In aller Freundschaft

Doppelrezension: Harry Blatterer und Schobin et al. über eine Soziologie der Freundschaft

Die Freundschaft fristet ein eher randständiges Dasein in der Soziologie.1 Das beklagen sowohl Harry Blatterer in Everyday Friendships als auch Janosch Schobin, Vincenz Leuschner, Sabine Flick, Erika Alleweldt, Eric Anton Heuser und Agnes Brandt in Freundschaft heute. Beide Veröffentlichungen sind bemerkenswert: Erstere, weil sie eine fundierte Theoretisierung dessen, was Freundschaft ausmacht, liefert; Letztere, weil mit ihr erstmals eine Einführung zur Soziologie der Freundschaft in deutscher Sprache erschienen ist. Die den beiden Büchern zugrunde liegenden konzeptuellen Ansätze könnten unterschiedlicher kaum sein, doch lassen sie sich, wie ich argumentieren will, füreinander fruchtbar machen.

Die Autor*innen von Freundschaft heute erörtern die Bedeutung von Freundschaft in verschiedenen sozialen Bereichen und soziologischen Theorien. In zwei Teilen vermittelt der Band zum einen „Basiswissen“ zu Theorien und Methoden der Freundschaftsforschung, zum anderen gibt er einen Überblick über wichtige „Problemfelder der Freundschaft“ wie den Wandel von Erwerbsarbeit, Familie und Fürsorge, Digitalisierung und Mediatisierung sowie Körperlichkeit und Sexualität. Die thematische Breite und Vielfalt des Bandes sind positiv hervorzuheben. So werden die klassischen Freundschaftskonzeptionen von Georg Simmel, Friedrich Tenbruck, Siegfried Kracauer und George McCall bis hin zu Paul Lazarsfeld, Niklas Luhmann und Shmuel Eisenstadt resümiert, qualitative ebenso wie quantitative Forschungsmethoden diskutiert, eine Geschichte der Freundschaft skizziert und zentrale soziologische Kategorien wie Kultur oder soziale Ungleichheit ins Verhältnis zur Freundschaft gesetzt. Doch werfen diese Breite und die mit ihr einher gehende mangelnde konzeptuelle Eingrenzung der Thematik auch eine Reihe von Fragen auf. Da das Problem der angemessenen Konzeptualisierung von Freundschaft Harry Blatterer in Everyday Friendships ebenso beschäftigt wie die Autor*innen von Freundschaft heute, eignet es sich bestens, um die beiden Veröffentlichungen miteinander in einen Dialog zu bringen. Das Problem der Konzeptualisierung von Freundschaft soll daher im Fokus dieser Besprechung stehen.2

Dem in der Freundschaftsforschung gängigen Definitionsproblem kommen Schobin, Leuschner, Flick, Alleweldt, Heuser und Brandt zunächst mit einer Umbestimmung der „Begriffsart“ bei: Entgegen unserem alltagssprachlichen Verständnis sei Freundschaft „nicht einfach eine ganz bestimmte Beziehungsform unter anderen“, sondern vielmehr „ein Geflecht graduell miteinander verwandter Sozialformen“, die „nur durch eine lange, oft vergessene Kette miteinander verwandt“ (Schobin et al., S. 15) seien. Daher gäbe es auch „nicht notwendigerweise irgendeine Eigenschaft, die allen gemein ist“ (ebd.). Eine derartige Folgerung wirkt zunächst logisch elegant, konfligiert aber mit einem intuitiven Alltagsverständnis, demzufolge gewisse Eigenschaften wie Vertrauen, Respekt oder Zuneigung jede Freundschaft – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – kennzeichnen. Zudem hat sie ein expansives Freundschaftsverständnis zur Folge. In der Konsequenz behandelt die Einführung unter dem Stichwort der „Freundschaft“ so heterogene soziale Verbindungen wie Lobby-Beziehungen von Politiker*innen, instrumentelle Arbeitskontakte und andere weak ties sowie die Beziehungen von Facebook-Freund*innen, Twitter-Kontakten oder Online-Spielgefährten. Es drängt sich die Frage auf, was all diese Beziehungen eint und ob der Band genauso gut „Soziale Beziehungen heute“ hätte heißen können.

Harry Blatterer hingegen verweist in Everyday Friendships im Anschluss an Herbert Blumer3 auf den offenen und uneindeutigen Charakter von sozialen Kategorien und plädiert dafür, Begriffe in einer offenen, heuristischen Form zu verwenden. Die Idee einer geschlossenen Definition von Freundschaft weist er dementsprechend als unangemessenen Versuch der Vereindeutigung zurück. In seiner konzeptuellen Annäherung an das Phänomen stützt er sich zunächst auf Arbeiten der Linguistin Anna Wierzbicka, die zeigt, dass das Wort „friend“ über Jahrhunderte einen Prozess der Abschwächung und Ausweitung durchlief und in der Konsequenz vom Wort „friendship“ entkoppelt wurde: „[W]ährend in früherer Verwendung Freunde durch Freundschaft miteinander verbunden waren, kann man im heutigen Sprachgebrauch deutlich mehr Freunde als Freundschaften haben und nur von ‚engen Freunden‘ kann man sagen, sie seien einander durch Freundschaft verbunden.“4 Zwar gibt es keine vergleichbaren Studien für das deutsche Begriffspaar „Freund“ und „Freundschaft“, doch scheint die Annahme einer ähnlichen Tendenz plausibel. Facebook-Kontakte sind ein treffendes Beispiel: Auch wenn wir viele Menschen im Internet als „Freunde“ bezeichnen, pflegen wir vermutlich nur mit wenigen von ihnen eine wirkliche Freundschaft. Und auch die Kennzeichnung bestimmter Personen als „enge“ oder „gute“ Freund*innen ist im Deutschen mittlerweile geläufig geworden, um die besondere Qualität der entsprechend charakterisierten Beziehung hervorzuheben.

Auch Schobin kritisiert in einem Kapitel zur „Mediatisierung der Freundschaft“ den inflationären Gebrauch des Wortes „Freund“ und beklagt zu Recht, dass viele Studien nur unzureichend zwischen „Freundschaftskonzept, Freundschaftsbezeichnungspraxis und Freundschaftsbeziehung“ (Schobin et al., S. 184) unterscheiden. Hier sieht er „dringende[n] Forschungsbedarf“ (ebd.). Für die mangelnde Differenzierung der empirischen Studien, die in Freundschaft Heute resümiert werden, sind nun freilich nicht die Autor*innen verantwortlich. Gleichwohl hätten sich die von Schobin genannten Unterscheidungen sowie die konstatierte semantische Expansion des Wortes „Freund“ gewiss eingehender thematisieren und auch als Anlass für eine genauere Konzeptualisierung und eine dementsprechend engere Rahmung der Einführung verstehen lassen. Während Blatterer im Anschluss an Wierzbicka das Begriffspaar entkoppelt, wird in Freundschaft Heute eine solche Differenzierung nicht vorgenommen und in der Konsequenz „Freund“ mit „Freundschaft“ mehr oder weniger gleichgesetzt.

Der semantische Wandel beider Begriffe ist bei Blatterer zudem Ausgangspunkt für ein soziologisches Verständnis von Freundschaft. Georg Simmels Betonung der dyadischen Form, Siegfried Kracauers Abgrenzung von Freundschaft gegenüber der Bekannt- oder Kameradschaft sowie Eva Illouz’ Arbeiten zu romantischer Liebe und Axel Honneths Theorie der sozialen Freiheit dienen im weiteren Verlauf als richtungsweisende, sensibilisierende Perspektiven. Dabei ist Intimität ein zentrales normatives Konzept für Blatterer. In Anlehnung an Markus5 und Honneth6 versteht Blatterer Intimität als gewählte Form der Nähe, die mit Nichinstrumentalität, Zuneigung, Unterstützung und Sorge, sowie Vertrauen und Respekt zu tun hat. Damit knüpft Blatterer zum einen an ein Alltagverständnis von Freundschaft an. Zum anderen versteht er, ähnlich wie Honneth (oder auch Giddens7), dieses demokratische Ideal von Intimität als ein Merkmal der modernen Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Diese Konzeption von Freundschaft als nichtinstrumentelle Beziehung impliziert eine Abgrenzung gegenüber anderen Beziehungsformen. Mit Kracauer8 unterscheidet Blatterer sie von solchen Beziehungen, die primär auf einen außerhalb der Beziehung situierten Sinn oder Zweck zielen, wie etwa die Kameradschaft, die um ein gemeinsam verfolgtes (politisches oder militärisches) Ziel kreist, oder die Fachgenossenschaft, die dem Austausch von Fachwissen dient. Demgegenüber besteht die Freundschaft um ihrer selbst willen und ist ihr eigener Zweck. Vergleiche mit der mittelalterlichen Gottesfreundschaft bei Augustinus oder der heroischen Kriegsfreundschaft der Antike bei Homer, wie sie der Historiker Christian Kühner in einem Gastbeitrag in Freundschaft Heute vornimmt, sind zwar höchst interessant, aber aus Blatterers Sicht verfehlt, da es sich bei den betreffenden Beispielen, streng genommen, nicht um Vergleiche von Freundschaften handelt, sondern um Bindungen, die auf einen externen Sinn (Gott) oder Zweck (Krieg) gerichtet sind. Der Sorge, eine Abgrenzung der Freundschaft gegenüber anderen Beziehungen würde eine „zu enge und zudem kulturell extrem verzerrte Definition“ (Schobin et al., S. 14) hervorbringen, kann man also aus Blatterers Perspektive entgegenhalten, dass Freundschaft ein kulturell und historisch spezifisches Phänomen sei, weshalb sich eine ahistorische, von Kultur losgelöste Definition verbiete.

Auf die Frage, was Freundschaften ausmacht und die im Band versammelten Freundschaftsformen eint, kommen Alleweldt, Flick, Leuschner und Schobin auch noch einmal im abschließenden Kapitel zurück. Dort unternehmen sie einen neuen Anlauf und definieren Freundschaft nun über ihren Bindungsmechanismus, den sie im Tausch von Lebenspfändern sehen. Lebenspfänder seien Symbole, die „mit der sozialen Existenz der Person eng verschränkt“ (Schobin et al., S. 199) sind. Mit ihrem Austausch entstünde daher eine gegenseitige Verpflichtung, die „an die elementaren Lebensrisiken, an die Verwundbarkeiten der sozialen Existenzen eines Ortes und einer Zeit“ (ebd., S. 201) anschließe. Als archaisches Beispiel führen die Autor*innen die Besiegelung einer Freundschaft mit dem Tausch von Blut an. In der Moderne seien es hingegen intime Geheimnisse, die Menschen zur Begründung ihrer Freundschaft miteinander tauschten. Ein solcher Tausch käme dabei „[m]achttheoretisch […] einem Geiseltausch […] gleich. Die Freunde binden sich aneinander und nur zusammen können beide überleben“ (ebd.).

Wenngleich das Anknüpfen an die Verwundbarkeiten des Subjekts in der Moderne Aufschlüsse verspricht, erweist sich diese vorgeschlagene Konzeption von Freundschaft doch als problematisch. Zum einen ist die Zwangssituation einer Geiselnahme kaum vergleichbar mit der Zwanglosigkeit, mit der Menschen sich anfreunden. Die wenigsten würden über eine Freundschaft wohl sagen, sie beruhe darauf, dass die andere Person ein Geheimnis kenne und damit Macht über sie besäße. Zum anderen kann die Metapher des Geiseltauschs nicht den Fortbestand von Freundschaften erklären: Denn ist der Geiseltausch einmal vollzogen, ist die Situation gegenseitiger Verpflichtung ja wieder aufgehoben. Das Vorgehen folgt einer Tit-for-Tat-Strategie, bei der die (wohl gemerkt: verfeindeten) Parteien versuchen, für sich selbst den größtmöglichen Vorteil zu sichern. Die Geiseln dienen dabei jeweils als Pfand gegenüber der gegnerischen Seite, um diese zur Erfüllung der eigenen Forderungen anzuhalten. Sind die Geiseln aber erst einmal getauscht, büßen beide Seiten die zur Durchsetzung ihrer jeweiligen Forderungen nötige Macht wieder ein. Statt dauerhafter Gefühle von Reziprozität, Freiwilligkeit und Vertrauen, wie sie für eine Freundschaft charakteristisch sind, stellt sich der erneute (latente oder offene) Kriegszustand ein.

Auch hier kann Blatterers Konzeption der Freundschaft als hilfreiche Ergänzung herangezogen werden. Für ihn ist das Teilen von Geheimnissen „eher die Konsequenz von Intimität, als ihre Bedingung“ (Blatterer, S. 116, übers. v. Leoni Linek). Zwar sei das Teilen vertraulicher Gedanken und Informationen sowie die gegenseitige Selbstoffenbarung oftmals ein wichtiger Bestandteil einer Freundschaft, doch könne Intimität nicht darauf reduziert werden: Nähe zwischen zwei Personen könne auch entstehen, ohne, dass sie einander in streng Vertrauliches einweihen. Und umgekehrt ist es möglich – und in sozialen Netzwerken, Therapiesitzungen oder der religiösen Beichte sogar gang und gäbe – dass Menschen intime Informationen mit Fremden oder entfernten Bekannten teilen. Für Blatterer ist „die Verbindung zwischen Intimität und Offenbarung [...] besonders schwach in einer Kultur, in der Menschen private Informationen regelmäßig in öffentliche Konsumgüter verwandeln“ (Blatterer, S. 113, übers. v. Leoni Linek). Besonders deutlich werde das heute im Zeitalter sozialer Netzwerke, in denen Geheimnisse zum Teil öffentlich regelrecht inszeniert werden, was im Englischen mit dem treffenden Ausdruck des „oversharing“ bezeichnet wird.9 Anstelle von Geheimnissen betont Blatterer die Wichtigkeit von Diskretion in Freundschaften und warnt in Anlehnung an Richard Sennett10 vor „einer Art schamloser Intimität, die, bar jeglicher Diskretion, sich in das Herz und die Seele eines anderen zu drängen versucht“ (ebd., S. 116, übers. v. Leoni Linek).

Was aber unterscheidet die Freundschaft dann von der romantischen Liebe? Blatterer meint, es sei ihre mangelnde Institutionalisierung. Ausgehend von Hartmut Esser11 versteht er Institutionen als „Bündel von Normen [...], an denen wir […] unser Denken und Handeln ausrichten“ (ebd., S. 66, übers. v. Leoni Linek) und unterscheidet zwischen der Infrastruktur und dem Aufbau einer Institution sowie ihrer Konnektivität, also dem Grad, in dem sie sich mit anderen institutionellen Komplexen verbinden lässt. Da die Freundschaft, anders als die Paarbeziehung, keine Verankerung im Recht kenne und auch sonst weniger Verbindungen zu anderen Institutionen aufweise, bescheinigt Blatterer ihr ein „institutionelles Defizit“ (Blatterer, S. 40) bezüglich ihrer Konnektivität. Mit Eva Illouz12 verweist er auf die mit dem Siegeszug des therapeutischen Diskurses und der Selbsthilfeindustrie einhergehende ökonomische Überformung der romantischen Liebe im Kapitalismus – und ihre paradoxalen Folgen: Eine zunehmend kommodifizierte Kultur der Romantik verspricht, der immateriellen, irrationalen und selbstreferenziellen Liebe eine konkrete, materielle Form zu verleihen; eine Reihe an Konsumgütern und Dienstleistungen sollen dabei helfen, die wahre Liebe zu erkennen. Das Ideal der offenen Kommunikation wird dabei zum Zwang und „die Liebesbeziehung tritt hervor als ,dritte’, objektifizierte, vermittelnde Entität zwischen den Liebenden“ (ebd., S. 90). Doch „Paradoxe“, so Blatterer, „bleiben ungelöst; die Welt der Liebe bleibt selbstreferenziell“ (ebd., S. 74f.).13

Im Gegensatz dazu weise die Freundschaft keine vergleichbare Verbindung zum Romantik-Therapie-Kapitalismus-Komplex auf und verweigere sich der Kommodifizierung und Reifizierung. Die Art der Intimität, auf der sie fußt, biete weniger Anknüpfungspunkte für Expertensysteme wie die Therapeutik, da sie sich auf begrenzte Aspekte beziehen kann, statt auf die gesamte Person oder eine gemeinsame Lebensplanung (wie in der romantischen Liebe meist üblich).14 Außerdem gäbe es in der Freundschaft keine gebrauchsfertigen kulturellen Skripte. Stattdessen bestimmten die Befreundeten über die Bedingungen ihrer Beziehung selbst.15 Insofern zeichne sich die Freundschaft – zumindest im Vergleich zu Paar- und Verwandtschaftsbeziehungen – durch eine relative Freiheit von gesellschaftlichen Normen aus. Blatterer zufolge ist nicht zuletzt auch das ein Grund, warum die Freundschaft „Erleichterung von der klaustrophobischen Selbstreferenzialität von Liebesbeziehungen bietet“ (ebd., S. 118), etwa, wenn Freund*innen sich Rat über die jeweiligen Partner*innen einholen und sie die emotionalen Spannungen, die aus den Paradoxien der romantischen Sphäre stammen, in der Freundschaft diffundieren können.

Dem würden verschiedene Autor*innen von Freundschaft Heute vermutlich entgegnen, dass sich über die Reichweite dieser relativen Freiheit trefflich streiten lässt. Zur Begründung könnten sie auf die soziale Strukturierung von Freundschaft, etwa durch Klasse, Geschlecht, Religion, Race oder Alter, verweisen. Denn auf der empirischen Ebene gilt zumeist: Gleich und gleich gesellt sich gern. Der gängigen sozialpsychologischen Erklärung für dieses Phänomen anhand von Attraktionstheorien, die von einer individuellen Präferenz für Ähnlichkeit (Homophilie) ausgehen, stellt Erika Alleweldt in ihrem Beitrag eine soziologische und ungleichheitstheoretische Erklärung gegenüber, der zufolge sozialstrukturelle Merkmale, wie Geschlecht und Klasse, unsere alltäglichen Interaktionen prägen, und Freundschaften meist in den resultierenden, bereits sozialstrukturell differenzierten Lebensbereichen entstehen. Entscheidend sind demnach unterschiedliche Gelegenheitsstrukturen für den Kontakt mit anderen Menschen. Außerdem perpetuieren Pfadabhängigkeiten aufgrund des bereits bestehenden sozialen Netzwerks die Strukturierung von Freundschaften entlang gängiger Ungleichheitsdimensionen, wie Janosch Schobin in einem Kapitel zur Homogenität von Freundschaften ergänzt.

Auch Blatterer weiß ob der Grenzen der relativen Freiheit von Freundschaft und fokussiert in diesem Zusammenhang auf die Überformung von Freundschaft durch Normen bezüglich Geschlecht und Sexualität, genauer gesagt durch Heteronormativität. Er nennt es das „Love-Friendship-Paradox“: Während in der Liebe Heterosexualität die Norm sei, sei in der Freundschaft Homosozialität normativ. So würden zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts zunächst meist als Paar angesehen, zwei Menschen desselben Geschlechts hingegen als befreundet. Für das Entstehen und die Aufrechterhaltung nicht-gleichgeschlechtlicher Freundschaften stelle diese Norm daher eine erhebliche Barriere dar: Ständig müssten die Befreundeten der Außenwelt und einander versichern, wirklich „nur Freunde“ zu sein. Es dürfte lohnen, diese von Blatterer für den anglo-amerikanischen Kontext formulierte These mittels einer empirischen Untersuchung nicht-gleichgeschlechtlicher Freundschaften auch im deutschsprachigen Kontext auf ihre Gültigkeit hin zu überprüfen. Zudem drängt sich die Frage auf, ob die Verbindung zur Heteronormativität die einzige Ausnahme des „institutionellen Defizits“ ist oder ob weitere Normen, beispielsweise in Bezug auf Klasse, Körper oder Race, Freundschaften in ähnlicher Weise prägen.

Fassen wir zusammen: Auch wenn beide Titel gänzlich unterschiedlicher Art sind, lassen sie sich doch gerade aus diesem Grund in einen für die Entwicklung einer systematisch orientierten Freundschaftssoziologie sinnvollen wissenschaftlichen Austausch miteinander bringen. Während Everyday Friendships ein kohärentes theoretisches Verständnis von Freundschaft herausarbeitet, das sich in der Tradition des symbolischen Interaktionismus und Pragmatismus verorten lässt, bieten die methodisch wie inhaltlich heterogenen Beiträge aus Freundschaft heute einen interessanten Überblick über die ganze Vielfalt eines bislang noch sehr disparaten Themenfeldes. Für die Entwicklung einer deutschsprachigen Soziologie der Freundschaft legt Freundschaft heute einen wichtigen Grundstein. Systematisch orientierte englischsprachige Beiträge wie Everyday Friendships erweisen sich in diesem Kontext als eine wichtige Bereicherung, tragen sie doch dazu bei, die soziologische Freundschaftsforschung in Deutschland theoretisch wie konzeptionell voranzutreiben. Höchste Zeit also, die Autor*innen in einen Dialog zu bringen.

Fußnoten

1 Auch wenn die Klassiker der Soziologie (Weber, Simmel) schon früh auf die gesellschaftliche Bedeutung von Freundschaften verwiesen, wurde das Thema in der deutsch- und englischsprachigen Soziologie nur selten behandelt (Rebecca Adams/Graham Allan, Placing Friendship in Context, Cambridge 1998; Ursula Nötzoldt-Linden, Freundschaft. Zur Thematisierung einer vernachlässigten soziologischen Kategorie, Wiesbaden 1994). Die individualistisch-utilitaristische Perspektive des psychologischen Forschungsfeldes der Personal Relationships, welches in den 1980er-Jahren in den USA entstand, war zunächst auch für die wenigen soziologischen Auseinandersetzungen mit dem Thema prägend und brachte ihnen den Vorwurf ein, die soziale Bedingtheit von Freundschaften außer Acht zu lassen (Erika Alleweldt, Die differenzierten Welten der Frauenfreundschaften. Eine Berliner Fallstudie, Velbrück 2013; Andreas Schinkel, Freundschaft. Von der gemeinsamen Selbstverwirklichung zum Beziehungsmanagement - Die Verwandlungen einer sozialen Ordnung, Freiburg/München 2003). Seit einigen Jahren widmet sich nun eine wachsende Zahl soziologischer und geschlechterwissenschaftlicher Studien dem Thema. Allerdings werden Freundschaften dabei oft als Restkategorie der Familiensoziologie verhandelt, so dass eine eigenständige Soziologie der Freundschaft sich bisher noch nicht etablieren konnte.

2 Aus Platzgründen können andere Aspekte und Beiträge der Einführung daher leider nicht gleichermaßen berücksichtigt werden.

3 Vgl. Herbert Blumer, What is Wrong with Social Theory?, in: American Sociological Review 19 (1954), 1, S. 3–10.

4 Anna Wierzbicka, Understanding Cultures Through Their Key Words: English, Russian, Polish, German, and Japanese, New York 1997, S. 36 (übers. v. Leoni Linek).

5 Siehe Maria R. Markus, Lovers and Friends. “Radical Utopias” of Intimacy?, in: Thesis Eleven 101 (2010), S. 6–23.

6 Siehe Axel Honneth, Das Recht der Freiheit. Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit, Frankfurt am Main 2011.

7 Anthony Giddens, Wandel der Intimität. Sexualität, Liebe und Erotik in modernen Gesellschaften, übers. v. Hanna Pelzer, Frankfurt am Main 1993 (Orig.: The Transformation of Intimacy. Sexuality, Love and Eroticism in Modern Societies, Cambridge u.a. 1992).

8 Vgl. Siegfried Kracauer, Über die Freundschaft, Frankfurt am Main 1971.

9 Eine solche Verschiebung der Grenze zwischen privater und öffentlicher Sphäre in den sozialen Medien ist auch für Schobin ein wichtiges Thema in seinem Beitrag zur „Mediatisierung“.

10 Siehe Richard Sennett, Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität, übers. v. Reinhard Kaiser, Frankfurt am Main 1983 (Orig.: The Fall of Public Man, New York u.a. 1977).

11 Vgl. Hartmut Esser, Soziologie. Spezielle Grundlagen 5: Institutionen, Frankfurt am Main/New York 2000.

12 Vgl. Eva Illouz, Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2004 übers. v. Martin Hartmann, Frankfurt am Main 2007.

13 Die Selbstreferenzialität der Liebe beschreibt Blatterer so: „Nur Liebe kann die Liebe vorantreiben. Nur Liebe kann die Liebe retten. Sie ist ihre eigene Ursache und Wirkung, ihr eigenes Symptom und Remedium.“ (Blatterer, S. 75, übers. v. Leoni Linek)

14 Tatsächlich gibt es kein mit der Paartherapie vergleichbares therapeutisches Format für Freund*innen und die Ratgeberliteratur (etwa: Dale Carnegie, Wie man Freunde gewinnt. Die Kunst, beliebt und einflussreich zu werden, übers. v. Hedi Hänseler, Frankfurt am Main 2011) beschränkt sich meist auf zweckorientierte persönliche Beziehungen.

15 „In der Liebe“ hingegen, so Blatterer, „werden diese vorgeschrieben und daher nur in dem Maße ‚individualisiert’, in dem die Liebenden von vorhandenen gesellschaftlichen Modellen abweichen mögen“ (ebd., S. 90, übers. v. Leoni Linek).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.