Friede den Villen, Krieg den Palästen

Christian Neuhäuser über Reichtum als moralisches Problem

Ab wann wird Wohlstand, wird Reichtum auf moralischer Ebene problematisch? Lässt sich überhaupt eine Grenze zwischen moralisch vertretbarem Wohlstand und überbordendem, moralisch verwerflichem Reichtum ziehen? In seinem kürzlich erschienenen Buch bejaht Christian Neuhäuser diese Frage nicht nur, er zieht aus ihr sogar politische Schlüsse und fordert ein Verbot moralisch verwerflichen Reichtums beziehungsweise dessen hundertprozentige Besteuerung, sobald eine bestimmte Grenze überschritten wird. Neben dieser Forderung schlägt Neuhäuser verschiedene Wege vor, überbordendem Reichtum durch Einkommens-, Gewinn- oder Erbschaftssteuern schrittweise beizukommen und diskutiert deren Vor- und Nachteile. Nun wäre es wohlfeil, die Aussichten einer solch redistributiven Politik angesichts der Zahnlosigkeit supranationaler Regulierungsinstrumente anzuzweifeln, denn die den Autor umtreibende Frage ist ja nicht diejenige nach der Umsetzbarkeit eines neuen europäischen Sozialmodells (wobei Neuhäuser das an verschiedenen Stellen einfordert), sondern die sozialphilosophische Frage, ob und vor allem wo die Grenze zwischen legitimem und illegitimem Reichtum gezogen und wie sie begründet werden kann. Neuhäuser will nämlich gerade nicht das unethische Verhalten der Reichen oder der Bevölkerungen reicher Länder anklagen, er will weder deontologisch noch konsequenzialistisch begründen, wer sein Verhalten wie ändern muss. Im Gegenteil: Er nimmt die Reichen, die Unternehmen und die wohlstandsversessenen Bevölkerungen der reichen Länder immer wieder in Schutz. Worauf er abzielt, ist eine Kritik derjenigen Grundstrukturen unseres nord-westlichen Gesellschaftsmodells, die immer wieder moralisch problematischen Reichtum produzieren. Er thematisiert die „Betonung der gesellschaftlichen Reichtumsorientierung“, die „strukturell hergestellt“ (S. 105) ist und damit als kollektives Phänomen betrachtet werden muss. Während Individuen meist nur nach moralisch unbedenklichem Wohlstand streben, entstehen durch die Orientierung der Gesamtgesellschaft an Reichtumsvermehrung immer wieder Formen von Reichtum, die sowohl in ihrem Ausmaß als auch in ihren Konsequenzen weit über das individuelle Bedürfnis nach Wohlstand hinausgehen. Es ist genau diese Hinwendung zu den Strukturbedingungen unserer Gesellschaften, die Neuhäusers Analyse von allgemeinen Plädoyers für mehr Bescheidenheit abhebt, die aber zugleich derart viele Probleme der Zurechnung von Ursachen erzeugt, dass die These letztlich unscharf bleibt und am Ende leider nicht zu überzeugen vermag.

Wie nun definiert Neuhäuser moralisch problematischen Reichtum im Unterschied zu unbedenklichem Wohlstand? Er kritisiert deutlich Gerechtigkeitstheorien à la John Rawls, die intelligible Idealzustände von Gleichheit als Maxime setzen und daraus ihre moralische Kritik ableiten. Erstens betont er, dass es falsch sei, die Kritik auf Ungleichheit zu beschränken, da auch eine gleiche Verteilung im Hinblick auf unterschiedliche Bedürfnisse der Empfänger moralisch problematisch sein könne. Zweitens – und das ist der zentrale Punkt – leben wir in ungerechten Gesellschaften, und die bilden überhaupt erst den Kontext, in dem eine moralische Bewertung stattfindet. „In ungerechten Gesellschaften können Formen von Reichtum ungerechtfertigt sein, die in vollkommen gerechten Gesellschaften gerechtfertigt wären. Umgekehrt können in ungerechten Gesellschaften auch Formen des Reichtums gerechtfertigt sein, die in vollkommen gerechten Gesellschaften ungerechtfertigt wären.“ (S. 35). Der soziale Kontext wird zum Bestandteil der moralischen Bewertung – und mit jeder gelesenen Zeile wird klarer, dass er der eigentliche Gegenstand von Neuhäusers philosophischer Studie ist.

Der Autor wählt als Ausgangspunkt für seine moralische Kritik weder Gleichheit noch Bedürfnisse, sondern die Idee der Würde, der Selbstachtung des Individuums. In Abgrenzung zu vielen anderen kritischen Ansätzen des Reichtums – deren konzise und präzise Darstellung in diesem Buch im Übrigen wirklich gut gelungen ist – gilt für Neuhäuser, dass ein Akteur dann „zu reich [ist], wenn er über so viel Geld verfügt, dass er es auch nach dem Erfüllen seiner anständigen Ansprüche absichtlich oder unabsichtlich für die Verletzung oder Missachtung der Selbstachtung anderer Akteure einsetzen kann.“ (S. 107) Diese Definition weist drei Schwachpunkte auf: Erstens, was sind anständige Ansprüche? Zweitens, wie wird die Selbstachtung anderer Akteure geschädigt? Und drittens, reicht es schon, dass der Reichtum schädigend eingesetzt werden kann, unabhängig davon, ob er auch so eingesetzt wird? Eine Verletzung der Würde ist laut Neuhäuser nur dann zu konstatieren, „wenn jemand in wichtigen Belangen nicht auf sich selbst achtgeben kann und […] nicht als gleichrangiger Mensch geachtet wird“ (S. 134). Die Formulierung des Auf-Sich-Achtgebens verweist auf den sozialliberalen Grundgedanken des Buches. Es wird tatsächliche (und nicht nur formelle) Handlungsfreiheit gefordert, die ihre Grenzen dort findet, wo die Würde anderer Menschen verletzt wird. Mit der Verbindung aus Würde und Selbstachtung ist gemeint, dass Menschen in der Lage sein müssen, auf sich selbst achtzugeben, also einerseits ökonomisch und politisch selbstbestimmt sein können, und sich andererseits selbst zu achten, das heißt soziale Zugehörigkeit zu erleben. Soziologisch betrachtet geht es also um ein Mindestmaß an Autonomie und sozialer Inklusion. Die Begriffe „wichtige Belange“ und „gleichrangig“ schränken die Reichweite der Definition von Würde jedoch wieder ein, in dem sie indirekt auf die jeweiligen kulturellen, sozialen und ökonomischen Kontexte verweisen, in denen bestimmte Probleme als würdeverletzend gelten können, während das in anderen Kontexten nicht der Fall wäre.

Zugleich bedeutet diese Relativierung aber auch, wie Neuhäuser immer wieder betont, dass eine plötzliche Veränderung der Lebensbedingungen, auch durch Enteignung oder erzwungenen Konsumverzicht, ebenso ein Angriff auf die Würde sein kann. Ein solcher Angriff kann ausschließlich durch gewichtige Gründe gerechtfertigt werden, wie es die – im Übrigen durch das gesamte Buch hinweg immer wieder aufscheinende – Rechtstheorie der Grundrechte formuliert. Zu derart gewichtigen Gründen könnte wiederum die Würde der schlechter Gestellten gezählt werden. Daraus zieht Neuhäuser den Schluss, dass der Wohlstand der reichen Bevölkerungen, ebenso wie ihre Konsumwünsche und materiellen Ziele, ihnen nicht nach Belieben vorenthalten werden dürfe, sondern nur in dem Maße wie durch diesen Reichtum systematisch Menschen am anderen Ende Würdeverletzungen zugefügt werden, was dann vor allem die besonders Reichen träfe. Und es gilt auch, obwohl auf Reichtum zurückgehende Würdeverletzungen, anders als etwa durch Rassismus oder Sexismus hervorgerufene, häufig „kontingenterweise“ und als „unbeabsichtigte“ Nebenfolgen auftreten (S. 129). Nichtsdestotrotz ist übermäßiger Reichtum moralisch abzulehnen, da er in gesellschaftlichen Händen dafür verwendet werden könnte, derartige Würdeverletzungen abzustellen. Das bedeutet auch, die unbeabsichtigte, durch ökonomische und soziale Umstände mitverursachte Würdeverletzung durch den Reichtum anderer ist mindestens als unterlassene Hilfeleistung zu bewerten und damit aus moralischen Gründen abzulehnen. Weil aber die gesellschaftlichen Umstände für die Erzeugung derartiger Probleme so schwerwiegend sind, richtet sich der moralische Anspruch eben nicht im Sinne einer individualethischen Forderung auf Verzicht, Ausgleichszahlungen oder Spenden, sondern mündet in der Forderung nach einer gesamtgesellschaftlichen Transformation.

In den anschließenden Abschnitten beendet Neuhäuser die Analyse von Reichtum als einem Verteilungsproblem und hebt an zu einer allgemeinen Kritik der ökonomischen und politischen Zusammenhänge der kapitalistischen Gesellschaften auf nationaler und globaler Ebene, in denen Würdeverletzungen systematisch angelegt sind. Er beschreibt Armut nicht nur absolut, als Schädigung der Selbstachtung großer Teile der Menschheit, sondern auch relativ: Wer Zugang zu lediglich 50 oder 60 Prozent des durchschnittlichen Wohlstands einer Gesellschaft hat, ist mit den Auswirkungen konfrontiert, die dieser beschränkte Zugang auf sein Ansehen als gleichrangiges Gesellschaftsmitglied hat. Das gilt ebenso im Falle von Arbeitslosigkeit und den daraus potenziell resultierenden Ausgrenzungseffekten. Der Autor betont, dass auch ohne großes Wirtschaftswachstum durch Umverteilung Arbeitsplätze für alle geschaffen werden könnten. Der übermäßige Einfluss der Reichen auf die Politik einerseits sowie die politische Ausgrenzung und das Desinteresse der Armen andererseits werden von Neuhäuser im Sinne des Kommunitarismus als Würdeverletzungen begriffen. Besonders interessant ist der Abschnitt zum Klimawandel. Hier führt der Autor aus, er sehe nicht nur die Selbstachtung derjenigen in Gefahr, die durch klimatische Veränderungen ihren Lebensraum verlieren, sondern auch die Selbstachtung kommender Generationen. Ihnen werde die Möglichkeit zu einer „aktiven Gestaltung“ (S. 184) ihrer Umwelt genommen. Stattdessen werden sie gezwungen sein, sich vor ihr zu schützen. Schließlich nimmt Neuhäuser auch die hohe Fragilität und Volatilität von globalen Märkten, vor allem Finanzmärkten, als Ursprung potenzieller Würdeverletzungen in den Blick. Lebensräume verschwinden durch plötzliche Kapitalverschiebungen und immer größere Gruppen von Menschen sind nicht nur vom Markt abhängig, sondern haben auch keine Möglichkeit, einen anderen Lebensentwurf als den marktvermittelten zu wählen – und zwar weil es zu alternativen Lebensentwürfen schlicht keinen Zugang mehr gibt. Was im Buch im Hinblick auf die heutige Debatte in Europa leider keinerlei Beachtung findet, sind die transnationalen Migrationsbewegungen, durch deren „Management“ die Würde der Migrantinnen und Migranten sicherlich im großen Stil verletzt wird. Aber jeder der sechs Abschnitte zu den drängendsten Problemen – den Kehrseiten der kollektiven Reichtumsorientierung –, zeugt von großer Kenntnis der Problemlagen. Neuhäusers Analyse besticht durch eine differenzierte Argumentation und detaillierte moralische Abgrenzungen, die das Buch definitiv lesenswert machen.

Mit fortschreitender Lektüre erwächst bei Leser und Leserin jedoch ein zunehmendes Unbehagen darüber, welche Bedeutung denn nun der Reichtum in der Erzeugung dieser multidimensionalen Problemlagen hat. Neoliberalismus, Freihandel, Wettbewerb, Marktprinzip, Wachstumsorientierung, Überbevölkerung sowie globale militärische und ethnische Auseinandersetzungen sind an solchen Dynamiken ja mindestens ebenso stark beteiligt und finden auch immer wieder Erwähnung. Das verweist auf die größte Schwäche in Neuhäusers Argumentation: Die sozialtheoretischen Erklärungen bleiben in punkto Differenziertheit weit hinter den moralphilosophischen Erörterungen zurück. Das wäre unproblematisch, würde es sich um eine philosophische Schrift handeln. Der Autor selbst betont jedoch fortwährend, er würde durch die kontinuierliche Fokussierung auf die „kollektive Reichtumsorientierung“ vor allem gesellschaftliche Strukturen in den Blick nehmen und moralisch bewerten. Da drängt sich doch die Frage auf, inwiefern denn der Reichtum selbst – also die wachsende Anhäufung von Vermögen auf wenigen immer gleichen Bankkonten – in der Lage ist, die genannten Probleme zu erzeugen. An dieser entscheidenden Stelle wird die Analyse leider recht dünn und lässt sich auf zwei Thesen herunterbrechen: 1.) Der politische Einfluss der Reichen ist zu hoch, und 2.) der Lebensstil der Reichen erzeugt für alle anderen Mitglieder der reichen Gesellschaften eine Art selbstzerstörerische Orientierung am Reichtum. Die so hervorgebrachte „Reichtumskultur“ (S. 98) führt dazu, dass „Statuskonsum für sie eine gute und vielleicht sogar die einzige Möglichkeit darstellt, von anderen Menschen die Achtung als gleichrangiger Mensch einzufordern“ (S. 100). Am Ende sind dann also doch die Reichen das Problem, weil sie den anderen, den Nicht-Reichen, – wenn auch ohne Absicht – eine bestimmte Kultur aufzwingen. Offenbar geht Neuhäuser davon aus, dass angehäufter Reichtum eine Kultur in den wohlhabenden Gesellschaften erzeugt, die dann notwendigerweise Würdeverletzungen nach sich zieht. Gleichzeitig betont er immer wieder, dass die meisten Menschen nur nach (legitimem) Wohlstand streben würden und moralisch daher nicht verantwortlich zu machen seien. Der Reichtum ist also ein struktureller Erklärungsfaktor, aber Neuhäuser macht sich an keiner Stelle die Mühe zu zeigen, wie Reichtum denn im Detail mit Arbeitslosigkeit oder Klimawandel in einem kausalen Zusammenhang steht. Die einzige Verbindung scheint die „Reichstumskultur“ zu sein. Wie aber sieht es mit institutionalisiertem Profitstrebens aus, das den Menschen durch die Wettbewerbs- und Organisationsformen von Politik, Unternehmen und Wirtschaft immer schon strukturell vorgegeben ist? Lässt sich das stahlharte Gehäuse der Hörigkeit im Kapitalismus tatsächlich in eine allgemeine Hörigkeit gegenüber dem Statuskonsum auflösen? Und noch eine weitere Frage drängt sich unweigerlich auf: Ließe sich legitimer Wohlstand in reichen Gesellschaften tatsächlich ohne Würdeverletzungen in den armen Gesellschaften aufrechterhalten?

Es sind meiner Meinung nach zwei Argumente, in denen die sozialtheoretischen Defizite des Buches derart virulent werden, dass Neuhäusers These an Überzeugungskraft verliert: 1.) Die extreme Ungleichverteilung von Einkommen ist nicht einfach das Ergebnis einer kulturellen Prägekraft des Konsums der Reichen für die Industriegesellschaften. Hier spielt insbesondere eine Vielzahl institutioneller Transformationsprozesse eine Rolle, die die vormals eingebetteten Strukturen des Kapitalismus seit den späten 1970er-Jahren durch politische Entscheidungen schrittweise zu den heutigen Vermögensstrukturen geführt haben. An dieser Stelle ist die Deregulierung der Kapitalmärkte genauso zu nennen wie die mehr oder weniger graduellen Rückbauprozesse der nationalen Sozialpolitiken, die Verschiebung der institutionellen Regeln des Eigentums und die Machtverlagerungen in den Kapitalgesellschaften sowie die zunehmenden Korporationen über nationale Grenzen hinweg. Dazu kommen ideologische und kulturelle Faktoren: das Ende der Systemkonkurrenz, der Strukturwandel der Arbeit und des Konsums sowie der Verlust der Verbindlichkeit intermediärer sozialer Organisationsformen von Parteien, über Familien bis hin zu Religionsgemeinschaften. Das Um-sich-Greifen des Marktes als einzig verbliebener globaler Koordinationsform lag zwar zweifellos im Interesse derjenigen, die nun zu den Profiteuren gehören. Dennoch muss eine sozialwissenschaftliche Kausalerklärung multidimensional sein und das Zusammenspiel verschiedener – auch nicht-intendierter – Prozesse berücksichtigen. Für Neuhäusers Argument bedeutet das aber, dass die Ansatzpunkte für einen gesellschaftlichen Umbau deutlich zahlreicher sein müssten, als nur die Verfestigung eines übermäßigen Reichtums zu kritisieren. Das gesteht der Autor ein, wenn er am Ende des Buches schreibt: „Es könnte also noch anderer grundsätzlicher Umbauten der sozialen Ordnung und insbesondere der Wirtschaftsordnung bedürfen, die solch eine Transformation weg von einer Reichtums- und hin zu einer Wohlstandsgesellschaft möglich machen.“ (S. 243). So ist „Reichtum“ am Ende des Buches letztlich eine Chiffre für eine Vielzahl sozialer Strukturen, die sich im Namen der Selbstachtung aller Menschen ändern müssten. Neuhäuser bietet einen plausiblen und klug argumentierten Maßstab für eine „gute Gesellschaft“, Reichtum ist aber nur der Kristallisationspunkt, an dem eine Vielzahl von moralischen Problemen kulminiert. Die Zuspitzung der Kritik hin zur Forderung nach einem Reichtumsverbot scheint in diesem Lichte verfehlt. Nichtsdestotrotz könnte sie dazu beitragen, dem Buch die nötige Aufmerksamkeit zu verschaffen, um die in der Tat wichtigen Kritikpunkte an eine breitere Öffentlichkeit heranzutragen.  

2.) In Neuhäusers Buch taucht die von Missachtung betroffene Bevölkerung sowohl in den armen als auch in den reichen Gesellschaften als exkludierte Gruppe auf, nicht aber in ihren eigenen moralischen Orientierungen und ihrem widerständischen Potenzial. Auch wenn der eigene Wohlstand bei vielen im Vordergrund steht, so sollten die Legitimitätsprobleme, mit denen sich die bestehenden Marktgesellschaften heute konfrontiert sehen, nicht unterschätzt werden. Ob der Kampf gegen Exklusions- und Missachtungserfahrungen nun in Form von Anti-Austeritäts-Protesten, alternativen Lebensformen, Rechtspopulismus oder gar europaweiten Parteienneubildungen stattfindet: Es wäre interessant gewesen, hätte Neuhäuser den Versuch unternommen, in seine Analyse möglicher Würdeverletzungen durch den Reichtum einer kleinen Gruppe auch die Reaktion der Betroffenen und ihre Kritik einzubeziehen, gerade auch, um zu untersuchen, ob seine Gerechtigkeitsmaßstäbe das Potenzial haben, eine moralische Orientierung zu begründen, die die Ausgegrenzten sowohl in reichen als auch in armen Gesellschaften teilen können – oder ob die unterschiedlichen Formen des Protests jene Welten eher auseinandertreiben. Andere Sozialphilosophen wie etwa Axel Honneth oder Michael Walzer haben diesen Immanenzvorbehalt für Gesellschaftskritik bereits überzeugend formuliert, und da Neuhäuser einen ganzen Abschnitt des Buches der praktischen Umsetzbarkeit der moralphilosophischen Implikationen widmet, ist es bedauerlich, dass man vergeblich nach solchen Gedanken sucht.

Jeder sozialwissenschaftlich orientierte Wirtschafts-, Umwelt- oder Ungleichheitsforscher wird an den konkreten Problemdarstellungen von Christian Neuhäuser etwas auszusetzen haben. So kommt beispielsweise seine Finanzmarktanalyse ganz ohne Überlegungen zur Rolle der Mittelschichten und der privatisierten Vorsorge in der Finanzialisierung aus. Sie beschreibt den Finanzmarkt vor allem als pathologisches Phänomen ohne realwirtschaftliche Flanke. Neuhäusers Buch in dieser Hinsicht zu kritisieren wäre dem Gegenstand jedoch nicht angemessen. Natürlich können die Problemdarstellungen in einem solch beschränkten Rahmen nur diskutiert werden, indem man sie auf ihren argumentativen Kern zuspitzt. Was man dem Autor dennoch vorwerfen darf, ist, dass die Würdeverletzungen, die doch im Zentrum seiner moralischen Überlegungen stehen, in der Darstellung der sozialen Probleme immer als „kaum zu bezweifeln“ abgetan werden, ohne dass der Verfasser sich die Mühe machen würde, die den moralisch problematischen Reichtum immer wieder von neuem erzeugenden und über die Zeit verfestigenden Mechanismen genauer zu benennen oder zu systematisieren.

Letztlich offeriert das Buch einen überzeugend vorgetragenen und mit aller nötigen Schärfe formulierten Fluchtpunkt für die Idee einer gerechten Marktgesellschaft, die sozial werden und dennoch liberal bleiben kann – und um dieser Willen sollte man das Buch auch unbedingt lesen. Wenn man seine Seitenbemerkungen und wiederkehrenden Relativierungen ernst nimmt, ist sich Christian Neuhäuser aber selbst gar nicht so sicher, dass das von ihm vorgeschlagene Reichtumsverbot tatsächlich das Allheilmittel ist. Was uns nun tatsächlich davon abhält, eine gerechte Gesellschaft einzurichten, kann uns Neuhäuser letztlich auch nicht sagen. Vielleicht ist es ja das Kapital.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Felix Hempe und Hannah Schmidt-Ott.