Eine längst fällige Biografie

Rezension zu "Friedrich Pollock. Die graue Eminenz der Frankfurter Schule" von Philipp Lenhard

Friedrich Pollock galt lange Zeit als „der letzte Unbekannte der Frankfurter Schule“. [1] Daran vermochten weder die umfangreichen klassischen Darstellungen zur Geschichte des Instituts für Sozialforschung von Martin Jay und von Rolf Wiggershaus noch die neueren Arbeiten von Alex Demirović, Emil Walter-Busch und anderen etwas zu ändern.[2] Pollock figuriert darin lediglich als unermüdlicher Administrator des Instituts sowie als enger Freund und Mitarbeiter von dessen langjährigem Leiter, Max Horkheimer. Seine eigenen Schriften finden kaum Erwähnung, ja sie scheinen für die Ausrichtung und Entwicklung dessen, was unter dem Label „Kritische Theorie“ weltweit Beachtung fand, keine Rolle gespielt zu haben. Während zu allen Mitgliedern aus dem inneren Kreis des Instituts für Sozialforschung wie Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Erich Fromm, Herbert Marcuse oder Leo Löwenthal längst schon Gesammelte Schriften beziehungsweise Gesamtausgaben und Biografien erschienen sind, stand Pollock bis vor kurzem stets im Schatten seiner prominenten Institutskollegen. Das scheint sich nun endlich zu ändern.

Philipp Lenhard, Akademischer Rat am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität München, hat es sich nicht nur zur Aufgabe gemacht, die Herausgabe der Gesammelten Schriften von Friedrich Pollock in Angriff zu nehmen,[3] sondern es auch unternommen, die erste Biografie zu Pollock zu verfassen. Sie ist flüssig und spannend geschrieben und basiert auf profunder Kenntnis der Sekundärliteratur, aber auch der Berücksichtigung von wenig bekanntem oder neuem Archivmaterial. Die Ausführungen zu Pollock sind wissenschaftlich solide recherchiert und auch die Darstellung der jeweiligen historischen Kontexte erfolgt jederzeit kompetent, lebendig und einprägsam. Interessant und völlig neu (hier kommt der Historiker für jüdische Geschichte zum Tragen) ist zudem die detaillierte Rekonstruktion des jüdischen Hintergrunds und des weiteren Schicksals von Pollocks Familie.

Mit seiner gut dokumentierten Biografie will Lenhard die Grundlagen dafür schaffen, Pollock „nicht nur in Abhängigkeit zu anderen, bekannteren Vertretern der Kritischen Theorie zu verstehen, sondern auch als originären Denker, der seinerseits andere nachhaltig beeinflusst hat“ (S. 11). Denn „seine immense theoriegeschichtliche Bedeutung für die Entwicklung der Kritischen Theorie ist bisher höchstens in Ansätzen erfasst“ (S. 10). Neben der Rekonstruktion seiner intellektuellen Biografie gelte es aber auch zu zeigen, „dass Pollocks Lebensgeschichte mindestens ebenso spannend ist wie die seiner Mitstreiter“ (S. 11).

Lenhard schlägt in seiner intellektuellen Biografie einen weiten Bogen. Ausgehend von Pollocks frühen Schriften zur Geldtheorie bei Karl Marx (1923) und seiner Studie zur Praxis der ersten zehn Jahre sowjetischer Planwirtschaft (1929) thematisiert er neben den wichtigen theoretischen Aufsätzen zur Wirtschaftskrise (1932 und 1933) und zum Staatskapitalismus (1941) auch die berühmte Studie zum Gruppenexperiment (1955) sowie Pollocks Pionierarbeit über die sozialen und ökonomischen Folgen der Automation (1956/1964). Die Darstellung und Diskussion der theoretischen Arbeiten verbleibt allerdings eher im Hintergrund. Lenhard verzichtet auf umfangreichere theoretische Diskussionen, sondern beschränkt sich auf die Einbettung der Arbeiten in Pollocks bewegte Lebensgeschichte und auf die Beschreibung ihres jeweiligen zeitgeschichtlichen Umfelds.

Pollock gehört zu jener Generation, deren Leben maßgeblich durch die große Politik und das Erlebnis der beiden Weltkriege geprägt ist. Krieg, Revolution und Konterrevolution, abermals Krieg, Verfolgung, Exil und Remigration sind die einschneidenden Erfahrungen und Determinanten, die sein individuelles Schicksal mit dem vieler anderer Zeitgenossen verbindet. Pollocks gesamte Biografie ist so sehr mit der Horkheimers und des Instituts für Sozialforschung verwoben, dass dem Rechnung getragen werden muss. An Pollocks „symbiotische[r] Freundschaft mit Horkheimer, die zweifellos aus sachlichen Gründen im Zentrum einer jeden Pollock-Biographie stehen muss“ (S. 11), kommt daher auch Lenhard nicht vorbei. Er liefert dazu teilweise neues Material, das die Freundschaft der beiden in kritischerem Licht erscheinen lässt, nimmt aber selbst keine entsprechende Neubewertung vor. Anders als ihre Selbststilisierung in vielen Freundschaftsverträgen und Memoranden suggerierte, war die lebenslange freundschaftliche Beziehung, die Pollock und Horkheimer seit ihrer Jugend miteinander verband, nicht nur ein utopischer Entwurf im Kleinen, sondern trug durchaus pathologische Züge, die besonders der Rolle Pollocks, wie schon Wiggershaus bemerkte, eine „masochistische Prägung“ verliehen.

Das wird insbesondere in den Momenten deutlich, in denen die Männerfreundschaft durch eine Frau auf die Probe gestellt wurde. War bei ihrem gemeinsamen romantischen Ausbruchsversuch in den Jugend­jahren die erste große Liebe Horkheimers in ihren besiegelten Freundschaftsbund aufgenommen worden und die Ménage-à-trois zur Utopie der „Île heureuse“ stilisiert worden, die der junge Horkheimer entsprechend literarisch verherrlichte, so fanden sie sich nach dem Einschreiten der Eltern und dem als verräterisch empfundenen Ausscheiden ihrer gemeinsamen Freundin in neuer Zweisamkeit wieder. Sie festigten daraufhin ihren Freund­schaftsbund und stellten der verachteten kapitalistischen Elternwelt „ein moralisches Ideal gegenüber, das sie in der Gestaltung ihrer eigenen Beziehung, die auf Gleichberechtigung, Wahrheit, Treue und Solidarität gründen sollte, realisieren wollten. Dies implizierte nicht zuletzt eine bis zum Extrem getriebene Exklusivität der Beziehung.“ (S. 33 f.) Als Horkheimer seine spätere Frau kennenlernte und sie 1921 dann in seine gemeinsame Wohnung mit Pollock einzog, war die Konstellation bereits eine andere: „Eine Ménage-à-trois im herkömmlichen Sinne war die Kronberger Wohngemeinschaft trotz­dem zu keiner Zeit. Aber Maidon hatte von nun an einen festen Platz in der Freundschaftsbeziehung, ohne dass sie ein gleichberechtigtes, an den Beschlüssen auch formal beteiligtes Mitglied gewesen wäre.“ (S. 67) Als aber Pollock 1946 Felix Weils argentinische Cousine Carlota Weil heiratete, wurden von Horkheimer energisch die Rollen festgelegt: „Horkheimer machte klar, dass die Freundschaftsbeziehung, die sie als Jugendliche in Stuttgart vertraglich begründet und in den gemeinsamen Lehrjahren in Brüssel, London und Manchester zur ,Religion‘ überhöht hatten, Vorrang vor so etwas Profanem wie der Ehe habe. Carlota komme in ihrem Projekt nur die Rolle einer ihren Mann bedingungslos unterstützenden Ehefrau zu; sie habe keine Ansprüche anzumelden, ganz zu schweigen von einer privilegierten Stellung. ,Was Carlota begreifen muß‘, fuhr Horkheimer apodiktisch fort, ,ist folgendes: Du und ich sind seit langem Freunde mit getrennten Funktionen, aber einer gemeinsamen Aufgabe.‘“ (S. 251) Dass sich Pollock dieser schroffen Forderung so einfach fügte, wie Lenhard vorgibt – „Für Pollock war immer klar, dass der Freund­schafts­bund mit Horkheimer Vorrang vor seiner Ehe hatte.“ (S. 253) – , mag mit ihrer gemeinsamen misogynen Haltung gegenüber Frauen zusammenhängen. Aber auch da, wo es nicht nur um die Rolle der Ehefrauen, sondern um sie beide und ihre Freundschaft ging, erwartete Horkheimer die bedingungslose Unterordnung Pollocks. Pollock überließ zum Beispiel Horkheimer in einer so wichtigen Frage wie der Rückkehr nach Deutschland aus dem amerikanischen Exil explizit die Vollmacht, darüber zu entscheiden, ob und wann er Horkheimer wieder nach Deutschland folgen sollte, obwohl er selbst es vorgezogen hätte, in Los Angeles zu bleiben. „Pollock musste, entgegen seinen eigenen Wünschen und Überlegungen, ins Land der Täter zurückkehren. […] Pollock [...] hatte sich nach Monaten, ja Jahren der quälenden Auseinandersetzung Horkheimers Willen gefügt.“ (S. 269)

Die Entscheidung, welcher Part Pollock in dieser Freundschafts­beziehung zukam, war sicher nicht das Ergebnis nüchterner Überlegungen wie dieser: „Sollte er ein bedeutsamer Gesellschaftskritiker werden, der sich vor allem seinen theoretischen Studien verschrieb, oder eher der treue Gefährte des großen Denkers, der sein Leben in den Dienst der Sache stellte, aber als Intellektueller in den Hintergrund rückte?“ (S. 109) Es ist nur schwer vorstellbar, dass die zugeschriebenen Selbststilsierungen tatsächlich so aussahen und dass die Rollen­verteilung das Ergebnis „von dessen bewusstem Entschluss [war], sich zukünftig in den Schatten Horkheimers zu stellen und dafür Sorge zu tragen, dass die Freunde ihr Ideal vom guten Leben innerhalb des geschützten Raumes des ,intérieur‘ verwirklichen konnten“ (S. 105). Bis ins hohe Alter hinein notierte und systematisierte Pollock über Jahre hinweg nahezu täglich Horkheimers Äußerungen aus Gesprächen, in denen er selbst nur als Stichwortgeber und Protokollant fungierte. Darüber, wie sich diese höchst ungleiche Rollenverteilung im Gewand eines übersteigerten Freundschaftsideals ausbilden und ein ganzes Leben lang andauern konnte, hätte man gern etwas mehr erfahren.

Wenn in den erneuerten Freundschafsverträgen in Bezug auf Pollock von „neurotischen Hemmungen […] gegenueber geistigen Dingen […] mit der daraus folgenden Uninteressiertheit, Zerstreutheit, mangelnden Libidobesetzung, ,Inkompetenz’ und unter dem Niveau liegenden Urteilsfähigkeit“, „mangelnde[r] Beteiligung an den geistigen Aufgaben“, „Animosität gegen Geistiges“ die Rede war,[4] so scheint es verständlich, diesem schroffen (Selbst)bild (das Lenhard nicht explizit erwähnt) gerade in einer Biografie entgegenarbeiten zu wollen. Doch birgt ein solches Unterfangen mehrere Gefahren in sich, denen Lenhard in seiner Darstellung nicht immer entgangen ist: Um Pollock intellektuell aufzuwerten, versucht er die Eigenständigkeit, Richtigkeit, Bedeutung und Aktualität von dessen theoretischen Schriften nachzuweisen, was sachlich nicht immer berechtigt ist.

Das lässt sich besonders gut an den wichtigen Arbeiten aus den 1930er- und 1940er-Jahren zeigen. In seinem ersten Aufsatz in der Zeitschrift für Sozialforschung knüpfte Pollock 1932 an Rudolf Hilferdings 1910 erschienenes Finanz­kapital und die darin entwickelte These vom Generalkartell an, teilte jedoch nicht dessen „optimistische Ansicht, dieser staatlich garantierte und verwaltete Monopolkapitalismus sei notwendig eine Vorstufe zum Sozialismus“ (S. 131 f.). Im Gegenteil: „Für Pollock bedeutete die Monopolisierungs- und Zentralisierungs­tendenz des Kapitals vor allem eine zunehmende Krisenresistenz.“ (S. 132)

Pollock hält damit auch eine gelenkte Planwirtschaft auf kapitalistischer Basis für durchaus denkbar – eine Möglichkeit, die sein Institutskollege Henryk Grossmann im gleichen Heft und in seinem 1929 erschienenen Buch mit Blick auf Hilferding einer scharfen Kritik unterzogen hatte. Grossmann verwies darauf, dass Marx die „Unmöglichkeit der ‚Regelung‘ der Produktion auf der Basis der bestehenden Wirtschaftsordnung“ aufgezeigt habe und kam in seiner Kritik an Hilferdings Generalkartell zu dem Resultat: „Die Hilferdingsche Vorstellung einer ‚geregelten Produktion‘ und einer ‚anatagonistischen Verteilung‘ ist eben ein logisches Unding.“[5]

Pollock hingegen räumte dem „Generalkartell Hilferdings, in dem sämtliche Unternehmungen zusammengeschlossen sind, aber prinzipiell das Privateigentum an Produktionsmitteln erhalten bleibt“, [6] ökonomisch durchaus Chancen ein und sah auch reale Tendenzen, die in diese Richtung wirkten. Hierin zeigte sich das ganze Dilemma einer Krisen- und Planungstheorie, die von der Distributionssphäre ausging und in der Disproportionalität von Produktion und Konsumtion nicht wie Marx nur die formale Möglichkeit, sondern den realen Grund der Krisen sehen wollte und umgekehrt aus der Idee einer geregelten Proportionalität von Konsumtions- und Produktionsbereich auf die Möglichkeit einer ökonomischen Dauerstabilisierung des Kapitalismus folgern zu können meinte.

War Pollock in seiner Analyse der Weltwirtschaftskrise von 1929 zu dem Ergebnis gekommen, dass „diese Krise mit kapitalistischen Mitteln über­wunden werden kann und daß der ‚monopolistische‘ Kapitalismus auf zunächst unab­sehbare Zeit weiter zu existieren vermag“,[7] so ließ er auf politischer und gesellschaftlicher Ebene noch offen, ob hier mit einem Widerstandspotenzial seitens der Kapitalbesitzer oder der Arbeiter zu rechnen wäre. Im darauffolgenden Aufsatz revidierte er seine diesbezüglichen Überlegungen dann ausdrücklich: „Diese Widerstands­kraft ist, wie die Erfahrung lehrt, in der Vergangenheit weit über­schätzt worden, das veränderte Gewicht der Arbeiterklasse im Wirtschaftsprozess, die Umwälzungen in der Waffentechnik und die außerordentliche Vervollkommnung der geistigen Massenbeherr­schung lassen auf absehbare Zeit einen solchen Widerstand nur im Gefolge schwerster Katastrophen als möglich erscheinen.“[8] Eine proletarische Erhebung gegen den Nationalsozialismus sei ebenso unwahrscheinlich wie der ökonomische Zusammenbruch des Regimes. Die staatli­chen Interventionen und die konjunkturpolitischen Maßnahmen bildeten in ihrer Mannig­faltigkeit und Intensität vielmehr „eine neue Stufe ‚staatskapitalistischer‘ Eingriffe“.[9]

Auch in den späteren Aufsätzen zum Staatskapitalismus – auch dazu hätte man gern etwas mehr gelesen – bezog sich Pollock wiederum und diesmal uneingeschränkt auf Hilferding, der sein Generalkartell nun allerdings nicht mehr als Vorstufe zum Sozialismus, sondern zum Totalitarismus verstanden wissen wollte. In dem in einer russischen Emigrantenzeitschrift erschienenen und von Pollock zitierten Aufsatz „State Capitalism or Totalitarian State Economy“ aus dem Jahr 1940, der in Emigrantenkreisen breit und kontrovers diskutiert wurde, hatte Hilferding (wiederum mit Bezugnahme auf sein Generalkartell) ausgeführt, dass in den aktuellen totalitären Staaten der regulierende Marktmechanismus durch umfassende staatliche Planung ersetzt worden sei. In gleicher Weise seien die Tauschwertproduktion durch die Gebrauchswertproduktion, der Primat der Ökonomie durch den Primat der Politik und das Profitmotiv durch das Machtmotiv abgelöst worden.[10]

Pollocks Institutskollege Franz Neumann bezog sich in seiner Kritik an der Staatskapitalismustheorie ebenfalls auf Hilferdings Aufsatz, wenn auch nur aus zweiter Hand, nämlich mittels eines langen Zitats, das sich bei Dwight Macdonald, dem Mitherausgeber der Partisan Review, in dessen Artikel „The End of German Capitalism“ findet.[11] Geht man dem jeweiligen Kontext näher nach, so wird deutlich, dass sich Neumanns Kritik nicht nur explizit gegen Pollock richtete, sondern auch gegen eine ganze Reihe weiterer Staatskapitalismustheoretiker.[12] Lenhard spricht in seiner Darstellung der Kontroverse zwar auch von sachlicher Kritik Neumanns an Pollock (cf. S. 206/212), setzt sich dann aber ausschließlich mit der gegen Pollock gerichteten Polemik auseinander, um schließlich auch inhaltlich für seinen Protagonisten in die Bresche zu springen: „Zum einen missinterpretierte Neumann Pollocks Theorie des Staatskapitalismus dahingehend, dass dieser die totale Auflösung privatkapitalistischer Elemente erwartete, wo doch Pollock bewusst von einem idealtypischen Modell gesprochen hatte, das durch das Mittel der Abstraktion Tendenzen der neuen Gesellschaft sichtbar machen wollte, anstatt die Realität eins zu eins abzubilden.“ (S. 212) Damit bewegt sich Lenhard in der Spur Horkheimers, der Pollock gegenüber Neumann mit dem Hinweis darauf zu retten versucht hatte, dass Idealtypen der Wirklichkeit auch als schöne oder hässliche Utopien entgegengesetzt werden könnten – womit er freilich weder der Intention Neumanns noch der Definition Max Webers gerecht wurde.

Auch Karl Korsch ging in seiner damaligen Besprechung von Neumanns Behemoth in der von Paul Mattick herausgegebenen Zeitschrift New Essays auf all jene ein, die nach Neumann im Staatskapitalismus eine Ökonomie ohne Ökonomie sehen wollten und fand es völlig konsequent, dass Neumann Hilferding als „the arch-prophet of the whole heresy“ mit einbezog.[13] Korsch und Mattick kommen zwar auch bei Lenhard vor, nicht aber als Kritiker der Staatskapitalismustheorie und damit Pollocks. Dass sich Korsch und Pollock bei aller wechselseitigen Wertschätzung in der Einschätzung des Staatskapitalismus als theoretische Gegner wiederfanden, hätte einer eingehenderen Analyse des theoretischen und politischen Umfelds bedurft, in der Pollock seine These entwickelte. Darauf aber hat Lenhard verzichtet und bürdet damit Pollock die ganze Last der Verteidigung einer durchaus diskussionsbedürftigen These auf. Pollock hatte – und das unterstreicht er im ersten Satz seiner Darstellung – ja gar nicht vorgegeben, eine originäre Theorie zu entwickeln, sondern beanspruchte lediglich die Argumente zusammenzufassen, die die verschiedenen Theoretiker und Befürworter des Staatskapitalismus für ihre These, dass man es mit einer völlig neuen Wirtschaftsordnung zu tun habe, vorbrachten. Lenhard wird in seiner verengten Darstellung der Staatskapitalismustheorie Pollocks nicht nur dessen eigenem Anspruch nicht gerecht, sondern lässt sich auch die Chance entgehen, den historischen Diskussionszusammenhang, aus dem jene entstand, ausführlicher darzustellen.

Tatsächlich sah sich Pollocks Theorie – wie man im Briefwechsel und den protokollierten Diskussionen nachlesen kann – nämlich auch institutsintern heftiger Kritik ausgesetzt, und zwar zunächst auch von Horkheimer und Adorno.

Umso erstaunlicher muss es daher anmuten, dass beide Pollocks Staatskapitalismustheorie trotz ihrer anfänglichen Kritik letztlich vollständig übernahmen und sie ihren weiteren Arbeiten zugrunde legten. Bereits Horkheimers Aufsatz „Juden und Europa“ von 1939 argumentiert auf der Basis von Pollocks ökonomischen Analysen. Lenhard geht hier sogar noch weiter: „Zwar zeichnete Horkheimer als alleiniger Autor für den Aufsatz verantwortlich und hat ihn wohl auch eigenständig verfasst, aber die ökonomische Theorie Pollocks schimmert an allen Ecken und Enden durch, so dass es als legitim gelten mag, diesen als eine Art Co-Autor zu behandeln.“ (S. 187)

Auch in Horkheimers wohl radikalster Schrift, dem Aufsatz „Autoritärer Staat“, ist der Einfluss Pollocks unübersehbar. Dieser 1940 geschriebene Text, „der nicht nur ursprünglich ,Staats­kapitalismus‘ heißen sollte, sondern Pollocks Gedanke eines ,Übergangs vom Monopol- zum Staatskapitalismus‘ konsequent fortführte“ (S. 211), war nicht von ungefähr 1942 in der internen Benjamin-Gedächtnisschrift erschienen. Denn gleichzeitig schrieb er mit Benjamins Voluntarismus gegen Pollocks Determinismus an. Erstaunlich, dass ausgerech­net hier, wo sich der Einfluss von Pollocks Staatskapitalismustheorie am stärksten nachweisen ließe, aber auch die große Skepsis daran, sich Lenhard lediglich mit diesem einzigen Satz bescheidet.

Und auch in der Dialektik der Aufklärung ist Pollocks Einfluss auszumachen. Insbesondere seine Theorie des Staatskapitalismus hat nachhaltig Einzug in das Dialektik-Buch gehalten.“ (S. 248) Wenn Pollock Ende der sechziger Jahre einer Wiederveröffentlichung nur zögerlich zustimmte und dafür selbst eine Bereinigung der marxistischen Termini vornahm (vgl. S. 309), so war das vielleicht einerseits „seiner Einschätzung einer geschichtsblinden Marx-Lektüre der Studenten“ (S. 309) im Kontext der Studentenbewegung geschuldet, stand andererseits aber auch in der Logik seiner Staatskapitalismustheorie, mit der er sich bereits im Zuge ihrer Abfassung von Marx gelöst hatte und für die er in Anspruch nahm, dass sie auch nach dem Fall des Faschismus noch Gültigkeit für sich beanspruchen könne. Der Staatskapitalismus war für Pollock bereits die Wirklichkeit gewordene total verwaltete Welt, die Horkheimer und Adorno in der Nachkriegszeit beschworen.

Von Lenhard wird der Einfluss der Staatskapitalismustheorie zwar zugestanden, aber nicht näher nachgewiesen, obwohl dies die Bedeutung Pollocks ja verstärkt und nicht geschmälert hätte. Dadurch wird auch die Chance verspielt, die ja eher erstaunliche Wirkung Pollocks insbesondere auf Horkheimer und Adorno, aber auch auf Marcuse nachzuweisen und gängige Interpretationsmuster zu korrigieren. Denn deren jeweilige Spätphilosophie, inklusive der oft beschworenen resignativen Wende der ersteren und dem radikalen Voluntarismus des letzteren konnte nur auf der Akzeptanz von Pollocks ökonomischer Analyse entfaltet werden.

Pollocks eigene Arbeiten nach dem Kriege, zu denen neben dem kontrovers diskutierten Abschlussbericht des Gruppenexperiments (1955) insbesondere seine Untersuchung zu den ökonomischen und sozialen Folgen der Automation (1956/1964) sowie ein unveröffentlicht gebliebenes Buchprojekt zur Analyse der Arbeit (vgl. S. 295 f.) zählen, beruhen nach wie vor auf den Grundannahmen seiner Staatskapitalismustheorie. So wie es ihm evident erschien, „daß im Prinzip nur eine geplante Wirtschaft die durch die Automation entstehenden Probleme rationell bewältigen kann“,[14] war ihm auch klar, dass es „auf der ganzen Welt Ansätze einer solchen planmäßigen kollektiven Kontrolle“ gäbe, für die er nur zur Vermeidung von Missverständnissen nicht mehr den Begriff „Staatskapitalismus“ verwenden wollte.[15]

Pollocks ökonomische Analysen erweisen sich – nicht zuletzt durch ihren nachhaltigen Einfluss auf den engeren Kern der Institutsmitglieder – als klar definierbare Beiträge zur Ausbildung der Kritischen Theorie. Mindestens ebenso bedeutend wie Pollocks theoretische Leistung ist sein praktischer Einsatz bei der Verwaltung des Frankfurter Instituts. Von der Gründungsphase unter der Leitung von Carl Grünberg über die gesamte Phase der Emigration bis zu seiner Remigration im Jahr 1951 gewährleistete er die Existenz und die Kontinuität des Instituts. Ohne ihn wäre die Geschichte der Kritischen Theorie, so wie sie sich entwickelt hat, undenkbar.

Es ist an der Zeit, dass Friedrich Pollock endlich aus dem Schattendasein tritt. Bleibt zu hoffen, dass es Philipp Lenhard mit dieser längst fälligen Biografie Pollocks und der Gesamtausgabe seiner Schriften gelingt, ihm nicht nur die notwendige Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sondern auch zur eingehenderen Beschäftigung mit seinem Werk anzuregen.

Fußnoten

[1] Rolf Wiggershaus, Friedrich Pollock – der letzte Unbekannte der Frankfurter Schule, in: Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte 41 (1994), 8, S. 750–756.

[2] Vgl. Martin Jay, The Dialectical Imagination. A History of the Frankfurt School and the Institute for Social Research 1923–1950, Boston, MA / Toronto 1973; Rolf Wiggershaus, Die Frankfurter Schule. Geschichte – Theoretische Entwicklung – Politische Bedeutung, München/Wien 1986; Alex Demirović, Der nonkonformistische Intellektuelle. Die Entwicklung der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule, Frankfurt am Main 1999; Emil-Walter Busch, Geschichte der Frankfurter Schule. Kritische Theorie und Politik, Paderborn/München 2010.

[3] Der erste Band ist 2018 erschienen: Friedrich Pollock, Gesammelte Schriften, Bd. 1: Marxistische Schriften, hrsg. von Philipp Lenhard, Freiburg 2018. Der zweite Band mit Schriften zu Planwirtschaft und Krise ist vom Verlag für den Herbst 2020 angekündigt.

[4] Memorandum Friedrich Pollock – Max Horkheimer, August 1935 u. 1936, in: Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, Bd. 15: Briefwechsel 1913–1936, hrsg. von Gunzelin Schmid Noerr, Frankfurt am Main 1995, S. 380–388 bzw. S. 606–610. Die Zitate finden sich auf Seite 382 und auf S. 609.

[5] Henryk Grossmann, Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems (zugleich eine Krisentheorie), Leipzig 1929; Reprint: Frankfurt am Main, 2. Aufl. 1970, S. 623 u. S. 617. Vgl. auch ders., Die Wert-Preis-Transformation bei Marx und das Krisenproblem, in: Zeitschrift für Sozialforschung 1 (1932), 1, S. 55–84.

[6] Friedrich Pollock, Die gegenwärtige Lage des Kapitalismus und die Aussichten einer planwirtschaftlichen Neuordnung, in: Zeitschrift für Sozialforschung 1 (1932), 1, S. 8–27, hier S. 18.

[7] Ebd., S. 16.

[8] Friedrich Pollock, Bemerkungen zur Wirtschaftskrise, in: Zeitschrift für Sozialforschung 2 (1933), 3, S. 321–354, hier S. 350.

[9] Ebd., S. 347.

[10] Rudolf Hilferding, State Capitalism or Totalitarian State Economy, in: Socialistichesky Vestnik (The Socialist Messenger), Paris 1940; wiederabgedruckt in: Charles Wright Mills (Hg.), The Marxists, New York 1962, S. 334–349, hier S. 334.

[11] Vgl. Dwight Macdonald, The End of German Capitalism, in: Partisan Review 8 (1941), 3, S. 198–220, hier S. 212 f. und Franz Neumann, Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialis­mus 1933–1944 (1942/44), neu hrsg. v. Alfons Söllner u. Michael Wildt, Hamburg 2018, S. 273 f. u. S. 274 f.

[12] Vgl. u.a. Peter Drucker, The End of Economic Man, New York 1939; Frank Munck, The Economics of Force, New York 1940; James Burnham, The Theory of Managerial Revolution, in: Partisan Review 8 (1941), 3, S. 181–197; Macdonald, The End of German Capitalism.

[13] Karl Korsch, The Structure and Practice of Totalitarianism, in: New Essays 6 (1942), 2, S. 43–49. Vgl. auch den Beitrag von Paul Mattick, How New is the ‚New Order‘ of Fascism?, in: Partisan Review 8 (1941), 4, S. 289–310, der sich als Kritik von Pollock, „Is National Socialism a New Order?“, in: Studies in Philosophy and Social Science 9 (1941/1942), 3, S. 440–455 lesen lässt.

[14] Friedrich Pollock, Automation. Materialien zur Beurteilung der ökonomischen und sozialen Folgen, Frankfurt am Main 1956, S. 288 f.

[15] Friedrich Pollock, Brief vom 24.12.57 an Felix Weil, in: Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, Bd. 18: Briefwechsel 1949–1973, hrsg. v. Gunzelin Schmid Noerr, Frankfurt am Main 1996, S. 406–410, hier S. 406 f.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.