How to do Economics with Words

Ein Sammelband fragt nach dem Verhältnis von Sprache und Wirtschaft

Die Performativity Studies haben in den letzten Jahren einen kaum zu unterschätzenden Beitrag zur Erforschung ökonomischer Phänomene und zur Weiterentwicklung sozialwissenschaftlicher Theorie geleistet. Insbesondere für die Wirtschaftssoziologie, die Social Studies of Economics, die Politische Ökonomie und die Wissenschaftsforschung ist eine Auseinandersetzung mit der gesellschaftlich einflussreichen und mitunter sogar formativen Rolle wirtschaftswissenschaftlicher Expertise von Bedeutung. Die Kernidee des Performativitätsansatzes besteht darin, die Wirtschaftswissenschaften nicht auf eine passive Beobachtungsinstitution zu reduzieren, sondern ihre aktive Rolle in der Erschaffung und Veränderung der zeitgenössischen sozialen Welt empirisch zu erforschen und kritisch zu reflektieren. Im Licht der Performativity Studies erscheint die oft szientistisch inszenierte „trockene“ Begrifflichkeit der Wirtschaftswissenschaft so als lebendige Sprache, die dazu beiträgt, das soziale Leben durch Verwendung bestimmter Beobachtungsmodalitäten, Kategorisierungsweisen und Erklärungsrationalitäten zu gestalten. Mit ihrer radikalkonstruktivistischen Kritik an den Modellen und Geltungsansprüchen der Wirtschaftswissenschaft steht die Performativitätsforschung in der Tradition der Akteur-Netzwerk-Theorie. Im Unterschied zu dieser reicht ihr analytischer Anspruch jedoch über den Rahmen einer praxeologischen Kritik an strukturalen Ansätzen hinaus.

Um die Erkenntnispotenziale des jüngst von Ivan Boldyrev und Ekaterina Svetlova herausgegebenen Sammelbandes zum Stand der Performativität der Wirtschaftswissenschaften zu vermitteln, ist es nötig, zumindest kurz Geschichte und prägende Debatten dieses Ansatzes zu skizzieren.

Mit ihrem Blick auf die Hinterbühne der Wirtschaftswissenschaft als einer Institution des ausgehenden 19. und einsetzenden 20. Jahrhunderts befindet sich die Performativitätsforschung in illustrer Gesellschaft mit anderen häretischen Disziplinen, die dem rationalistischen Selbstverständnis moderner Wissenschaften kritische Theorien des Wissens entgegensetzten. Die vielfältigen Quellen der heutigen Performativitätsstudien lassen sich zurückverfolgen bis zu Karl Marx, der die wirkmächtigen Ideen einer jeden Epoche als Ausdruck materieller sozialer Kräfteverhältnisse betrachtete. Kurz darauf entdeckte Friedrich Nietzsche hinter den Fassaden der vermeintlichen Neutralität moderner Wissenschaften einen verkappten Willen zur Bemächtigung der Wirklichkeit. Später machten sich Sigmund Freud, Jacques Lacan und Louis Althusser daran, unter der manifesten Oberfläche der gesellschaftlichen Symbolwelten den verborgenen Subtext eines sozialen Unbewussten zu ergründen. Die Durchsetzung spezifischer Deutungen der Wirklichkeit und die Etablierung einer salonfähigen Begrifflichkeit und Sprechweise entlarvte Bourdieu als eine symbolische Form der Gewalt, die darauf zielt, die Realität unter dem Schleier naturalistischer Erklärungsansprüche zu gestalten und so dem Zugriff herrschender sozialer Klassen zu öffnen. Michel Foucault schließlich untersuchte Diskurse als Sets von Praktiken, welche die Gegenstände erst bilden, von denen sie zu sprechen vorgeben.

Aus der Perspektive einer auf diesen breiten Schultern stehenden kritischen Theorie ist Wissen mehr als nur der passive Ausdruck kontemplativer Reflexion; es ist ein Machtinstrument, das zur Gestaltung, Aufrechterhaltung und Veränderung sozialer Beziehungen eingesetzt wird. Im Hinblick auf die Wirtschaftswissenschaften geht es der Performativitätsforschung deshalb darum zu beleuchten, wie die Ökonomisierungsprozesse der Gegenwart nicht nur verstanden werden können, sondern auch zu zeigen, welche Formen epistemischer Einflussnahme sie vorantreiben.   

Die aktuelle Performativitätsforschung sieht sich mittlerweile mit dem schweren Vorwurf konfrontiert, dass der von ihr untersuchte Gegenstandsbereich auf einem Missverständnis gründe.[1] Demnach würde eine performative Beziehung zwischen Wirtschaftswissenschaft (economics) und Wirtschaft (the economy), wie sie die stilprägenden Arbeiten von Michel Callon, Donald MacKenzie und anderen kennzeichne, nicht existieren. Demgegenüber haben es sich unterschiedliche Forschungsprojekte der mittlerweile akademisch etablierten Performativity Studies zur Aufgabe gemacht, die Austauschbeziehungen, die sich im Grenzbereich von Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaft abspielen, empirisch zu untersuchen. In diesem Zusammenhang wird nur selten eine ontologische Gleichrangigkeit von wirtschaftswissenschaftlichem Modell und der performativ erzeugten Marktwirklichkeit unterstellt. Vielmehr werden die vielfältigen Modalitäten der Institutionalisierung wirtschaftswissenschaftlicher Diskurse erforscht, die Macht über die Wissensformationen und Sozialbeziehungen durch Deutungsrahmen, Legitimierungsstrategien und handlungspraktisches Knowhow generieren.  

Vor dem Hintergrund dieser Debatte trägt der von Boldyrev und Svetlova herausgegebene Band zu einer Präzisierung und Weiterentwicklung der Performativity Studies bei. Die Beiträge des Bandes widmen sich auf empirisch informierte und theoretisch reflektierte Weise unterschiedlichen Facetten performativer Logiken: Zum einen tragen sie dazu bei, die Performativity Studies als ein interdisziplinär ausgerichtetes Forschungsfeld durch empirische Fallstudien weiter zu etablieren, zum anderen gehen sie konstruktiv auf methodologische Kritik am Performativitätsansatz ein. Neben acht Beiträgen enthält der Band eine von den HerausgeberInnen verfasste Einleitung, in der Boldyrev und Svetlova einen informativen Einblick in den aktuellen Stand der Performativity Studies geben, Forschungstendenzen zusammenfassen und den Performativitätsbegriff sozialwissenschaftlich verorten.  

Der Beitrag von Francesco Guala geht auf Kritiken an der Performativitätsforschung ein, indem er deren sprachtheoretische Grundlagen reflektiert. Ausgehend von John Austins Theorie der Sprechakte konzipiert er Sprache als Mittel der Koordination sozialen Handelns. In einer detaillierten und streckenweise technischen Erörterung plädiert der Autor für eine differenzierte Auseinandersetzung mit den komplexen Komponenten sprachlich vermittelter sozialer Dynamik. Demnach trägt wirtschaftswissenschaftliche Sprache zur Etablierung von Handlungsnormen bei, die auf Praktiken in ökonomischen Kontexten (zurück-)wirken. Die Stärke des Beitrags liegt darin zu zeigen, dass Sprache nicht einfach Bedeutungsinhalte vermittelt, sondern vielmehr als Medium mit einer eigenen Materialität aufgefasst werden sollte, die das Handeln in ökonomischen Zusammenhängen beeinflusst und strukturiert.

Eine ähnliche Richtung schlägt der Beitrag von Carsten Herrmann-Pillath ein. Der Autor weist darin die Annahme zurück, dass performative Akte universelle Semantiken voraussetzen. Vielmehr sind für Herrmann-Pillath performative Praktiken in spezifische Kontexte eingebettet und erzeugen so variierende Bedeutungen. Damit plädiert der Autor für eine performativitätstheoretische Neukonzeption mikroökonomischer Theorie, welche ökonomisches Handeln als Anreiz-Erwartungs-Dynamiken versteht. Nicht die universellen Gesetze des homo oeconomicus bilden in dieser Perspektive die Basis für Anreize und Erwartungen. Vielmehr sind die Kontexte, in denen Erwartungen entstehen und Anreize gesetzt werden, performativ vorstrukturiert. Vor diesem Hintergrund liest sich Herrmann-Pillaths Beitrag als ein Plädoyer für induktiv vorgehende empirische Fallanalysen.

Daran schließt Juliane Böhmes Studie an, die auf der Grundlage ethnografischer Beobachtungen von mikroökonomischen Forschungsdesigns die Konstruktion von „rationalen Akteuren“ in experimentellen Settings untersucht. Diese basieren wesentlich auf Praktiken der forschenden ÖkonomInnen und auf Interaktion mit den am Experiment beteiligten studentischen Probanden. Die detaillierte ethnografische Analyse arbeitet anschaulich vielfältige Techniken der Implementierung von als „rational“ erachtetem Handeln heraus, indem sie zeigt, wie bestimmte Experimentalsituationen, durch intervenierende Praktiken hervorgebracht und/oder aufrechterhalten werden, um einem bestimmten ökonomie-theoretischen Drehbuch zu entsprechen. Zu diesen Praktiken zählen monetäre Anreize, Sanktionen, das permanente Einfordern von Konformität, technische und räumliche Arrangements sowie die Verteilung von Rollen. Der Beitrag zeigt, dass in solchen simulierten Situationen der „Markt“ mit der Forschungsleitung eine Art Nachtwächterstaat voraussetzt und selbst dann noch mit Missgeschicken, Malheurs und Regelbrüchen zu kämpfen hat. Obgleich die Analyse keine realen Märkte zum Gegenstand hat und damit in ihrer Aussagekraft begrenzt ist, erlaubt sie dennoch Vermutungen über das Funktionieren real existierender Handelsbeziehungen und Konsumarrangements. Die empirische Analyse zeigt so einmal mehr, dass der weit verbreitete Begriff idealer Märkte ein wirtschaftswissenschaftliches Klischee darstellt, auf dessen Widersprüche hinzuweisen eine Stärke der Performativity Studies darstellt.    

Ebenso wie Francesco Guala plädiert auch Fabian Muniesa für eine differenzierte Neubetrachtung der Performativity Studies. In einer scharf geführten, aber gleichwohl treffenden Polemik wirft er den KritikerInnen der Performativitätstheorie vor, naturalistischen Vorstellungen verhaftet zu sein. Die problematischen Aspekte dieses Naturalismus – Muniesa spricht von dessen „Doppelzüngigkeit“ – sucht er anhand von fünf Gedankenexperimenten herauszuarbeiten. Im ersten Beispiel wendet er sich gegen die Ansicht, Gegenstände würden unabhängig von ihrer sprachlichen Darstellung existieren – eine Annahme, die meist mit einem Plädoyer für eine naturwissenschaftlich angelegte Analyse „ökonomischer Realität“ einhergehe. Anderseits behaupteten die gleichen ÖkonomInnen, die Wirtschaft ließe sich auf Grundlage ihrer Modelle „besser“ und „effizienter“ gestalten. Diese Sichtweise widerspräche jedoch der szientifischen Annahme einer objektiven „ökonomischen Realität“, weil es einen Einfluss der Sprache auf ökonomische Realität impliziere. Ähnlich verfährt Muniesa nun mit KritikerInnen der Performativitätsthese wie Daniel Miller und Philip Mirowski: „In short, economics is wrong but does not matter. So why then should we waste time criticizing something that does not matter?“ (S. 121). Das durch diese Frage aufgeworfene systematische Problem entsteht genau dann, wenn man den performativen Einfluss der Ökonomik auf soziale Strukturen vollständig negiert: Warum sollten wir die Wirtschaftswissenschaften analysieren und evaluieren, wenn wir davon überzeugt sind, dass sie keinen Einfluss auf die soziale, diskursive und institutionelle Realität haben?

Philip Roscoe untersucht den performativen Charakter selbst fundamentalster sprachlicher Einheiten. Während in der bisherigen Diskussion um Austins Sprachtheorie illokutionäre, perlokutionäre und lokutionäre Akte unterschieden wurden, hebt Roscoe hervor, dass alle sprachlichen Aussagen immer illokutionäre und damit immer auch performative Rollen spielen. Mit diesem Hinweis rückt der Beitrag die Performativitätsdebatte an den aktuellen Stand der diskursanalytischen Forschung heran und schließt eine methodologische Lücke. Der Autor widmet sich vor dem Hintergrund dieser sprachtheoretischen Reflexion der Analyse wirtschaftswissenschaftlicher Deskriptionen, die als Deutungsrahmen zur Erschaffung, Validierung und Evaluation sozialer Institutionen wie Märkten beitragen. Roscoe illustriert dieses Potenzial deskriptiver Performativität am Beispiel des Organhandels. Dieser wird gegenwärtig durch Kosten-Nutzen-Analysen kognitiv reguliert und kartografisch vorstrukturiert, indem aggregierte Wohlfahrtseffekte als Relevanzkriterien für die Vergabe von Spenderorganen festgelegt werden. Wirtschaftswissenschaftliche Aussagen etablieren so eine Kommunikationsstruktur, die ein lexikalisches Feld für legitime Debatten absteckt und damit Denk- und Sagbarkeitsbereiche definiert. Auf diese Weise werden Möglichkeiten für Kritik eingeschränkt und der weitere Deutungsverlauf präfiguriert. Roscoes Beitrag schlägt damit nicht nur Brücken zu Ansätzen wirtschaftssoziologischer Diskursanalyse, sondern verweist auch auf die Rolle von impliziten normativen Setzungen in szientistisch inszenierten ökonomisierten Diskursordnungen.

Der Beitrag von Hanno Pahl und Jan Sparsam untersucht wirtschaftspolitische Übersetzungsleistungen von makroökonomischen, modellbasierten Wissensordnungen, indem er nachzeichnet, wie das zur Darstellung gesamtgesellschaftlicher Gleichgewichte verwandte IS-LM-Modell die deutsche Wirtschaftspolitik der Nachkriegszeit beeinflusst hat. Zu Recht weisen die Autoren darin zunächst eine simplizistische Variante von Performativität zurück, die sie insbesondere dem Werk Callons zuschreiben.[2] Demnach würde eine Homologie zwischen der konzeptuellen Bedeutung ökonomischer Modelle und der Struktur der Wirtschaft bestehen. Diesem kontext- und damit sinnlosen Modell von Sprache setzen sie die Beobachtung entgegen, dass ökonomische Theorie nicht bedeutungsidentisch in wirtschaftspolitisches Handeln übersetzbar ist. Vielmehr wirken in der interpretativen Adaption von ökonomischer Theorie durch den wirtschaftspolitischen Diskurs unterschiedliche Faktoren zusammen, die schlussendlich epistemische Variationen, Hybride und Translationen verursachen. In ihrer Analyse der Adaption makroökonomischer Theorie in der Variante des IS-LM-Modells von John R. Hicks werden die semantischen Transformationen herausgearbeitet, die ökonomische Modelle durchlaufen, wenn sie in politische Kontexte überführt werden. Ob die Übersetzungs- und Adaptionsleistungen wirtschaftspolitischer Diskurse nun ein Für- oder ein Gegenargument zur Perspektive der Performativitätsforschung darstellen, bleibt zuletzt dem Urteil der LeserIn überlassen. Während nämlich Pahl und Sparsam einen empirisch begründeten Gegenbeweis für die Performativitätsannahme vermuten, scheinen die Herausgeber des Bandes in dieser Analyse eine Bestätigung der performativitätstheoretischen Grundannahme zu sehen, wenn sie festhalten: „the paper demonstrates the processes of bundeling and encapsulating things in a model [...] It shows how the IS-LM became a policy device [...], how ideas got incorporated into devices [...], how models could promote and reinforce certain empirical techniques and how the globalization of economic techniques (like national accounting) as a basis of decision making went hand in hand with the globalization of the economic profession (Fourcade 2007)“ (S. 13). Es spricht auch in meinem Verständnis vieles dafür, dass Pahl und Sparsam die performative Rolle ökonomischer Modelle offenlegen, nicht zuletzt in dem sie zeigen, wie das IS-LM Modell seine Spuren in diversen wirtschaftspolitischen Kontexten hinterlässt.

Abschließend nimmt Svetlova ebendiese Debatte nach der Intensität der gegenseitigen Einflussnahme von wirtschaftswissenschaftlicher Theorie und Politik zum Ausgangspunkt, um die konstituierende Kraft performativer Akte zu thematisieren. Ihre Ausgangsfrage lautet dabei, wie ökonomische Institutionen als direkte Resultate von sprachlich beziehungsweise diskursiv induzierter Performativität begriffen werden können. Svetlova weist zunächst darauf hin, dass große Teile der Wirtschaftswissenschaften die linguistische Dimension sozialer Realität systematisch unterschätzten. Zur Beseitigung dieses Defizit plädiert die Autorin dafür, die Gegenüberstellung von „harten Fakten“ (Institutionen) und „weichen Repräsentationen“ (Sprache) fallen zu lassen, um ausgehend von Judith Butlers Performativitätstheorie den Beitrag von Sprache für Institutionalisierungsprozesse erfassen zu können. Die Autorin geht dabei von einem starken, in der soziologischen Theoriebildung begründeten Institutionenbegriff aus, wonach Institutionen auf internalisierte und inkorporierte, gesellschaftlich geteilte Glaubens- und Handlungssysteme verweisen. Das diskursive Setzen von „ökonomischen Fakten“ im Zuge illokutionärer Akte reicht nach ihrer Ansicht deshalb nicht aus, um neue Institutionen zu begründen; vielmehr bedarf es der interaktiven Bestätigung und der Überführung von externalisierter Sprache in internalisierte Glaubenssysteme.      

Der vorliegende Band dokumentiert die fortlaufende Aktualität der Performativity Studies und liefert einen wichtigen Beitrag zur Profilierung eines Forschungsansatzes, der nicht nur für die in die Jahre gekommene Wirtschaftssoziologie ein theoretischer und methodologischer Jungbrunnen sein kann. Auch die Wissenschaftsforschung, die Politische Soziologie, die Politische Ökonomie und nicht zuletzt die Wirtschaftswissenschaft selbst können von der Perspektive der Performativity Studies profitieren. Um die Potenziale der Performativity Studies heben zu können, ist jedoch eine Auseinandersetzung mit dem theoretisch-methodologischen Fundament des Performativitätskonzeptes unabdingbar. Die Beiträge des vorliegenden Bandes tragen dazu in mehrfacher Hinsicht bei, wobei zwei Aspekte hier noch einmal hervorgehoben werden sollen.   

Innerhalb der Performativity Studies hat offenbar eine Reflexion theoretischer Grundlagen eingesetzt, die wesentlich beeinflusst wurde von der Kritik an der Annahme einer Homologie von wirtschaftswissenschaftlichen Modellen und der sozialen Struktur der ökonomischen Realität. Obgleich es gute Gründe gibt, eine derart simplifizierende Performativitätsbeziehung zu kritisieren, droht eine kritisch ausgerichtete Wirtschaftsforschung das Kind mit dem Bade auszuschütten, wenn sie die gesamte Performativitätsperspektive auf einen solchen ,Strohmann‘ reduzieren sollte. Wenn ökonomische Märkte tatsächlich immer auch „Deutungsökonomien“ sind,[3] wie es die diskursorientierte Wirtschaftsforschung in zahlreichen Studien nahelegt, und wenn die Wirtschaftswissenschaften in diesen Deutungsprozessen eine prominente Rolle einnehmen, wie es Studien aus dem Feld der Social Studies of Economics zeigen, dann wäre ein interdisziplinärer Austausch zwischen den Performativity Studies, der traditionellen Wirtschaftssoziologie, der Politischen Ökonomie und der Wissenschaftsforschung vielversprechend.

Darüber hinaus leistet der Band einen wichtigen Beitrag zu einer Neubestimmung der Rolle von Sprache und Diskurs in performativen Prozessen. Der stets differenzierte Bezug zu Austins Sprachtheorie öffnet die Performativity Studies für eine systematische Analyse der diskursiven Dimension. Demnach ist Wissen nicht reduzierbar auf spezifische semantische Einheiten, wie sie etwa von MacKenzies Performativitätstypen nahegelegt werden.[4] Vielmehr eröffnet eine sprachtheoretische Reflexion ökonomischer Phänomene die wirtschaftssoziologische und polit-ökonomische Forschung für eine nicht bloß kursorische Betrachtung von Diskursen.[5] Das Feld der Diskursanalyse hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ein großes, interdisziplinär ausgerichtetes Repertoire an Methoden und methodologischen Designs erarbeitet, welche für die Erforschung ökonomischer Zusammenhänge als sprachlich vermittelte und diskursiv begründete Phänomene von großem Nutzen sein können.[6] Welche konzeptuellen Bedeutungen ökonomische Modelle, Theorien und Axiome in den jeweiligen diskursiven Kontexten dann annehmen, hängt von der Art und Weise ab, wie sie von den Akteuren angeeignet und eingesetzt werden.

Fußnoten

[1] Zur Übersicht: Ed Vosselman, The ‚performativity thesis‘ and its critics: towards a political ontology of management accounting, NiCE Working Paper 2013, 13–105.

[2] Michel Callon, Introduction: The Embeddedness of Economic Markets in Economics, S. 1–57; und ders., An Essay on Framing and Overflowing: Economic Externalities Revisited by Sociology, S. 244–269, beide in: Michel Callon (Hg.), The Laws of the Market, Oxford 1998.

[3] Andreas Langenohl, Die Ausweitung der Subprime-Krise: Finanzmärkte als Deutungsökonomien, in: Oliver Kessler (Hg.), Die Internationale Politische Ökonomie der Weltfinanzkrise, Wiesbaden 2011, S. 75–98.

[4] Donald A. MacKenzie, An Engine, Not a Camera. How Financial Models Shape Markets, Cambridge 2006.

[5] Zur ökonomischen Diskursforschung siehe etwa die Beiträge, in: Rainer Diaz-Bone und Gertraude Krell (Hg.), Diskurs und Ökonomie. Diskursanalytische Perspektiven auf Märkte und Organisationen, Wiesbaden 2009; oder Jens Maeße (Hg.), Ökonomie, Diskurs, Regierung. Interdisziplinäre Perspektiven, Wiesbaden 2013.

[6] Johannes Angermuller et al. (Hg.), Diskursforschung. Ein interdisziplinäres Handbuch, Band 1: Theorien, Methodologien und Kontroversen, Bielefeld 2014; Martin Nonhoff et al., Diskursforschung. Ein interdisziplinäres Handbuch, Band 2: Methoden und Analysepraxis. Perspektiven auf Hochschulreformdiskurse, Bielefeld 2014.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Clemens Reichhold.