Hegel, ganz klassisch

Literaturessay zu "Hegel. Der Philosoph der Freiheit" von Klaus Vieweg

Das Jahrzehnt, von dem sich im Rückblick herausstellte, dass es die Zeit der großen Theorien im Feld der Sozial- und Humanwissenschaften war, begann mit einer kühnen verlegerischen Tat. 1970 erschien die erste Auflage der Werke von Georg Wilhelm Friedrich Hegel im Suhrkamp Verlag. Die zwanzig Bände hatten Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel, beide im Lektorat des Hauses beschäftigt, auf der Grundlage einer Werkausgabe der Jahre 1832 bis 1845 ediert. Keine universitäre Institution war an diesem Projekt aus dem Frankfurter Westend beteiligt, keine wissenschaftliche Bibliothek mit ihrem Personal, auch keine Deutsche Forschungsgemeinschaft als Geldgeber. Was für ein imposantes Unterfangen! In den Buchhandlungen der Universitätsstädte, nicht zuletzt den linken, waren die Bände in der für die verlagseigene Theorie-Reihe typischen Ausstattung präsent: als preisgünstige Taschenbücher im weißen Schutzumschlag. Wenn es, wie Philipp Felsch behauptet,[1] einen langen Sommer der Theorie gegeben hat, ist diese Hegel-Edition eine der Schwalben gewesen, die dessen Kommen ankündigte.

Mitherausgeber der Theorie-Reihe bei Suhrkamp war – neben Hans Blumenberg, Jakob Taubes und Jürgen Habermas – auch Dieter Henrich. In den 1960er-Jahren begann er damit, weitausgreifende Studien zur Genese und Struktur des kantischen wie postkantischen Idealismus auszuformulieren, die in ihrer analytischen Präzision bis heute unüberboten sind und nichts an ihrer Gültigkeit für eine sachadäquate Beschäftigung mit dem deutschen Idealismus eingebüßt haben. Heidelberg, wo Henrich seit 1965 lehrte, entwickelte sich rasch zu einem international bedeutenden Zentrum für diese Art philosophischer Forschung. Nach Hans Georg Gadamer und im Austausch mit Henrichs Arbeiten brachten Köpfe wie Hans Friedrich Fulda, Michael Theunissen und, als eigensinniger Fortentwickler der analytischen Philosophie, auch Ernst Tugendhat das Paradigma idealistischer Subjekt- und Bewusstseinsphilosophie zum Sprechen. Sie taten das durch subtile Exegesen der kanonischen Texte und im Medium von Kontroversen, die auf höchstem Reflexionsniveau ausgetragen wurden. Schon lange ging es in diesen Aus­einander­setzungen nicht mehr – wie noch während der sogenannten Studentenbewegung – um Hegel als Idealisten, den sein wichtigster Schüler und Kritiker Marx unter dem Einfluss Ludwig Feuerbachs, endlich vom Kopf auf die Füße gestellt hatte, sondern um Grundsatzfragen systematischen Philosophierens. Sie wurden im Lichte einer Zug um Zug feinkörniger werdenden Philologie ausgetragen, die – mit Hegel – für sich in Anspruch nahm, systematische Probleme praktischer wie theoretischer Philosophie nicht ohne elaborierte philosophiehistorische Rückversicherungen zu diskutieren.

Fast ein halbes Jahrhundert trennt uns von diesen Gegenwarten. Kein Mensch im deutschen Verlagswesen käme heute auf die Idee, einen Philosophen, der nach seinem Geburtsjahr noch ins 18. Jahrhundert gehört, mit einer zigbändigen Taschenbuchaus­gabe dem Publikum anzudienen. Auch wenn ein Großtheoretiker wie Niklas Luhmann in seiner Mitte der 1970er-Jahre abgefassten Systemtheorie der Gesellschaft notiert hatte: „Theoriegeschichtlich gesprochen: Man kann nicht hinter Hegel zurückfallen“,[2] kann man im Jahre 2020 problemlos ein Studium der Soziologie, Politologie oder Philosophie absolvieren, ohne auch nur eine Zeile Hegel zur Kenntnis genommen zu haben. Der Philosoph gehört nicht mehr zur taschenbuchkompa­tiblen Exoterik akademischer oder außerakademischer Bildungsgänge; vielmehr hat er sich hierzulande in eine weitgehend esoterische Größe zurückverwandelt, ist gewissermaßen wieder in die Stille eingekehrt, die nach seiner eigenen Formulierung indikativ für die „nur denkende Erkenntnis“ ist.

Die systematische Problemstellungen reflektierende, philosophiehistorisch gebildete Interpretation des Hegel’schen Oeuvre findet mittlerweile primär in englischer Sprache statt. Nach der 1975 veröffentlichten großen, immer noch lesenswerten Hegel-Studie[3] des kanadischen Philosophen Charles Taylor, die in der anglo-amerikanischen Welt neue Aufmerksamkeiten für den Philosophen weckte, entstehen die einschlägigen Monografien jetzt in den Vereinigten Staaten. Es sind die Bücher von Autoren wie Robert B. Pippin[4] oder den in Pittsburgh lehrenden „Neo-Hegelians“ Robert Brandom[5] und John McDowell[6]. In Deutschland werden diese Impulse an der Universität Leipzig aufgegriffen, wo ein Forschungskolleg existiert, das bezeichnenderweise unter dem Namen „Analytic German Idealism“ firmiert. Der deutsche Idealismus hat seine Muttersprache gewechselt.

Für einen Hegelianismus in deutscher Sprache, der über nationale Grenzen hinausstrahlt, wäre gegenwärtig allenfalls die Kritische Theorie namhaft zu machen. Axel Honneth hat mit seiner 1994 veröffentlichten Habilitationsschrift Kampf um Anerkennung die Frankfurter Tradition einer linkshegelianisch akzentuierten Sozialphilosophie revitalisiert. und das durch Hegel etablierte Verfahren immanenter Kritik noch ein weiteres Mal in der Monografie entfaltet, die er 2011 als Das Recht der Freiheit veröffentlichte. Gerade ist eine nächste Sammlung mit Aufsätzen aus seiner Feder erschienen, die unter dem Titel Die Armut unserer Freiheit nicht zuletzt exegetische Kommentare zur Hegels Konzept von Sittlichkeit versammelt.[7] Bestechend legt Honneth dar, wie Hegels Rechtsphilosophie nutzbar gemacht werden kann für eine Kritik sowohl der subjektiven Rechte als auch der urliberalen, freilich sozialtheoretisch oberflächlich bleibenden Unterscheidung zwischen negativer und positiver Freiheit. Doch betont Honneth im selben Atemzug, welche Grenzen jedem Versuch, unsere Zeit in Hegels Gedanken zu erfassen, gezogen sind. Der Objektivismus einer Geschichtsphilosophie, die meinte, Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit ausmachen zu können, und damit nicht zuletzt die Rationalitätserwartung an moderne Staatlichkeit legitimierte, ist irreversibel blamiert.

Bekanntlich wird Hegel als Sozialphilosoph nicht nur in Frankfurt am Main gelesen, sondern auch an den Ufern des Starnberger Sees. Deshalb fällt ihm eine herausragende Rolle im zweiten Band von Auch eine Geschichte der Philosophie zu, wo Jürgen Habermas, wieder mit dem philosophischen Diskurs der Moderne befasst, in faszinierenden Passagen den Verhandlungen zwischen Kant und Hegel nachgeht. Was unter, wie Habermas sie nennt, „vernünftiger Freiheit“ zu verstehen ist, entwickelt er in einer ebenso sorgfältigen wie kritischen Reinterpretation der unterschiedlichen Initiativen, mit denen Hegel das Paradigma neuzeitlicher Bewusstseins- und Subjektphilosophie dekonstruiert, um am Ende eine Kant überbietende, normative Konzeption von Vernünftigkeit artikulieren zu können.[8]

 

© Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

 

Vor diesem Hintergrund fällt an der unlängst publizierten, durchweg positiv aufgenommenen Hegel-Biografie von Klaus Vieweg zunächst auf, dass für seine Art, Hegel im Jahr seines 250. Geburtstag vorzustellen, weder die US-amerikanische jüngere Hegel-Rezeption irgendeine größere Bedeutung hat (Brandom wird in einer einzigen Fußnote nicht eigentlich zitiert, sondern eher abgekanzelt)[9], noch der alt- und neubundesrepublikanische Linkshegelianismus in seinen Frankfurter oder Starnberger Versionen. Es fällt im Übrigen auch kein Wort über den Münsteraner Rechtshegelianismus. Selbst Joachim Ritter, Gründer dieser Schule, aus der doch deutlich vernehmbare Stimmen wie die eines Odo Marquardt oder Hermann Lübbe hervorgegangen sind, bleibt unerwähnt – sogar im Literaturverzeichnis. Der Hegel, mit dem uns Vieweg, außerplanmäßiger Professor für Philosophie in Jena und dank zahlloser Veröffentlichungen international anerkannter Hegel-Experte, bekannt macht, ist also der Hegel einer grundsoliden, im Kern deutschsprachigen Hegel-Philologie. Es ist der radikal historisierte Philosoph, dem Henrich, seine Kollegen und deren Schüler vor allem während der Siebziger und Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Kontur verliehen haben. So drängt sich bei der Lektüre dieser Biografie die Vermutung auf, Viewegs Ehrgeiz habe primär darin bestanden, seiner Leserschaft einen Hegel zu präsentieren, der ein Klassiker der Philosophie- und deutschen Geistesgeschichte ist, und als solcher der Pflege bedarf. Folglich diskutiert der Autor auch nicht mit seinem Protagonisten, wie es etwa Charles Taylor in seiner bereits erwähnten Monografie und die Neo-Hegelianer grundsätzlich und zum großen Vorteil ihrer Leserinnen und Leser tun, sondern nimmt sich mit etwaigen Bedenken oder Einwänden nahezu vollständig zurück. Weil ihm offenbar eine konservierende Würdigung dieses Giganten alteuropäischer Geistesgeschichte am Herzen liegt, wählt Vieweg die Darstellungsform einer gründlich informierten, geduldigen, gelegentlich eine Spur zu detailreichen Auslegung insbesondere der Werke, die Hegel zu Lebzeiten veröffentlicht hat. Genau besehen handelt es sich bei Viewegs Biografie daher nicht um eine Lebensgeschichte Hegels im engeren Sinne, sondern um eine in souveräner Kenntnis der Fakten und Texte verfasste Werkbiografie, die bei der Explikation von Hegels Hauptwerken auf deren jeweilige zeit- und lebensgeschichtliche Umwelt eingeht. Viewegs Schilderungen dieser Kontexte sind informativ; er macht mit den Freunden Hegels bekannt, erwähnt die gesellschaftlichen Zirkel, in denen er sich bewegt, lässt erkennen, dass Hegel ein geselliger Causeur und ein gut gelaunter Wein- oder Biertrinker sein konnte, stellt ihn also tatsächlich in seine Zeit, was zugleich bedeutet, dass uns auch seine innerakademischen und politischen Widersacher begegnen. Und doch bleiben die evozierten historischen Schauplätze, auf denen sich Hegel bewegt, merkwürdig blass. Nie verlieren sie ihre Kulissenhaftigkeit ganz

Sich entschieden auf eine werkbiografische Kommentierung zu verlegen, ist schon deshalb klug, weil Hegels Leben alles andere als spektakulär verläuft. Von bedeutenden Abenteuern, welterschließenden Reisen, größeren existenziellen Krisen oder privaten Katastrophen mit signifikanten intellektuellen Echos ist nicht zu berichten. Was demgegenüber tatsächlich zählt, ist die Schreibtischtätigkeit dieses Mannes. Und da lässt sich nichts beobachten, von dem fesselnd erzählt werden könnte. Es sind die Papiere, Notizen, Briefe und Vorlesungen, kurz: die Bücher, die dort entstehen, die bis zum heutigen Tag unser Interesse verdienen.

Hegel kommt als Sohn einer bürgerlichen Familie am 27. August 1770 in Stuttgart zur Welt, hat eine Schwester, Christiane, zu der er über weite Phasen seines erwachsenen Lebens in einer emotional nicht unkomplizierten Verbindung steht. Er ist ein ungeheuer fleißiger und hellwacher Schüler, der früh ausgedehnte Lektüren, auch in den alten Sprachen, absolviert. Protestant und überdurchschnittlich begabt, kann er das Tübinger Stift besuchen, wo er mit seinen Freunden, zu denen Hölderlin und der einige Jahre jüngere Schelling zählen, unter der Orthodoxie der Theologen ebenso leiden, wie darunter, dass ihnen ständig unter dem Verdacht nachgestellt wird, revolutionäre Extremisten, nämlich Jakobiner zu sein. Aus ihrer Begeisterung für die gerade in Frankreich erfolgreiche Revolution machen sie kein Hehl. Tatsächlich liefert dieses politische Ereignis, seine Vorgeschichte, sein Verlauf, die Apotheose im Terreur, und seine napoleonische Nachgeschichte den Schlüssel zum Verständnis der Hegel’schen Philosophie. Der Sturm auf die Bastille und die Abschaffung der Monarchie, das heißt das Ende einer Ordnung, die sich durch Gott und ihr Herkommen legitimiert wähnte, macht Hegel zu dem Philosophen, als den ihn Vieweg bereits mit dem Untertitel seines Buches porträtiert, das heißt zum „Philosoph der Freiheit“.

Man rät dem Magister der Theologie und Philosophie in Tübingen von einer Existenz als Pfarrer ab, ihm fehle nicht zuletzt das nötige sprecherische Talent: Auf der Kanzel darf man schwäbeln, aber nicht nuscheln. Hegel durchsteht daraufhin mühsame Jahre als Hauslehrer, zunächst in der Schweiz, dann – durch die Vermittlung Hölderlins – in Frankfurt. Alle ihm verbleibende freie Zeit wird in eigene Studien investiert. Der junge Mann erarbeitet sich in der für ihn typisch bleibenden Kombination aus Gründlichkeit und Langsamkeit in der Durchdringung des Stoffes sowohl umfassende Kenntnisse der Philosophie, der Geschichte, der Künste, als auch der Naturwissenschaft seiner Zeit. Am Ende ist es der Tod des Vaters, konkret: ein Erbe von über 3000 Gulden, das ihm das Wagnis gestattet, ernsthaft ein berufliches Dasein als akademischer Philosoph anzusteuern.

Aufgrund der Unterstützung des jüngeren, als Autor philosophischer Aufsätze und Abhand­lungen atemnehmend produktiven Schelling findet Hegel, der seinerseits noch nichts einschlägig Philosophisches veröffentlicht hat, 1801 den Weg nach Jena und an die dortige, zu Beginn des 19. Jahrhunderts bedeutende Universität. Nun ist er von den für seine Zeit maßgeblichen Leuten umgeben. Der Kontakt zu Schiller und Goethe kommt zustande. Die Verbindung zum in Weimar lebenden Geheimrat festigt sich, insbesondere nachdem sich Hegel, wenn auch erst viele Jahre später, in der Enzyklopädie zustimmend zu Goethes Farbenlehre äußert. Mit seiner Haushälterin, verheiratet und Mutter eigener Kinder, zeugt Hegel während seiner Jenaer Zeit einen Sohn, der auf den Namen Ludwig getauft, später Louis gerufen wird. Ihn, den Hegel vernachlässigt und dessen Lebensspuren die Familienüberlieferung zu tilgen sucht, wird die am Ende als psychisch labil geltende Schwester zu ihrem Erben machen. Die mit Jena verbundenen Hoffnungen, universitär zu reüssieren, zerschlagen sich zwar, nichtsdestotrotz hat Hegel, wie sich Vieweg vielleicht eine Spur zu überschwänglich ausdrückt, „ein Jahrtausendwerk der Philosophie“ verfasst. Ende März 1807 erscheint in Bamberg, wo Hegel mittlerweile lebt, da er als Redakteur der Bamberger Zeitung tätig ist, die „Phänomenologie des Geistes“.

Eine weitere Station in Franken schließt sich an, als Hegel 1808 nach Nürnberg wechselt. Dort gründet er, wie Vieweg erklärt, das erste humanistische Gymnasium in Deutschland, dessen Rektor er wird. Außerdem lernt Hegel, der als Schulmeister die bürgerlichen Milieus Nürnbergs frequentiert, seine zukünftige Ehefrau Marie von Tucher kennen. „Marie ist“, so Hegels Biograf, „21 Jahre jünger als der 40jährige Bräutigam. Böse Zungen meinen, er hätte ledig bleiben und sich der Erziehung seines in Jena lebenden leiblichen Sohnes widmen sollen.“[10] Der Kommentar einer Näherin, den Vieweg uns zum Glück nicht vorenthält, lautet: „Tuchers Mari diese soll ja braut sein, mit einem alten Rektor, er hat gar einen närrischen Namen, u. er nennt sich wohl Professor, ist aber kein rechter Professor, ei, ei, ei, da hat man geglaubt es müßte ein reichsgraf kommen, u. nun nimmt sie (. . .) einen alten Kratscher, er soll recht alt aussehen u. sie ist noch so jung.“[11]

Dass Hegel wie ein alter Mann wirkt, ist eine Beschreibung, die ihm bereits seit seinen Tagen im Tübinger Stift anhängt. Jetzt mag sie dem Umstand geschuldet sein, dass er sich seit Jahren notorisch überanstrengt. Sowohl in Bamberg als auch während der Zeit in Nürnberg lässt er sich nicht nur durch seine beruflichen Pflichten – sei es als Redaktor, sei es als Schulrektor mit Unterrichtsaufgaben in der Oberstufe – sondern auch durch die konzentrierte Arbeit an seinem Hauptwerk verschleißen. Der erste Band dieser „Wissenschaft der Logik“ erscheint 1812, womit jenes Werk zu Logik und Metaphysik, das er zehn Jahre zuvor angekündigt hatte, schließlich doch veröffentlicht wird. Nur ein Jahr später, 1813, reicht Hegel das zweite Buch zum ersten Band nach, auf die „Lehre vom Sein“ folgt jetzt die „Lehre vom Wesen“ – zweifelsohne eines der kompliziertesten, rätselhaftesten und schwer verständlichsten Stücke philosophischer Prosa, das die abendländischen Philosophiegeschichte hervorgebracht hat. Abschließend veröffentlicht Hegel 1816 den zweiten Band der Logik, die „Lehre vom Begriff“, mit der nun nach mehr als zehn Jahren Arbeit vollständig entfaltet ist, was er unter Logik versteht und gelegentlich schlicht als die „Denkverhältnisse“ anspricht. Sein Opus Magnum wird 1831, kurz vor seinem überraschenden Tod, noch in einer zweiten, in Berlin überarbeiten Auflage erscheinen. Es soll für Hegels keineswegs unbescheidenes Selbstverständnis „die gelehrte philosophische Welt aus den Angeln“ heben, was ihm in der Tat gelingt.

Dieses Werk trägt seinem Verfasser nicht nur einen Ruf nach Heidelberg ein, wo er sich 1816 für nur zwei kurze Jahre niederlässt und 1817 die erste Auflage der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse herausbringt. Auch sein Ruf nach Berlin, dem er 1818 folgt, verdankt sich dem Eindruck, den die beiden Bände der Wissenschaft der Logik hinterlassen hatten. Den Zeitgenossen, die sich der mühevollen Arbeit unterzogen, diese nach Aristoteles erste umfassenden Analyse des Logischen zu studieren, konnte nicht entgehen, dass es sich um das bahnbrechende Gründungsdokument einer neuen Gestalt von Philosophie handelte. Sie vertrat Hegel fortan in der Metropole Preußens, wo er die Wirkung seines Philosophierens nicht nur durch bedeutende Vorlesungszyklen vertiefen und ausweiten sollte, sondern ihr 1821 durch die Publikation der Grundlinien der Philosophie des Rechts zu einem weiteren Höhepunkt verhalf.

Vieweg hat recht, wenn er die Phänomenologie des Geistes „als das faszinierendste und spannendste“, die Wissenschaft der Logik „als das wichtigste, grundlegende“ und die Rechtsphilosophie „als das wirkmächtigste und am schärfsten kritisierte“ Werk in der Serie der Hegel‘schen Veröffentlichungen charakterisiert.[12] Allerdings fallen seine Bemühungen, einem Laienpublikum Hegels Überlegungen in kundigen Kommentierungen nachvollziehbar zu machen, insgesamt enttäuschend aus. Auch wenn sie – philologisch auf der Höhe dessen, was man wissen muss – geradezu an Hegels Lippen kleben, erschließt sich durch Viewegs wohlmeinende Rekapitulationen nicht, was Hegels Ontotheologik anstellt, um den endlichen Verstand zur spekulativen Vernunft zu bringen. Sowohl bei den exegetischen Anstrengungen in Sachen Phänomenologie wie erst recht angesichts der mäandernden Passagen, die Vieweg über die subjektive wie objektive Logik zu Papier bringt, empfiehlt sich der Blick in Hegels Original, will man den angebotenen Kommentar verstehen. Wahrscheinlich ist es eine von vorneherein zum Scheitern verurteilte Ambition, Hegels komplexe begriffliche Manöver durch eingängigere Paraphrasierungen wiederzugeben. Sie vermögen dieser Philosophie nicht die Schlichtheit zu verschaffen, aus der sich deren Verständnis wie von selbst ergeben soll. Verständnis für das, was Hegel (und Vieweg mit ihm) „begreifendes Denken“ nennt, hätte eine Hermeneutik geweckt, die Hegels Verfahren problematisiert. Eine solche Herangehensweise würde seine Fragen ins Licht zeitgenössischer Problemstellungen rücken und so zweierlei erkennbar werden lassen. Einerseits die Abgründe, die Hegels ontologischen Monismus, seinen Protest gegen Dualismen aller Art, vom Stand gegenwärtigen Denkens trennen. Andererseits aber doch auch mögliche Erbschaften, die eingedenk der Hegel‘schen Überzeugung anzutreten wären, Geist entfalte sich in Natur wie Geschichte, um sich letztendlich als ein in sich differenziertes Universum wiederzuerkennen, dem sowohl Vernünftigkeit als auch Wirklichkeit zugesprochen werden kann, obwohl es sich in einem unendlichen Gefüge hierarchisierter Relationen verkörpert.

Mit seiner Darstellung hat sich Vieweg gegen diesen Typ von Aneignung entschieden. Demgegenüber legt er eine Lebens- und Werkgeschichte vor, die uns Hegels Kosmos als vergangenen vergegenwärtigt. Doch bleibt, was ein empfindliches Manko ist, die Alterität dieser Vergangenheit seltsam abgeschattet. Wie fremd und beirrend dieser Riese in der diskursiven Landschaft der Moderne dasteht, davon ist bei Vieweg wenig zu spüren. Dass derselbe Hegel, der beansprucht, die Philosophie überhaupt erst als Wissenschaft begründet zu haben, mit Aristoteles darauf besteht, eben diese Philosophie sei als Denken des Denken Gottesdienst, ist ja keine These, die wir mit einem Schulterzucken quittierten. Aber kann etwas klassisch sein, das aus heutiger Sicht womöglich tief irritiert?

Vieweg scheint diese Frage zu verneinen. Also muss seine Würdigung eines Klassikers dessen Gegenwartstauglichkeit sicherstellen, ohne ihre Anstößigkeit zu verraten. Diese Aufgabe erfüllt Viewegs zentrale These, für die sich das ganze Buch ins Zeug legt, insbesondere jedoch die umfangreiche Auslegung von Hegels Rechtsphilosophie. Hegel soll, wie schon erwähnt, als der Philosoph der Freiheit vorgestellt und seine „Philosophie des Politischen“ als der „bis heute“ „fundierteste Beitrag zu einer philosophischen Theorie eines modernen Staates in Form des sozialen Staates“ gepriesen werden.[13]

Mir scheint, dass der Biograf mit dieser Einschätzung über sein Ziel hinausschießt. Auch wenn Viewegs Impuls, Hegel gegen die Ungebildeten unter seinen Verächtern in Schutz zu nehmen, ehrenwert ist, bleibt dennoch fragwürdig, ob die alten Schlachten einer im Falle Hegels tief zerrissenen Rezeptionsgeschichte aktualisiert und tatsächlich noch einmal reinszeniert werden müssen. Natürlich war es Unfug, ihn als preußischen Etatisten, als Advokaten der Reaktion, gar als Stichwortgeber des Faschismus und totalitären Denker zu denunzieren. Gleichwohl verwendet Vieweg einige Mühe und viel Tinte darauf, wasserdicht zu belegen, dass Hegel lebenslang die Konservativen seiner Zeit als diejenigen angegriffen hat, die überkommene Privilegien, gegebene Konstitutionen und althergebrachte Autoritäten nur wegen ihrer ehrwürdigen Grundlagen erhalten wollten. Ebenso eindringlich schärft Vieweg seinen Lesern und Leserinnen ein, dass ein moderner Staat, historisch wird er erst nach 1789 möglich, für Hegels Begriffe das freie und rationale Individuum zur Grundlage hat. Ein solcher Staat muß, wie Charles Taylor schon vor bald 50 Jahren mit Blick auf Hegels Rechtsphilosophie resümierte, „seine Gewissensfeiheit achten, seine freie Berufswahl, die Sicherheit seines Eigentums und die Freiheit des ökonomischen Unternehmens. Er muß die Verbreitung der Information und die Bildung der öffentlichen Meinung gestatten. Er muß sich auf die Herrschaft des Gesetzes stützen.“ [14]

Niemand, der im Text der Grundlinien auch nur geblättert hat, kann ernsthaft bestreiten, dass Hegel dort für eben diese Merkmale vernünftiger Staatlichkeit argumentiert. Dennoch ist er alles andere als ein lupenreiner Demokrat gewesen. Und schon gar nicht war er der rechte Sozialdemokrat, in den Vieweg den Verfasser der Rechtsphilosophie verwandelt, um ihn sympathisch erscheinen zu lassen. Sicherlich, einerseits hält Hegels Analyse der bürgerlichen Gesellschaft unerschütterlich am Institut des Privateigentums fest, während sie andererseits die Auswüchse neo-liberaler Deregulierung erahnt und erkennt, dass sich die autodestruktive Dynamik, die das „System der Bedürfnisse“ freisetzt, allein durch wohlfahrtstaatliche Institutionen einhegen lässt. Das klingt nach Olaf Scholz und westeuropäischer Sozialdemokratie. Freilich würde sich ein gerade gekürter Kanzlerkandidat der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands um Kopf und Kragen reden, votierte er – wie Hegel – vollmundig für die konstitutionelle Monarchie als der ausgezeichneten Gestalt von Staatlichkeit, die das Prädikat „vernünftig“ verdient. Dass diejenige Allgemeinheit als dessen besondere Verkörperung Hegel den nationalen Staat auffasst sich notwendigerweise im souveränen Entscheiden des durch Erbfolge legitimierten Monarchen vereinzeln müsse, entspricht wohl nicht ganz dem Programm, das sozialdemokratische Ortsvereine hitzig debattieren. Allerdings ist es exakt das Kondensat rationaler Staatlichkeit, wie Hegel sie konzipiert.  Also handelt sich Vieweg, der uns Hegels politische Philosophie ja als die unerreicht „fundierteste“ Theorie rationaler Sozialstaatlichkeit schmackhaft machen möchte, einen schwierigen Auftrag ein: Gegen den manifesten Wortlaut der Grundlinien muss er dartun, dass Hegels Ausführungen zur konstitutionellen Monarchie eine Konzession seien, die raffiniert ersonnen wurde, um der Zensur im Preußen der Karlsbader Beschlüsse ein Schnippchen zu schlagen. Bringe man Hegels eigene logische Bestimmungen ins Spiel, um sie auf den Argumentationsgang der Rechtsphilosophie anzuwenden, sei mit Händen zu greifen, warum Hegel gar nicht gemeint haben könne, was er geschrieben habe.

Die Rechtsphilosophie nur ein Traum, der in seinem manifesten Inhalt von der Monarchie phantasiert, latent aber den Wunsch zum Ausdruck bringt, gebildete Patriotinnen und Patrioten möchten sich mit ihrem Staat identifizieren, weil die Gesellschaft der Singulären andernfalls an den Zentripetalkräften der Partikularinteressen Schaden nimmt? Das klingt tatsächlich nicht nach Monarchie, sondern nach Deutschland 30 Jahre nach dem Mauerfall.

Fußnoten

[1] Philipp Felsch, Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960 – 1990, München 2015.

[2] Niklas Luhmann, Systemtheorie der Gesellschaft, hrsg. von Johannes F. K. Schmidt u. André Kieserling. Unter Mitarbeit von Christoph Gesigora, Berlin 2017, S. 933.

[3] Charles Taylor, Hegel, übers. von Gerhard Fehn, Frankfurt am Main 1978, ursprünglich: Hegel, Cambridge, 1975.

[4] Robert B. Pippin, Hegel`s Idealism. The Satisfaction of Self-Consciousness, Cambridge, Mass. 1989; ders., Hegel’s Practical Philosophy. Rational Agency as Ethical Life, Cambridge, Mass. 2008; zuletzt ders., Hegel’s Realm of Shadows. Logic as Metaphysics in Hegel`s Science of Logic, Chicago 2018. In deutscher Übersetzung liegen von Pippins umfangreichen Arbeiten zum deutschen Idealismus vor: Die Verwirklichung der Freiheit. Der Idealismus als Diskurs der Moderne, aus dem Amerikanischen von Martin Hartmann, Frankfurt am Main / New York 2005; ders., Kunst als Philosophie. Hegel und die moderne Bildkunst, Aus dem Amerikanischen von Wiebke Meier, Berlin 2012 und: Die Aktualität des Deutschen Idealismus, Berlin 2016.

[5] Zuletzt ist Robert Brandom, A Spirit of Trust, A Reading of Hegel’s Phenomenology, Cambridge, Mass. 2019 erschienen. Auf deutsch liegt in Sachen Idealismus noch vor: ders., Wiedererinnerter Idealismus. Aus dem Englischen von Falk Hamann u. Aaron Shoichet, Berlin 2015.

[6] Auf deutsch sind erschienen John McDowell, Geist und Welt. Aus dem Englischen von Thomas Blume, Holm Bräuer und Gregory Klass, Frankfurt am Main 2001; ders., Wert und Wirklichkeit. Aufsätze zur Moralphilosophie, Aus dem Englischen von Joachim Schulte, Frankfurt am Main 2002, und: Die Welt im Blick. Aufsätze zu Kant, Hegel und Sellars, Aus dem Englischen von Sebastian Rödl, Carolin Sprenger und Jonas Zahn, Berlin 2015.

[7] Siehe Axel Honneth, Die Armut unserer Freiheit. Aufsätze 2012–2019, Berlin 2020, insbesondere die Beiträge „Von der Armut unserer Freiheit. Größe und Grenzen der Hegelschen Sittlichkeitslehre“, S. 38–58 und „Die Normativität der Sittlichkeit. Hegels Lehre als Alternative zu Kant“, S. 59–74 sowie schließlich „Drei, nicht zwei Begriffe der Freiheit. Zur Reaktualisierung einer verschütteten Tradition“, S. 139–164.

[8] Siehe Jürgen Habermas, Auch eine Geschichte der Philosophie, Bd. 2, Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen, Berlin 2019, Teil IX., Sprachliche Verkörperung der Vernunft: Vom subjektiven zum „objektiven“ Geist, S. 375–555.

[9] Klaus Vieweg, Hegel. Der Philosoph der Freiheit. Biographie, München 2019, S. 748, Fußnote 138.

[10] Ebd., S. 350.

[11] Ebd.

[12] Ebd., S. 464.

[13] Ebd. S. 522.

[14] Charles Taylor, ebd., S. 589

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.