Einzahlen, Auszahlen, Bezahlen

Axel T. Paul über seine Theorie des Geldes und die Wirtschaftssoziologie im Allgemeinen

Die Geschichte der Soziologie ist eine Geschichte der Spaltung. Als Disziplin ist sie (vor allem) ein Ableger der Nationalökonomie, deren Fragenstellungen den Protagonisten der Spaltung zu eng und deren Theoreme ihnen zu dünn erschienen. Auf der anderen Seite grenzten sich die frühen Soziologen von der Philosophie ab, deren operatives Geschäft man zu weit von den empirischen Idealvorstellungen moderner Wissenschaften entfernt wähnte. Nicht zufällig wurde ein Klassiker der Soziologie von Georg Simmel noch mit Philosophie des Geldes betitelt. Diese Ausdifferenzierung, so notwendig und gut sie war, erzeugte bekanntlich wenig Kohäsion im jungen Forschungsfach. Nach und nach wurde die Soziologie in ihrer weiteren Entwicklung durch die Einziehung immer neuer Binnengrenzen fragmentiert. Heute stehen Erstsemesterstudierende vor einem einschüchternd großen Bündel an Bindestrich-Subdisziplinen, die sich wechselseitig überraschend selten etwas zu sagen haben. Es liegt allein in der Geschichte der Soziologie, aber nicht in ihrer Sache begründet, dass es beispielsweise eine Sparte gibt, die sich mit Arbeit und Industrie beschäftigt, eine andere, die sich Wirtschaftssoziologie nennt, und eine dritte, die Organisationssoziologie heißt. Denn selbstverständlich sind die in den Organisationen der Industrie beschäftigten ArbeiterInnen Teil der Wirtschaft. Die Wirtschaftssoziologie selbst unterteilt sich sogar noch einmal in mehrere Forschungsbereiche, etwa Marktsoziologie, Konventionsökonomik, Finanzsoziologie, politische Ökonomie, Soziologie des Wirtschaftswissens oder – seit Kurzem wieder verstärkt – Geldsoziologie. Die Theorie des Geldes zur Einführung des Soziologen Axel T. Paul, kürzlich im Junius Verlag erschienen, stellt nicht nur eine wirklich ausgezeichnete, weil gleichsam facettenreiche und verständlich geschriebene Einführung in die letztgenannte Sparte dar, sondern gleichzeitig auch ein Plädoyer für einen Rückbau der Binnendifferenzierungen der Wirtschaftssoziologie.

Am Anfang war die Schuld

Geldtheorie beginnt meistens ganz am Anfang, mit Erklärungsangeboten für die historische Entstehung der Geldfunktionen. Dabei ist es vergleichsweise unstrittig (zumindest auf den ersten Blick), worin diese Funktionen bestehen: Geld ist ein universelles Zwischentauschmittel, das heißt man akzeptiert es im Austausch gegen Güter und Dienste nicht, weil man es konsumieren möchte, sondern weil man es am wahrscheinlichsten und einfachsten wieder gegen die Dinge eintauschen kann, die man „wirklich“ braucht. Das funktioniert, weil sich mit Geld als einer Maßeinheit Preise festlegen und ausweisen lassen. Anders als beispielsweise die eigene Arbeitskraft kann man Geld ferner verwenden, um Werte zu speichern und ihren Einsatz (im Tausch) aufzuschieben. Schließlich ist Geld das Mittel, mit dem sich öffentliche (Steuern oder Strafen) und private Schulden begleichen lassen. Geld fungiert also als Zwischentauschmittel, Auspreisungsmaß, Wertspeicher und Tilgungsinstrument zugleich.

Lange Zeit galt es unter Ökonominnen und Ökonomen als ausgemacht, dass man theoretisch so tun könne, als seien diese Geldfunktionen aus dem Tauschen von Gütern und Dienstleistungen selbst entstanden – als seien sie Markteffekte. Diese Genealogie wurde verstärkt in den letzten Jahren mit historischen und systematischen Argumenten widerlegt, die Paul übersichtlich präsentiert. In der Asche des Mainstreams beginnt er, nach überzeugenderen „Urszenen des Geldes“ (S. 49) zu suchen. Mit strammem Schritt durchschreiten Leserinnen und Leser hier an Pauls Seite die Gabentheorie des französischen Soziologen Marcel Mauss und erfahren etwas über den sakral-zeremoniellen Charakter früher Geldmittel. Im Anschluss folgen Schilderungen zu vormodernen Praktiken der Auflösung von Kränkungen sowie Blut- und Schandtaten durch rituelle Opfergaben. In beiden alternativen origin stories kommt Geld als Mittel der Schuldentilgung zur Welt (S. 61), dessen sich – und erst dadurch kann es universelles Zahlungs- und Tauschmittel werden – religiöse und politische Autoritäten ermächtigen, um es für eigene Zwecke nutzbar zu machen.[1] Am Anfang des Geldes steht also die Schuld, genauer: die soziale Praktik, durch eine Zahlung Schulden zu tilgen.

Fast Forward Finanzmarkt

Nachdem geklärt ist, welche Funktionen Geld hat und wie man sich seine soziale Geburt in etwa vorstellen kann, erhöht Paul das Tempo und erläutert die „gewissermaßen selbstläufige Entwicklung vom Geld zum modernen Finanzmarkt“ (S. 100). Letzterer sei ein Gefüge von Institutionen und Praktiken, die als Ausreizung und Fortentwicklung der „Logik des Geldes“ (ebd.) verstanden werden sollten, so Paul. Geldsoziologie, das ist der Fingerzeit an die Disziplin, müsse deswegen stets auch Finanzsoziologie sein. Eine scharfe Trennung zwischen beiden Subdisziplinen wäre künstlich. Ausgangspunkt der ersten Kapitel zu einer von grundlegenden Begriffsbestimmungen entlasteten Soziologie des Geldes ist die „durchmonetarisierte Gesellschaft“ (S. 101), in der Menschen im Allgemeinen auf den Bezug von Geld angewiesen sind, um die Dinge zu bekommen, die sie brauchen und wollen. Diese Abhängigkeit von Geldeinkommen steht in einer basalen Spannung zu dem Geld inhärenten „Freiheitsversprechen“ (S. 104).

Aber worin genau besteht diese Spannung eigentlich? Eine Geldbesitzerin kann Geld zwar nicht selbst konsumieren, aber sie kann zwischen zahllosen Angeboten unterschiedlicher Verkäufer wählen. Sie ist damit, das wurde schon von Simmel als Freiheitsgewinn gewürdigt, nicht mehr auf persönliche Bekanntschaft und Gefälligkeit angewiesen, wenn es gilt, sich zu versorgen und Bedürfnisse zu befriedigen. Geld ist – anders als Güter – nicht auf die Art des Bedürfnisses festgelegt, das man mit ihm zu befriedigen sucht. Vielmehr stehen endlose Regalmeter an Waren zur Auswahl, die erstanden werden können. Außerdem „und hierin liegen sowohl ein besonderer Reiz als auch eine eigentümliche Problematik des Geldes – sind wir als Geldbesitzer frei darin, wann wir es ausgeben“ (S. 106). Indem man dank des Geldbesitzes Entscheidungen vertagen kann (heute sparen, um erst morgen zu zahlen), ohne die Entscheidungsfreiheit aufzugeben (wofür man zahlt), gewinnt „Zukunft selbst […] an Tiefe und Plastizität“ (S. 107). Dem Besitz von Geld ist also eine Zeitlichkeit inhärent, wie bereits Aristoteles wusste; er schrieb: „Für den künftigen Austausch – dafür, dass der Austausch, wenn jetzt kein Bedarf besteht, möglich sein wird, wenn Bedarf aufkommt – ist uns das Geld gewissermaßen Bürge“.[2] Dieser Beruhigungseffekt schafft für die Geldbesitzerin Handlungsfähigkeit, weil sie Entscheidungen sorgfältig abwägen kann. Gleichzeitig, so erklärt Paul, stellt dieser Beruhigungseffekt aber eine Unsicherheit für diejenigen dar, die gerne mehr Geld hätten, um sich zu versorgen. Verkäufer von Waren oder Arbeitskraft gieren nach Liquidität, wollen also die Geldbesitzer ständig dazu motivieren, ihr Geld auszugeben. Auf diese, dem Geld ganz eigene Spannung antworten die Institutionen des Banken- und Finanzsystems: Während sie den Beruhigungseffekt des Geldbesitzes durch ihre Angebote zur Geldanlage absichern, bedienen sie gleichzeitig den Geldbedarf der Verkäufer. Der für solche Transaktionen notwendige Zins ist vor diesem Hintergrund Ausdruck der Logik des Geldes selbst, nur auf einer höheren Ebene gesellschaftlicher Ausgestaltung und Komplexität. Der Handel mit Zukunftsrisiken in Form von Krediten und Termingeschäften auf den modernen Finanzmärkten ist deswegen mit Paul letztendlich als eine Wiederaufnahme, Lösung und gleichzeitige Reproduktion der Spannungen des Geldes zu verstehen. Pauls systematische, historisch informierte, gut verständliche und als Seminarlektüre gut geeignete Skizze des Finanzsystems ist so denn auch als eine Kritik an artifiziellen Binnendifferenzierungen der Wirtschaftssoziologie zu lesen. Dem an derlei innerdisziplinären Scharmützeln weniger interessierten Käufer werden in diesem Teil des Buches grundlegende Einsichten zu Entwicklung und Funktionsweise des Finanzsystems (etwa zu Derivaten) sowie zu Konjunkturen und Krisen vermittelt.

Nichts ist los

Der Handel mit der dem Geld innerhalb des Finanzsystems inhärenten Zeitlichkeit, die wechselseitigen Abhängigkeiten und Erwartungen unterschiedlicher Geld- und Güterbesitzer sowie die immer komplexer werdenden Verfahren und Verträge, die beide in Interaktion setzen, führen immer wieder zu Spannungen und Krisen. Vom auf die Zukunft gerichteten Charakter des Geldes über die Reproduktion dieses Charakters als Risiko auf den Finanzmärkten führt Paul zur Thematik der Geldschöpfung und ihrer (möglichen) Reform. Der Umstand, dass Geld nicht irgendwann und irgendwie historisch entsteht, sondern eben auch (kontinuierlich) produziert werden muss, wurde vor allem durch Geoffrey Ingham wieder in den Diskurs der Geldsoziologie eingebracht,[3] die sich zunächst und zumeist für die Funktionsweise dieses Mittels im alltäglichen Gebrauch interessiert hatte.[4]

Geld entsteht heute immer dann, wenn sich Akteure bei Banken verschulden. Das können beispielsweise private Banken sein, die sich frisches Kapital bei ihren Zentralbanken leihen. Viel wichtiger, weil vorgängig aber ist die Nachfrage nach Krediten im Privatsektor. Jedes Mal, wenn ein Unternehmen, ein Hauskäufer oder eine sonstige Konsumentin bei einer Bank einen Kredit aufnimmt, entsteht neues Bankguthaben auf dem Konto des Schuldners, sozusagen – auch wenn man diese reißerische Formulierung nicht überzeichnen sollte – „aus dem Nichts“ (S. 142, auch bei Paul in Anführungszeichen). Besonders erfreulich ist an dieser Stelle, dass Paul nüchtern und fast schon nebenbei mit der immer noch weit verbreiteten Unwahrheit aufräumt, private Banken bräuchten für diese Art der Geldschöpfung vorher Reserveguthaben bei der Zentralbank. Banken benötigen zwar tatsächlich Reserven an Zentralbankgeld, aber nur für Barabhebungen und Überweisungen. Es kann also, so Paul, keine Kontrollfunktion entstehen, „weil die kreditäre Buchgeldschöpfung der Hinterlegung von Reserven vorhergeht“ (S. 146). Das bedeutet im Übrigen nicht, wie Paul ebenfalls deutlich macht, dass die Zentralbanken keinen Einfluss mehr hätten – Leitzinsentscheidungen, die Festlegung von Absicherungskriterien und ihre eigenen Geschäfte bleiben natürlich keinesfalls folgenlos. Allerdings haben Zentralbanken eben keinen direkten Einfluss auf die Geldmenge der privaten Banken. Nichtsdestotrotz ist die Privatwirtschaft auf die Kooperation mit der Zentralbank angewiesen und ebenso darauf, dass ihre Schulden – das Geld auf den Bankkonten – vom Staat als Zahlungsmittel anerkannt werden. Die Geldordnung ist in diesem Sinne eine komplexe öffentlich-private Partnerschaft, deren Dynamik jedoch maßgeblich von den privaten Partnern bestimmt wird.

Undercoverpolitik

Diese kreditäre Buchgeldschöpfung aus dem Nichts, einerseits durch eine politische Organisation, andererseits durch den Markt, war und ist umkämpft. Paul macht diesbezüglich zwei Stränge in den gegenwärtigen Reformdebatten aus, die er sorgfältig unterscheidet und gleichermaßen kritisch diskutiert. Zunächst geht er auf liberale Zirkel ein, die in vielfältigen Varianten Geldsysteme ohne staatliche Rückendeckung diskutieren. Eine der neuesten Versionen solcher hyperliberalen Geldordnungen ist inzwischen mehr als ein Gedankenspiel: Kryptowährungen wie Bitcoin erfreuen sich unter SpekulantInnen derzeit großer Beliebtheit. Sie werden von ihren theoretischen Advokaten als kostengünstige Alternative zu regulären Zahlungsmitteln angepriesen, unter anderem mit dem Argument, dass im Falle ihrer Verwendung auf Intermediäre wie Banken verzichtet werden könne. Bitcoin-Transaktionen werden zwischen den beteiligten Zahlpartnern abgewickelt und die Legitimität dieser Transaktionen – also die Frage, ob das Bitcoin-Konto ausreichend gedeckt ist – wird durch dezentrale Computernetzwerke überprüft. Auch in diesem Abschnitt nimmt Paul den Einführungscharakter seines Buches sehr ernst und erklärt ebenfalls für Laien verständlich, was es mit diesem ausgeklügelten Mechanismus auf sich hat. Er relativiert dabei die hohen Erwartungen von Technologieenthusiasten, die sich eine rosige Zukunft mit staaten- und bankenlosem Geld ausmalen. Bitcoin sei weniger „alternatives Geld“ als vielmehr ein beliebiges Spekulationsobjekt, das zukünftig mehr und mehr in das klassische Finanzsystem integriert werde, sofern es nicht vorher ökologisch kollabiert.[5] Theoretisch symbolisiere es allerdings die viel größere und ältere Idee eines vollständig privaten Zahlungssystems.

Diesem liberalen Phantasma konträr gegenüber steht der zweite von Paul ausgemachte Strang innerhalb der Debatte: eine Reformbewegung, die sich unter Bannern wie Positive Money Movement oder Vollgeldreform versammelt. Es handelt sich um im Detail sehr unterschiedliche, aber im Kern doch vereinte politische Kräfte, die ein ausschließlich staatliches Geldsystem einfordern und planen. Die Bewegungen in England, den Niederlanden, Deutschland und der Schweiz fordern, die private Geldschöpfung der Banken abzuschaffen und durch allein vom Staat produziertes Geld zu ersetzen. Wahlweise soll die Regulierung der Geldschöpfung künftig durch ein unabhängiges Gremium oder das Parlament erfolgen. Paul wägt beide oppositionellen Positionen knapp, aber sorgfältig ab und zieht sodann ein skeptisches Fazit.  

Die politische Sprengkraft des Paul‘schen Argumentationsgangs bleibt lange hinter gut lesbarer, aber nüchtern vorgetragener Theorie verborgen: Statt liberalen oder etatistischen Vorstellungen nachzueifern, regt er an, die gegenwärtige Ordnung der öffentlich-privaten Partnerschaften neu zu justieren. Genauer gesagt geht es ihm um das Verhältnis von Regierung und Zentralbank. Er stellt dabei die Binsenweisheit, Zentralbanken müssten von politischem Einfluss möglichst unabhängig operieren können, zur Disposition. Mit wenigen Strichen dekonstruiert Paul den Mythos technokratischer Rationalität, der die Zentralbankunabhängigkeit (von demokratisch-politischer Steuerung) für alternativlos erklärt. Dieser Mythos operiert nämlich mit der Fiktion einer neutralen, an monetärem Allgemeinwohl orientierten Geldpolitik, deren Verfolgung anders als durch Unabhängigkeit nicht zu gewährleisten sei: Dieses monetäre Allgemeinwohl ist Geldwertstabilität. Tatsächlich aber, so Paul, sei Geldpolitik „mitnichten neutral, sondern sie favorisiert unweigerlich einzelne gesellschaftliche Gruppen oder Klassen“ (S. 187). Hinter von demokratischer Kontrolle freigestellten und vor allem auf Geldwertstabilität zielenden Zentralbanken stehen also – in aller Deutlichkeit formuliert – Partikularinteressen (S. 188). Diese Verfassung des Geldsystems ist nichts, was aus einer Geldtheorie selbst abgeleitet und so auf irgendeine Weise legitimiert werden könnte. Vielmehr ist sie Gegenstand von gesellschaftlichen Kämpfen, kurz: von Politik. Paul ruft vor diesem Hintergrund weniger dazu auf, dieser Unabhängigkeit eine bestimmte Alternative entgegenzusetzen, sondern schlicht dazu, die Möglichkeit einer politisierten und demokratisierten Zentralbank wieder in die Verhandlungsmasse des politischen Diskurses aufzunehmen. Denn finanzpolitische Instrumente wie eine monetäre Staatsfinanzierung – das heißt eine Finanzierung von Staatsausgaben durch neu geschaffenes Geld – sind keine wissenschaftlich-theoretisch auszuschließenden, sondern potenziell anderen Interessen folgende Politikoptionen. Diese im Zeitalter des Neoliberalismus verschmähten Optionen werden in Anbetracht des gewaltigen Ausmaßes an notwendigen Investitionen in Bereichen wie Arbeit, Klimaschutz und Infrastruktur inzwischen immer häufiger ernsthaft ins Spiel gebracht.[6]

Wer sich heute politisch über Geld Gedanken machen möchte, bewegt sich mit Paul auf der Höhe der Debatte. Geldpolitik könnte von bloßer Verwaltung nicht weiter entfernt sein und eine Diskussion über mögliche Reformen des Geldsystems ist angesichts finanzieller Instabilität, Investitionsmangel und zunehmender Ungleichheit nicht zu vermeiden. Damit ist auch gesagt: Reine Umverteilungsdebatten oder auch Überlegungen zu weiteren Reformen des Finanzsystems (also etwa des Terminhandels) reichen hier nicht. Eine politische Debatte wäre zumindest unnötig begrenzt, konzentrierte sie sich allein auf obige Oberflächlichkeiten. Geldpolitik staatlichen Technokraten oder Algorithmen zu überlassen, ließe die mitunter wichtigste Arena politischer Gesellschaftsgestaltung unbespielt. Es ist Paul wiederum hoch anzurechnen, diese Sprengkraft undercover in eine sachliche und präzise Theorieeinführung einzuschleusen. Er eröffnet auf diesem Wege eine Debatte, ohne die Positionsbestimmung der Leserinnen und Leser zu determinieren.  

Primat des Geldmediums

Die Schlusskapitel des Buches können als ein Plädoyer für eine Neukalibrierung wirtschaftssoziologischer und gesellschaftstheoretischer Forschungen gelesen werden, durch die die Soziologie des Geldes von einer Rand- zu einer Kernsparte aufstiege. In durch Niklas Luhmann geprägten Kreisen der Soziologie, aber auch weit über diese Zirkel hinaus, stellt man sich Gesellschaft als funktional differenziert vor. Man unterstellt, Gesellschaften zerfielen in einzelne Systeme wie Wirtschaft, Politik, Wissenschaft oder Kultur, die nach eigenen Prinzipien und Logiken relativ autonom (allerdings natürlich nicht autark, also ohne wechselseitige Abhängigkeiten) arbeiten würden. Dazu gehört auch die These, dass diese Subsysteme eigene Steuerungsmedien ausgebildet haben, die alle grob nach demselben Prinzip funktionieren: Sie repräsentieren die Codierung ihres jeweiligen Systems und ermöglichen, ohne große Mühe an vorangehende Handlungen anzuschließen. Solche Medien „sind Deutungsstandards, denen eine gewisse Verführungskraft eignet, die zurückgewiesen werden können, aber angenommen werden ‚wollen‘“ (S. 225). Was Paul nun in Bezug auf das Wirtschaftssystem irritiert, ist weniger die Bestimmung des Geldes als dessen Medium, sondern vielmehr die Behauptung, es bestehe eine starke Ähnlichkeit zu anderen Kommunikationsmedien wie Wahrheit oder Macht. „Macht ist das Ansinnen Egos, Alter nach seiner Pfeife tanzen zu lassen, dem Alter nachkommt, weil Ego ihn bestrafen könnte. Wahrheit ist eine Beobachtung oder Feststellung Egos, die Alter bestätigt, weil er weiß, das Dritte es auch täten“ (ebd.). Und genauso kann Geld als ein Mittel dienen, mit dem Ego Alter motiviert, ihm etwas zu verkaufen. Und Alter tut das, „weil er im Gegenzug noch unspezifizierte Kaufkraft“ (ebd.) erhält. Es gibt allerdings entscheidende Unterschiede zwischen Zahlungen und den Operationen anderer Systeme und Medien. Geld, das zum Kauf und damit zur Fortsetzung von Zahlungsinteraktionen, eingesetzt wird, ist mit dem Akt des Zahlens weg; der Geldbesitz muss durch Einkommen regeneriert werden. Zwar müssen auch die anderen Systeme die Funktionalität ihrer Medien reproduzieren, aber geäußerte Thesen oder ausgeübte Macht reduzieren nicht auf dieselbe Weise die Interaktionsfähigkeit mit diesen Medien, wie es beim Ausgeben von Geld der Fall ist. Zumindest dann nicht, wenn man einzelne Subjekte in den Blick nimmt (und hier dürfte der Hase im Pfeffer liegen). Aber dieser Umstand ist eben nicht nur das ‚Problem‘ einzelner Personen, sondern ein gesamtgesellschaftliches: Erstens, weil die Operationen aller Systeme, wie Paul argumentiert, in der Regel unter einem Finanzierungsvorbehalt stünden (S. 226). Zweitens, weil Geld gleichzeitig für die Menschen in modernen Gesellschaften zur „Teilnahme- und Teilhabevoraussetzung zunächst am wirtschaftlichen, sehr bald aber auch am sozialen Leben überhaupt“ (S. 228) geworden sei. Drittens schließlich entstünde, so Paul, durch per zinstragenden Kredit erschaffenes und dann in Konkurrenz gehandeltes Geld eine spezifische Dynamik (nämlich ein „Wachstumszwang“, S. 227), die nicht nur das Wirtschaftssystem, sondern die kapitalistische Gesellschaft insgesamt bestimme. Und all das bekommt man nur dann in den Blick – so zumindest verstehe ich Paul – wenn man bedenkt, dass ausgegebene Budgets (anders als es bei Macht, Wahrheit oder Liebe der Fall ist) aufgebraucht sind und vom Zahlenden erneut eingenommen werden müssen. Geld ist aus diesen Gründen eben kein ausschließlich ökonomisches, sondern selbstverständlich ein alle Sphären des Sozialen durchdringendes Phänomen. Deswegen ist Geldsoziologie ist eigentlich keine Sparte der Wirtschaftssoziologie, sondern Gesellschaftsforschung.[7]

Nach Paul

Pauls Buch ist eine hervorragende Einführung in die Thematik des Geldes als Gegenstand sozialwissenschaftlicher Theorie. Die Sprache ist klar, die Argumente sind detailliert wie auch verständlich und dennoch bleibt der Umfang überschaubar. Leserinnen und Leser können sich sowohl einen Überblick über konzeptuelle Dimensionen verschaffen, in denen über Geld nachgedacht wird, als auch Grundlegendes über die Funktionsweise von Finanzmärkten erfahren, sich über Prinzipien der Geldschöpfung informieren sowie über mögliche Reformen und Alternativen nachdenken. Eine solche Einführung freundlich auf weitere, vermeintlich vergessene, übersehene oder aussortierte Aspekte der Thematik hinzuweisen, ist meistens unfair, weil ein derartiger Hinweis das Genre der Einführung nicht ernst genug nimmt. Allerdings merkt Paul selbst an, dass er nicht, wie in der Junius-Reihe üblich, das Potpourri verschiedener populärer Theorien (Achtung: Mehrzahl) vermessen möchte. Vielmehr will er anstelle einer Auflistung verschiedener Zutaten und Rezepte möglicher Theorien des Geldes ein bekömmliches Gericht kredenzen, soll heißen: Er serviert eine, genauer gesagt seine Theorie des Geldes (S. 9 f.). Dementsprechend darf man sich natürlich nicht der Illusion hingeben, mit dem Thema Geld abschließen zu können, wenn man die Theorie des Geldes von Axel T. Paul gelesen hat. Für eine weitergehende Auseinandersetzung aber ist Pauls Theorie einer der denkbar besten Ausgangspunkte.

Nach der Lektüre Pauls könnte die Lesereise verschiedene Abzweigungen nehmen, von denen an dieser Stelle nur einige wenige vorgeschlagen werden sollen. Erstens gibt es eine Tradition der politischen Soziologie des Geldes, die Geldwert und Geldschöpfung als Effekte sozialer Kämpfe analysieren möchte.[8] Es scheint mir ein lohnendes Unterfangen, ihr Verhältnis zu einer eher funktionalistisch argumentierenden Umdeutung von Geldpolitik weiterzuverfolgen, als es Paul in dem hier besprochenen Buch möglich ist.

Zweitens gibt es theoretischen Zwist unter den Ansätzen, die sich im Anschluss an Viviana Zelizer[9] oder Nigel Dodd[10] mit den soziokulturellen Umgangspraktiken und Sinnzuschreibungen beschäftigen, die realiter zu einer Pluralität von Guthabenformen führen. Jene Theorieansätze gewinnen auch für eine „allgemeine“‘ oder „makroskopische“ Theorie, die von dem einen Geld der Geldgesellschaft ausgeht, an Relevanz, weil sie interessante Fragen der Differenzierung und Hierarchisierung stellen.[11]

Drittens könnte man im Anschluss an den traditionell genealogischen Ansatz der Geldtheorie, den auch Paul wählt, über die Relevanz dieses Theoriestils debattieren. Ist es für eine Theorie des Geldes heute wirklich entscheidend, wie eine solide historische Erklärung seiner Funktionen oder des Zustandekommens eines „modernen“ Verhältnisses zwischen Wirtschaft und anderen (mutmaßlich getrennten) Gesellschaftsbereichen aussehen könnte? Könnten geldtheoretische Debatten nicht viel fruchtbarer geführt werden, wenn man sie von der Aufgabe entlastete, solide Ursprungserzählungen bereitzustellen?

Viertens ist die Beziehung zwischen Geld und Schuld nicht nur eine historische. „Today’s money […] is composed of loan records“[12] – wir haben es mit „zirkulationsfähigen Forderungen“[13] zu tun, was wiederum bedeutet, dass wir mit Schulden bezahlen. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber ihre theoretische Reichweite und Bedeutung steht zur Diskussion. Für neuere schuld- respektive kredittheoretische Ansätze in der politischen Ökonomie, die Geld als eine solche credit-debt-relation begreifen,[14] ist die Frage, ob die schuldlogische Genealogie der Geldfunktionen einer tauschlogischen überlegen ist, wahrscheinlich sogar irrelevant. Es geht vielmehr darum, Geld nicht mehr allein als funktionierende Zahlungsfähigkeit, das heißt als Budget, zu beobachten, sondern als eine sehr konkrete soziale Beziehung zwischen einem Schuldner und einer Gläubigerin. Diese Umstellung der Geldsoziologie von einer Transaktionsperspektive auf eine relationistische Perspektive könnte als vierte theoretische Debatte angesehen werden, die sich im Anschluss an Paul führen ließe, ohne von dessen Einführung bereits vorweggenommen worden zu sein.[15]

In die Reihe möglicher Leseabzweigungen nach der Lektüre Pauls gehören fünftens schließlich auch die makroökonomischen Verhandlungen zwischen neoklassischer Ökonomik und dem alternativen Balance Sheet Approach.[16] Hier geht es nämlich im Kern um die Konsequenzen des Einsatzes verschiedener Geldtheorien: Weil die Neoklassik Geld nicht als eigenständiges theoretisches Problem behandelt, sondern einer Warentauschlogik unterordnet, kommt sie zu einer ganz anderen makroskopischen Theoretisierung ökonomischer Verhältnisse als jene heterodoxen Ansätze, die Geldschöpfung durch Kredit an den Anfang setzen.[17] Die immer noch neoklassisch imprägnierte Wirtschaftssoziologie wird sich in Zukunft zu derlei auf Makroebene angesiedelten Fragen verhalten müssen – und auch das ist Geldtheorie. 

Fußnoten

[1] Auf für den Fachdiskurs besonders spannende Momente in Pauls Rekonstruktion, etwa die Kritik an der gewaltgrundierten Genealogie David Graebers (S. 63 ff.), kann hier nur hingewiesen werden. Zu Graebers Thesen siehe: David Graeber, Schulden. Die ersten 5000 Jahre, Stuttgart 2012. 

[2] Aristoteles, Nikomachische Ethik, Hamburg 2011, S. 1133b.

[3] Geoffrey Ingham, The Nature of Money, Cambridge/Malden, MA 2004.

[4] „Die dominierende Sicht einer Analyse von Geld ist die, seinen Gebrauch zu erfassen und in den verschiedenen Arten des Gebrauchs Sinn und Zweck des Geldes zu sehen“, Paul Kellermann, Soziologie des Geldes, in: Andrea Maurer (Hg.), Handbuch der Wirtschaftssoziologie, Wiesbaden 2008, S. 320–340, hier S. 325; vgl. auch: Emily Gilbert, Common Cents. Situating Money in Time and Place, in: Economy and Society 34 (2005), 3, S. 357–388, hier S. 366.

[5] Kürzlich erlaubte die US-amerikanische Finanzaufsicht klassische Termingeschäfte auf Bitcoin-Basis. Gleichzeitig hat das dezentrale Netzwerk, das durch Rechenoperationen (sogenanntes mining) auch für die Produktion neuer Coins verantwortlich ist, mittlerweile eine fatale Energiebilanz.

[6] Etwa durch Adair Turner, Between Debt and the Devil: Money, Credit, and Fixing Global Finance, Princeton/Oxford 2016 oder Ann Pettifor, Die Produktion des Geldes. Ein Plädoyer wider die Macht der Banken, Hamburg 2018.

[7] Vgl. Axel T. Paul, Die Gesellschaft des Geldes, Entwurf einer monetären Theorie der Moderne, Wiesbaden 2012.

[8] Einschlägig ist hier Ingham, The Nature of Money, aber auch Wolfgang Streecks Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus, Berlin 2013 lässt sich so lesen. Geoffrey Ingham ist auffälligerweise kein Eintrag im Personenregister (S. 260 f.) gewidmet, obwohl man ihn für eine der zentralen Figuren in der internationalen Debatte zur Geldsoziologie halten kann. Einer zweiten, Nigel Dodd, im Übrigen auch nicht (ebd.).

[9] Viviana Zelizer, The Social Meaning of Money, Pin Money, Paychecks, Poor Relief & Other Currencies, New York 1994.

[10] Nigel Dodd, The Social Life of Money, Princeton 2014.

[11] Stephanie Bell, The Role of the State and the Hierarchy of Money, in: Cambridge Journal of Economics 25 (2001), S. 149–163; Perry Mehrling, Financialization and its Discontents, in: Finance and Society 3 (2017), 1, S. 1–10.

[12] Dirk H. Ehnts, Modern Monetary Theory and European Macroeconomics. International Studies in Money and Banking, Routledge 2017, S. 47.

[13] Udo Reifner, Das Geld, Band 3, Recht des Geldes, Wiesbaden 2017, S. 1.

[14] Exemplarisch: Benjamin Braun, Speaking to the people? Money, trust, and central bank legitimacy in the age of quantitative easing, in: Review of International Political Economy 23 (2016), 6, S. 1064–1092.

[15] So etwa auch mein eigener Vorschlag in Aaron Sahr, Das Versprechen des Geldes. Eine Praxistheorie des Kredits, Hamburg 2017.

[16] Exemplarisch: Ehnts, Modern Monetary Theory and European Macroeconomics.

[17] In diesem Sinne ist eben die Frage, wer sich verschuldet, um das notwendige Kapital für ökonomische Prosperität zu generieren – und wer zur Rückzahlung angehalten wird, nicht nur eine dezidiert polit-ökonomische, sondern auch eine geldsoziologische. Dazu gehört die Debatte um den “privatisierten Keynesianismus“„ und alternative Wachstumsmodelle, vgl. exemplarisch Colin Crouch, Privatised Keynesianism. An Unacknowledged Policy Regime, in: The British Journal of Politics und International Relations 11 (2009), 3, S. 382–399 und besonders für die Situation in Deutschland: Daniel Mertens, Erst Sparen, dann Kaufen? Privatverschuldung in Deutschland, Frankfurt am Main 2015.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Felix Hempe und Stephanie Kappacher.