Familienbande

Cornelia Helfferich bringt zusammen, was schon lange zusammen gehört

An deutschen Einführungen in die Familiensoziologie mangelt es nicht.[1] Mit dem hier zu besprechenden Band legt Cornelia Helfferich eine „Grundlegung der Familiensoziologie“ vor, die jedoch in vielerlei Hinsicht vom Mainstream abweicht und eine große Bereicherung darstellt.

Wie der Titel verrät, soll der Band nicht nur konzeptuell eine (weitere) Einführung in die Familiensoziologie sein. Vielmehr verbindet die Autorin die Familiensoziologie theoretisch und empirisch fundiert enger mit der Geschlechterperspektive, als es bisher in der soziologischen Beschäftigung mit der Familie geschehen ist. Das damit verbundene Anliegen ist wichtig und trägt Früchte. Der Kernsatz des Buches wird bereits im ersten Absatz des Vorwortes formuliert: „Die Konstitution von Familie konstituiert Geschlecht und umgekehrt” (S. 9). Vor diesem Hintergrund beklagt die Autorin zu Recht Versäumnisse sowohl von Seiten der Familiensoziologie als auch seitens der soziologischen Geschlechterforschung. Helfferich zeigt auf verständliche Weise, wie eng die Konzepte von Familie und Geschlecht als sich beständig wandelnde soziale Phänomene „dialektisch miteinander verknüpft“ sind (S. 244). „Reproduktives Handeln“ wird als ein wesentlicher, wenn auch nicht alleiniger Teil von Praktiken thematisiert, die Geschlechterbeziehungen hervorbringen und gleichzeitig immer schon durch vorhandene geschlecht- und familiendefinierende, kulturelle Traditionen geprägt sind.

Das Buch ist insgesamt in neun Kapitel untergliedert. Nach einem einleitenden Kapitel 1 folgen ein theoretischer Teil I (Kapitel 2) und ein in mehrere Kapitel gegliederter empirischer Teil II (Kapitel 3 bis 9). Hinzu kommen ein umfangreiches Literaturverzeichnis, ein Abbildungs- und Tabellenverzeichnis sowie ein Anhang mit Angaben zu den zentralen empirischen Quellen des Bandes, an deren Erhebung die Autorin maßgeblich beteiligt war. Ein Stichwortregister, das für ein Einführungsbuch angemessen gewesen wäre, fehlt.

In der Einleitung skizziert Helfferich ihr Programm einer Familiensoziologie: Sie präsentiert verschiedene Konzepte von Geschlecht und Familie, um diese anschließend aufeinander zu beziehen. Zentral ist dabei die lebenslauftheoretisch begründete Annahme, dass sich Geschlechterbeziehungen, reproduktives Handeln sowie die ihnen zugrunde liegenden Vorstellungen im Zuge einer biografischen Erfahrungsaufschichtung wechselseitig beeinflussen. Ebenfalls hebt die Autorin die besondere Bedeutung von sozialer Ungleichheit und ihren Einfluss auf Geschlecht und Familie hervor. Schließlich geht Helfferich in einem historischen Exkurs – beginnend in der Mitte des letzten Jahrhunderts – auf den Wandel der Familie ein. Ausgangspunkt dieser Erläuterungen ist die späte Entwicklungsphase, also die Hochzeit der bürgerlichen Familie, die durch den bis in die Gegenwart andauernden Wandel von Sexualität, Familie(nformen) und Geschlechterverhältnissen beendet wird.

Im Kapitel 2 zu den theoretischen Grundlagen stellt die Autorin Bourdieus Habitus- und Kapitaltheorie als ersten zentralen Ansatz ihres Konzepts heraus. Darauf bezogen diskutiert sie im Weiteren verschiedene Interaktions- und Handlungstheorien, die mit diesem Ansatz verwandt sind, wie rollentheoretische oder interaktionistische Konzepte. Sie bespricht darüber hinaus auch mit Bourdieus Ansatz konkurrierende Handlungstheorien wie beispielsweise eine enge Auslegung des rational choice-Paradigmas, die Helfferich in Übereinstimmung mit Bourdieu ablehnt. Ausführlich geht die Autorin dann noch einmal auf die Lebenslaufperspektive ein, die sehr nachvollziehbar für ihr Anliegen der Verbindung von Familienentwicklung und sozialer Herstellung von Geschlecht genutzt wird. Insgesamt sind die theoretischen Zugänge, die in diesem Kapitel zur Sprache kommen, keine familiensoziologischen oder -psychologischen Theorien im engeren Sinne. Erst an späterer Stelle im Durchgang durch die Etappen der Familienentwicklung werden spezifischere Erklärungsansätze, beispielsweise zum Heiratsverhalten (S. 132 ff.), zum Kinderwusch (S. 148) oder zur Kinderlosigkeit (S. 231), kurz vorgestellt oder erwähnt. Im Sinne einer allgemeinen theoretischen Einführung ist ein solches Vorgehen jedoch durchaus legitim.

Dennoch scheint hier eine grundsätzliche kritische Anmerkung angebracht: Ohne den Verdienst des von der Autorin in diesem Buch unternommenen Versuches schmälern zu wollen, könnte man das Gesamtkonzept als zu kurz gedacht beanstanden. Man könnte fragen, warum theoretisch (und später auch empirisch) kein Bezug auf eine disziplinübergreifende familienwissenschaftliche Perspektive genommen wird, in die sich die Familiensoziologie einordnet. Dann würden – weiterhin prominent die Geschlechterfrage einbeziehend – nicht nur sozialwissenschaftliche, sondern auch ökonomische, psychologische und (sozio-)biologische Ansätze anzusprechen sein. Es wäre wünschenswert, hierzu zumindest einige Reflexionen in den Band einfließen zu lassen.

Im Vorgriff auf die Bewertung der empirischen Teile des Buches seien noch zwei kleinere Anmerkungen zum theoretischen Rahmen hinzugefügt. Bourdieus Habitusbegriff könnte in Teil II an der einen oder anderen Stelle dazu verleitet haben, zu schlagwortartig zu argumentieren. Beispielsweise lässt sich mit globalen Hinweisen auf einen weiblichen oder männlichen Habitus beziehungsweise einen „Geschlechterhabitus“ wenig anfangen, da derlei Begriffe nicht besonders aussagekräftig und zu unspezifisch sind. Man vermisst daher im Buch zuweilen konkrete, auf die jeweiligen Inhalte bezogene Differenzierungen zu einem vielschichtigen Habitusbegriff, in dem (klassenspezifische) Dispositionen und Praxisformen in verschiedenen sozialen Handlungsfeldern auf komplexe Weise miteinander verknüpft sind. Auch wird nur implizit deutlich gemacht, dass Bourdieus strikte Ablehnung einer rationalen Handlungstheorie kritisch gesehen werden kann – zumal dann, wenn man dem „weichen“ Konzept der kognitiven Rationalität folgt, das etwa von seinem französischen Soziologenkollegen Boudon ausgearbeitet wurde.

In den Kapiteln des Teil II thematisiert Helfferich verschiedene Phasen der Beziehungs- und Familienentwicklung: von der sexuellen Initiation und der Etablierung von Intimbeziehungen (Kapitel 3), der Verstetigung von Paarbeziehungen (Kapitel 4), Kinderwunsch und Partnerwahl (Kapitel 5) sowie Familiengründung (Kapitel 6 und 7) bis hin zur Familienerweiterung und Kinderlosigkeit (Kapitel 8). In jedem Kapitel gibt es zudem Abschnitte, in denen die Auswirkungen sozialer Ungleichheit beziehungsweise der Milieuzugehörigkeit sowie die Auswirkungen der unterschiedlichen Rahmenbedingungen in Ost- und Westdeutschland dokumentiert und in Bezug auf das generative Verhalten theoretisch ausgewertet werden. Das macht Helfferichs Analyse sehr vielschichtig und differenziert. Der in diesem Zusammenhang geprägte Begriff der sozial und regional unterschiedlichen reproduktiven Kulturen ist nachvollziehbar.

Besonders hervorzuheben ist, dass empirische Befunde aus der Familienforschung ausführlich und detailliert präsentiert werden. Das macht die Abhandlung sehr gehaltvoll und – wenn diese Bewertung für ein Einführungsbuch erlaubt ist – unterhaltsam. Die Autorin verwendet eine klare, konkrete Sprache. Ihre Ausführungen zeichnen sich durch große Lebensnähe aus und vermitteln ein sehr anschauliches Bild der behandelten Phänomene und Entwicklungen. Hier schreibt eine erfahrene Familien- und Genderforscherin. Helfferich greift in ihren empirischen Darstellungen überwiegend auf Befunde ihrer eigenen quantitativen und qualitativen Studien zurück, die unter den Titeln „frauen leben” und „männer leben” bekannt geworden sind.

Kritisch lässt sich hier allerdings anmerken, dass die Gliederung dieses Teils an die konventionellen lebenslauf- oder familienzyklischen Modelle erinnert, die mittlerweile zu Recht stark angezweifelt werden. Damit verbundene Probleme bei der Behandlung einzelner Themen sind in dem Buch zu erkennen. Bestimmte Fragestellungen werden in ungewöhnlicher Weise platziert oder behandelt: Die Partnerwahl stark in den Kontext der Kinderwunschthematik zu stellen, ist zumindest überraschend. Die Thematisierung von Alleinerziehenden würde man auch nicht unbedingt im Kapitel zu Folgen der Familiengründung für die Transformation der Geschlechterbeziehungen erwarten. Kinderlosigkeit wird erst in Kapitel 8 verhandelt. Ein weiteres Problem dieser Vorgehensweise ist, dass wichtige Themen wie „unkonventionelle“ Lebensformen und Regenbogenfamilien sowie das Scheitern familialer Beziehungen und deren Reorganisation in Stief- und Patchworkfamilien kaum behandelt werden. Auch die Auswirkungen des medizinischen Fortschritts auf Fertilität und generatives Verhalten finden kaum Berücksichtigung, wie die Autorin am Ende des Buches auch selbst freimütig herausstellt. Helfferich begrenzt ihre Analyse also weitgehend auf die reproduktive Phase. Theoretisch ist ein derartiges Vorgehen bei dem hier verfolgten Ziel, nämlich der Verquickung der Familien- und Geschlechterperspektive, nicht begründbar, weil Kindheit und Intergenerationenbeziehungen im Alter ebenso von sozialen Konstruktionen zu Familie und Geschlecht sowie den dazugehörigen Ungleichheiten geprägt sind.

Das abschließende Kapitel 9 fasst die Ziele und Absichten der Autorin sowie die theoretischen Grundlagen und empirischen Befunde noch einmal zusammen. Helfferich zieht eine positive, in Teilen durchaus auch selbstkritische Bilanz. Unsere Bilanz fällt – trotz der genannten kritischen Punkte in Bezug auf Konzeption und Inhalt des Buches – ebenfalls eindeutig positiv aus: Cornelia Helfferich hat eine lesenswerte Abhandlung vorgelegt, die in vielerlei Hinsicht über den typischen Zuschnitt familiensoziologischer Einführungen hinausgeht. Sie gibt einen lebensnahen, empirisch gesättigten Einblick in die komplexe Parallelentwicklung von (sozialem) Geschlecht, Sexualität, Partnerschaft und Elternschaft im Lebensverlauf. Darüber hinaus belegt sie überzeugend, wie geschlechtsspezifische Ungleichheiten im Zuge der verschiedenen Etappen im Lebenslauf zunehmen. Darüber hinaus wird die Bedeutung sozialer Ungleichheit und kultureller Pfadabhängigkeiten (am Beispiel eines innerdeutschen Ost-West-Vergleichs) konkret aufgezeigt. Indem die Autorin die enge Verwobenheit von Familienentwicklung, sozialer Konstruktion von Geschlecht und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ausbuchstabiert, trägt sie zur Entwicklung einer komplexer angelegten Familienwissenschaft bei, die über den soziologischen Rahmen hinausweist.

Fußnoten

[1] Exemplarisch seien genannt: Günter Burkart, Familiensoziologie, Konstanz 2008; Paul Hill / Johannes Kopp, Familiensoziologie: Grundlagen und theoretische Perspektiven, Wiesbaden 2012; Johannes Huinink / Dirk Konietzka, Familiensoziologie: Eine Einführung. Frankfurt am Main 2007; Rosemarie Nave-Herz, Ehe- und Familiensoziologie: Eine Einführung in Geschichte, theoretische Ansätze und empirische Befunde, München 2013.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.