ein Lehrbuch im klassischen Sinne handelt. Stattdessen liegt hier ein auf das Gebiet der Methoden spezialisierter praxisrelevanter Studienratgeber vor, wie er bislang vor allem aus dem Bereich des wissenschaftlichen Arbeitens bekannt war.[8] Bei einer etwaigen Neuauflage, für die hier vorsorglich schon einmal ausdrücklich votiert wird, wäre zu erwägen, eventuell den Untertitel anzupassen. Mein von den unten genannten Titeln inspirierter Vorschlag für diesen Fall lautete: „Wie man erfolgreich, gelassen und effektiv eine empirische Masterarbeit schreiben kann“. Kompakte und kompetent aufbereitete Informationen dazu hält das Buch in vollem Umfang bereit.

Fußnoten

[1] Bei dem rezensierten Werk handelt es sich ausdrücklich „nicht um einen Sammelband, sondern um ein koautorschaftlich verfasstes Werk“ (1).

[2] Springer, Produktflyer (9783531182568).

[3] Ausnahmen bilden allenfalls anwendungsorientierte Einführungen wie z.B. Klaus Backhaus et al., Multivariate Analysemethoden. Eine anwendungsorientierte Einführung, 14. Aufl., Berlin / Heidelberg 2016. Doch auch diese verzichten zumeist auf Hinweise zur konkreten Umsetzung empirischer Forschung in studentischen Abschlussarbeiten.

[4] Nina Baur / Jörg Blasius (Hrsg.), Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung, Wiesbaden 2014.

[5] Rainer Diaz-Bone / Christoph Weischer (Hrsg.), Methoden-Lexikon für die Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2015.

[6] Dazu gehören u.a. Ralf Bohnsack, Philipp Mayring, Aglaja Przyborski, Jörg Strübing oder Monika Wohlrab-Sahr.

[7] Besonders hervorzuheben ist hier der Beitrag von Udo Kelle, „Mixed Methods“, in: Baur / Blasius (Hrsg.), Handbuch Methoden, S. 153–166.

[8] Beispielhaft zu nennen wären in diesem Zusammenhang etwa Umberto Eco, Wie man eine wissenschaftliche Abschlußarbeit schreibt. Doktor-, Diplom- und Magisterarbeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften, übers. v. Walter Schick, 13. Aufl., Wien 2010; Sascha Spoun, Erfolgreich studieren. Ein Handbuch für Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, München u.a. 2010; Martha Boeglin, Wissenschaftlich arbeiten Schritt für Schritt. Gelassen und effektiv studieren, 2. Aufl., München u.a. 2012.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Kerstin Völkl.