Feminismus Frankfurter Schule

Ein Sammelband präsentiert Arbeiten von Regina Becker-Schmidt aus den Jahren 1991-2005

Den einen dürfte Regina Becker-Schmidt vor allem als ‚Adorno-Schülerin‘ bekannt sein, den anderen als eine Pionierin der Frauen- und Geschlechterforschung, an deren Entwicklung im deutschsprachigen Raum sie maßgeblichen Anteil hatte. Der pünktlich zu ihrem 80. Geburtstag erschienene Band versammelt insgesamt 16 Beiträge aus den letzten drei Jahrzehnten und vermittelt so einen kompakten Überblick über das Werk einer Denkerin, welche die kleinere Form der Aufsätze den großen Monographien zumeist vorgezogen hat. Kennzeichnend für Becker-Schmidts Arbeiten ist das Anknüpfen an und die kritische Auseinandersetzung mit der sogenannten ,Frankfurter Schule‘ in der Tradition Max Horkheimers und Theodor W. Adornos. Wie diese verbindet sie empirische Sozialforschung und kritische Gesellschaftstheorie, Erkenntnis- und Gesellschaftskritik, soziologische und psychologische Fragestellungen – aber aus einer dezidiert feministischen Perspektive.

Diese Doppelorientierung lässt sich biographisch zurückverfolgen. Ihre frühe intellektuelle Sozialisation stand ganz unter dem Einfluss der ‚Frankfurter Schule‘: Ab Ende der 1950er-Jahre studierte Becker-Schmidt Soziologie, Philosophie, Sozialpsychologie und Ökonomie in Frankfurt/Main und Paris. Von 1963 bis 1969 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialforschung, anschließend Assistentin am gesellschaftswissenschaftlichen Fachbereich der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt. In der Gründungsphase der Neuen Frauenbewegung wurde Becker-Schmidt 1973 als Professorin an das Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität Hannover berufen. Vor dem Hintergrund ihrer ‚Frankfurter‘ Sozialisation verfolgte sie von da an verstärkt Fragen der Geschlechterverhältnisse: Ein unter ihrer Leitung ab Mitte der 1970er-Jahre durchgeführtes Forschungsprojekt zu Problemen lohnabhängig arbeitender Mütter, für das 60 Akkordarbeiterinnen mit Hilfe soziobiographischer Leitfadeninterviews zu ihren Erfahrungen im Spannungsfeld von Fabrik und Familie befragt wurden, bildete einen wichtigen Meilenstein der sich damals erst entwickelnden Frauenforschung. In späteren Jahren griff Becker-Schmidt auf dieses Material zurück, um ihr gesellschafts- wie subjekttheoretisch orientiertes Konzept einer „doppelten Vergesellschaftung“ von Frauen durch Erwerbs- und Hausarbeit zu formulieren.

Die im vorliegenden Band versammelten Aufsätze fallen allesamt in jene zweite, ‚Hannoveraner‘ Phase ihrer Arbeiten und kreisen um Fragen einer feministischen Subjekt-, Erkenntnis- und Gesellschaftstheorie. Gegliedert in fünf thematische Abschnitte, die in der Regel je drei Aufsätze umfassen, verdeutlicht der Band unterschiedliche Schwerpunkte in den Arbeiten Becker-Schmidts. Die chronologische Ordnung der Beiträge innerhalb der einzelnen Abschnitte erlaubt, Entwicklungen im Denken der Autorin nachzuvollziehen, die häufig zugleich solche des Feldes der Frauen- und Geschlechterforschung markieren. So wird der erste, „Wechselbezüge zwischen Klassen- und Geschlechtszugehörigkeit in weiblichen Lebensverhältnissen“ überschriebene Abschnitt durch einen Aufsatz von 1991 eröffnet, der als Beitrag zu einem feministisch erweiterten Verständnis sozialer Ungleichheit zu verstehen ist. Gegenüber einer traditionell auf Klasse beziehungsweise Schicht beschränkten Konzeption argumentiert Becker-Schmidt dafür, in kritischen Gesellschaftsanalysen Geschlecht als eine weitere zentrale „Strukturkategorie“ (S. 47) zu berücksichtigen. Die beiden folgenden, gut zehn Jahre später erschienenen Beiträge, entfalten dann das Theorem der „doppelten Vergesellschaftung“ von Frauen. In dessen Zentrum steht die These, dass Frauen durch das kontinuierliche Pendeln zwischen den beiden gesellschaftlichen Arbeitsbereichen der Erwerbs- und Hausarbeit, die unterschiedlichen (Zeit-)Logiken folgen und unterschiedliche Anforderungen stellen, gesellschaftlich Getrenntes und Auseinanderstrebendes miteinander verknüpfen – eine Leistung, die jedoch nicht honoriert wird. Im Gegenteil: „Die gesellschaftliche Dissoziation von Privatheit und Öffentlichkeit“ trägt dazu bei, dass die „soziale Bedeutung der Hausarbeit [...] im öffentlichen Bewusstsein vielfach unbeachtet“ (S. 87) bleibt. Zugleich beeinträchtigt die Unterbewertung von Hausarbeit und deren automatische Zuschreibung an die weibliche „Genus-Gruppe“ deren Stellung in der Erwerbssphäre: Obwohl die traditionellen Geschlechterrollen vom Mann als Ernährer und der Frau als Hausfrau und Mutter längst aufgebrochen wurden, besitzen erstere „die besseren Berufs- und Verdienstchancen“ und sind „als Vertreter der privilegierten Genus-Gruppe in jenen Sektoren stärker vertreten, die gesellschaftlich hoch bewertet sind: staatliche Institutionen, politische Foren, Wirtschaft, Kulturbetrieb“ (S. 88). Das hierarchisierte Geschlechterverhältnis und die Hierarchisierung gesellschaftlicher Sphären und Sektoren, so Becker-Schmidts gesellschaftstheoretische Pointe, stützen sich wechselseitig. Eine feministisch erweiterte kritische Gesellschaftstheorie hat dieses Ineinandergreifen ins Zentrum zu stellen. Im vierten und jüngsten Beitrag des ersten Abschnitts, einem Aufsatz von 2007, wird ein Ausbau dieser Überlegungen um die Dimension von Ethnizität/race unternommen. Damit reflektiert Becker-Schmidt Entwicklungen innerhalb der Frauen- und Geschlechterforschung: Ging es in deren Anfängen im deutschsprachigen Raum vor allem um das Verhältnis der Kategorien Geschlecht und Klasse, sind unter dem Stichwort der ‚Intersektionalität‘ seit gut zehn Jahren Wechselverhältnisse zwischen weiteren Identitäts- und Ungleichheitskategorien und deren Bedeutung für Subjektivierungsweisen ins Zentrum gerückt.

Die Beiträge der folgenden vier Abschnitte knüpfen an die Aufsätze des ersten Themenkomplexes an, vertiefen diese um erkenntnis- und ideologiekritische (zweiter und dritter Abschnitt) sowie subjekttheoretische (vierter Abschnitt) Aspekte. Zudem stellen sie die Verbindung zu aktuellen Diskussionen um den gesellschaftlichen Stellenwert von care und Sorgearbeit sowie einer care-Krise respektive Krise sozialer Reproduktion her (fünfter Abschnitt). Wird in allen Aufsätzen das für Becker-Schmidt charakteristische und im Titel des Sammelbandes prominent hervorgehobene Pendeln zwischen feministischer Geschlechterforschung und der älteren Kritischen Theorie mit den für diese wichtigen Bezugspunkten Marx und Freud deutlich, schlägt das Pendel mal mehr in die eine, mal in die andere Richtung aus. So geht es im zweiten Abschnitt „Bipolare Konstruktionen und deren Demontage in der Geschlechterforschung“ eher darum, sich den Überlegungen anderer feministischer Theoretiker*innen (Donna Haraway, Nancy Fraser, sozialkonstruktivistische Ansätze des Doing Gender) aus einer an der älteren Kritischen Theorie geschulten Perspektive zuzuwenden. In den Beiträgen des dritten Abschnitts mit dem Titel „Verzerrtes Bewusstsein – Verwerfungen im Sozialgefüge: Zur Kritik an Ideologien und Identitätslogik in der Analyse von Gesellschaftsformationen und Geschlechterverhältnissen“ steht hingegen die feministische Auseinandersetzung mit Adorno und Marx im Vordergrund. Ideologie im Sinne von ‚falschem‘ beziehungsweise verzerrtem Bewusstsein wird in Anlehnung an und feministischer Erweiterung von Marx auf historisch entstandene Trennungen (zwischen Kapital und Arbeit, Hand- und Kopfarbeit, sogenannter Männer- und Frauenarbeit, Öffentlichkeit und Privatsphäre) und die hierarchische Rekombination des Getrennten im aktuellen Vollzug von Gesellschaft zurückgeführt. Der vierte Abschnitt „Feministische Psychoanalyse und Sozialkritik: Spurensicherung von unsichtbaren Quellen der Macht“ ist wiederum stärker von einem Anknüpfen an psychoanalytische Überlegungen feministischer Autor*innen (Julia Kristeva, Judith Butler und Teresa de Lauretis) geprägt. Im Zentrum stehen die Konflikte, Verletzungen und Ambivalenzen von Subjekten, die ohne Berücksichtigung gesellschaftlicher (Geschlechter-)Verhältnisse nicht verständlich sind, sich aus Letzteren aufgrund der Eigendynamik des Psychischen aber auch nicht einfach ableiten lassen. Die Aufsätze des fünften und letzten Abschnitts problematisieren unter dem Titel „Produktion/Reproduktion: eine Entgegensetzung, welche die Interdependenz von Bevölkerungs- und Gesellschaftserhalt verdunkelt“ die unter neoliberalen Bedingungen verschärfte Vernachlässigung weiblich konnotierter Fürsorge und sozialer Reproduktion.

Der Aufsatzsammlung vorangestellt ist eine knapp 20 Seiten umfassende Einleitung, in der die Autorin Einblick in die unterschiedlichen Entstehungskontexte der Beiträge gibt und ihr jeweils besonders wichtige Aspekte hervorhebt. Damit bietet die Einleitung insbesondere Leser*innen, die noch nicht mit Becker-Schmidts Werk vertraut sind, eine erste Orientierungshilfe. Für die wissenschaftliche Arbeit mit der vorliegenden Aufsatzsammlung wäre eine sorgfältigere Herausgabe wünschenswert gewesen. So wurde die Vollständigkeit von Literaturangaben für den Wiederabdruck offensichtlich nicht noch einmal überprüft. Auch die, wenngleich zumeist eher geringfügigen, editorischen Eingriffe im Rahmen des Wiederabdrucks wurden leider nicht immer kenntlich gemacht. Solche kleineren formalen Mängel tun dem Band insgesamt jedoch keinen großen Abbruch. Deutlich wird der Verdienst Becker-Schmidts, feministische Analysen stets an gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge rückzubinden – etwa wenn im Theorem der „doppelten Vergesellschaftung“ die kritische Betrachtung der geschlechtlichen Arbeitsteilung zur Problematisierung des hierarchischen Verhältnisses verschiedener gesellschaftlicher Sektoren führt. Gleichzeitig fällt auf, dass männlichkeitskritische Fragestellungen und Problematisierungen der Zweigeschlechtlichkeit, die im Feld der Geschlechterforschung in den letzten beiden Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen haben, auch in Becker-Schmidts späteren Arbeiten eine eher untergeordnete Rolle spielen. Ihre Analysen der Geschlechterverhältnisse erfolgen schwerpunktmäßig aus der Perspektive von Frauen und mit Blick auf diese. Kontinuierlich beharrt sie auf der Notwendigkeit, Männer und Frauen – bei aller internen Heterogenität qua Klasse, Staatsangehörigkeit oder (Dis-)Ability – als in hierarchische Relation zueinander gesetzte „Genus-Gruppen“ zu betrachten. Die Relektüre von Becker-Schmidts Beiträgen regt damit zum Nachdenken an, inwiefern im Zuge aktueller Konjunkturen der Geschlechterforschung die anhaltende soziale Ungleichheit und Hierarchie zwischen Männern und Frauen in den Hintergrund zu geraten droht. Umgekehrt fordert die relative Vernachlässigung oben genannter Fragen bei Becker-Schmidt zur kritischen Aneignung und Weiterentwicklung ihrer Überlegungen heraus – ein Umgang, der ganz im Sinne der Autorin sein dürfte, zeichnen sich ihre Arbeiten doch durch eine ähnliche Bewegung des reflexiven Anknüpfens an Marx, Freud und die Kritische Theorie aus.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Kira Meyer.