Hic et nunc – entscheiden Sie!

Rezension zu "Militärisches Entscheiden. Voraussetzungen, Prozesse und Repräsentationen einer sozialen Praxis von der Antike bis zum 20. Jahrhundert" von Martin Clauss und Christoph Nübel

Angeblich treffen wir täglich, so der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel, bis zu 20.000 Entscheidungen, zumeist unmittelbar und schnell, etwa nach dem Muster: Soll ich aufstehen, wenn der Wecker klingelt, oder gönne ich mir noch fünf Minuten? Schon auf dieser alltäglichen Ebene hat jede Entscheidung Folgen, die wiederum neue, sich anschließende Entscheidungen notwendig machen und so weiter und so fort. Um sich im Wust des nächsten und übernächsten Entscheiden-Müssens nicht zu verlieren – eine Gefahr bei aller mitunter anzutreffenden Entscheidungsfreudigkeit – ist Entschlossenheit vonnöten, ja, unverzichtbar.

„Entschlossenheit im Entscheiden“ aber, so einer der Ausgangssätze in der Einführung zum anzuzeigenden Sammelband des Mediävisten Martin Clauss und des Militärhistorikers Christoph Nübel, „wurde und wird so eng mit dem Bild professioneller militärischer Führerschaft verknüpft, dass es bis heute zum militärischen Markenkern gezählt wird.“ (S. 10) Ohne Frage sind Entschlossenheit (und Klarheit) im schließlich alle Entscheidungssequenzen verdichtenden „Befehl“ ein Signum des militärischen Alltags in Krieg wie Frieden. Sehr deutlich macht diesen Umstand Wolfram Pyta, der im vorliegenden Band eine Art zweite Einführung vorlegt. Der Historiker weist mit Recht darauf hin, dass „die Entscheidungsgewalt (…) im Kern eine militärische Befehlsgewalt ist“. (S. 54) Dass es in solchen Kontexten zu Übermittlungsfehlern und Verständnisproblemen kommen kann, wissen wir spätestens seit der 1965 von Wolfgang Neuss erstmals vorgetragenen „Innere-Führungs-Kettenreaktion“ und der unvergesslichen Frage: „Wundern Sie sich noch, warum auf den Truppenübungsplätzen die Manöverbeobachter nie voll getroffen werden?“

Das ist lange her. Gleichwohl ist das militärische Entscheiden bei zunehmender Komplexität seiner Bedingungen und Auswirkungen nach wie vor von zentraler Bedeutung in den Armeen, Marinen, Lufstreitkräften und in digitalen Kampfeinheiten. Mittlerweile, so die Herausgeber, gelten „militärische Entscheidungsabläufe“ sogar „für Teile der Wirtschaft als beispielgebend“ und in „in der Ratgeberliteratur wird militärisches Entscheiden als ein Beispiel für eine besonders effiziente Führungskultur genannt“ (S. 11). Dieses Modell existierte freilich schon seit dem Ersten Weltkrieg, durch den die vorgebliche Effizienz militärischer Entscheidungen – inspiriert durch Rekrutierungs- und Eignungsprogramme einerseits (Militärpsychologie) und durch Therapieansätze in der „Traumabearbeitung“ bei Kriegsneurotikern andererseits (Militärpsychiatrie)[1] – Eingang in die Anforderungsprofile für politische und wirtschaftliche ‚Führer‘ gefunden hatte. Dennoch werden immer noch und wieder, wie die Herausgeber zu recht feststellen, „Tatsache und Relevanz des Entscheidens im Militär vielfach unhinterfragt vorausgesetzt“. Und das, obwohl gerade jüngere Arbeiten darauf verweisen, dass „Entscheiden“ in seinen jeweiligen historischen Kontexten „von volatilen Vorannahmen, Aufmerksamkeiten, Prestige oder Organisationskulturen abhängig ist“, kurz, dass Entscheidungen auch als „symbolische Akte“ gesehen werden sollten, die als solche den Entscheidungen, selbst nachdem sie getroffen wurden, ihre Legitimität verleihen (S. 11). Es ist daher sinnvoll, wie es die Herausgeber beabsichtigen, „die Analyse militärischen Entscheidens nicht allein auf binnenmilitärische Logiken“ zu reduzieren, „sondern es im soziokulturellen Kontext“ zu untersuchen (S. 23).

Mit Blick auf Ergebnisse der modernen Verwaltungsforschung, herangezogen wird zunächst primär die von Peter Becker auf Docupedia publizierte Überblicksdarstellung zur Bürokratie,[2] stellen die Herausgeber Analogien her zwischen der in Verwaltungsverfahren notwendigen Reduktion von Komplexität und dem „modernen militärischen Führungsprozess (der den Schritten Lagebeurteilung, Entschlussfassung und Befehlsgebung folgt)“ (S. 12). „Entscheiden“ bleibt mithin „ein Phänomen, das nicht nur historisch wandelbar ist, sondern auch komplexen Darstellungsformen unterliegt“ (S.12). Dieser Befund kann gewiss auch Geltung beanspruchen für solche Darstellungen, die  Karrieren im Grenzbereich von Militär und Verwaltung betreffen, zumal dann, wenn es sich um unterschiedliche politischen Systeme handelt, an denen im Deutschland des 20. Jahrhunderts bekanntlich kein Mangel herrschte. Vielleicht hätte ein Blick in Studien zu solchen Karriereverläufen der beobachteten Analogie zwischen Verwaltungsverfahren und militärischer Entscheidungskultur – „vom Barras in die Bürokratie“ – etwas mehr Farbigkeit und analytische Tiefenschärfe verliehen.[3]  

Als wichtiger Stichwortgeber für das Forschungsinteresse der Herausgeber fungiert Niklas Luhmann. Mit ihm wird etwa gefragt, oder besser: die Frage postuliert, „was eigentlich vor sich geht, wenn man Anlaß findet, Verhalten schlechthin oder insbesondere Kommunikationen als ‚Entscheidung‘ zu beschreiben.“[4] Freilich ist es zu kurz gegriffen, daraus vor allem die Prämisse zu destillieren, den Vorgang des „Entscheidens“ nicht in erster Linie als „unhinterfragtes, überhistorisches Faktum“ zu begreifen, sondern – kaum überraschend – „in seinem geschichtlichen Kontext“ zu positionieren und „in seinen Konstitutionsbedingungen“ zu analysieren (S. 14). Für ein solches Programm hätte es den Rückgriff auf Luhmanns Organisationssoziologie nicht unbedingt gebraucht. Sinnvoller könnte es sein, dessen systemtheoretische Überlegungen zur „Differenz von System und Umwelt“ heranzuziehen.[5] Zu fragen wäre dann, inwieweit sich das Entscheiden als Teil des „Systems“ Militär im Verhältnis (in der Differenz) zu den umgebenden sozialen Systemen – etwa zur Verwaltung – verändert. Einen solchen Blickwinkel zu wählen, erschiene umso nachvollziehbarer als die Herausgeber das Entscheiden – terminologisch von der „Entscheidung“ abgesetzt, die „das Resultat seines Prozesses sowie den Akt seiner Erzeugung“ umfasst (S. 15) –  als „sozialen Prozess“, als „soziale Praxis“, begreifen wollen, die ihrerseits als „kommunikativer Prozess stark von den jeweiligen sozio-kulturellen Rahmenbedingungen abhängig“ sei (S.14 f.).

Eleganter hat die Historikerin Barbara Stollberg-Rillinger diese Perspekitve in ihrer vor fünf Jahren publizierten Einführung zu den „Praktiken des Entscheidens“ formuliert – wobei auch sie nicht ganz den Fallstricken des Begriffs „Entscheiden“ entgeht, der als Explanans oft zugleich das Explanandum bildet: Im Mittelpunkt steht das „Entscheiden (im Sinne eines Prozesses) und nicht Entscheiden (im Sinne eines Ereignisses)“. Es dürfe nicht „als primär mentales Geschehen, sondern als soziales, kommunikatives Geschehen“ in den Fokus rücken. Analytisch zu fahnden wäre „nach Ermöglichungsbedingungen und institutionellen Modi, nach Legitimitätsressourcen, symbolischen Perfomanzen und Narrativen des Entscheidens“. Entscheiden solle daher „als kulturell bedingt beschrieben und historisiert“ werden. Es müsse endlich als „eine spezifische Art sozialer Praxis“ begriffen werden.[6]

Die Herausgeber verweisen selbst darauf – freilich nur in einer knappen Anmerkung (S. 14, Anm. 21) -, dass sie der Zusammenarbeit mit dem bis Ende letzten Jahres von der DFG geförderten Sonderforschungsbereich 1150 / „Kulturen des Entscheidens“ – in dem Stollberger-Rillinger ein Teilprojekt geleitet hat – „methodische und terminologische Anregungen“ verdanken. Eine in der Tat starke Vorbildfunktion, die auch dadurch zum Ausdruck kommt, dass sich der vorliegende Band einer gemeinsamen Tagung des SFB und des Arbeitskreises Militärgeschichte e.V. in Münster verdankt (17.–19.10.2017). Zu den dort gewonnenen Anregungen zählt sicher, dass die Herausgeber wichtige Anstöße für ihren Sammelband vor allem der Organisationssoziologie entnehmen. Diese Impulse aufzugreifen, ist umso sinnvoller, als sich das „Militär“ insgesamt – erst recht in Zeiten ‚kalter‘ oder asymmetrisch geführter Kriege – oft als eher intransparente Militärbürokratie präsentiert. Als militärische Organisation unterlagen – und unterliegen natürlich bis heute – staatliche Armeen einer administrativen Aufgabenvielfalt, die in der Regel kaum überschaubar ist – in demokratisch verfassten Gemeinwesen zumal. Legitimitätsanforderungen, haushalttechnische Vorgaben und Einschränkungen, Leistungsanforderungen etc., kurz eine ganze Welt von Entscheidungen müssen auch in bürokratischen, letztlich nur organisationssoziologisch fassbaren Abläufen beachtet und untersucht werden.[7]

Allerdings stehen diese Sachverhalte für die Herausgeber gar nicht im Mittelpunkt des Interesses. Vielmehr gewinnt der Rekurs auf die Organisationssoziologie im Einleitungstext vor allem durch einen, allerdings recht verkürzten, Bezug auf die 2014 von Stefan Kühl publizierte Studie zur „Soziologie des Holocaust“ an Kontur.[8] Für überzeugend halten Nübel und Clauss die Überlegungen des Bielefeder Organisationssoziologen insofern, als es keinesfalls einzelner „außergewöhnlicher Organisationen im Ausnahmezustand“ bedurfte, keiner „fanatisierten Verbrecher und Organisationen“, um „entgrenzte Gewalt“ auszuüben und sich „Massenmord des NS-Regime“ zu beteiligen. Es reiche in der Tat sich auf das ‚Normale‘ der Organisationen – ob Polizeibataillon, SS- oder Wehrmachtseinheit – zu konzentrieren und dem Modell der Militärgeschichte zu folgen, in der „zuweilen (…) militärisches (Gewalt-)Handeln teilweise als irrational betrachtet wird“ (S. 16 f.).[9] Geltung kann dieser Ansatz – vermuten die Herausgeber – auch für eine Untersuchung des „militärischen Denkens und Handelns“, näherhin für das „militärischen Entscheiden“ beanspruchen, das ja, wie ergänzt werden könnte, regelmäßig den Ausgangspunkt für militärisches Handeln im Allgemeinen und Gewalthandeln im Besonderen bildet. Das methodische Instrumentarium für Sondierungen dieses Typs aber stellten die in der Organisationssoziologie eingeführten und dort auch definierten „Entscheidungsprämissen“ zur Verfügung. Als „organisationale ´Entscheidungsprämissen` fungieren (…) Programme, Kommunikationswege und Personal“ (S. 17).

Damit avanciert quasi automatisch die in den 1990er-Jahren entstandene und aus dem Nachlass publizierte Arbeit Luhmanns zu „Organisation und Entscheidung“ zur theoretischen Grundlage, neben Luhmanns bereits 1964 verfasster und zwei Jahre später publizierten Schrift über „Recht und Automation in der Verwaltung“.[10] Erstaunlicherweise orientieren sich die Herausgeber allerdings nicht an diesen Originaltexten, sondern an einer wiederum von Stefan Kühl 2002 verfassten (und von den Herausgebern nicht eigens angeführten) Rezension zu Luhmanns Werk sowie an einer jüngeren Abhandlung, die er gemeinsam mit Marcel Schütz zur „Organisations- und Verwaltungskultur“ verfasst hat.[11] Natürlich kann man in dieser Weise mit der einschlägigen Forschungsliteratur verfahren, nur führt dieses höchst selektive Vorgehen bei genauerer Lektüre spätestens dann zu einem leichten Unbehagen, wenn die bereits von Luhmann eingeführten „Entscheidungsprämissen“ (Programme, Kommunikationswege und Personal) – nur leicht modifiziert – wieder als dreigliedriges Ordnungsschema und als Untertitel des Bandes auftauchen: „Voraussetzungen, Prozesse, Repräsentationen.“ (S. 19) Wie auch immer, im Ergebnis ihrer Darlegungen gelingt den Herausgebern durchaus, spezifisch auf die Organisation Militär und auf das dort zentrale Ordnungselement des Entscheidens ausgerichtete Analyse-Ansätze zu entwickeln.

Es bleibt allerdings festzuhalten, dass es Luhmann war, der im Rahmen seiner im Wesentlichen auf die Organisation von Verwaltungen zielenden Entscheidungstheorie den Begriff der „Entscheidungsprämissen“ eingeführt hat. Solche Prämissen leisten für seine Begriffe eine Art Vorstrukturierung der zu fällenden Entscheidungen innerhalb einer Organisation. Sie liefern eine Weichenstellung für das, was innerorganisatorisch überhaupt entschieden werden kann, muss und soll. Es ist daher wenig überraschend, dass für die Herausgeber eine solche Organisationssoziologie bestätigt, „dass militärisches Entscheiden“ im Verlauf seiner unterschiedlichen historischen Erscheinungsformen „erheblich vorstrukturiert war“. Was natürlich nicht heißt, wie sie im Sinne der Clausewitz‘schen Friktionen allen militärischen Handelns betonen, „dass damit die Ergebnisse bereits festgelegt waren“ (S. 18).

Ein wesentliches Ergebnis des Bandes lautet, dass militärisches Entscheiden „durch fünf Spezifika und Spannungsverhältnisse gekennzeichnet“ ist, „die sich in den unterschiedlichsten historischen Epochen finden lassen: Absolutheit, Kontingenz, Räumlichkeit, Zeitlichkeit und Organisation“ (S. 18). Um diese Spezifika herum und strukturiert durch die sich an den je unterschiedlichen Verläufen von Entscheidungen orientierenden Abschnitte „Voraussetzungen“ (S. 76–209), „Prozesse“ (S. 213–364) und „Repräsentationen“ (S. 367–490) erarbeiten 15 Autoren – es sind keine Autorinnen dabei – dann die epochenübergreifende Historisierung des Themas. Dabei umfasst jeder der drei Abschnitte Fallanalysen von der Antike – oder, wie im dritten Teil, zumindest vom Hochmittelalter – bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinein respektive bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Selbstverständlich kann das Thema nicht in streng chronologischem Sinn abgehandelt werden, vielmehr bedient man sich eines strukturellen Zugriffs, dem die Einführung der Herausgeber eine wie sich zeigt gute Rahmung gesichert hat. Es empfiehlt sich, einige Beispiele aus der Fülle der Beiträge vorzustellen: Der brillante Text des jungen Historikers Jan Philipp Bothe etwa, auf dessen Dissertation zur kriegerischen Nachhaltigkeit („Eine Wissensgeschichte militärischer Mensch-Umwelt-Interaktionen, 1670–1780) man gespannt sein darf, setzt mit organisationssoziologischen Erkenntnissen aus der Welt Luhmanns die analytische Pointe seines Beitrags, der sich mit der Bedeutung topographischer Kenntnisse in den militärtheoretischen Schriften des 17. und 18. Jahrhunderts auseinandersetzt. In diesen Schriften, so arbeitet Bothe heraus, wurde einerseits die Bedeutung genauer Landeskenntnisse und der geographischen Gegebenheiten favorisiert, während man andererseits „gerade (…) die Versuche, Informationen darüber einzubeziehen, als mangelhaft“ wahrnahm (S. 119). Vor diesem Hintergrund erwuchsen notwendige Entscheidungen der verantwortlichen Offiziere „letztlich (nur) aus einem Defizit an Informationen“, kurz: „es wird nicht auf Basis aller vorliegenden Informationen entschieden, sondern vielmehr trotz der Tatsache, dass eben nicht alle Informationen verfügbar sind.“ Oder – mit Niklas Luhmann – es „sind Entscheidungen also ‚genau dann nötig, wenn sie unmöglich sind‘“. Bothe bezeichnet diesen Sachverhalt zu Recht als eine „grundlegende Paradoxie des Entscheidens“. Es führt in der Konsequenz zum Kontroll-Verlust über den Krieg, macht ‚Entscheidungen‘ gewissermaßen obsolet – oder verlangt, praxeologisch gesprochen, das „militärische Augenmaß als Qualität eines Offiziers oder Feldherren“ (S. 119 f.).

Trotz einer solchen Paradoxie sollte keineswegs übersehen werden, dass sich das Bemühen, den Krieg zu kontrollieren und in seinen erwartbaren Verläufen irgendwie zu planen, dennoch in nahezu allen Epochen finden lässt. So hebt beispielsweise der Direktor des Instituts für Byzantinistik an der Universität Münster, Michael Grünbart, in seinem Beitrag über „Entscheiden und Militär in Byzanz“ hervor, dass bereits innerhalb des byzantinischen Militärwesens „die Planbarkeit von Entscheidungen bzw. der Wille zu Steuerung von Entscheidungsprozessen (…) in vielen Bereichen deutlich wird.“ Schon zu jener Zeit und in dieser Region begann das „Erfahrungswissen und die Informationsbeschaffung“ – sei es unter Rückgriff „auf erprobtes und verfügbares Know-how“, sei es durch eigenen Augenschein – eine entscheidende Rolle bei der Entscheidungsfindung zu spielen (S. 263).

Großen Erkenntnisgewinn bringt auch der Beitrag des Schweizer Historikers und Direktors des Historischen „Museums Burg Zug“ über eines seiner speziellen Forschungsthemen: die „Auftragstaktik im preußischen-deutschen Heer 1869–1945“ („Dezisionismus als Denkstil“). Diese Taktik hat insofern ganz direkt mit Fragen militärischen Entscheidens zu tun, als es bei der viel beschworenen „Auftragstaktik“ deutscher Armeen spätestens seit den Zeiten des Generalstabchefs Helmuth von Moltke (d. Ä.) darum ging, die Kriegführung insbesondere auf „das selbständige und eigenverantwortliche Entscheiden und Handeln der Unterführer aller Stufen (Dienstgrade/B.U.)“ zu gründen – was die Auftragstaktik zur gängigen Praxis, damit aber auch zur vermeintlichen Ursache der preußisch-deutschen Erfolge in Gefecht und Schlacht hat werden lassen (S. 185). Sigg will in seinem Text neben den „sachlogischen und ideengeschichtlichen Ursachen der Auftragstaktik“ primär deren „Organisationsprinzip“ aufzeigen, mithin das sich daraus „ergebende Spannungsfeld in der Ausbildung und Erziehung des Führerkorps“ illustrieren. Er fragt, wie „sich dies in der Praxis militärischer Entscheidungsfindung niederschlug“ (S. 186) Dabei verfolgt er anhand dreier Wehrmachtsinfanterie-Divisionen und deren Einsatz an der deutschen Ostfront ab Januar 1942 fallbeispielhaft, wie die zuvor dargestellten „Entscheidungsfindungsprozesse“ im Krieg abliefen. Herauszustellen ist – Stichwort Organisationsprinzip -, dass die idealtypisch durch die Auftragstaktik angestrebte „Dezentralisierung der Initiative“ im Gefecht, die den „hierarchisch geprägten und schwerfälligen Führungsvorgang“ beschleunigen sollte, kaum institutionalisiert wurde (etwa durch „formale Verfahren“). Vielmehr sollte die Auftragstaktik „auf alle Hierarchiestufen delegiert und als normative Erwartungshaltung“ vermittelt werden (S. 205). Anders formuliert: „In der preußisch-deutschen militärischen Denkschule standen (…) der schöpferische Umgang mit der Komplexität und Volatilität (Urteilsvermögen) sowie die Entschlossenheit zum Handeln (Dezisionismus) im Vordergrund.“ Allerdings, so Sigg, kam dieses „Organisationsprinzip (…) nur unter bestimmten Vorbedingungen zum Tragen“. In der Praxis, das heit im Gefecht, waren und sind diese Vorbedingungen – kein vereintes Handeln, das Fehlen einer straffen Führung „von vorne“ und/oder mangehalfte Kommunikationskanäle – kaum anzutreffen. Auch die gewählten Fallbeispiele zeigen, so die Einschätzung des Autors, dass Entscheiden und Handeln im Sinne der Auftragstaktik faktisch die Ausnahme war. „Oder wie es in einem Merkblatt des Chefs Ausbildung im Ersatzheer von 1944 hieß: Abweichen vom Auftrag 5%, festhalten 95%‘.“ (S. 206 f.)

Man möchte meinen, dass das Analyse-Segel in diesem Band breit genug gespannt ist. Schließlich umfasst es mit den drei Abschnitten gewaltige Zeiträume, in denen nach den Strukturen des Entscheidens sowie nach den militär- und kulturgeschichtlich ausgefächerten Entscheidungskulturen gefragt wird. Doch durch die Beschränkung auf die Zeit bis 1945 begibt sich der Band vieler Möglichkeiten, weitere und bis in unsere Gegenwart hinein reichende Fragen zu stellen, die nach Antworten verlangen.

Eine gewisse Ausnahme – freilich nur sehr kursorisch – bildet die Einführung von Wolfram Pyta. Im Bemühen, „das Proprium militärischer Entscheidungskultur“ zu erfassen (S. 53), wirft er unter dem Rubrum „Gleichgewicht von künstlerischer Kreativität und Beherrschung des militärischen Handwerks“ immerhin einen Blick in Truppenführungs- und Heeresdienstvorschriften, so etwa in die vom Oktober 1933, aber auch in die der Bundeswehr aus dem November 2007. In ersterer heißt es: „Die Kriegsführung ist eine Kunst, eine auf wissenschaftlicher Grundlage beruhende freie, schöpferische Tätigkeit. An die Persönlichkeit stellt sie die höchsten Anforderungen.“ Und in der Heeresdienstvorschrift 100/100 der Bundeswehr ist zu lesen: „Truppenführung ist eine Kunst, eine auf Charakter, Können und geistiger Kraft beruhende schöpferische Tätigkeit.“[12] (S. 63)

Wer nun eine historisch fundierte Auskunft darüber erwartet, wie es zu dieser eigentümlichen Analogie zwischen den charakterlichen Zuschreibungen für Truppenführer von Wehrmacht und Bundeswehr hat kommen können, sieht sich jedoch enttäuscht. Vielmehr konfrontiert Pytha seine Leserschaft mit der, wie immerhin eingeräumt wird, ‚gewagten‘ These, „dass die heute gültige Heeresdienstvorschrift auch deswegen einen so starken Akzent auf die charakterliche Eignung militärischer Entscheidung legt, weil es in der deutschen Militärgeschichte einen prominenten Fall destruktiver Grenzüberschreitung eines nicht gebändigten Künstlertums gab: den Fall Adolf Hitler.“ (S. 63) Auf diese Erklärung muss einer erst einmal kommen, ist es doch gerade die mangelnde „charakterliche Eignung“ deutscher Generäle sowie unzähliger weiterer Stabs- und subalterner Offiziere gewesen, die Hitler erst ermöglicht hat – um nur das Mindeste zu sagen.

Dabei hätte sich für die Vergegenwärtigung „militärischen Entscheidens“ nicht allein das weite Feld der Bundeswehrgründung und die Bedeutung der „Inneren Führung“ angeboten.[13] Gerade das mittlerweile durch (Kampf-)Einsätze der Teilstreitkräfte massiv veränderte Umfeld des „Staatsbürgers in Uniform“ wäre ein Feld lohnenswerter Sondierungen gewesen. Die Auswirkungen auf die „Führungs- und Entscheidungskultur“ hätten gut in die Analyse-Agenda des Bandes gepasst.[14]

Insgesamt, so ist trotz der genannten Defizite im Fazit zu unterstreichen, bietet die Aufsatzsammlung einen ebenso ambitionierten wie gelungenen militärhistorischen Überblick über die Kulturen des Entscheidens seit der Antike. Und vielleicht wird sich ja noch ein zweiter Band über das militärische Entscheiden nach 1945 anschließen, der die sowohl gewachsenen als auch wieder begrenzten Entscheidungsräume militärischen Handelns in der Gegenwart genauer unter die Lupe nimmt.

Fußnoten

[1] Vgl. Bernd Ulrich, Krieg der Nerven, Krieg des Willens, in: Niels Werber, Stefan Kaufmann, Lars Koch (Hg.), Erster Weltkrieg. Kulturwissenschaftliches Handbuch, Stuttgart, Weimar 2014, S.232–258; Irmingard Staeuble, „Psychologie im Dienst praktischer Kulturaufgaben“. Zur Realisierung von William Sterns Programm 1903–1933, in: Angela Schoor, Ernst G. Wehner (Hg.), Psychologie heute, Göttingen u.a. 1989, S.164–173 und Gundula Gahlen, Ralf Gnosa, Oliver Janz (Hg.), Nerven und Krieg. Psychische Mobilisierungs- und Leidenserfahrungen in Deutschland (1900–1939), Frankfurt am Main 2020.

[2] Peter Becker, Bürokratie, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 30.08.2016, http://docupedia.de/zg/Becker_buerokratie_v1_de_2016 (19.9.2020). Vgl. eher: Wolfgang Seibel, Verwaltung verstehen. Eine theoriegeschichtliche Einführung, Berlin 2017.

[3] Vgl. etwa Bernhard Gotto, Vom Barras in die Bürokratie. Eine Verwaltungskarriere zwischen Wehrmacht und bayerischem Finanzdienst, http://portal-militaergeschichte.de/content/vom-barras-die-b%C3%BCrokratie, (20.9.2020). Gotto betrachtet die Karriere des Ludwig Haider, der als bayerischer Leutnant aus dem 1.Weltkrieg zurückkam, Karriere im bayerischen Finanz- und im Reichsministerium der Finanzen und in der Luftwaffe machte  – er wurde am Ende Generalintendant – und dessen Karriere auch nach dem 2.Weltkrieg im Bayerischen Finanzwesen bis zu seinem frühen Tod nicht endete. „Ganz augenscheinlich verband Haider das Beste aus beiden Welten – Organisationsgeschick, fachliche Expertise, Führungsfähigkeit und Einfühlungsvermögen in die Bedürfnisse und Erwartungen der Soldaten, die er zu versorgen hatte.“ (S.7) und: „Solche Parallelen waren kein Zufall. Sie entsprangen demselben Grundprinzip, das sich in Armee und Bürokratie gleichermaßen in einem auf den Dienstherrn orientierten Lebensentwurfs der Treue konkretisierte.“ (S. 15)

[4] Vgl. Niklas Luhmann, Die Politik der Gesellschaft, Frankfurt am Main 2002, S.142.

[5] Vgl. etwa ders., Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1997, S.60 ff..

[6] Barbara Stollberg-Rillinger, 12. Praktiken des Entscheidens. Zur Einführung, in: Arndt Brendecke (Hg.), Praktiken der frühen Neuzeit. Akteure – Handlungen – Artefakte, Köln u.a. 2015, S. 630–634, hier S. 631 f.

[7] Vgl. etwa Nina Leonhard, Ines-Jacqueline Werkner (Hg.), Militärsoziologie – Eine Einführung, Wiesbaden 2012.

[8] Stefan Kühl, Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust, Berlin 2014.

[9] Dass die Herausgeber darauf verweisen, neben Organisationen auch einzelne Täter ins Visier nehmen zu müssen, entspricht der Warnung Kühls, die er in einer Replik auf Besprechungen seines Buches über „Ganz normale Organisationen“ formulierte: „Die These von den ´ganz normalen Organisationen` würde grundlegend falsch verstanden, hörte man aus ihr das Postulat heraus, alle in der modernen Gesellschaft auftretenden Gewaltanwendungen analytisch auf das Verhalten der Organisationen zurückzuführen. Tatsächlich finden sich – (…) – keinerlei Indizien dafür, die Ausübung von Gewalt sei in dieser Gesellschaft auf Organisationen beschränkt.“ Siehe Stefan Kühl, Zur Kritik eines systemtheoretischen Zugangs in der Holocaustforschung, in: Mittelweg 36 (2018), 6, S. 104–127.

[10] Vgl. Niklas Luhmann, Organisation und Entscheidung, Opladen 2000 und ders., Recht und Automation in der öffentlichen Verwaltung. Eine verwaltungswissenschaftliche Untersuchung. Berlin 1966 (= Schriftenreihe der Hochschule Speyer. 29.). Zugleich Philosophische Dissertation und Habilitationsschrift Münster 1964.

[11] Stefan Kühl, Besprechung von N.Luhmann, Organisation und Entscheidung, in: JPG 2 (2002), S. 136–138. Ders., Marcel Schütz, Organisationskultur –Verwaltungskultur: eine neue Perspektive auf ein altes Thema. Informalität, Organisationskultur, Verwaltungskultur, Entscheidung, Entscheidungsprämisse, in: Die Personalvertretung. Fachzeitschrift des gesamten Personalwesens für Personalvertretungen und Dienststellen 61 (2018), S. 297–311.

[12] T.F. I. Teil (Abschnitt I-XIII), Berlin 1936; HDv 100/100, Truppenführung (TF), Bonn 2000, Nr. 402. Die Charakterisierung der Truppenführung als Kunst, die wahlweise auf Charakter, geistiger Kraft und/oder Willensstärke beruht, ist ein durchgehendes Motto der Truppen/Heeresvorschriften im 20. Jahrhundert. In ihrer ursprünglichen Form soll sie (nicht nachweisbar) auf Helmuth von Moltke zurückgehen.

[13] In der dem Band vorangegangenen Tagung im Oktober 2017 hat es noch einen Beitrag dazu gegeben, ausweislich des Tagungsprogramms: Martina Metzger, Das Gewissen als Kriterium in militärischen Entscheidungsprozessen. Die Vorbildfunktion der Verschwörer vom 20. Juli 1944 und die „Innere Führung" als neues Entscheidungsinstrument. Zu nennen ist auch der Abendvortrag von Bernd Greiner, Das Unmögliche denken. Atomwaffen und politisch-militärische Entscheidungskulturen im Kalten Krieg.

[14] Vgl. Hans-Christian Beck, Christian Singer (Hg.), Führen – Entscheiden – Verantworten: Soldatsein im 21. Jahrhundert, Berlin 2011.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.