Ethnolog*innen im Einsatz

Ein Sammelband geht der Frage des globalen Policings nach

Der große französische Soziologe Didier Fassin gibt mit einer Anthologie Einblicke in die facettenreiche internationale ethnografische Polizeiforschung, die besonders angehenden Feldforscher*innen zu empfehlen ist. Neuartige empirische oder theoretische Anstöße liefert der Band allerdings nur wenige.

Polizeiarbeit wird verstärkt seit dem Aufkommen neuer sozialer Bewegungen in den 1960er-Jahren auf ihre Legitimität und Verhältnismäßigkeit hin hinterfragt. Spätestens mit den konflikthaften Auseinandersetzungen zwischen Polizei und aufgebrachten Bevölkerungsteilen in Frankreichs Banlieus, in den vielen von rassistisch motivierter Polizeigewalt betroffenen Vierteln amerikanischer Großstädte oder bei Protesten wie dem Hamburger G20-Gipfel sind kritische Polizeistudien auch in der (Sozial-)Wissenschaft aktuell wieder en mode. Mit seinen Feldstudien zu neuen Formen von ‚policing‘ und Bestrafung in Frankreich[1] hat sich Fassin zu Recht als einer der führenden Wissenschaftler in dieser Disziplin etabliert. In dem hier rezensierten Werk zeichnet er nun als Herausgeber und Mitautor verantwortlich.

Ziel des Bandes, so kündigt es die Einleitung an, ist es, den spezifischen Beitrag ethnografischer Ansätze zur Polizeiforschung, wie auch den Beitrag zu übergeordneten Diskussionen um ethnografische Methoden und Theorien zu beleuchten. Dazu angetreten sind zwölf Artikel, die Feldforschung aus elf Ländern und fünf Kontinenten reflektieren. Die in ihnen präsentierte World of Policing stellt sich dabei zwar als erdumspannend, aber doch auch als zweifach begrenzt heraus. Zum einen beziehen sich die Texte vornehmlich auf die konkrete Arbeit von Polizei und polizeiähnlichen Instanzen und nicht, wie policing auch zu verstehen wäre, auf alle Formen biopolitischer Intervention. Zum anderen geht es in allen Texten um Formen von Vollzugspolizeiarbeit, die sich auf sozial marginalisierte Gebiete und ihre Populationen konzentrieren. Gegliedert ist der Band in drei Abschnitte: je vier Autor*innen beschreiben ihre Rollen und Beziehungen im Feld, befassen sich mit verschiedenen Beobachtungen und zuletzt mit dem Verfassen von Ethnografien. Die Autorenschaft umfasst dabei sowohl erfahrene als auch relativ junge Wissenschaftler*innen, was der literarischen Güte der Texte allerdings keinen Abbruch tut, vielmehr sind allesamt hervorragend lesbar, verständlich und anschaulich, und damit auch für Studierende in frühen Semestern zu empfehlen. In der Präzision der Sprache spiegelt sich die Qualität der beteiligten Autor*innen, aber auch des Herausgebers und des Verlags. Die hermeneutisch herausfordernden geografischen Sprünge – von Indien nach Taiwan nach Mozambique in die Türkei und nach Chile – lassen sich so trotz der hohen ethnografischen Detailschärfe der einzelnen Kapitel gut nachvollziehen. Das gelingt auch deshalb so gut, weil die Autor*innen in der Lage sind, immer wieder einen Schritt zurückzutreten und neben den ethnografischen Daten auch die Umstände ihrer Forschung zu reflektieren.

Trotz der breiten geografischen Streuung finden einige Aspekte in fast allen Texten erhöhte Aufmerksamkeit. Polizeiarbeit, so verdichtet sich beim Lesen der Eindruck, besteht weltweit aus legitimen und illegitimen Praktiken, die zu großen Teilen im Ermessen einzelner Akteur*innen und Einheiten liegen. Policing ist damit immer auch invasiv und bedarf kritischer Betrachtung. Einzelne Beiträge zeigen darüber hinaus auf, dass diese Mischung aus Formalität und Informalität auch trotz (Elif Babül) und wegen (Fassin) korrigierender Strukturreformen Bestand hat. Weiter beschreiben die Kapitel (insbesondere Daniel M. Goldstein, Helene Maria Kyed und Clara Han) eindrücklich die Komplexität der Beziehungen zwischen Polizei und prekärer Zielgruppe, und insbesondere die Ambivalenz Letzterer zwischen der Hoffnung auf Ordnung einerseits und der zermürbenden Erfahrung von unlauterer Polizeipräsenz andererseits. Methodologisch wird vor allem die schwierige Rolle der Forschenden als Zeugen von konfliktträchtigen Situationen betont. Was tun und welche Verantwortung tragen Wissenschaftler*innen, wenn die beobachteten Akteur*innen rechtliche oder moralische Grenzen überschreiten? Wie positionieren sich Forschende im Feld, welche Beziehung bauen sie zu ihren Gesprächspartner*innen auf, wie viel geben sie von sich Preis? Einige Beiträge (Julia Hornberger, Beatrice Jauregui, Fassin) betonen dabei glaubwürdig auch die Nützlichkeit der Reflexion von Affekten in der ethnografischen Datenanalyse.

Da eine erschöpfende Würdigung aller Beiträge die Intention einer orientierenden Rezension verfehlt, seien hier drei besonders herausragende Kapitel aus den drei Buchteilen vorgestellt. Im ersten, ‚Position‘ betitelten Abschnitt, stellt die Rechtsanthropologin Hornberger anhand der Beschreibung einer Razzia wegen vermuteter Produktpiraterie in Johannesburg dar, wie sie während teilnehmender Beobachtungen als Polizistin wahrgenommen wurde. Eindrücklich zeigt sie einerseits die spürbaren Auswirkungen der (von ihr als legitim und gewaltfrei beschriebenen) Polizeiintervention auf die Betroffenen und argumentiert plausibel, dass selbst in einem dispergiertem staatlichen Machtgefüge, das seinen Akteuren (teil-)autonomes Handeln ermöglicht, policing immer ein besonderes Gewaltpotenzial berge. Daran anschließend stellt Hornberger die forschungsethische Frage nach dem Umgang mit der unlösbaren Komplizenschaft von ethnografischen Polizeiforscher*innen, die als Teil der Polizei wahrgenommen werden, selbst wenn sie ihre Rolle reflektieren oder aktiv ansprechen. Für die Autorin ist die eigene Beurteilung dieser Positionierung dabei weniger relevant als die Perspektive anderer, die mit ihrer Arbeit und Präsenz als Forscherin konfrontiert sind. Im zweiten Abschnitt (‚Observation‘) beschreibt die Medizinerin und Anthropologin Han die Erfahrungen dauerhafter Polizeibesatzung in einem Stadtviertel von Santiago de Chile. Han zeigt darin, wie die Zivilbevölkerung im bewaffneten Kampf um Ordnung mit der alltäglichen Gegenwart von Polizeigewalt umgeht und lernt, legitime wie illegitime Praktiken zu antizipieren. Dabei wird deutlich, wie verschwommen und deutungsabhängig Delinquenz und Devianz sind, und wie stark policing, Prekarität der Lebensweise und die fragilen Grenzen des Privaten miteinander verwoben sind. Polizeiarbeit ist so immer auch relational und lokal zu verstehen, was sowohl verallgemeinernde strafrechtliche Definitionen als auch soziologische Kategorisierungen in Frage stellt. Im dritten Buchteil (‚Writing‘) schließt Fassin die Anthologie mit einer ethnografischen Analyse von Langeweile. Fassin bezieht sich darin sowohl auf Polizist*innen, deren Alltag von Routine und Abwarten geprägt ist, als auch auf Forscher*innen, denen die Beobachtung des Nichtstuns schwerfallen mag. Unter Bezugnahme auf Essays von Georg Simmel charakterisiert Fassin Langeweile sowohl als empirische Hürde, die zum einen Fragen aufwirft, wie Langeweile erkannt und beschrieben werden kann. Zum anderen fungiert Langeweile als analytisches Kontrastmittel, das erlaubt, die aufgepeitschten Momente von Polizeieinsätzen besser zu verstehen. Zu den mit Langeweile verbundenen Reaktionsschemata gehört laut Fassin die Inszenierung von Aufregung durch Blaulichtfahrten oder korrigierende Reformen, die mitunter von ungeplanten Effekten begleitet werden. So würden höhere statistische Zielvorgaben für Verhaftungen nicht mehr ruhiges Abwarten, sondern geschäftigen Aktionismus provozieren und Praktiken wie Racial Profiling wahrscheinlicher machen.

Den ersten Teil des in der Einleitung gesetzten Ziels der methodischen Profilierung der Ethnografie für die Polizeiforschung erfüllt das Buch mit Bravour. Alle Beiträge zeigen auf, wie wertvoll eine tiefergehende ethnografische Beschäftigung mit policing sein kann: Weil Feldforschung Komplexitäten aufdeckt, die sowohl öffentliche Selbstdarstellungen (Polizei als Freund und Helfer) als auch simple wissenschaftliche Hypothesen (Polizei als Marionette wirtschaftlicher Interessen) in Frage stellt. Writing the World of Policing eignet sich daher besonders für kriminologische Seminare und für Studierende, die bisher wenig Erfahrung mit ethnografischen Ansätzen haben. Methodologisch Interessierte finden im Werk zumeist solide Anwendungen zeitgemäßer ethnografischer Prinzipien und Verfahren, aber kaum Innovation. Empirisch wie theoretisch bietet der Band über den globalen Vergleich hinaus allerdings relativ wenig Neues. Das liegt zum einen an der Auswahl der Forschungsorte. In der Zuspitzung auf prekäre Räume und Gruppen ist es kaum anders zu erwarten, als dass konkrete Polizeipraktiken invasiv, in legalen Grauzonen und in einem komplexen Verhältnis zu der ‚zu ordnenden‘ Bevölkerung steht. Ob das in anderen Bereichen und Aspekten von Polizeiarbeit (in der Beschäftigung mit Wirtschaftskriminalität, beim Grenzschutz oder anderen ordnungspolitischen Aufgaben) auch der Fall ist, lässt das vorliegende Werk offen. Unklar bleibt auch, welchen Schluss Leser*innen aus der Ähnlichkeit der Forschungsergebnisse ziehen können. Die Einleitung bleibt hier leider vage, was möglicherweise auch am relativ geringen Interesse an den Ergebnissen vorhergehender kritischer Polizeiforschung und Kriminologie liegt. In Auseinandersetzung gerade mit klassischen britischen Beiträgen zur soziologischen Beforschung von Rechtsvollzug und Devianz (etwa Policing the Crisis von Stuart Hall et al. oder den Schriften von Stanley Cohen) wäre es möglich gewesen, über allzu simple Erkenntnisse wie die Komplexität und Zweifelhaftigkeit von Polizeiarbeit hinauszugehen und ein differenzierteres Bild zu zeichnen. Davon abgesehen glänzen eine ganze Reihe von Beiträgen mit einer theoretischen Dichte und empirischen Schärfe, die von anderen Studien zu einem solch weiten Gegenstandsbereich selten erreicht wird.

Fußnoten

[1] Didier Fassin, Enforcing Order: An Ethnography of Urban Policing, Cambridge 2013; Didier Fassin, Prison Worlds: An Ethnography of the Carceral Condition, Cambridge Malden, MA, 2016.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Clemens Reichhold.