Gefangen in der Paarfabrik

Rezension zu "Für den Arsch" von Christian Maurel

Obschon die Jahre nach 1968 weithin als Ausgangspunkt der LGBTI*-Bewegung gelten, spielt das Thema Homosexualität in den Erzählungen – gerade zu ‚50 Jahren sexuelle Revolution‘ – kaum eine Rolle. Auch das diesjährige 50-jährige Jubiläum der Stonewall-Riots änderte daran kaum etwas. Die Ziele der Homosexuellenbewegungen, so das gängige Narrativ, würden sich im Wesentlichen in rechtlicher Gleichstellung und gesellschaftlicher Akzeptanz erschöpfen. Fraglos waren und sind das wichtige (und auch immer noch uneingelöste) Forderungen der Bewegungen, doch entgeht einer solchen Erzählung eines ihrer wesentlichen Ziele: die Befreiung des Begehrens. Erstaunlicherweise findet sich diese Leerstelle auch innerhalb der Queer Theory (vor allem der deutschsprachigen), in der die Diskussionen der 1970er-Jahre fortgeführt wurden und werden. Dabei waren die theoretischen und politischen Auseinandersetzungen der entstehenden Schwulen- und Lesben-Bewegungen in den Jahren nach 1968 voll der Hoffnung auf eine Befreiung der Sexualität, die Teil einer gesamtgesellschaftlichen und nicht bloß sexuellen Emanzipation sein sollte. Die Gruppierungen kamen beinahe ausnahmslos aus der Linken, ihr Ausgangspunkt war das doppelte Scheitern von 1968: das Ausbleiben der Revolution und das Ausbleiben einer wirklich befreiten Sexualität.

Ein Text, der dies noch heute mehr als lebhaft vor Augen führt, ist Christian Maurels „Für den Arsch“, der 1973 erstmals in der von Félix Guattari herausgegebenen zwölften Ausgabe der Zeitschrift Recherches erschien – damals ohne Autor*innenangabe. Nachdem die Publikation lange Zeit einem anderen französischen Schwulenaktivisten, Guy Hocquenghem, zugeschrieben wurde, liegt sie nun in einer vollständigen Neuübersetzung und mit korrekter Autorangabe vor.[1] Die Recherches-Ausgabe, die den Titel „Trois Milliards de Pervers: Grande Encyclopédie des Homosexualités“ trug, wurde kurz nach ihrem Erscheinen wegen der angeblichen „detaillierten Darstellung moralischer Verdorbenheit […] und der lustvollen Zurschaustellung perverser Minderheiten“[2] von der Polizei beschlagnahmt und vernichtet. Guattari verhafteten sie wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses und verurteilten ihn zu einer hohen Geldstrafe. Illegale Nachdrucke der so auch international bekannt gewordenen Ausgabe waren schnell zu haben; 1980 erschien, ebenfalls ohne Autor*innenangabe, eine erste Übersetzung ins Deutsche.[3]

Maurels bemerkenswert direkter, kritischer und zuweilen rücksichtslos-polemischer Text ist aus der Ich-Perspektive geschrieben. Seine sehr persönliche Auseinandersetzung mit Homosexualität und homosexueller Praxis Anfang der 1970er-Jahre gliedert sich in zwölf kleine und nicht-übertitelte Aphorismen, in denen er Fragen der Subjektivität, des Begehrens, der analen Lust und der Sinnlichkeit, der politischen Praxis sowie der gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt anreißt. Maurel war homosexueller Aktivist und Mitglied der Front homosexuel d‘action révolutionnaire (FHAR), der wichtigsten Vertreterin der Schwulenbewegung Frankreichs, und problematisierte aus der Binnenperspektive die Entwicklung der Bewegung im Allgemeinen und des FHAR im Besonderen. Seine (Selbst-)Kritik weist eine erstaunliche Aktualität auf, besonders was das Verhältnis von Kapitalismus und Patriarchat und, damit eng verbunden, die Einbindung der (Homo-)Sexualität in die gesamtgesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse angeht.

Inspiriert von Freudomarxisten wie Wilhelm Reich und Herbert Marcuse, aber auch unter dem Eindruck der Weiterführung der Psychoanalyse in Frankreich, die eng mit dem Namen Jacques Lacan verbunden ist, wollte die frühe Schwulenbewegung, ebenso wie die 68er, das unterdrückte Begehren von den Zwängen der heterosexuellen Familie, der restriktiven bürgerlichen Sexualmoral und dem damit einhergehenden Reproduktionszwang befreien. Die gesellschaftlichen Verhältnisse wurden als ödipal-phallokratische analysiert; die Herrschaft des Phallus sollte in Theorie und Praxis gestürzt werden. Ein dafür wesentlicher Hebel war die Kritik am Ödipuskonflikt,[4] der als zentraler Mechanismus für die Pathologisierung der Homosexualität innerhalb der institutionalisierten Psychoanalyse ausgemacht wurde. Bemerkenswerterweise verwarf die französische Schwulenbewegung die Psychoanalyse jedoch nicht in Gänze. Vielmehr griff sie ihre verunsichernden, widerständigen und in heutigem Verständnis vielleicht sogar queeren Momente auf und machte sie zum Ausgangspunkt einer radikalen Gesellschaftskritik. Auch Maurel knüpft an Freuds Entdeckung des polymorph-perversen, also ungebundenen Begehrens an, um dessen Einhegung (entweder in der Hetero- oder der Homosexualität) durch das ödipale Dreieck zu attackieren. Da die heterosexuell strukturierte Gesellschaft in ständiger Angst davor lebe, dass ihre homosexuellen Anteile zum Vorschein kommen, lege sie einen Bann über das homosexuelle Begehren. Es werde als Ausdruck dieser ursprünglichen Ungebundenheit erkannt und in einer „Angstlust“ (S. 23) verfolgt, die sich auf die Homosexualität wie die Homosexuellen richte. Die ödipale Normalität sehe sich durch die Homosexualität, die sie selbst ständig produziere, bedroht und müsse sie daher abwehren. Die Verdrängung der Analität sei Ausdruck einer Struktur, die nicht nur individualpsychologische Muster, sondern das gesamte Wesen der Gesellschaft kennzeichne. Für Maurel sind Subjektkonstitution und kapitalistische Produktionsweise eng miteinander verwoben: „Das ödipale Verbot macht die Familie möglich, das anale Verbot die Arbeit, den Profit, das Salär. Das homosexuelle Verbot erlaubt und organisiert den sozialen Zusammenhalt von Familie, Gruppe, Stamm, Unternehmen, Gewerkschaft, Vaterland.“ (S. 24) Das bedeute auch, dass die Heterosexualität als Norm alle gesellschaftlichen Vollzüge, mithin eben auch das homosexuelle Begehren und die Homosexualität präge: „Auch die Homosexualität ist eine verdrängte Homosexualität. Ihr Imaginäres ist heterosexuell. […] Wir befinden uns also in der einigermaßen absurden Situation, dass die Homosexualität heterosexuell sein muss oder nicht existieren kann.“ (S. 48) Die Normierung und Fixierung des (homosexuellen) Begehrens in und durch bestimmte Praxen sorge dafür, dass sich die Homosexualität nicht als eine per se subversive Praxis verstehen lasse. Sie müsse vielmehr in ihren jeweiligen Verstrickungen begriffen werden: sowohl in ihrer Orientierung an der Heterosexualität als auch in ihren subkulturellen Ausprägungen. Weder die frei ausgelebte Sexualität oder die programmatische Promiskuität noch die sexuelle Anonymität stellten die Heteronormativität generell infrage oder setzten sie automatisch außer Kraft, auch wenn das „Schmetterlingshafte der Homosexuellen ein mächtiges Mittel der Disjunktion“ (S. 78) sei. Ein Beispiel dafür sei das Verhältnis der Schwulenbewegung zu nicht-europäischen Männern (von Maurel pauschalisierend als ‚Araber‘ bezeichnet), die ebenfalls Sex mit Männern hätten, sich aber selbst nicht notwendig als homosexuell verstehen würden.[5] Sie zu begehren oder von ihnen begehrt zu werden, lasse die sozialen Ungleichheiten zwischen den Einzelnen im Wesentlichen unangetastet. Zwar greife die libidinöse Besetzung des Anus die phallisch organisierten Verhältnisse an, doch nicht so radikal und tiefgreifend wie von den Homosexuellenbewegungen erhofft. So war die Praxis des Cruisings[6] für Maurel durchaus ambivalent und widersprüchlich: Einerseits dekonstruiere sie effizient das Modell der klassischen Paarbeziehung, andererseits weise sie „große Ähnlichkeiten mit der kapitalistischen Akkumulation“ (S. 74) auf und stelle unter diesem Gesichtspunkt die Kehrseite der heterosexuellen Paarbeziehung – gewissermaßen eine „neue Normalität“ (S. 26) – dar. Die Aktivist*innen hätten die Starrheit der gesellschaftlichen (Geschlechter-)Verhältnisse und ihre relative Autonomie von individuellen Lebens-, Beziehungs- und Gender-Praktiken unterschätzt: „Ich habe eher den Eindruck, wir sind alle gefangen, ob wir uns nun in ein Paar geflüchtet haben oder vor dem Paar geflohen sind. Die Cruisingmaschine und die Ehemaschine sind sicherlich zwei Ausführungen derselben Paarungsfabrik.“ (S. 82)

Die Integration der radikalen Schwulenbewegung in die bestehenden Verhältnisse ist einer der Dreh- und Angelpunkte des Textes. Angetreten das Begehren zu befreien, sei – ebenso wie die 68er-Bewegung – nun auch die Schwulenbewegung im Scheitern begriffen: „Seit man uns nicht mehr verbrennt und kaum noch wegsperrt, waten wir durch das Getto der Clubs, Pissoirs und verstohlenen Blicke, als ob unser Glück von diesem Elend abhinge. So baut man sich mithilfe des Staates sein eigenes Gefängnis.“ (S. 27) Maurel befürchtete, dass die Befreiung der Individuen und ihrer Lust – als politisches Programm der Entsublimierung des (homosexuellen) Begehrens – angesichts ihrer Zuordnung zur Subkultur zunehmend in den Hintergrund gerate. Dadurch werde der Anspruch aufgegeben, horizontale, nicht-phallische und auf den Anus ausgerichtete soziale Beziehungen aufzubauen. Die Beschränkung auf rechtliche Anerkennung fixiere das Begehren und hindere es am freien „Expandieren, Ausschweifen und Wuchern“ (S. 63). Körperlichkeit müsse gelebt und Geschlechterbinariät überwunden werden. Enttäuscht über diese Entwicklungen spielt Maurel zuweilen den Kampf für radikale Veränderungen gegen jenen für rechtliche Anerkennung aus (S. 52 f.). Obwohl er zunächst die generelle Einhegung des Begehrens analysierte (S. 54, 62, 85), legte er seine Hoffnung dann doch in die Unmittelbarkeit eines ganz anderen, nicht-phallischen Begehrens, das sich eben jenen Verstrickungen der Begehrensmaschine entziehen könne. Die Möglichkeit dazu sah Maurel vor allem im Modell lesbischen Begehrens, das, so sein Argument, ganz ohne Phallus und Penis auskäme. Lesbische Frauen seien deshalb die perfekten Bündnispartnerinnen für die Einrichtung ganz neuer Beziehungsweisen.[7] Allerdings bleibt dieser überaus spannende Punkt bezüglich des komplizierten Verhältnisses von Begehren und Befreiung, wie manch anderes in Maurels Text, leider eher vage und dadurch etwas unterbestimmt.

In seinem kenntnis- und umfangreichen Begleitessay „Energie ohne Macht“, der fast ein Drittel des Buches ausmacht, diskutiert Peter Rehberg Maurels Überlegungen vor dem Hintergrund der queeren Debatten seit den 1980er-Jahren und erläutert, welche Entwicklung dort die Kategorie des Begehrens bis in die Gegenwart genommen hat. Demnach prägten zum einen HIV/AIDS, zum anderen die theoretischen Vorläufer der Queer Theory – für Rehberg vor allem die Freudomarxisten und Foucault – die Debatten und das Sprechen über Sexualität und Sex: nicht nur im französischen Diskurs über (Homo-)Sexualität, sondern auch in der gegenwärtigen anglo-amerikanisch dominierten Queer Theory.

Rehberg liest dabei Maurels Text zu Recht auch als eine Auseinandersetzung mit Guy Hocquenghem, der ein Jahr vor Maurel mit „Das homosexuelle Begehren“ das vielleicht wesentlichste theoretische Werk der frühen Schwulenbewegung in Frankreich vorlegte. Bereits Hocquenghem forderte ein anderes Denken über Geschlecht, Begehren und Sexualität, jenseits binärer Schemata und des ödipalen Dreiecks. Er ging dabei ebenfalls nicht von einer stabilen (sexuellen) Identität, sondern von einem universellen Begehren aus. Unter dieser Prämisse verstand auch er die Befreiung der Homosexuellen als Teil einer gesamtgesellschaftlichen Befreiung und formulierte eine radikale Kritik an der Homophobie sowie den emphatischen Appell, das Begehren nicht in einer homosexuellen Identität stillzustellen.[8] Rehberg betont die Gemeinsamkeiten beider Autoren, wodurch sein Essay in Teilen eher zu einem über Hocquenghem gerät. Das erklärt sich zum einen durch die Produktionsumstände des Buches – wurde doch zunächst angenommen, Hocquenghem sei der Autor von „Für den Arsch“ (S. 91–97) –, es ergibt aber auch inhaltlich Sinn, denn Maurels Text wirkt stellenweise wie eine pointierte Zusammenfassung und wohlwollende Kritik von „Das homosexuelle Begehren“. Rehberg fokussiert sich in der Hocquenghem-Lektüre nicht so sehr auf dessen theoretische Annahmen, sondern vielmehr auf seine praktischen und politischen Überlegungen. Im ‚Gegeneinanderlesen‘ bringt er sie in ein produktives Gespräch mit den politischen Forderungen Maurels, das aufzeigt, was die gegenwärtige queere Debatte von der Relektüre beider Texte gewinnen kann: das Gespür für eine (Re-)Politisierung des Begehrens. Eingedenk der Vergeschlechtlichungen, die den Individuen zugemutet werden, und ihrer gleichzeitigen Verstrickung in selbige, kann ein solches Gespür Möglichkeiten aufzeigen und offenhalten, „auch andere [nämlich nicht-phallische, H.B.] Formen von Solidarität in die Wege“ (S. 138) zu leiten. Und es erinnert an das Somatische des Begehrens, das, so Rehberg, als soziales Experiment „nicht nur darauf aus ist, die schon gegebenen Formen der Macht für alle zugänglich zu machen, sondern jenseits dieser Verteilungskämpfe Machtstrukturen […] anders zu arrangieren“ (S. 139).

Abschließend bleibt zu hoffen, dass Maurels Text als ein wesentliches zeithistorisches Dokument der radikalen Schwulenbewegung der 1970er-Jahre wahrgenommen wird. Sein Fokus waren dabei die Neuorganisation und -ausrichtung der (französischen) Homosexuellenbewegung und die gesamtgesellschaftliche Befreiung des Begehrens. Ihm ging es jedoch weniger um die Analyse der gesellschaftlichen Homophobie und die Repression gegen Homosexuelle; beides spielte daher in seinem Text eine eher untergeordnete Rolle. Dennoch antizipierte Maurel mit seiner Kritik Überlegungen, die auch für die gegenwärtige Queer Theory wichtig sind, und deren Aktualität in bis heute nicht eingelösten Forderungen besteht. Auch für zeitgenössische Perspektiven finden sich zahlreiche Anknüpfungspunkte: Für Maurel war das Körperliche, das Somatische ein unverzichtbarer Teil jeder Theorie und Praxis. Er zeigte auch, wie radikal und konfrontativ eine Kritik an der Linken, an der Psychoanalyse und an der eigenen Bewegung sein kann, ohne dass dies notwendig einen Bruch mit dem Kritisierten nach sich ziehen musste. Maurel versuchte, die produktiven Momente der Schwulenbewegung aufzunehmen und weiterzuentwickeln: „Zwei Geschlechter gibt es auf Erden, um zu verschleiern, dass es drei, vier, zehn, tausend Geschlechter gibt, wenn man die verfickte Idee der Natur endlich aufgibt. Es gibt zwei Geschlechter auf Erden, aber nur ein sexuelles Begehren.“ (S. 71) Auch wenn er aus der Perspektive eines schwulen Mannes schrieb, versuchte er zugleich, seine Position zu reflektieren und diese so zu überschreiten. Nebenbei verhandelte er in seinem Text auch das Verhältnis von Moral und Politik, spezifischer: von richtiger Haltung und richtiger Sprache, in welchem sich die inner-linken Kontroversen in zunehmendem Grade aufrieben. Die Furchtlosigkeit, mit der er sich mit all diesen Fragen und Widersprüchen auseinandersetzte, ist trotz mancher Schwachstellen höchst bemerkenswert. Eine solche Rücksichtslosigkeit, auch oder gerade den eigenen Befindlichkeiten gegenüber, würde den gegenwärtigen Debatten in der Queer Theory und den Identitätspolitiken zweifelsfrei guttun. Daher sind Maurels polemischem Essay auch heute noch zahlreiche Leser*innen und eine entsprechend breite Rezeption zu wünschen.

Fußnoten

[1] Die falsche Zuordnung liegt zum einen an inhaltlichen Überschneidungen mit einem Text Hocquenghems, „Das homosexuelle Begehren“ (2019 neu erschienen), und zum anderen an der englischen Veröffentlichung des Maurel-Textes, bei der fälschlicherweise Guy Hocquenghem als Autor angegeben war: The Screwball Asses, Cambridge/London 2010. Die Korrektur der Fehlzuschreibung ist im Wesentlichen Antoine Idier zu verdanken, der auch der Entstehungsgeschichte der zwölften Ausgabe der Recherches in seinem Werk „Les vies de Guy Hocquenghem“ (2017) auf den Grund geht. Vgl. auch Peter Rehbergs Begleitessay in diesem Band, S. 91–97.

[2] Félix Guattari, Three Billion Perverts on the Stand, in: Gary Genosko (Hg.), The Guattari Reader, Oxford 1996, S. 185–192, hier S. 192 (Übersetzung, H.B.). Die Beschlagnahmung und ihre Begründung zeigen, wie homophob die bürgerliche Sexualmoral zu diesem Zeitpunkt noch war.

[3] Vgl. Bernhard Dieckmann / François Pescatore (Hg.), Drei Milliarden Perverse, Berlin 1980, S. 121–160.

[4] Vgl. auch die wohl bekannteste und in den 1970er-Jahren einflussreichste Auseinandersetzung in diesem Zusammenhang: Gilles Deleuze / Félix Guattari, Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie, Frankfurt am Main 1977.

[5] Die pauschale Bezeichnung dieser Männer als ‚Araber‘ verweist zugleich auf die französische Kolonialgeschichte, den damit verbundenen Rassismus und eine lustvolle Imagination von den Kolonisierten. Vgl. dazu ausführlicher den Begleitessay von Peter Rehberg, S. 129-133, insbesondere S. 128, Fußnote 53.

[6] Der Begriff bezeichnet das Unterwegssein als aktiv betriebene Suche nach Sexualpartner*innen. Bestimmte Codes und Signale helfen dabei den Interessierten, sich gegenseitig zu finden. Im homosexuellen Diskurs wird Cruising außerdem oft als Synonym für schnellen, anonymen Sex verwendet.

[7] Die zunächst an der Gründung des FHAR beteiligten lesbischen Frauen zogen sich noch 1971 mehrheitlich zurück, da sich die wöchentlichen Zusammenkünfte mehr und mehr zu bloßen Cruisingtreffen entwickelten. Das verfestigte die Trennung der lesbischen und schwulen Aktivist*innen und die wenigen Versuche, beide Gruppen wieder zusammenzuführen, scheiterten.

[8] Trotz einer deutlich hoffnungsvolleren Perspektive auf die Schwulenbewegung fand sich auch bei ihm eine Kritik an der Normalisierungstendenz der Bewegung: „Unser Verlangen hat keinesfalls den Traum als Ziel, uns vor der Front der ‚Hetero‘-Normalität als homosexuelle Normalität einzurichten.“ (Guy Hocquenghem, Wir sind eine soziale Plage, in: Bernhard Dieckmann / François Pescatore (Hg.), Elemente einer homosexuellen Kritik. Französische Texte 1971–77, Berlin 1979, S. 121–142, hier: S. 142).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer und Wibke Liebhart.