How Trump Happened

Rezension zu "Identity Crisis. The 2016 Presidential Elections and the Battle for the Meaning of America" von John Sides, Michael Tesler und Lynn Vavreck

Das Entsetzen war groß in den Morgenstunden des 9. November 2016 als nicht nur in den USA, sondern weltweit zur unumstößlichen Gewissheit wurde, was bis dahin kaum eine*r der politischen Expert*innen für möglich gehalten hatte: Donald Trump, umstrittener und wirtschaftlich mäßig erfolgreicher Baulöwe, populärer Medienstar und sorglos anmutender, provokanter Neuling auf der politischen Bühne der USA, war gegen den Widerstand des Establishments der Republikanischen Partei zum Präsidenten der bedeutendsten Supermacht der Erde gewählt worden. Noch wenige Tage vor dieser historischen Zäsur hatten nahezu sämtliche Beobachter*innen die Meinung vertreten, die demokratische Gegenkandidatin Hilary Rodham Clinton, immerhin nicht nur ehemalige Präsidentengattin, sondern ebenso erfahrene Senatorin und Außenministerin, sei die einzige ernstzunehmende Bewerberin um das höchste Amt des Landes. Die Demokratische Partei war erstmals seit Jahrzehnten geschlossener und disziplinierter aufgetreten als die sonst so homogen wirkenden Republikaner*innen. In deren Reihen fand sich stattdessen eine beträchtliche Anzahl mitunter prominenter sogenannter „Never Trumpers“, die dem Kandidaten ihrer eigenen Partei schlicht die Gefolgschaft aufgekündigt hatten. Vor diesem Hintergrund wurden die Umfragen im Vorfeld der Wahl vielfach dahingehend interpretiert, Clinton sei der Wahlsieg nicht mehr zu nehmen, obwohl in den ersten Novembertagen 2016 ihr Vorsprung ausgerechnet in einigen Schlüsselstaaten wie Ohio, Pennsylvania, Michigan und Wisconsin unterhalb der Fehlergrenze lag. Doch was nicht sein durfte, trat dennoch ein. Am Ende gewann Clinton zwar eine knappe Mehrheit der Wählerstimmen, unterlag aber in entscheidenden Staaten und verlor damit die Abstimmung im  Wahlmännergremium, in dem gemäß der Verfassung von 1787 letztendlich über den Ausgang der Präsidentschaftswahl entschieden wird. Seitdem stellt sich die Frage, wie es passieren konnte, daß ein notorisch treuloser, in Charakterfragen unbeständiger und neurotisch anmutender Multimillionär ausgerechnet von überwiegend religiösen Angehörigen der unteren Mittelschicht gewählt wurde, obwohl er in keiner Weise deren Wertvorstellungen entsprach. Die Antworten hierauf waren rasch bei der Hand: Clinton sei eine schlechte, da hochgradig unbeliebte Kandidatin gewesen; sie habe insbesondere die sozioökonomischen „Krisengebiete“ in den swing states vernachlässigt, sich gar abschätzig über arme Arbeiter*innen geäußert. Immer wieder war die Rede von Wut und Zorn der Unterschichten, die besonders unter der Rezession in der Folge der Weltfinanzkrise 2008 gelitten hätten. Die Kombination aus wirtschaftlichen und sozialen Abstiegsängsten der Modernisierungsverlierer*innen in den suburbanen und ländlichen, aber auch den verfallenen ehemaligen Industriegebieten des rust belt – verstärkt durch die ganz knapp vor der Wahl erneut hochgekochte Affäre um Clintons Dienstmails –, habe das Schicksal der liberalen Favoritin besiegelt.

Mit Identity Crisis hat sich eine Gruppe aus drei amerikanischen Politikwissenschaftler*innen daran gemacht, diese Erklärungsansätze anhand des statistischen Materials aus zahllosen während des Wahlkampfs durchgeführten Umfragen kritisch zu überprüfen. Dabei geht es ihnen gar nicht darum, die oben genannten konventionellen Interpretationen der etablierten politischen Kommentator*innen komplett infrage zu stellen. Denn, ja, Clinton war eine miserable Kandidatin; ja, sie hat den rust belt sträflich vernachlässigt; ja, sie hat sich herablassend über die Unterschichten geäußert und – vor allem – ja, die Mailaffäre war durchaus mitentscheidend für die Wahl. Aber John Sides, Michael Tesler und Lynn Vavreck bohren noch etwas tiefer und stoßen in ihrem empirischen Material immer wieder auf ein ganz anderes Thema, das sie für ausschlaggebend halten. Ihrer These nach waren ökonomische Gründe nur am Rand für Trumps Erfolg verantwortlich und das obwohl Clinton es vernachlässigte, an den wirtschaftlichen Aufschwung unter der Obama-Administration anzuknüpfen, sich sogar von deren Politik distanzierte und so Trumps Desaster-Rhetorik kampflos das Feld überließ. Wesentlich wichtiger seien nach Ansicht der Autor*innen hingegen identitätspolitische Themen gewesen. Denn ihnen zufolge war der Wahlkampf im Jahr 2016 im Wesentlichen ein Ringen um die Definitionshoheit über das, was die USA als Land ausmache. Dabei stießen Identitätspolitiken von rechts und links massiv aufeinander, wodurch traditionelle Gesetzmäßigkeiten amerikanischer Wahlkämpfe komplett außer Kraft gesetzt wurden. Trump sei es gelungen, eine Gemengelage für sich zu vereinnahmen, die sich unter weißen Wähler*innen – und zwar klassenübergreifend – bereits seit geraumer Zeit aufgebaut habe, insbesondere in Staaten mit nachlassender Industrieleistung. Zu Recht verweisen die Autor*innen auf die Befunde der Soziologin Arlie Russell Hochschild, die schon vor Beginn des Wahlkampfes für das rurale Louisiana auf eine zunehmend auf weiße Identität abhebende Gesinnung gerade unter älteren Mittelklassewählern hingewiesen hatte. Die aktive Benachteiligung von Weißen durch die liberale affirmative action sowie Überfremdungsängste infolge lateinamerikanischer Massenmigration machte Hochschild als Hauptursachen für diese nunmehr konsequent konservativ-nationalistische Identitätspolitik aus. Diesen Ressentiments gegenüber versuchte Clinton erfolglos, eine „bunte“, aus Schwarzen, Latinos, Frauen und LGBT-Aktivist*innen bestehende Koalition zu zimmern, die aber insbesondere an der mangelnden Mobilisierung von Latinos und weißen Frauen scheiterte. Selbst Clintons innerparteilicher Rivale, der bekennende Sozialist Bernie Sanders aus dem streng liberalen Vermont, habe im Kern Identitätspolitik betrieben und auf eine Koalition junger, aktivistischer, aber vornehmlich weißer, akademischer Wähler ohne erkennbaren Bezug zur black community gesetzt. Die Schwarzen wiederum hätten sich, als loyale Parteisoldaten der Demokraten, für die Kandidatin des Establishments eingesetzt, obgleich Clinton, anders als ihr Mann, nur über eine schwache Basis unter den Schwarzen verfügte, nachdem sie 2008 einen auf die Interessen weißer Arbeiter*innen ausgerichteten Wahlkampf geführt hatte.

Die These der drei Politolog*innen vermag insgesamt zu überzeugen. Dennoch sind einige kritische Anmerkungen zu machen. So räumen die Autor*rinnen selbst ein, dass Identitätspolitik, gleichgültig ob von links oder rechts, stets vor dem Hintergrund sozioökonomischer und kultureller Marginalisierungsängste funktioniert. Insofern lässt sich die Frage nach dem Primat ökonomischer oder identitätspolitischer Motive bestenfalls heuristisch, also zu Analysezwecken, stellen. Sie lassen sich aber nicht wirklich voneinander trennen. Ohne die Weltwirtschaftskrise und die im liberalen Lager schon seit den 1990er-Jahren vorherrschende Angst, die Immigration von Latinos werde von den ökonomischen Eliten – der superclass, wie der Publizist Michael Lind sie einmal genannt hat – benutzt, um das Lohnniveau in den USA auszuhebeln, wären Trumps apokalyptische Visionen ins Leere gelaufen. Zumindest bemerkenswert ist, wie wenig Raum die Autor*innen überdies der Frage nach der Motivation evangelikaler und konservativ-katholischer Wähler*innen geben, zumal wenn man bedenkt, wie vollkommen unbeeindruckt sich die hochkonservativen Mormonen von Trumps Wahlkampf zeigten. Zwar wird im Buch am Rande erwähnt, in diesem Lager habe Ted Cruz lange die Nase vorn gehabt. Aber auf die Rolle des Ringens um die Vorherrschaft im Supreme Court und damit die gesamte Abtreibungsproblematik, die für das religiöse Lager – gleichgültig ob liberal oder konservativ – essenziell ist, gehen die Autor*innen bemerkenswerterweise nicht weiter ein. Ebenso wenig scheint sie der Umstand zu interessieren, dass es den Evangelikalen seit George W. Bush nicht mehr gelungen ist, einem eigenen, tragfähigen Kandidaten zur republikanischen Nominierung zu verhelfen. Immerhin machen die Autor*innen darauf aufmerksam, wie oft die Stimmung gerade unter religiös-konservativen Wähler*innen sich gegen Trump zu wenden schien. Dennoch waren weder seine sich zumeist nur gegenseitig belauernden republikanischen Rivalen noch Clinton, deren emphatisches Gespür für religiöse Wähler*innen noch schwächer war als für Arbeiter*innen, dazu in der Lage, daraus nachhaltig Kapital zu schlagen.

Dass und warum dem so war, belegt eine Analyse des Umgangs der Medien mit Donald Trump. Und in diesem Bereich liegt eine der großen Stärken des Buches, belegen die Autor*innen doch eindeutig, wie überproportional die Anti-Establishment-Kandidaten Trump und Sanders von der kommerziell bestimmten Aufmerksamkeitsökonomie der US-Massenmedien profitierten. Trump beherrschte nicht allein die konservativen, sondern darüber hinaus ebenso die liberalen Medien und steckte Kritik nach dem Motto, schlechte Nachrichten seien besser als gar keine, locker weg. Auf demokratischer Seite ging die Berichterstattung dazu über, Sanders gegenüber immer positiver, ja wohlwollender zu werden, gegenüber Clinton beständig negativer. In Kombination mit der Mailaffäre ab Oktober 2016, also vier Wochen vor der Wahl, führte das dazu, dass Clintons Popularität und gleichsam ihre Mehrheit zu zerbröckeln begann. Es handelte sich mithin um eine Kombination höchst kontingenter und struktureller Faktoren, die Trumps Erfolg begünstigten und sich auf diese Weise wohl kaum jemals wiederholen werden. Für sich genommen mag das als sattsam bekannte, banale Erkenntnis daherkommen. Weniger banal ist freilich der zentrale Befund des vorliegenden Bandes: Die strukturellen, identitätspolitischen, ökonomischen, kulturellen, massenmedialen und sozialen Ursachen für Trumps Erfolg werden nicht einfach mit ihm verschwinden.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher und Philipp Tolios.