Gesichter der Liebe

Rezension zu "Liebesgeschichte(n)" von Frank Becker und Elke Reinhardt-Becker (Hg.)

Der französische Philosoph Alain Badiou versteht Liebe als ein Konstrukt, „das nicht mehr ausgehend vom Gesichtspunkt des Einen, sondern der Zwei geführt wird.“[1] Legt man diese Definition zugrunde und ergänzt sie um den Hinweis, dass sie gelegentlich auch mehr als zwei Personen umfassen kann, beschreibt Liebe demnach die Konstitution einer Welterfahrung, die über die Verknüpfung individueller Welterfahrungen hinausgeht, ohne in das romantische Konzept der Verschmelzung zu münden. Über Gründungsnarrative wird die Transzendenzerfahrung der Begegnung von den Liebenden in den Alltag der Beziehung überführt. Dies dient nicht nur der bloßen Erinnerung, sondern erzeugt eine eigene, die Beziehungsrealität prägende Wirklichkeit. Das ist sowohl individuell als auch kollektiv bedeutsam, da Liebende in der eigenen Liebeserzählung auf gesellschaftlich geteiltes Wissen in Form von Idealen, Normen und Narrativen zurückgreifen.

Die Verknüpfung beziehungsbezogener Narrative mit sozialen Narrativen der Liebe stellt einen zentralen Ausgangspunkt des hier zu besprechenden Sammelbands dar, der aus Beiträgen der interdisziplinären Konferenz „Liebesempfindungen, Liebeserfindungen. Semantiken der Liebe zwischen Kontinuität und Wandel – vom Barock bis zur Gegenwart“ hervorgegangen ist, die im September 2017 in Essen stattfand. Die Herausgeber*innen gehen davon aus, dass die medial geprägten und gespeicherten Semantiken der Liebe – worunter sie gesellschaftliche Werte, Normen und Regeln sowie gesellschaftliches Wissen subsumieren – nicht nur soziale Realitäten widerspiegeln, sondern „das Erleben und Handeln der Menschen auf dem Feld ihrer intimen Beziehungen“ steuern und andererseits die gelebte Liebe zugleich auf diese Liebessemantiken zurückwirkt (S. 9). Liebe kann sowohl hinsichtlich der biochemischen Prozesse, der emotionalen Erfahrungen, der kognitiven Aneignungen oder der interaktiven Aushandlungen der Beteiligten als auch hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Möglichkeitsbedingungen befragt werden. In einer historisch-kulturwissenschaftlichen Perspektive gehen die Herausgeber*innen von der Annahme aus, dass erst die gesellschaftlich-kulturelle Überformung einem Phänomen „diejenige Gestalt [verleiht], die für die Erlebniswirklichkeit des Menschen letztlich entscheidend ist“ (S. 9). Der Untertitel des Bandes knüpft an zwei Erkenntnisse der Konferenz an, die übergreifend als zentrale Ankerpunkte verstanden werden (S. 10): Einerseits zeigen sich Liebeskonzeptionen nicht nur historisch in vielfältigen Formen, sondern weisen auch gegenwärtig eine zunehmende Diversifizierung auf, andererseits spielen Liebessemantiken eine bedeutende Rolle für die je persönliche Identitätsbildung.

Den Beiträgen ist einführend ein allgemeiner Überblick der Herausgeber*innen vorangestellt. Die kursorische, aber dennoch gehaltvolle Einführung versucht sich nicht an einer konzeptionellen Grundlegung, sondern nimmt die Leser*innen mit auf eine historische Tour d‘Horizon von der mittelalterlichen Minne bis zur Gegenwart. Mit Fokus auf den deutschen Sprachraum werden unterschiedliche Spielarten der emotionalen Liebe in Intimbeziehungen und verwandte Konzepte wie Freundschaft, Familie oder Nächstenliebe skizziert. Diese werden in vielfältige Themenkomplexe eingeordnet – unter anderem Heiratspraktiken, Klassenverhältnisse, Konsumismus, Kolonialismus – und anhand von insbesondere literarischen und filmischen Beispielen erörtert. Neben weiterführenden Fragen zu aktuellen Tendenzen werden zeitdiagnostische Befunde verhandelt, zu denen etwa das Auftreten von Mischsemantiken, eine neue Unübersichtlichkeit sowie ein Konkurrenzverhältnis von unterschiedlichen Semantiken der Liebe zählen (S. 51). In Anbetracht der inhaltlichen Fülle und thematischen Breite des Bandes hätte man sich von den Herausgeber*innen auch mehr Mut und Offenheit mit Blick auf die Auswahl der Gattungen und Formate gewünscht, die eher konventionell geraten ist. So vermisst man etwa Bezüge zur Ratgeberliteratur, zum Trash-TV, zu Graphic Novels und Hörspielen oder zu sozialen Medien und Videospielen.

Dafür bekommen die Leser*innen Einblicke in die Facetten der Liebessemantiken, in historische Transformationsprozesse und individuelle Herausforderungen des Liebens sowie in ausgewählte literarische Genres geboten. Das Changieren des Bandes zwischen literaturwissenschaftlichen und historischen Perspektiven ist dabei Teil des Programms, da die Herausgeber*innen davon ausgehen, „dass ein Phänomen wie Liebe nur an der Schnittstelle von Literatur- beziehungsweise Kulturgeschichte und allgemeiner Geschichte aufgesucht und erforscht werden kann“ (S. 11). Besonderes Augenmerk wird auf die romantische Liebe (S. 22) und die Neue Sachlichkeit der 1920er-Jahre (S. 33) gelegt.[2] Dabei bewegt sich die Einführung gleichsam suchend und tastend zwischen unterschiedlichen Konzepten von Liebe als hegemonialem Diskurs, als literarischem Motiv, Staatsdoktrin oder Selbstverhältnis hin und her. Konzeptionelle Anknüpfungspunkte oder übergreifende Charakteristika von Liebessemantiken werden eher eklektisch aufgerufen. Für die Konstituierungsphase von Liebesgeschichten werden von den Herausgber*innen beispielsweise fünf charakteristische Muster angeführt, denen sie zugleich praktische Wirkung zusprechen: Zufälligkeit, Idealisierung, Imagination, Passion und Paradoxie (S. 12–14). Kritisch hinterfragt werden in diesem Zusammenhang insbesondere die gesellschaftlichen Herausforderungen der von hegemonialen Erwartungen abweichenden Liebeskonstellationen, nicht jedoch die grundlegende Bedeutung von Liebessemantiken als Formen gesellschaftlicher Subjektivierung mittels Emotionalität.

Dominiert wird der Sammelband von literatur- und medienwissenschaftlichen Beiträgen. Die beiden historisch ausgerichteten Beiträge weisen dagegen nur wenige (Lorke) oder so gut wie keine (Becker) literarischen Bezüge auf, und auch der einzig dezidiert konzeptionell orientierte Beitrag von Morikawa steht inhaltlich allein da. Die ,Verklammerung‘ dieser drei Beiträge mit den übrigen Texten erfolgt über die wenig trennscharfe Verwendung des Begriffs der „Semantik“, der es gestatten soll, in einer lockeren Verbindung zwischen literarischer Erzählung und gesellschaftlichem Diskurs unterschiedliche Phänomene zu verknüpfen.

Bei der Lektüre der Beiträge wird das von den Herausgeber*innen diagnostizierte Merkmal der Diversität von Liebeserzählungen fast von allein deutlich. Die verschiedenen Einzelfallstudien, Autorenstudien oder Genreanalysen weisen überwiegend, aber nicht ausschließlich, deutschsprachige Bezüge auf. Dabei führt der Sammelband von prominenter Literatur wie den Liaisons dangereuses, die einem Vergleich mit E-Mail-Romanen unterzogen werden (von Hagen), über weniger bekannte Werke wie die Briefe des Litauers Mikalojus Konstantina Čiurlionis an seine Frau Sofija (Užukauskaitė) bis zur Thematisierung von Homosexualität in den Arbeiten Alain Claude Sulzers (Bauer).

Die beeindruckende thematische Vielfalt der Beiträge ist jedoch nicht nur ein Ausdruck von Diversität, sondern auch ein Indiz für die fehlende begriffliche und analytische Trennschärfe bei der Behandlung der dargestellten Phänomene. So ließe sich beispielspeise fragen, ob die vom Deutschen Institut für technische Arbeitsschulung in den 1920er-Jahren industriepädagogisch propagierte Arbeiterehe als Instrument gezielten Sozialmanagements (S. 192), der Beckers Beitrag gewidmet ist, überhaupt noch in den Phänomenbereich der Liebe gehört. Auch in Schlichts wertvollem Beitrag zu Geschlechteridentitäten wird die Liebessemantik eher am Rande thematisiert. Leider gibt es kein konzeptionelles Scharnier: So wird Liebe ebenso als Gefühl (Piazzesi et al.), als emotionale Bindung (Užukauskaitė) oder als Beziehungsmodell (Bauer, Lorke) begriffen wie als Kommunikationsmedium (Morikawa), als Selbst- und Weltverhältnis (Reinhardt-Becker) oder als Begehren (Schlicht). Betrachten Piazzesi et al. Liebesgefühle neben Sexualität und Paarbeziehung als eine Dimension von Intimität (S. 405), will Westphal Liebe wiederum als Oberbegriff (S. 203) verstanden wissen. Westphal liest die Werke Martin Walsers als eine Kritik an „männlichem Balzverhalten“ (S. 221), wobei „die Liebe mit ihren Schattenseiten und Deformationen“ (S. 218) ergründet werde. Sie deutet Walsers Romane vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Wandlungsprozesse und zeigt zugleich konzeptionelle Anknüpfungspunkte zu aktuellen Debatten auf, etwa mit Blick auf die Ungleichbehandlung männlicher und weiblicher Untreue (S. 212), in der patriarchale Machtverhältnisse zum Ausdruck kommen. Piazzesi et al. arbeiten in ihrer soziologischen Analyse der kanadischen Fernsehserie La Galère hingegen eine „integrierte Semantik“ der Liebe (S. 406) heraus, mittels der die vier Protagonistinnen einerseits an traditionelle Elemente anknüpfen, diese aber andererseits auch kritisch zurückweisen. Dies geschieht ambivalenter Weise „aus pragmatischen Gründen, um andere traditionelle Aspekte der Liebesbeziehung erfolgreich zu schützen“ (S. 420). Integration beschreibt dabei nach Ansicht der Autorinnen eine pragmatische Kombination der romantischen und partnerschaftlichen Liebessemantik (S. 406).

Die zweite Fluchtlinie des Sammelbands, die Analyse der identitätsbildenden Effekte von Liebessemantiken, verbleibt weitgehend auf fiktiver Ebene. Gesellschaftstheoretische oder soziale Bezüge werden in den Beiträgen zwar aufgezeigt und anhand des literarischen Materials auch diskutiert. So macht beispielsweise Schlicht in ihrem Beitrag über Androgynie, Crossdressing und Transgender eindrücklich die Spannung zwischen poststrukturalistisch konzipierter und praktisch gelebter Körperidentität deutlich (S. 298). Der Bedeutung der literarischen Diskurse für real gelebte Liebesverhältnisse beziehungsweise deren Aneignung und Deutung durch Liebende wird hingegen kaum nachgegangen. Die Annahme, dass literarische Produkte die Modelle vorgeben, „an denen sich reales Handeln und Erleben orientieren“ (S. 11), verbleibt damit ein Postulat. Einzig Morikawa arbeitet das Verhältnis von Medien und sozialer Wirklichkeit auf, das er in Anschluss an Ernst Cassier als „hermeneutischen Zirkel“ (S. 343) begreift.

Morikawas elaborierte Darstellung einer systemtheoretischen Konzeption der Liebe stellt jedoch auch den Befund der Diversifizierung infrage. Indem er die partnerschaftliche unter die romantische Liebe subsumiert (S. 340), erscheint Diversität lediglich als individueller Ausdruck eines universellen Funktionssystems, womit dann auch Morikawas Distanz gegenüber feministischen Positionen (S. 355) verständlich wird. Als autopoietisches System kann sich das Intimsystem, das einen freien Zugang gewährt, nur selbst irritieren und nicht von Machtverhältnissen durchdrungen sein. In den Fällen, in denen das Intimsystem korrumpiert sei, liege das an einer unvollständigen oder krisenhaften funktionalen Differenzierung (S. 355 f). Dass feministische Kritik sich indes nicht derart leicht abtun lässt, verdeutlicht der Beitrag von Wille, die in ihrer Analyse von Fifty Shades of Grey und Twilight zeigt, wie in der Mainstreamliteratur über das romantische Liebesideal konservative Geschlechterrollen reproduziert werden. Dabei werde weibliche Subjektivität mit traditionellen Eigenschaften wie „begehrenswert“ und „tugendhaft“ verknüpft und zudem einseitig über die jeweilige Liebesbeziehung zum Mann erzählt (S. 372). Durch ihre Abhängigkeit von der männlichen Liebesgunst würden die weiblichen Charaktere zu Liebesobjekten (S. 379), die zur Überwindung ihrer persönlichen Minderwertigkeitsgefühle auf männliche Zuwendung angewiesen seien (S. 374).

Die Lektüre der jeweils für sich genommen fundierten Beiträge sei denjenigen empfohlen, die sich für die vielfältigen literarischen Darstellungen der Liebe in den letzten zwei Jahrhunderten interessieren. Wünschenswert gewesen wäre jedoch eine Einordnung der Bedeutung und des kritischen Potenzials von Medien in den gesellschaftlichen Diskurs um die Liebe als identitätsstiftende Gefühlsnorm sowie eine Auseinandersetzung mit den inhärenten Erzählmöglichkeiten verschiedener Medien, Formate, Gattungen und Genres. So könnte es sich durchaus lohnen, der Frage nachzugehen, welche Narrative die Charakteristika von Popmusik hervorrufen beziehungsweise begünstigen. Abgesehen davon hätte dem Band in seiner vorliegenden Form eine stärkere Fokussierung auf die literaturwissenschaftliche Schnittstelle ebenso gutgetan wie ein zusammenführendes Nachwort, das die vielen losen Enden noch einmal aufgenommen sowie mit Blick auf die in der Einleitung aufgeworfenen Fragen (beispielsweise Polyamorie, Mensch-Maschine, Liebesfeindlichkeit) zeitdiagnostisch ausgewertet und die Beiträge in einen Dialog gebracht hätte. So erscheint die Liebe, die sich in den einzelnen Beiträgen erstaunlich vielgesichtig zeigt, im Kern als ein eigentümlich konturloses Phänomen ohne markantes Profil. 

Fußnoten

[1] Alain Badiou, Lob der Liebe. Ein Gespräch mit Nicolas Truong, übers. v. Richard Steurer, Wien 2011, S. 32.

[2] Mit dieser Schwerpunktsetzung knüpft der Band an ältere Arbeiten Reinhardt-Beckers an. Vgl. Elke Reinhardt-Becker, Seelenbund oder Partnerschaft? Liebessemantiken in der Literatur der Romantik und der Neuen Sachlichkeit, Frankfurt am Main 2005. Die Unterscheidung weist zudem Parallelen zur soziologischen Unterscheidung von romantischer Liebe und pure relationship auf.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.