Erinnerungen, die unter die Haut gehen

Ein Sammelband untersucht soziale Prozesse der Verkörperung von Wissen

Der Körper als sozialwissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand ist en vogue. Seit geraumer Zeit schon erscheinen mehr und mehr Beiträge, die sich den drei durch Stefan Hirschauer geprägten Dimensionen des Wissens über, in und durch Körper widmen.[1] Eine anregende Erweiterung nimmt nun der von Michael Heinlein, Oliver Dimbath, Larissa Schindler und Peter Wehling herausgegebene Band Der Körper als soziales Gedächtnis vor, der auf Grundlage einer Tagung am Institut für Soziologie der LMU München im Jahr 2013 entstand. Neben der Einleitung der Herausgeber*innen befassen sich insgesamt zehn Beiträge mit dem Zusammenhang zwischen Körper und Gedächtnis, also im erweiterten Sinne mit der Frage, wie Wissen in Körper gelangt beziehungsweise inkorporiert wird. Das Anliegen der verschiedenen Beiträge ist es, neue Einsichten in das von verschiedenen Ansätzen der Körper- und Wissenssoziologie verhandelte Phänomen des impliziten Wissens (tacit knowing) zu gewinnen. So beruht nicht zuletzt Pierre Bourdieus prominentes Konzept des „Habitus“, das zahlreichen Vertreter*innen der Praxistheorie als Vorbild dient, auf einer Theorie der Verarbeitung von Wissen in Körpern. Dass sich das komplexe Verhältnis von Körper und Wissen durchaus noch präziser beschreiben lässt, zeigen die vorliegenden Beiträge. Diese bemühen sich nicht nur um eine Erweiterung der Körpersoziologie um Fragen des Erinnerns, vielmehr versuchen sie, mit der Anknüpfung an die Gedächtnisthematik den Themenbereich noch einmal ganz anders zu denken: Was bedeutet es im Detail, wenn Wissen in Körper eingeschrieben wird, wie geschieht dies, und welche Bedeutung hat dies sozialtheoretisch?

Neben Einblicken in empirische Untersuchungen stehen vor allem sozialtheoretische Grundierungsversuche im Mittelpunkt der Beiträge. Dementsprechend ist der Sammelband unterteilt in die Abschnitte „Soziologische Theorien der Verbindung von Körper und Gedächtnis“ sowie „Empirie und Praktiken des Körpergedächtnisses“. Letzterer verweist auf die prominente Präsenz praxistheoretischer Beiträge, neben denen jedoch auch phänomenologische Ansätze zu Wort kommen. Vielleicht hätte der zweite Teil des Buches auch als „projektfokussiert“ beschrieben werden können, da hier bestimmte Untersuchungsgegenstände stärker in den Vordergrund treten, die in erster Linie zur Erweiterung von Theoriediskussionen anregen.

In der Einleitung erläutern drei der vier Herausgeber*innen die vielfältigen Weisen, wie Körper und Gedächtnis zusammengedacht werden können. Knapp, aber instruktiv skizzieren sie die wichtigsten Positionen aus der Geschichte der westlichen Philosophie, deren Vertreter*innen sich bekanntlich immer wieder am Körper-Geist-Dualismus abgearbeitet haben. In Auseinandersetzung mit dieser Tradition plädieren Dimbath, Heinlein und Schindler für die Annahme einer „Körper-Geist-Einheit“ (S. 2), die das Gedächtnis nicht ausschließlich dem Geist zurechnet. Die besondere Rolle, die das Gedächtnis in dieser Einheit spielt, sehen die AutorInnen in seinem Beitrag zur Entwicklung sozialer Ordnungen. Letztere seien, um sich über längere Zeiträume hinweg entwickeln zu können, auf Speicherorte für Wissen angewiesen – und einer davon sei der Körper. So könne etwa der vergleichsweise geringe soziale Status einer Person seinen Niederschlag in einer krummen Körperhaltung finden. Mit Mimik und Gestik als Formen des Ausdrucks inkorporierter sozialer Prägungen beschäftigen sich die Beiträge von Ulrike Tikvah Kissmann und Hanna Haag. Theoretisch interessant ist die Idee, der zufolge die soziale Funktion des Gedächtnisses ein Scharnier darstellt, um das Wie des Wissens in Körpern zu klären. Die raumzeitliche Beständigkeit von Wissen, die zum Beispiel in Bräuchen und Ritualen gefestigt wird (dazu der Beitrag von Schäfer), kann genauer mit der Bedeutung des Erinnerns, des Speicherns und Festhaltens beschrieben werden.

Bevor nun im Folgenden exemplarische Beiträge des Bandes genauer vorgestellt werden, noch ein kurzes Wort zum Aufbau: Die den Band wohltuend prägende Mischung aus Weiterentwicklungen von Körper- und Gedächtnissoziologie sowie dem entsprechenden Anschauungsmaterial lässt die mitunter die rechte Klammer vermissen, welche die Beiträge des Sammelwerks miteinander in ein konstruktives Gespräch bringt. Probleme bereiten dabei nicht die thematische Vielfalt,  in der sich die Heterogenität und sozialtheoretische Reichweite des Untersuchungsbereichs äußert. Das Verbindende der unterschiedlichen Themenfeldern hätte jedoch stärker herausgearbeitet werden können. Das wäre schon mit einer anderen Reihenfolge der Beiträge möglich gewesen, beispielsweise indem man den in theoretischer Hinsicht anspruchsvollsten Beitrag, in dem Jörg Michael Kastl einen präzisen Begriff inkarnierter Sozialität mithilfe einiger Annahmen der Phänomenologie Merleau-Pontys entwickelt, nicht an die vorletzte Stelle des ersten Teils gerückt hätte. Tatsächlich stellt sein Vorschlag, die sozialtheoretische Verwendung des Ausdrucks „unbewusst“ mit einer genaueren Unterscheidung von Gedächtnistypen zu verknüpfen, eine produktive Verdichtung der vorangehenden Ansätze dar. Vor allem aus phänomenologischer Perspektive – sozusagen als sozialtheoretischer Grundlagenforschung – kann klargemacht werden, dass Gedächtnisleistungen auf verschiedene Phasen des Operierens (wie zum Beispiel auf Phasen des Erwerbs oder Abrufs) und andere analytische Unterscheidungen hin differenzierbar sind. Durch diese Kategorien wird deutlich, dass auch implizites Wissen durchaus „bewusst“ gemacht und erfahren werden kann, weil es „mit-bewusst, eingeschlossen, eingewickelt in etwas anderes, tangential“ (S. 95) ist. Der Begriff der „inkarnierten Sozialität“ weist darauf hin, dass der Körper in soziale Situationen eingebettet ist, und inwiefern der Gedächtniszugriff hier nützlich ist, um Dimensionen des Impliziten auseinanderzuhalten (was für gewöhnlich nicht geschieht, doch mehrere Untersuchungen sinnvoll befruchten konnte). Für die soziologische Theorie erweist sich der Begriff der „inkarnierten Sozialität“ somit als eine vielversprechende Alternative zu dem nützlichen, aber letztlich doch unterkomplexen Begriff des „Routinewissens“ von Alfred Schütz.[2] Der gleichen Spur folgt auch Gerd Sebald, dessen an Überlegungen Max Schelers anknüpfender Aufsatz zu Emotionen und (Körper-)Gedächtnis sich ebenfalls als Beitrag zum Phänomen inkarnierter Sozialität lesen lässt. Emotionen sind kein Erinnern, wohl aber nützlich um Situationen zu strukturieren und damit auch, was erinnert werden kann, aber auch, was vergessen werden sollte. Emotionen können daher womöglich ein Gradmesser dafür sein, wann welche der verschiedenen Dimensionen des impliziten Wissens zur Geltung kommen.

Interessante Querverbindungen wären auch zum Text von Fritz Böhle möglichen gewesen, der die Bedeutung des Körpergedächtnisses in verschiedenen Feldern von Arbeit und Freizeit (Musizieren, Tanz) hervorhebt. Während das Körpergedächtnis in den Neurowissenschaften und der soziologischen Handlungstheorie als eine wichtige, letztlich aber vernachlässigte anthropologische Grundlage gilt, zeigt der Autor anhand von Beispielen, wie sensomotorische Fähigkeiten als Teil des impliziten Körperwissens in situationalen Settings Bedeutung erlangen können. Auch das Sinnlich-Körperliche ist nach Böhle der gesellschaftlichen Formung in höchstem Maße zugänglich. Verständlich wird das etwa anhand von Beispielen aus der Arbeitswelt: So werden etwa Arbeiter im Rahmen von Schulungen dazu angehalten, nicht nur die Bedienungsanleitung einer Anlage oder Maschine wiederzugeben, sondern die Schilderung der technischen Anforderungen mit einer persönlichen Geschichte zu verbinden, da das Wissen um bestimmte körperliche Verrichtungen auf diese Weise besser erinnert wird. Die entsprechende Erkenntnis, das Körperwissen durch die Verbindung mit Kommunikation bis zu einem gewissen Grade abrufbar gehalten werden kann, wird in der Wissenssoziologie bereits seit einiger Zeit unter dem Begriff „verbaler Marker“ eifrig diskutiert.[3]

Noch eine andere Art und Weise des Umgangs mit dem Gedächtnis stellt der im Zuge ihrer ethnografisch angelegten Dissertation über verkörpertes Wissen beim Balletttraining entstandene Beitrag von Sophie Merit Müller vor, in dem es um „Praxisformen des Erinnerns“ (S. 190) geht, die den Körper erneut als situativ verankert ausweisen. Anhand ihres Beobachtungsmaterials arbeitet sie zunächst unterschiedliche analytische Dimensionen heraus, wozu neben den Träger*innen der kulturellen Praxis auch die Bewusstseinsleistung zählt, die die graduell variieren kann. Hieran schließt sich für Müller die Frage an, ob das Erinnern eine proaktive Tätigkeit ist. Mit der Frage nach den vor- beziehungsweise nicht-mentalen Formen des Wissens taucht auch in diesem Beitrag der Argumentationsfaden inkarnierter Sozialität wieder auf.

Dass sich dieser Faden auch mit der phänomenologischen Untersuchung von Gewalt verknüpfen lässt, verdeutlicht der Beitrag von Teresa Koloma Beck, die zeigt, dass und wie sich Gewalterfahrungen nicht nur im Bewusstsein der Betroffenen einnisten – das Beispiel der posttraumatischen Belastungsstörung dürfte jedem bekannt sein –, sondern auch in inkarnierten Routinen zum Vorschein kommen, die den Körperträger+innen dabei nicht unbedingt gewahr werden müssen. Ein Beispiel dafür ist der Hamsterkauf für den Ernstfall – obwohl der Krieg längst beendet ist. Quasi als Nebeneffekt zeigt dieser Beitrag, dass auch Phänomenologie und Praxeologie durchaus kompatibel miteinander sind und sich ergänzen können.

Darüber hinaus gibt es schließlich noch einige Beiträge, die sich nicht diesen beiden prominenten Methodenschulen zuordnen lassen. Dazu gehört etwa der Beitrag von Alois Hahn, der in vier anschaulichen Beispielen die Verbindung von „Scham, Körper, Geheimnis und Gedächtnis“herausarbeitet. Die soziale Funktion des Gedächtnisses taucht in dieser Vierecks-Beziehung allerdings nur ansatzweise auf, nämlich in der Thematisierung eines Rückzugs aus sozialen Beziehungen infolge von Scham. Hahn deutet derlei Situationen so, dass der Beschämte darin gewissermaßen seinen Körper aus einer sozialen Situation zu entfernen sucht, um den Moment der Beschämung leichter vergessen zu machen. Wie viel mehr hätte hierzu geschrieben werden können!

Die Blicke der Anderen, die bei Hahn als Momente der Beschämung thematisiert werden, stehen auch im Zentrum des Beitrags von Heike Kanter. Sie untersucht Bilder aus Tageszeitungen, auf denen die Politiker*innen Angela Merkel und Guido Westerwelle zu sehen sind. Unter Rekurs auf das Verfahren der Bildanalyse erläutert sie, wie der fotografische Blick der Anderen eine Szene anordnet und somit die Erinnerungen der Betrachter prägt. Dabei geht es um die Frage, wie sich eine Person – in diesem Fall die Bundeskanzlerin beziehungsweise der frühere Bundesaußenminister – gibt und wie sie – unbewusst oder bewusst – in Szene gesetzt wird. „Fotografien zeigen je ein mögliches soziales Verhältnis der Abgebildeten, dies wird durch den Selektionsprozess auf ein bestimmtes festgelegt.“ (S. 123) Auch diese Form des sozialen (Bild-)Gedächtnisses bedarf nach Kanter der körperlichen Einprägung.

Trotz der erwähnten Unstimmigkeiten im Aufbau stellt der Sammelband einen wichtigen Beitrag zu seinem Forschungsgebiet dar. Insbesondere die thematisch breiten und vielfältigen empirischen Grundlagen, auf deren Basis die methodischen und konzeptuellen Überlegungen des Bandes fußen, machen neugierig und wecken den Wunsch, mehr über die jeweiligen Projekte und deren Hintergründe zu erfahren. Die Klassikerexegese hätte demgegenüber durchaus knapper gehalten werden können, haben sich doch bereits eine Reihe körpersoziologischer Arbeiten ausführlich mit den theoretischen Grundlagen dieses Feldes befasst.[4] Das Interesse am Körper muss in der Soziologie auf dieser fundamentalen Ebene also gar nicht mehr geweckt werden. Gefragt sind im gegenwärtigen Stadium nicht mehr prinzipielle Auslotungen des Bereichs, sondern die Durchführung substanzieller empirische Forschungen und die Weiterentwicklung theoretischer Ansätze. Der vorliegende Sammelband bietet für beides fruchtbare Ansätze.

Fußnoten

[1] Vgl. Stefan Hirschauer, Körper macht Wissen. Für eine Somatisierung des Wissensbegriffs, in: Karl-Siegbert Rehberg (Hg.), Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006, Teilband 1 u. 2, Frankfurt am Main / New York 2008, S. 974–984.

[2] Vgl. Alfred Schütz / Thomas Luckmann, Strukturen der Lebenswelt, Konstanz 2003.

[3] Vgl. Larissa Schindler, Teaching by Doing: Zur körperlichen Vermittlung von Wissen, in: Reiner Keller / Michael Meuser (Hg.), Körperwissen, Wiesbaden 2011, S. 335–350.

[4] Vgl. hierzu den instruktiven Sammelband von Markus Schroer (Hg.), Soziologie des Körpers, Frankfurt am Main 2005.

 

 

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz und Clemens Reichhold.