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Andreas Bernard entwirft eine Ideologiekritik der digitalen Kultur

Steigt man am Morgen in die öffentlichen Verkehrsmittel, mit dem Ziel, am Ende des Tages eine Rezension geschrieben zu haben, fährt man also im Trott mit all den anderen Angestellten zum Arbeitsort, weist sich auf dem Weg dorthin gar mit einer personalisierten Jahreskarte gegenüber den Kontrolleuren der Verkehrsbetriebe aus, um, schließlich im Büro angekommen, zunächst das Betriebssystem des Rechners und dann das Abrufen der persönlichen E-Mails durch die Eingabe von einfallslosen Passwörtern zu starten (sofern man den Vorgang durch ein Speichern des Passworts im E-Mail-Programm nicht automatisiert hat), und öffnet sodann das für die Hochschule speziell lizensierte Schreibprogramm, um endlich mit der akademischen Arbeit beginnen zu können – dann hat man zwar routiniert der rechnergestützten Infrastruktur samt ihren zahlreichen Identifikationssystemen zugearbeitet, mit denen der handliche Fahrkartenkontrollautomat, der Personal Computer am Arbeitsplatz oder die darauf installierte individuell lizensierte Software jeweils verbunden sind, aber gleichwohl wäre man irritierenderweise trotz all dieser Verrichtungen zu keinem Zeitpunkt Teil jener digitalen Kultur, von der das neue Buch des Lüneburger Kulturwissenschaftlers Andreas Bernard berichtet.

Bernard reserviert den Begriff der „digitalen Kultur“ nämlich allein für Handlungszusammenhänge, in denen digitale Medien die Lage der Subjekte, das heißt deren Formen von Selbstrepräsentation, Selbsterkenntnis und Selbstermächtigung bestimmen. „Digitale Kultur“ meint in diesem Sinne die „Medienrealität“ des so genannten Web 2.0, die durch Smartphones und andere intelligente Datenerfassungstechnologien, durch soziale Netzwerke wie Facebook oder LinkedIn, App-Stores oder Google Suchleisten, aber auch die Quantified-Self-Bewegung charakterisiert ist. Die digitale Kultur betrifft den einzelnen Menschen insofern er irgendein Profil in den sozialen Netzwerken betreibt, eine Ortungsfunktion auf dem Smartphone nutzt oder automatisiert Daten über die eigene Körper(un-)tätigkeit aufzeichnen lässt. Digitale Kultur ist damit ein ganz auf die gegenwärtige Alltagskommunikation ausgerichtetes Konzept. Bürokratische Institutionen wie öffentliche Verwaltungen, aber auch Versicherungen, Hochschulen, das Militär oder Industriebetriebe, in denen bereits seit den 1950er-Jahren Handlungsroutinen nach und nach in Computer verlagert wurden und die ihre Organisationsstrukturen mehr oder weniger erfolgreich auf die digitale Datenverarbeitung eingestellt haben, sind in Bernards Fassung digitaler Kulturen nicht mit einbezogen, werden allerdings am Rande der hier vorgelegten Geschichte immer wieder gestreift.

Das Buch von Bernard kann als Ideologiekritik der digitalen Kultur gelesen werden. Im Grunde aber ist es die Suche nach einer Antwort auf die folgende Frage: Warum pflegen Menschen ein Profil in sozialen Netzwerken, lassen sich ihre Aufenthaltsorte und Wegbeschreibungen im Smartphone anzeigen oder tragen elektronische Armbänder, die ihre Schritte, Herzschläge oder gar den Kalorienverbrauch zählen, wenn sie doch eigentlich wissen müssten, dass die Technik-, Software- und Datenunternehmen, von denen sie ihre Produkte beziehen, alle ihre Daten speichern, akkumulieren und beliebig an Dritte weitergeben?

Eine mögliche Antwort liegt Bernard zufolge in der Semantik neuer Identitäts- und Gemeinschaftspolitiken, wie sie in den Manifesten aus der Frühzeit des Internets in den 1990er-Jahren zu finden sind, etwa in Sherry Turkles The Second Self, Howard Rheingolds The Virtual Community oder John Perry Barlows A Declaration of the Independence of Cyberspace. Denn es sind genau jene Versprechen von Selbstermächtigung und Freiheitsgewinn, mit denen das Marketing der Technikfirmen und der Softwareindustrie heute ihre Produkte bewirbt. Im Gegensatz zu den Verheißungen dieser Semantik jedoch – das ist Bernards zentrale Beobachtung –, zielen die technischen Verfahren und Dienste der Unternehmen vor allem darauf ab, ihre Nutzerinnen und Nutzer über eine Vielzahl von technischen Adressen und Profilen eindeutig zu identifizieren und in ihrem Tun konstant zu verfolgen.

Die Vorgeschichte dreier solcher digitaler Identifikationsverfahren verfolgt der Autor in die Psychologie und Kriminalistik des 19. Jahrhunderts zurück. Die ersten drei wissenshistorisch ausgerichteten Kapitel des Buchs rekonstruieren die Geschichte der Verfahren der Profilbildung, der Ortung und der Körpervermessung. Das Ziel dieses Vorgehens ist die „Einbettung digitaler Medientechnologien in die Geschichte der Humanwissenschaften“ (S. 9). Zu diesem Zweck leitet Bernard seine Leserschaft durch eine Vielzahl an wissenschaftlichen und polizeilichen Identifikationsprojekten seit dem 19. Jahrhundert und gelangt dabei auf ziemlich geraden Wegen von der Behandlung von Delinquenz und Devianz zu den digitalen Techniken der Gegenwart. Einer seiner kurzweiligen wissenshistorischen Streifzüge startet beispielsweise bei den experimentellen Profilbildungen des russischen Neuropsychologen Grigorij Rossolimo im Bereich der Kinderpsychiatrie um 1900, geht durch die Archive des französischen Polizeibeamten Alphonse Bertillon und führt am Ende zu Facebook. Andere Touren verbinden die Ortungsfunktion des iPhones mit der Verhaltenspsychologie eines Ralph Schwitzgebel, der in den 1960er-Jahren in den Vereinigten Staaten am Körper von Probanden Sendegeräte anbringen ließ, die kontinuierlich Körperregungen über Funk an ein Kontrolllabor sendeten, oder rekonstruieren ausgehend von den Arbeiten des Psychiaters Carl Westphal zur Arithmomanie (Zählzwang) aus dem späten 19. Jahrhundert die Historie von Fitnessarmbändern.

Im Ergebnis dieser Geschichte digitaler Techniken aus dem Geist der Humanwissenschaften fallen für Bernard Vergangenheit und Gegenwart, Verfahren der Identifikation und individuelle Identität zusammen. Jeder User von sozialen Netzwerken, von Ortungsdiensten und Self-Tracking-Anwendungen ist für ihn immer schon ein Komplize polizeilicher Erkennungsdienste. Waren biografische Signalemente, GPS-Sender und konstant am Körper installierte Messgeräte vormals auf „polizeiliche und wissenschaftliche Autoritäten“ beschränkt, betreffen sie heute „jeden Nutzer eines Smartphones oder Sozialen Netzwerks“ (S. 10). Bernard liest aus dieser Geschichte eine tiefgreifende Verschiebung ab, „die sich im Verhältnis von Subjektbildung und Erfassungstechniken im letzten Vierteljahrhundert“ (S. 188) vollzogen haben soll und die von ihm mit dem bereits eingangs erläuterten Begriff der „digitalen Kultur“ markiert wird. Sind digitale Kulturen also, frei nach Friedrich Kittler, Missbrauch von Psychologie, Psychiatrie und Kriminologie?

Für die Konzentration auf den behaupteten Zusammenhang von technischen Verfahren und Subjektivierungsprogrammatiken zahlt Bernards Studie allerdings einen nicht geringen Preis. Die erkannten Verschiebungen im Verhältnis von Subjektbildung und Erfassungstechniken fallen einerseits erstaunlich binär aus: Wo einst Zwang, Autorität und Erfassungsangst vorherrschten, sollen nun Freiwilligkeit und Erfassungslust wirksam sein. Andererseits sind es gerade die gesellschaftspolitischen Intentionen und Anklänge der humanwissenschaftlich angereicherten Identifikationsverfahren der Polizei, die seiner Geschichte des Profils, der Ortung und der Körpervermessung entgehen. Typisch dafür ist etwa die Einordnung des französischen Polizeibeamten Alphonse Bertillon, der im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein ausgeklügeltes Identifikationssystem zur Erkennung von „Verbrechern“ entwarf, das während der Dritten Französischen Republik tatsächlich für einige Zeit in Gebrauch war. Bernard interessiert sich gleichwohl vorrangig für die seitlichen Profilfotografien Bertillons, die von ihm in eine Reihe mit den Schattenrissen von Johann Caspar Lavaters Physiognomik gestellt werden. Während aber Lavater darauf aus war, die Formen des Schattengesichts zu lesen, um das Seelenleben der abgebildeten Person zu bestimmen, kam der Fotografie in Bertillons Identifikationssystem ein ganz anders gearteter Zweck zu. Sie sollte nur dazu dienen, die Identität eines zuvor auf Grundlage umfangreicher Vermessungsdaten hinreichend bestimmten Körpers zu verifizieren. Bertillons anthropometrische Methode war also im Gegensatz zu derjenigen Lavaters geradezu anti-hermeneutisch: Sie beruhte auf der Vorstellung eines Körpers, dessen Merkmale respektive Zeichen weder als auslegungsbedürftig noch auslegungsfähig erachtet wurden, sondern als eindeutig identifizierbar galten.

Wenn solche Details für die Entstehungsgeschichte der von Bernard beschriebenen digitalen Kultur auch nicht relevant sein mögen, liefern sie doch einen Hinweis darauf, weshalb bürokratisch organisierte Identifikationssysteme ein attraktives Vorbild für die Leistungserwartungen heutiger digitaler Infrastrukturen abgeben und warum sich, bei aller Revolutionsmetaphorik in der gegenwärtigen Digitalisierungsdebatte, eine Isomorphie zwischen staatlichen und privaten Identifikationsinfrastrukturen beobachten lässt. Bleiben überdies die gesellschaftlichen Problemlagen sowie die Steuerungsfantasien von bürokratischen Identifikationsprojekten wie der Bertillonage außen vor, bleibt auch eine mögliche Motivstruktur digitaler Gegenwartskulturen im Dunkeln.

Dass Bernard an gesellschaftlichen Fragen nicht uninteressiert ist, beweist er im letzten Kapitel des Buches, in dem er mit einer zweiten Antwort auf die Frage nach der freiwilligen Teilnahme an sozialen Netzwerken und computergestützten Selbstevaluationsprogrammen aufwartet. Dafür gibt er die bisherige wissenshistorische Lesart auf und liefert mit deutlichem Drang zur Gegenwartsdiagnose eine gesellschaftliche Kontextualisierung digitaler Kulturen. Zum einen veranschlagt er einen Wandel des Staates und behauptet, dass an die Stelle des Staates als Zentrum der Datenzirkulation „diskretere Absender und Versorger getreten“ seien (S. 180), die von den nicht länger staatlicher Repression unterworfenen Individuen allerdings nicht als Agenturen von Herrschaft wahrgenommen würden. Zum anderen werden von Bernard massive „Umstellungen im Aufbau von Unternehmen und auf dem Arbeitsmarkt“ geltend gemacht (S. 202), die die Menschen permanent dazu aufforderten, ihre Identität in Form eines Profils in einen Wettbewerb zu stellen und ihre Leistung evaluieren zu lassen. Mit der Referenz auf soziologische Autoren wie Ulrich Bröckling, Thomas Lemke oder Oliver Nachtwey – sowie dem Verweis auf Germanys Next Topmodel! – leitet Bernard aus diesen ökonomisch-politischen Wandlungen die These einer freiwilligen Verinnerlichung von normativen Ansprüchen ab. Die Techniken der digitalen Kultur, so Bernard, stabilisierten die Konstellation des gegenwärtigen Kapitalismus, der ganz auf die projektförmige Entfaltung wettbewerblicher Individualität setze. Einen Anteil an der Genese dieser Konstellation will er den digitalen Techniken dabei aber überraschenderweise nicht einräumen. Die digitale Kultur interessiert sich nur für sich selbst.

Das Buch von Andreas Bernard schenkt seine ganze Aufmerksamkeit dem Subjekt. Die Einrichtungen all der rechnerbasierten Dienste, mit denen Bernards Subjekte so scheinbar mühelos interagieren, sind für ihn nicht von Interesse. Wer also die Formatierung der Tätigkeiten des Menschen und seines Seelenlebens durch den wissenschaftlich-industriellen Komplex aus Kalifornien befürchtet oder wer die Vorstellung eines Erfindergeistes, der wie von selbst die Maschinen beseelt, nicht aufgeben will, dem sei die Lektüre von Andreas Bernards rasant geschriebener Studie nahegelegt. Wer sich aber für die langwierigen und oftmals wenig skandalträchtigen Formate und Verfahren interessiert, in denen Mensch, Welt und Computer miteinander synchronisiert wurden, der muss andere Begriffe in die Suchmasken der Bibliotheksdatenbanken eingeben.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.