Flut oder Stahl?

Literaturessay zur Neuausgabe der "Männerphantasien" von Klaus Theweleit

Die Lektüre von Klaus Theweleits Männerphantasien, das im vergangenen Jahr bei Matthes & Seitz mit einem langen Nachwort des Autors neu aufgelegt wurde, ist ein einschneidendes Erlebnis, ein über 1000 Seiten langer Blick in einen Abgrund, der zurückblickt. Ausgehend von der (autobiografischen) Literatur, die Freikorpssoldaten der Zwischenkriegszeit verfassten, entwickelt Theweleit hier ein Modell der psychischen und leiblichen Struktur soldatischer Männlichkeit. Dazu greift er auf verschiedene psychoanalytische Ansätze, unter anderem von Margaret Mahler, Wilhelm Reich und Gilles Deleuze und Félix Guattari, sowie auf die Theorien von Michel Foucault und Norbert Elias zurück. Das so entwickelte Modell begreift den soldatischen Mann als Endpunkt einer zivilisationsgeschichtlichen Entwicklung, die in einer zunehmenden Verpanzerung des Leibes besteht, einer panischen Abwehr gegen das verführerische, auflösende, die Selbstdisziplin untergrabende "weibliche" Fluten der unbewussten "Wunschmaschine". Von der Mutter nicht zu Ende geboren, von Vater und militärischem Drill ins Leben geprügelt, benötigen die soldatischen Männer die starre Ordnung von Gemeinschaften wie der Truppe oder dem Volk, in die sie sich einfügen können und die ihren Leib vor der psychotischen Fragmentierung bewahren. Panisch und mordlüstern verlaufen ihre Begegnungen mit der bedrohlichen Weiblichkeit. Alle Frauen werden "entlebendigt": als asexuelle, verehrte "weiße Frau" oder aber als vergewaltigte, ermordete, zu Brei zerstampfte "rote Frau".

Die Dissertation war ein publizistischer Riesenerfolg. In der linken Szene heiß debattiert (endlich eine radikale Männlichkeitskritik oder bloß eine psychologisierende Ablenkung von den materiellen Ursachen des Faschismus?) und in der liberal-bürgerlichen Presse wohlwollend besprochen, verkaufte das Buch sich hunderttausendfach und wurde mehrfach neu aufgelegt. Übersetzungen liegen in neun Sprachen vor. Sein Buch machte Theweleit über Nacht bekannt, doch welchen Einfluss hatte es in der Akademie? Ob Margarete Stokowski oder Sibylle Berg, Elfriede Jelinek oder Jonathan Littell – es sind bis heute in erster Linie Künstler*innen, Journalist*innen und öffentliche Intellektuelle, die sich mit Theweleit auseinandersetzen. Die zahlreichen Interviews, die mit ihm geführt wurden – gerade in letzter Zeit zum Terrorismus sowie anlässlich des 40. Jahrestags der Männerphantasien – bezeugen das. Zwar haben auch junge Feministinnen ihn in den letzten Jahren (wieder-)entdeckt, die Akademie aber tut sich bis heute schwer damit, die Bücher zu rezipieren. Nur wenige Angehörige der Historiker*innenzunft haben sich von ihm inspirieren lassen – unter den Ausnahmen sind allerdings Vertreter*innen wichtiger neuer Perspektiven wie Lutz Niethammer,[1] Sven Reichardt[2] oder, weniger Theweleit explizit diskutierend als mehr implizit von ihm angeregt, Peter Longerich[3]. In der Soziologie, der Sozialpsychologie und den Kulturwissenschaften ist Theweleit kaum sichtbarer und selbst in den Gender Studies und der kritischen Männlichkeitsforschung gehört der Text keineswegs zum Kanon. Eher ist er ein Geheimtipp, der seltsam quer zum Üblichen liegt.

Die Wahrung einer gewissen Distanz geht aber auch von der anderen Seite aus: Trotz seiner anhaltenden Beschäftigung mit tagesaktuellen Ereignissen ist bei Theweleit nur wenig von einem Austausch mit neueren Forschungen und weiter entwickelten Theorien zu bemerken. Das für die Neuausgabe der Männerphantasien verfasste Nachwort ist (ebenso wie das Lachen der Täter, Theweleits Buch von 2015, das aus Perspektive der Männerphantasien auf islamistischen und rechten Terrorismus, den Genozid an den Tutsi und andere Gräueltaten blickt)[4] weitgehend unberührt von den aktuellen Debatten um psychoanalytische Triebkonzepte, leibphänomenologische Perspektiven, affective und body turns in den Sozialwissenschaften, die neue Gewaltsoziologie…

Viele von diesen Entwicklungen hatte Theweleit bereits vorweggenommen und viel könnten die neueren Ansätze noch von ihm lernen, doch das gilt eben auch umgekehrt. Die Männerphantasien sind ein erratischer Block in der Wissenschaftslandschaft – und repräsentieren letztlich eine doch recht männliche Position. Im Folgenden werde ich mehrere Aspekte des Buches ansprechen, an denen deutlich wird, wie diese souveräne und isolierte Position durch Begegnungen und Vermischungen irritiert werden kann:[5]

1) Theweleit demaskiert die abgeklärte Wertneutralität der Wissenschaft, indem er ihr seine eigene Empörung entgegensetzt. Ob durch das Ignorieren der akademischen Gepflogenheiten bezüglich der formalen Gestaltung einer Dissertation in den Männerphantasien oder mittels der scharfen Kritik an der faktisch zynischen Unangerührtheit des Stils, mit dem Harald Welzer und Sönke Neitzel über die menschenverachtende Sprache der Wehrmachtssoldaten schreiben im Lachen der Täter:[6] Theweleit weist auf den untergründigen affektiven Gehalt von Angst, Abwehr und Aggression in scheinbar nüchtern-wissenschaftlichen Beschreibungen hin. Diese Ebene von reflexiver Wissenschafts(selbst)kritik hat in den affektiv hoch konfliktuösen Forschungen zum Nationalsozialismus, zu Gewalt und Männlichkeiten noch immer eine viel zu leise Stimme.

2) Stil und Inhalt sind bei Theweleit untrennbar und verschwimmen zwischen Kunst und Wissenschaft. Um die Erlebenswelten (nicht-)faschistischer Männer nachvollziehbar zu machen, ist deren abstrakte Darstellung unzureichend, sie muss sinnlich erlebbar werden. Ausufernde Zitatsammlungen und der assoziativ-collagenartige, verwegene, aber argumentativ genaue Stil dienen dieser Erlebbarmachung ebenso wie die zahlreichen Bilder aus unterschiedlichsten Genres, die nicht den Text illustrieren, sondern eine assoziierte Parallelerzählung bilden. Die Männerphantasien folgen in der Alternativszene der 70er-Jahre etablierten Ausdrucksformen[7] und sind ein sowohl intellektuelles als auch ästhetisches Erlebnis. Die dadurch noch gesteigerte dichte Beschreibung macht einen großen Teil der Faszination von Theweleits Werk aus. Man kann sich ihr nicht intellektualisierend entziehen.

3) In den Männerphantasien ist ein bestimmter Blick auf den Gegenstand erprobt worden, der heute unter dem Label "strong reflexivity" firmiert und beispielsweise in Autoethnographie und Tiefenhermeneutik zum Tragen kommt: Das eigene, subjektive und affektive Erleben wird nicht als Störfaktor aus dem Erkenntnisprozess zu eliminieren versucht, auch nicht bloß wahrgenommen und reflektiert, um seinen möglichen Bias-Einfluss abzuschwächen, sondern es wird selbst zum Erkenntnisinstrument ganz eigener Art. Die affektive Reaktion auf das Forschungsobjekt lässt uns etwas von diesem spüren und begreifen:[8] "Der Weg der Erkenntnis wäre vielleicht der, das eigene Unbewußte nicht zu verdrängen, die Geschichte (den Faschismus) vom eigenen Unbewussten 'durchleben' zu lassen, so dass die Erkenntnis der Geschichte schließlich über eine Erfahrung des eigenen Unbewussten geschieht. Bei diesem Vorschlag stehen den Historikern die Haare zu Berge […]" (S. 277).

4) Die Männerphantasien stehen inhaltlich und stilistisch in scharfem Kontrast zu den derzeitigen Gepflogenheiten in der Geschlechterforschung: statt das Buch mit Triggerwarnungen zu versehen, legt Theweleit eine schonungslose und schmerzende Härte an den Tag, die mit der männlichen Gewalt und dem Hass konfrontiert; statt dem schönen Schein von Pluralisierungen und bunten Identitätsblumenwiesen anheim zu fallen, leuchtet er die traumatisierenden Abgründe des Geschlechterdualismus aus. Ähnlich wie in der neuen Gewaltsoziologie ist die phänomenologisch genaue Beschreibung der Gewalt für Theweleit notwendiger Ausgangspunkt des Nachdenkens über sie.

5) "Was den Körpern der Menschen wirklich geschehen ist, was sie gefühlt haben, hat die Historiker bisher nicht interessiert" schrieb Theweleit (S. 443) im Jahr 1977 und war damit ein Pionier der Körpergeschichte. Barbara Dudens Geschichte unter der Haut[9] erschien erst 10 Jahre später, die Beschäftigung mit der Leibphänomenologie aus geschlechterkritischer Perspektive war noch in weiter Ferne. Mittlerweile aber hat die Forschung zu Leibern und Gefühlen sogar modische "turns" hervorgebracht. "Body turn" und "affective turn" untersuchen die konservativen und progressiven Kräfte des Leibes, die konfliktreiche Gewordenheit der "Zweiten Natur" jenseits des Denkens. Theweleit wird in diesen Diskussionen nicht rezipiert.

Die Männerphantasien nahmen in vielerlei Hinsicht wissenschaftliche Entwicklungen vorweg und sind jetzt, wo die behandelten Fragen vor einem anderen historischen, politischen und theoretischen Hintergrund wieder virulent werden, weitgehend vergessen. Es ist zu wünschen, dass die Neuauflage bei Matthes & Seitz ihre Wieder- und Neuentdeckung fördert, in dieser Zeit von Antigenderismus, Incels, rechtsextremem Terror und weltweiter Durchsetzung autoritärer Politikformen, aber auch von #metoo und Protesten gegen Femizide. Die Relektüre der Männerphantasien sollte freilich eine kritische sein, Theweleits Überlegungen sollten weiterentwickelt werden. Hierzu will ich im Folgenden einige Anregungen geben.

6) In den Männerphantasien kommt der Antisemitismus kaum vor. Lediglich an wenigen Stellen tauchen "Jüdinnen" als noch einmal gesteigertes Feindbild der Freikorpssoldaten auf. Ähnlich wie "die Hexe" verkörperten sie demnach die bedrohliche Weiblichkeit in besonders teuflischer Form. Auch wenn diese Beschreibung zutreffen mag, ist damit noch lange nicht das ganze Bestiarium des Antisemitismus erfasst. Der ist keine Unterform von Frauenfeindschaft, so wie auch seine Herrschaftsform nicht nur eine Extremform des Patriarchats ist. Der Antisemitismus verhält sich zur Geschlechterordnung komplexer, es gibt ihn auch in pseudo-antipatriarchaler Version.[10] Mit der Prämisse, alle Feindschaft sei letztlich misogyne Feindschaft gegen den frei flutenden Leib, lässt sich das antisemitische Stereotyp des verkopften, intellektuellen, abstrakt-entfremdeten Stubenhockers schwer fassen. Moishe Postone hat über Theweleit geschrieben: „Seine Schwäche liegt in dem Versuch, den Nazismus in diesen Termini zu begreifen, d.h. als Resultat des Patriarchats. Die These ist mehr als fraglich. Erstens: Soweit eine Beziehung zwischen Patriarchat und Nazismus besteht, bedeutet dies keineswegs eine Identität. Im Gegenteil, die wohlbekannten Photos bartloser junger Nazis, die sadistisch lächeln, während sie älteren jüdischen Männern die Bärte ausreißen, scheinen auf psychologischer Ebene einen Hass auf das Patriarchat anzudeuten.“[11] Theweleit entgeht so eines der zentralsten Spezifika der deutschen völkischen Bewegung und des Nationalsozialismus. Er verallgemeinert in der Folge seine Beobachtungen und stellt fest, dass sein Untersuchungsgegenstand "nicht nur eine deutsch-faschistische, sondern eine fascho-universelle Struktur soldatisch-männlicher Körperlichkeit" sei (S. 1218).

7) Mit dieser Tendenz zu Verallgemeinerung zusammen hängt auch Theweleits Nichtauseinandersetzung mit Täterinnen. Seine Zurückhaltung, über Frauen und Weiblichkeit zu schreiben, weil Männer das lange genug von oben herab getan haben, ist richtig. Aber zuzuhören, was Feministinnen zu diesem Thema zu sagen haben, kann auch die Analyse der Männlichkeit schärfen. Theweleit war mit seiner Konzentration auf männliche (Proto-)Nationalsozialisten durchaus Teil des damaligen Forschungsmainstreams. Im "Historikerinnenstreit" Anfang der 1990er-Jahre wurde aber deutlich, dass die Annahme einer sozialisationsspezifisch weiblichen "Friedfertigkeit" unangemessen und gerade der Antisemitismus eine geschlechterübergreifende Ideologie ist.[12]

8) Theweleits Annahme frühkindlicher, durch eine spezifische Erziehung bedingter Charakter- und Leibentwicklungen, die dazu führen, dass den Erwachsenen danach "nicht viel anderes übrigbleiben kann, als ‚faschistisch’ oder klinisch manifest irre zu werden" (S. 770), entsprechen dem Mainstream der sozialcharakterologischen Forschung in den 1970er-Jahren, vermögen heute aber theoretisch nicht mehr zu überzeugen. Die Attraktivität dieses Paradigmas in den linksliberalen und alternativen Milieus Deutschlands lag in ihrem Potenzial, das diffuse, quälende Empfinden des "Nazis in einem" zu erklären und auch eine Überwindungsmöglichkeit zu offerieren: (therapeutische) Selbstreflexion und antiautoritäre Erziehung. Hier mag auch die Erklärung dafür liegen, dass die Männerphantasien in den bürgerlich-liberalen Feuilletons durchaus positiv aufgenommen wurden. Bazon Brock schrieb 1977 in seiner Rezension für die Zeit: "[D]ie Disposition zum Faschisten wird jeder an sich erkennen, der keiner ist! Deshalb keiner ist. Solches uns nachdrücklich ins Gedächtnis zu rufen, gelingt Theweleit".[13] Psychische Entwicklungsstörungen seien die Ursache der Taten, die Täter selbst Opfer ihrer Eltern. Doch psychische Entwicklungen folgen keiner chronologischen Kausalität. Nachträglich werden die Erinnerungsspuren des früheren Erlebens permanent umgearbeitet.[14] Der Panzer muss nicht aus der Kindheit stammen, er kann auch erst in dem durchlebten Krieg angelegt worden sein. Hierhin gehört auch das Problem, dass Theweleit kaum unterscheidet zwischen für die Öffentlichkeit niedergeschriebenen Phantasien und der praktischen Realität. Es ist sicherlich hinterfragbar, ob die Tatsache, dass in der von ihm gesichteten Literatur relativ selten von Vergewaltigungen die Rede ist, bedeutet, dass Vergewaltigungen durch Freikorpssoldaten tatsächlich eher selten vorkamen (vgl. S. 1238), oder aber, dass es ihnen nachträglich mehr Vergnügen bereitete, über das Morden als über das Vergewaltigen zu schreiben.

9) Ein grundlegendes Problem stellt das psychoanalytische „Ablösungsparadigma“ dar, dem Theweleit durchgängig verhaftet bleibt. Rolf Pohl, einer der wenigen Männlichkeitsforscher für die eine Auseinandersetzung mit Theweleit von Wichtigkeit ist, hat dieses bis heute einflussreiche Paradigma kritisch beschrieben: Es wird von einer primären Mutter-Kind-Symbiose ausgegangen (bei Theweleit mit Bezug auf Margaret Mahler), aus der sich das Kind in einem konfliktreichen Prozess herauslösen muss, um eine autonome Subjektivität zu entwickeln. Diese Vorstellung ist ein geschlechterkonservativer Mythos.[15] Die ursprüngliche (weibliche) Verschmelzung und die folgende (männliche) Ablösung sind nachträgliche Phantasien, also Folgen, nicht Vorläufer der Geschlechterdifferenzierung. Theweleit aber bleibt diesem Paradigma unbeirrt verhaftet und macht die Diagnose, die Freikorpssoldaten seien von der Mutter nicht zu Ende geboren und vom Vater ins Leben geprügelt worden, zur faschistischen Variante einer nur prekär gelungenen Ablösung. Er schlägt damit in dieselbe Kerbe wie die aktuelle männlichkeitsaffirmative Väterdiskussion in der Psychoanalyse, in der die Ablösung als Grundlage einer stabilen männlichen Identität der Jungen apotheosiert wird.[16] Theweleit bleibt hinter der queer-feministischen und männlichkeitskritischen psychoanalytischen Theoriebildung und ihrer Hinterfragung des Ablösungsparadigmas weit zurück und folgt stattdessen zu sehr den Erlebnispfaden der soldatischen Männer, ohne deren Doppelbödigkeit ausreichend zu erkunden. Unverständlich ist, warum er auch im Nachwort zu der Neuausgabe Pohl und seine Kritik mit keinem Wort erwähnt.

10) Zum Schluss sei die Frage nach der triebtheoretischen Fundierung des Buches aufgeworfen: Theweleits Bezug auf die vitalistische "Wunschmaschine" von Gilles Deleuze und Félix Guattari, auf das leibliche Drängen als formloses, immer überbordendes Wuchern, das in dem männlichen Habitus zwanghaft eingedämmt und eingepanzert wird und explosionsartig und gewalttätig wieder hervorbricht, weist einen ontologisierend-reichianischen Zug auf. Wie Wilhelm Reich unterscheidet Theweleit falsche von richtigen Gefühlen; wobei er "falsch", sich der Problematik bewusst, immerhin in Anführungszeichen schreibt:  "Die Masse (d. h. wir alle) leidet aber zunächst an 'falschen', d. h. pervertierten, ihren Zielen entfremdeten, ins Gegenteil verkehrten Gefühlen. Dass die Körper verkrampfen, wo sie Lust empfinden wollen, dass der Schweiß ausbricht statt der Liebe, dass aus der Weichheit des erigierten Gliedes der unbefriedigte Knochen wird und aus dem Wunsch, in den Körper des anderen einzudringen, eine Tötungsaktion, dass aus der gegenseitigen Berührung zweier Häute, zweier Leiber, nicht Entspannung entsteht, Reinigung und Neugeburt, sondern Spannung, Schmutz und Tod – das ist das Problem … " (S. 511f.) Entspannung, Reinigung und Neugeburt = gut, Spannung, Schmutz und Tod = schlecht? So unfreiwillig wie unwillkürlich erinnert die Gegenüberstellung an die Dichotomien der faschistischen Männer. Was ist mir deren Enthemmung im Lustmord, wenn ihre "Flüsse beginnen zu fließen" (S. 737)? Warum ist sie ein "falsches" Gefühl? Das Problem findet seinen deutlichsten Ausdruck, wenn Theweleit zu klären versucht, ob die von ihm beschriebene Gewalt eine "sexuelle" oder eine "anti-sexuelle" ist, ob sie also eine Triebbefriedigung darstellt oder deren Abwehr – und mit dieser Unterscheidung scheitert. "Sexuelles Verhalten respektiert den Körper des/der anderen; Gewalt tut dies nicht. […] Dieses Glied [der Penis] wird benutzt zur Gewaltausübung; es verlässt damit das Feld des Sexuellen." (S. 1238) Doch dann: "Woher die Erektionen im Tötungsvorgang?" (S. 1240)

Mit Deleuze und Guattari oder auch Reich als triebtheoretischer Grundlage, die nur Fluten, Dämme und Dammbrüche kennen, lässt sich hier nicht gut weiterdenken. Wieso kann dieselbe Energie Entgegengesetztes bewirken? Wie funktioniert die "Umwandlung" von Sexualität in Gewalt? Pohls Konzept des "Sexualitätsdilemmas", dem Ineinander des Wunsches nach dem Objekt und nach dessen Verschwinden kann dagegen helfen, die Konfliktuösität des Triebes und die Legierung von Sexualität und Aggression, von Lust, Angst und Hass unter dem Vorzeichen männlicher Herrschaft besser zu verstehen. [17]

Dagmar Herzog, die Theweleits Buch in schuldabwehrende deutsche Diskurse einordnet, in welchen lieber über Sexualität, Sexismus und Erziehung als über Antisemitismus, Auschwitz und Schuld geredet wird, hat auf Theweleits Neigung zum "outmachoing" der konservativ-verkrampften Kollegen und langweiligen Genossen hingewiesen:[18] Hinter der autobiografsche Wunden enthüllenden Selbstkritik, hinter der Wut auf die "(zwangsneurotischen) 'Gesetze' des universitären Formulierens" und die "Dominanz der adornitischen Rechthaber-Währung aus der Bankenzentrale am Main" (S. 1216) scheint ein Demutsstolz hervor, gereinigt von der faschistischen Männlichkeit, der auch einem mittelalterlichen Mönch gut gestanden hätte und der Theweleit den Vorwurf der Arroganz eingetragen hat. Ein in der Konsequenz sogar antifeministischer Unterton zeigt sich, wenn Theweleit über die Überwindung des hierarchischen Geschlechterverhältnisses schreibt: "Der Widerspruch scheint also weniger durch 'Geschlechterkampf' lösbar, eher durch die Lust an der Erzeugung von Situationen, die die menschlichen Orgasmen ermöglichen." (S. 212) Neben der autoritären Zwanghaftigkeit der Kollegen scheint sein eigenes Schreiben und Denken frei und verheißungsvoll. Theweleit als Rockstar. Diese Haltung macht es ihm schwer, in Widersprüchen zu denken. Bei Theweleit gibt es nur Leiber, ungehemmt fließende oder eingepanzerte. Keine widersprüchlichen Subjekte in ihren geschlechtlich codierten Anerkennungs- und Triebkonflikten mit einem vermittelnden "Ich". Er vermutet, nur "3%" der Männer seien solche in sich zerrissen-neurotischen, von ihm geringgeschätzten bürgerlichen Subjekte.[19] So aber bleibt nur die Alternative Flut oder Stahl – und das ist denn doch wieder sehr geschlechterdichotom und entspricht lediglich dem, was die faschistischen Männer spüren.

Fußnoten

[1] Lutz Niethammer, Male Fantasies. An argument for and with an important new study in history and psychoanalysis, in: History Workshop Journal, 7 (1979), 1, S. 176–186.

[2] Sven Reichardt, Klaus Theweleits "Männerphantasien" – ein Erfolgsbuch der 1970er Jahre, in: Zeithistorische Forschungen, 2006, 3, S. 401–421. URL: zeithistorische-forschungen.de/3-2006/4650 (07.12.2019).

[3] Peter Longerich, Heinrich Himmler: Eine Biographie, München 2008, S. 59f. Theweleit zählt in seinem neuen Nachwort einige weitere Kulturwissenschaftler*innen und Historiker*innen auf, die sich auf seine Männerphantasien bezogen haben (S. 1217).

[4] Klaus Theweleit, Das Lachen der Täter. Psychogramm der Tötungslust, Salzburg & Wien 2015.

[5] Vgl. zum Folgenden auch Sebastian Winter, Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung Das Schwarze Korps. Eine psychoanalytisch-sozialpsychologische Studie, Gießen 2013, S. 119ff.; Sebastian Winter, Sippengemeinschaft statt Männerbund. Über die historische Genese der Männlichkeitsentwürfe in der SS und die ihnen unterliegende Psychodynamik, in: Annette Dietrich / Ljiljana Heise (Hg.), Männlichkeitskonstruktionen im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main u.a. 2013, S. 65–81, hier S. 74ff.

[6] Sönke Neitzel / Harald Welzer, Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, Frankfurt am Main 2011.

[7] Vgl. Reichardt, Männerphantasien, S. 413.

[8] Vgl. Alina Brehm / Jakob Kuhlmann, Einleitung, in: Dies. (Hg.), Reflexivität und Erkenntnis. Facetten kritisch-reflexiver Wissensproduktion, Gießen 2018, S. 9–26.

[9] Barbara Duden, Geschichte unter der Haut. Ein Eisenacher Arzt und seine Patientinnen um 1730, Stuttgart 1991 [1987].

[10] Vgl. Eva-Maria Ziege, Die Bedeutung des Antisemitismus in der Rezeption der Mutterrechtstheorie, in: A. G. Gender-Killer (Hg.): Antisemitismus und Geschlecht. Von "maskulinisierten Jüdinnen", "effeminierten Juden" und anderen Geschlechterbildern, Münster 2005, S. 143–170.

[11] Moishe Postone, Antisemitismus und Nationalsozialismus, in: ders., Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen, Freiburg 2005 [1979], S. 165–194, hier S. 172.

[12] Ljiljana Radonić, Die friedfertige Antisemitin? Kritische Theorie über Geschlechterverhältnis und Antisemitismus, Frankfurt am Main u. a. 2004.

[13] Bazon Brock, Frauen, Fluten, Körper, Geschichte. Ein wichtiger Beitrag linker Theorie zur Faschismusdebatte, in: Die Zeit, 1977, 49, URL: www.zeit.de/1977/49/frauen-fluten-koerper-geschichte/komplettansicht (09.12.2019).

[14] Vgl. Christine Kirchhoff, Das psychoanalytische Konzept der »Nachträglichkeit«. Zeit, Bedeutung

und die Anfänge des Psychischen, Gießen 2009.

[15] Rolf Pohl, Feindbild Frau. Männliche Sexualität, Gewalt und die Abwehr des Weiblichen, Hannover 2004, S. 260ff.

[16] Vgl. bspw. Egon Garstick, Junge Väter in seelischen Krisen: Wege zur Stärkung der männlichen Identität. Stuttgart 2013.

[17] Vgl. Pohl, Feindbild, S. 167ff.

[18] Dagmar Herzog, "Pleasure, Sex and Politics Belong Together". Post-Holocaust Memory and the

Sexual Revolution in West Germany, in: Critical Inquiry, 24 (1998), S. 393–444, hier S. 434.

[19] Klaus Theweleit / Andrea Maihofer, Das moderne männliche Subjekt im Anschluss an Adorno, Horkheimer und Foucault, in: Freiburger GeschlechterStudien, 21 (2007), S. 329–367, hier S. 339.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.